Explorer V | 10

In der Sekunde, als Chayenne sich wieder aufrichtete, musste sie mit Entsetzen beobachten, wie Björn getroffen zu Boden fiel. Gleich darauf folgte die Schützin, die nach ihrem Erfolg einen Moment lang unaufmerksam gewesen war.
Chayenne bemerkte, wie Roger, noch mit ausgestreckter Waffe, kurz zu ihr sah, um sich zu vergewissern, dass sie in Ordnung war. Da griff zum ersten Mal die blinde Angst, die sie vorher nicht an sich heran gelassen hatte, mit ihren hässlichen Klauen zu. Angst um ihr Leben, Angst um sein Leben, Angst um die anderen Beiden. Sie durfte jetzt auf keinen Fall durchdrehen, sie wurde noch gebraucht.
Einer der vier übrigen Illendyr wurde auf sie aufmerksam, es war der, der am Zustand ihres Arms schuld war. Sein zugeschwollenes Auge machte es ihm nun unmöglich, sie noch einmal zu treffen, allerdings ließ sich sein Gewehr auch wunderbar als Knüppel einsetzen und er konnte unheimlich schnell laufen.
Wieder steckte Chayenne in einem Zweikampf, diesmal mit dem Vorteil, dass sie ein Messer hatte. Sie scheute sich zwar, es zu benutzen, aber es hielt ihren Gegner auf Distanz.

Ihr Gegenüber in Schach zu halten, erschöpfte sie zunehmend, noch dazu wurden sie alle von den Illendyr immer weiter in Richtung Abgrund getrieben. Diese Männer und Frauen waren ihnen über, schließlich hatten sie sich nicht schon vorher stundenlang verausgabt.
Ein harter Schlag traf Chayenne am Kopf und ihr wurde für einen Moment schwarz vor Augen, aber sie blieb stehen. Verzweifelt trat sie um sich. Das rechte Bein des Manns knickte schließlich ein und er riss sie mit sich zu Boden.
Er versuchte, sie zu würgen, doch dann hielt sie ihm das Messer an die Kehle, was ihn deutlich zum Zögern brachte und ihr fast so etwas wie eine Atempause verschaffte.
Sie wandte den Blick nach links, wo Roger und Hitch sich in ganz ähnlichen Situationen befanden wie sie. Irgendwie musste es ihnen gelungen sein, einen weiteren Angreifer auszuschalten, denn sie rangen beide nur mit einem Gegner. Waffen hatten sie ebenfalls nicht mehr.
Plötzlich traf Chayenne noch ein Schlag, trotz des Messers. Es hatte dem Illendyr bei dieser riskanten Aktion nur eine oberflächliche Wunde zugefügt. Er nutzte die Gelegenheit und hieb immer weiter auf sie ein, die Klinge fiel ihr aus der Hand.
Sie war kaum noch bei Bewusstsein, als der Mann von ihr weggezerrt wurde und selbst einige Schläge einsteckte. Unter größter Anstrengung drehte sie sich auf die Seite, um das Messer zu suchen, bekam stattdessen das Gewehr des Illendyr zu fassen.
Es war Roger, der sich nun um ihn kümmerte, nachdem er seinen letzten Gegner überwältigt hatte. Nur noch zwei übrig, sie konnten es schaffen.
Auch wenn der Mann unheimlich zäh war, fehlte nicht mehr viel, bis auch er aufgeben würde. Doch da kam unversehens die Frau dazu, die sich kurz zuvor noch mit Hitch beschäftigt hatte. Die Klinge ihres Messers war blutig.
Sie brachte Roger einige üble Schnitte bei und trieb ihn rasch von ihrem verletzten Kameraden weg, auf den Rand des Plateaus zu. Chayenne versuchte verzweifelt auf die Beine zu kommen, doch ihr geschundener Körper stemmte sich dagegen.
Hilflos musste sie mit ansehen, wie die Frau, deren Kräfte schier unerschöpflich waren, wenige Handbreit vom Abgrund entfernt so lange auf Roger einschlug, bis er fiel.
Bis er fiel.

Chayenne hörte ihn schreien. Einmal, zweimal. Dann war für einen unendlichen Moment lang alles still und jede Bewegung wie eingefroren. Bis sie verstand, was geschehen war.
Der keuchende Atem der halb bewusstlosen Gestalt neben ihr wurde mit einem Mal ohrenbetäubend laut, übertönt von ihrem eigenen Herzschlag. Ein ganzes Sternenmeer blitzte vor ihren Augen auf, als sie sich hoch kämpfte, obwohl der Schmerz übermächtig war.
Sie konnte die Waffe mit einer Hand kaum heben, dennoch schaffte sie es, dem eigentlichen Besitzer, der gerade nochmals aufbegehren wollte, das schwere Gerät über den Kopf zu ziehen. Jetzt, wo sie wieder stand, verschwand die Benommenheit schlagartig und wurde durch ein Gefühl völliger Leere und Klarheit ersetzt. Mit wenigen überraschend schnellen Schritten erreichte sie die Frau, die wie hypnotisiert in den Abgrund starrte, als könne sie selbst nicht fassen, was sie getan hatte, und führte sie dem gleichen Schicksal zu wie ihren Kollegen.
Ein hässliches Knacken war zu hören, als der Gewehrlauf auf den Schädel prallte, ein weiteres beim Aufschlag auf den Boden.


29


Nun war das Schlachtfeld ruhig.
Chayenne schleuderte das Gewehr von sich. Schwer atmend und zitternd machte sie den letzten Schritt bis zur Felskante und blickte nach unten. Es waren sicher über hundert Meter bis zum nächsten Stück festen Boden. Roger war nirgendwo zu sehen, so sehr sie auch suchte.
Die furchtbarste und wahrscheinlichste aller Möglichkeiten drängte mit aller Gewalt in ihr Bewusstsein, und je länger sie ihn nicht fand, desto schwieriger wurde es, die Angst auszublenden. Sie wandte sich ab, mit der gesamten Rationalität, die ihr geblieben war, um sich zuerst um die anderen Beiden zu kümmern, die sie trotz allem nicht vergessen durfte.
Sich blinden, erleichternden Pragmatismus einredend stieg sie über das leblose Geschöpf zu ihren Füßen – es war ihr vollkommen gleich, ob sie sie getötet hatte oder nicht –, und stolperte zu der Stelle, wo Hitch lag. Die Pilotin hatte eine stark blutende Verletzung am Bein, aber sie war bei Bewusstsein.
„Kannst du aufstehen?“, sprach Chayenne sie an und erschrak selbst ein wenig über den mehr fordernden als fragenden Klang ihrer Stimme.
Die Antwort der weitaus jüngeren Frau bestand nur aus einem Wimmern, aber sie ließ sich bereitwillig auf die Füße zerren. Sicher hatte sie nie zuvor etwas erlebt, was auch nur annähernd mit diesem Schrecken vergleichbar war.
Während sie so schnell, wie es eben ging, zu Björn hinüber liefen, kehrte allmählich das Gefühl in Chayennes linken Arm zurück. Es war ein einziger Schmerz, aber genauso wenig lebensgefährlich wie ihre anderen Verletzungen. Allen ihren Gefährten hingegen lief die Zeit davon.
Björn lebte. Wie schlimm es um ihn stand, konnten sie nicht sagen. Chayenne und Hitch trugen ihn zur Fähre und verstauten ihn darin, wobei sie nicht völlig verhindern konnten, dass sein Kopf bewegt wurde. Hoffentlich richteten sie nicht noch mehr Schaden an.
„Pass auf.“ Chayenne packte Hitch an der Schulter und zwang sie dazu, sich zu konzentrieren. Der Blutverlust forderte sichtlich seinen Preis. „Du bringst euch jetzt hoch, in Sicherheit, okay? Die Anderen werden sehen, was zu tun ist. Schaffst du das?“
„Was ist mit...?“
„Ich weiß es nicht. Ich werde ihn suchen. Es ist jetzt wichtiger, dass ihr beide hier weg kommt. Schaffst du das?!“
Hitch nickte tapfer und machte sich auf den Weg.

Schon lange bevor die Fähre eintraf, brach auf der Explorer V große Aufregung aus. Sie hatten verstanden, dass etwas Furchtbares passiert sein musste, aber Genaueres hatten sie beim Funkgespräch aus der völlig aufgelösten Hitch nicht herausbekommen.
Nun war sie da; die Kleine kauerte auf dem Boden des Docks, wand sich vor Schmerzen, eine tiefe Stichwunde klaffte an ihrem rechten Bein. Während sie hastig und stammelnd zu erzählen begann, was sich auf der Planetenoberfläche zugetragen hatte, fand man in der Fähre noch den bewusstlosen Björn, von Chayenne und Roger fehlte jede Spur.
„Was ist mit den anderen Beiden?“, fragte Takeru alarmiert.
„Chayenne ist in Ordnung“, erwiderte Hitch schwach. „Aber Roger ist von der Klippe gestürzt, ich weiß nicht wie tief, und sie sucht ihn und…“ Sie stockte. „Jemand … jemand muss sie holen.“ Dann schloss sie entkräftet die Augen und nahm kaum noch wahr, wie Jenikk sie hochhob.
„Ich gehe“, beschloss Siska, die voller schrecklicher Ahnungen war.
„Warte, ich komme mit“, sagte Paolo, während er zusammen mit Takeru Björn auf einer Trage befestigte.
„Nein, ihr bleibt alle drei hier und kümmert euch um die Verletzten!“, fauchte Siska. „Alle!“ Sie hatte sich auch zu kümmern, und das alleine.

Chayenne suchte einen Weg an der Steilwand hinunter, wie sicher dieser war, spielte keine Rolle. Ohne Seil schlitterte sie von einem Felsvorsprung zum nächsten, verlor dabei viel zu oft den Halt. Sie bewegte sich trotzdem zu langsam, viel zu langsam. Einmal fiel sie fast, aber es hielt sie nicht auf. Der Schmerz hatte keine Bedeutung mehr.
Ihn zu finden, das war alles, was zählte. Um nichts in der Welt wollte sie wahrhaben, was klarer kaum sein konnte, ließ auch nicht zu, dass dieser Gedanke sich in Form von Worten in ihren Geist brannte. Unerreichbar weit weg war das mechanisch klare Denken, das eben vielleicht noch zwei Leben gerettet hatte; nur noch blanke, völlig kopflose Hoffnung trieb sie an und verhinderte, dass sie einfach zusammenbrach.
Viel zu viele Minuten dauerte es, bis sie endlich die ebene Fläche erreichte, auf die sie kurz zuvor von oben herabgesehen hatte. Schwankend sah sie sich um, der Blick verschwommen vor Tränen, die sie vorher gar nicht bemerkt hatte, das Blut rauschte noch immer in ihren Ohren.
Da war er. Viel weiter links, als sie vermutet hatte. Seinen Namen schreiend rannte sie zu ihm und fiel vor seinem reglosen Körper auf die Knie.
Er lag flach auf dem Rücken, das von Schürfwunden übersäte Gesicht zu ihr gedreht. Überall war Blut, viel zu viel Blut, von dem sie nicht wusste, woher es kam. Es war völlig unmöglich, dass er noch… Aber er durfte nicht… Hektische Beschwörungen flüsternd beugte sie sich über ihn und tastete an seinem Hals nach einem Puls. Erschrocken zog sie die Hand zurück, als sie unter ihrer Berührung ein winziges Zucken wahrnahm.
Er öffnete langsam die Augen. Seine Lippen verzogen sich zum Hauch eines Lächelns, als er sie erkannte. Schauer von unbeschreiblicher Wärme liefen über ihren Körper.
„Oh, ein Engel“, seufzte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ist es denn schon so weit?“
Sie schüttelte wild den Kopf, dass die Tränen in alle Richtungen davonflogen. Wie konnte er nur so etwas sagen? „Alles wird gut, okay? Sie finden uns und dann wird alles gut!“, wimmerte sie. „Du stirbst heute nicht! Hast du verstanden?“
Er sagte nichts.
„Wir kriegen das wieder hin!“ Ihre Stimme wurde immer schriller.
„Wie … schlimm ist es denn?“, fragte er leise, als sie aufgehört hatte zu schreien.
Sie zwang sich für einen Moment zur Ruhe und verschaffte sich einen Überblick über seine zahlreichen Verletzungen. Die Blutlache um seinen Kopf vergrößerte sich stetig. Sie versuchte, die Wunde zuzuhalten, aber es half nichts. Hilflos suchte sie seinen Blick.
„Keine Angst. Es tut nicht mehr weh. Nichts tut mehr weh“, flüsterte er, als ob sie das beruhigen könnte.
„Alles wird gut“, wiederholte sie. Es klang furchtbar hohl. „Bitte…“
Er sah sie unendlich traurig an, und das genügte als Antwort. Unaufhaltsam näherte sich die Gewissheit, dass es zu spät war. Wie viel Zeit blieb noch?
„Und ich hab doch nur bekommen, was ich von Anfang an wollte“, bemerkte er zynisch. Sie erinnerte sich, wie er ihr im allerschwärzesten Moment erzählt hatte, dass er der Vorstellung nicht abgeneigt sei, sein Leben für eine sinnvolle Sache zu verlieren. Aber das hier war nicht einmal sinnvoll.
„Wenn du nicht wärst, würd ich’s immer noch wollen. Bin so dankbar, dass ich dich getroffen habe.“ Wieder lächelte er. „Und du bist doch ein Engel. Vielleicht hat ja Julie dich geschickt. Ich hab’s dir nie gesagt, aber du bist ihr sehr ähnlich.“
„Hör auf damit“, schluchzte sie. Sie wollte jetzt nicht mit Julie verglichen werden. Julie war heilig.
„In Ordnung.“ Es tat ihm sichtlich leid, dass er wieder eine dieser Sachen gesagt hatte, die sie nicht ertragen konnte. Dann begann er zu husten und rang nach Luft, spuckte Blut aus. Noch mehr Blut. „Nicht mehr lange.“
„Nein…“ Sie wusste, dass es wahr war. „Kann ich … noch irgendwas tun?“
Er schloss erschöpft die Augen, vielleicht auch, damit sie nicht merkte, dass er weinte. „Bring sie alle heil nach Hause, ja?“
„Okay.“ Sie wollte gar nicht daran denken, was er ihr da für eine Last aufbürdete.
„Und … küss mich noch ein letztes Mal.“
Es war so schwer, so endgültig. Zitternd beugte sie sich über ihn, er erwiderte den Kuss und legte mit letzter Kraft die Hände auf ihren Rücken.
„Ich liebe dich“, las sie von seinen Lippen.
„Ich liebe dich auch“, flüsterte sie und sank heulend auf seine Brust.
Sie tauchte ein in ein Meer aus Schmerz, als seine Hände von ihren Schultern glitten und das Echo seines letzten Herzschlags verstummte.


Siska fand die Beiden am Fuß des Plateaus. Bewegungslos lagen sie im roten Staub wenige Meter von der Felswand entfernt und sahen viel zu friedlich aus. Mit pochendem Herzen rannte sie zu ihnen und wünschte sich, an einen Gott zu glauben, zu dem sie jetzt beten konnte.
Chayenne hob kurz den Kopf, als sie sie bemerkte, und ließ ihn gleich darauf erleichtert wieder sinken. Wenige Sekunden später kniete Siska neben ihr.
„Chayenne… Nein, oder…?“, hauchte sie.
„Doch“, flüsterte Chayenne schwach. Noch immer lag sie halb auf ihm und regte sich nicht.
„Warum?“, fragte Siska das Universum und die ganze Welt. Fassungslos strich sie über seinen Kopf. Er war noch nicht ganz kalt. Das war nicht richtig so, sie durften ihn nicht auch noch verloren haben.
Chayenne begann wieder zu weinen, und es war das Elendste, was Siska je gesehen zu haben glaubte. Ihre Freundin ließ sich nun widerstandslos hochziehen und in den Arm nehmen.


30


Alles, alles war unendliches Leid.
Ihr Kopf drohte zu explodieren, in ihrem Arm, der gebrochen war, entlud sich ein Feuerwerk aus Stechen und Pochen, denn sie nahm die Tabletten nicht, und jede noch so kleine Schramme brannte, als hätte jemand Salz darauf gestreut.
Sie fror erbärmlich, obwohl sie die Decke über den Kopf gezogen hatte, ihr Körper war völlig ausgelaugt, spiegelte ihre Seele. Wie lange sie schon so verharrte, wusste sie nicht, Tage vielleicht, oder auch nur Stunden, jegliches Zeitgefühl war verloren.
Sie lag in ihrem eigenen Bett, zum ersten Mal seit Wochen. Sie konnte nicht dort hingehen, wo er noch allgegenwärtig war.
Jetzt wusste sie, wie ein kaputter Mensch sich fühlte. Wie er sich oft gefühlt haben musste, auch als sie da gewesen war. Um nichts in der Welt wollte sie daran zerbrechen, dennoch schien es so leicht, so verlockend, einfach loszulassen und den Glanz in den Augen zu verlieren. Wer war da, um sie vor der Verzweiflung zu beschützen?
Alle waren da, und alle hatten sie es gewusst, schon lange. Sie wollten so sehr helfen, und sie schätzte das, doch nichts half ihr jetzt. Nur auf die Zeit konnte sie warten.

Sie fror immer noch, als sie den Anderen wieder gegenübertrat.
Sechs waren insgesamt übrig geblieben, erschreckend wenig.
Chayenne blickte einen nach dem anderen an, nachdem sie sich an einem Ende des Tisches niedergelassen hatte. Sie hatten sich wieder in der Kantine versammelt, jener Ort, an dem immer solche Gespräche geführt wurden. Vor dem Fenster standen die Sterne nahezu still, Rayves II lag in weiter Ferne.
Hitch ging es den Umständen entsprechend gut, auch wenn sie noch nicht wieder richtig laufen konnte. Björns Zustand war stabil, aber aufgewacht war er noch nicht. Mit den Mitteln, die sie an Bord zur Verfügung hatten, konnten sie nicht mehr tun, nur noch warten.
Also sah Chayenne nun fünf blasse, ausgezehrte Menschen vor sich, auf die sie aufpassen musste. Sie hasste, dass sie immer noch seine Stellvertreterin war.
Jemand erzählte ihr, was Ministerin K’Alanne Areth ihnen Tage zuvor mitgeteilt hatte, die Urteilssprüche für die Überlebenden unter den Attentätern kamen darin vor. Jemand anders berichtete über den Zustand des Schiffs, aber sie bekam kaum etwas mit. Wenig würdevoll zog sie die Knie an den Körper und stützte den Kopf darauf. Sie fror.
Bald hatten alle ausgeredet.
„Wir fliegen nach Hause“, sagte sie leise aber bestimmt.


Epilog


Morgengrauen über Sha’Laurai.
Die zierliche, fast zerbrechlich wirkende Frau wartete, bis der Bus hinter dem nächsten Hügel verschwunden war, dann nahm sie Kappe und Sonnenbrille ab, die sie vorher vor neugierigen Blicken geschützt hatten, und ließ den Blick über ihr Heimatdorf schweifen.
Das verschlafene Nest, das sie Zeit ihres Lebens ihr Zuhause genannt hatte, lag noch weit vor den Stadträndern der Weltmetropole Olea, dennoch konnte man sich dem Einfluss des Großstadtrummels – glücklicherweise – nicht völlig entziehen. Sha’Laurai hielt die Balance zwischen Idylle und Ekstase.
Die Dächer der kleinen Häuser glänzten im Licht der aufgehenden Sonne, die Straßen waren noch menschenleer. Gut, so konnte sie sich ungestört bewegen.
Noch einen Moment lang blieb Chayenne stehen, um das vertraute und gleichzeitig so neue Bild in sich aufzunehmen und für immer zu verwahren, dann ergriff sie ihren Koffer und stieg die alten, verwitterten Steinstufen hinab, die von der Straße hinunter zum Dorf führten.
Der von der Nacht kühle Sand knirschte leise unter ihren Füßen. Mit jedem Schritt, der sie ihrem Ziel näher brachte, wuchs das Gefühl zwischen quälender Sehnsucht und überschäumender Vorfreude, das sich schon beim Erreichen der 42-Lichtjahre-Kugel leise angekündigt hatte.
Sie hatte darauf bestanden, dass niemand sie vom Flughafen abholte, dieses letzte Stück des Wegs musste sie unbedingt noch alleine gehen.
Nichts hatte sich hier verändert, seit sie gegangen war, um zu den Sternen zu reisen, dennoch sah sie alles mit anderen Augen. Sie war es, die sich verändert hatte, durch die Zeit, die hinter ihr lag. Sie hatte Dinge getan, die sie niemals von sich erwartet hatte, sie hatte Entsetzliches gesehen, und sie hatte alles fast unversehrt überstanden. Jetzt konnte sie für immer bleiben.
Sie wusste nicht, wie sie den Rückflug geschafft hatten, hatten sie doch wieder Gebiete durchqueren müssen, die ihnen vorher fast zum Verhängnis geworden waren, noch dazu mit so kleiner Besatzung, dass es wie ein Wunder erschien, dass das Schiff überhaupt zusammengehalten hatte.
Man hatte sie spüren lassen, dass niemand mehr mit ihnen gerechnet hatte. Umso größer die Erleichterung.
Stundenlang hatte Chayenne mit Admiral Peaks gesprochen, einer angenehmen und geistreichen Persönlichkeit, der es allerdings nicht gut zu tun schien, wie sehr sie in ihrem Beruf aufging. Auch sie hatte vor Jahren so eine Reise mitgemacht und viel dort draußen zurückgelassen.
Ob es Explorer VI geben würde, so hatte Chayenne erfahren, war ungewiss, angesichts dessen, was nun nicht zum ersten Mal geschehen war. Immerhin war Björn wieder aufgewacht, erst vor wenigen Tagen, und es ging ihm besser, als zu erwarten gewesen war. Sie hatte die Nachricht mit einem Lächeln quittiert, zu mehr war sie nicht in der Lage. Ihre eigenen Wunden waren zu frisch und sie würden es noch lange bleiben.
Das Haus kam in Sichtweite. Es war, wie sie es verlassen hatte, und gleichzeitig viel schöner. Alle warteten dort auf sie.
Sie trug den Ring, dieses mächtige Symbol, das sie trotz allem nicht davon abgehalten hatte, was sie nicht bereute und wovon nie jemand erfahren würde. Es war ihr ganz persönliches Stück Leben und ihr ganz persönliches Trauma, das immer ein Teil von ihr bleiben sollte.
Um so vieles weiser geworden stellte sie den Koffer auf der obersten Treppenstufe ab und klingelte. Sie war angekommen.




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