Explorer V | 2

Roger begann, daran zu zweifeln, dass das mit dem Essen so eine gute Idee war. Ihm war nämlich beim Betreten der Kantine siedend heiß eingefallen, was dieses „Essen“ war. Es handelte sich dabei um die neueste Erfindung des weltberühmten Lebensmittelchemikers Paul Jouant, irgend so ein Konzentrat, das mit ein paar Tropfen Wasser zu irgendwas Genießbarem aufquoll, das nach irgendwas Echtem schmecken sollte. Die Betonung war dabei auf das Wörtchen „sollte“ zu legen, und wahrscheinlich war das der Grund, warum es so billig war, dass man einen Jahresvorrat für neun Personen kaufen konnte. Außerdem brauchte es nicht viel Platz. Und während die Crew der Explorer V das Zeug aß, wurde es auf der Erde so weiterentwickelt, dass Leute sich bereit erklärten, es zu kaufen. Sie hatten aber eingesehen, dass sie keine andere Wahl hatten. Inzwischen waren sie schon so weit gekommen, dass sie es „Essen“ nannten.
„Was ist Ihre Lieblingsfarbe?“, fragte Roger den Gast.
„Gelb“, antwortete dieser prompt, ohne sich auch nur das geringste Bisschen darüber zu wundern, was das denn jetzt zur Sache tat.
„Gelb also“, murmelte Roger und begann, in diesen vielen Schränken und Schubladen gelbes Konzentrat zu suchen, während Paolo und Pommes Rotweiß sich schon mal an einen Tisch setzten.
„Schöne Pflanzen haben Sie hier“, meinte der Gast und starrte die zwei großen mit den hellbraunen Töpfen direkt neben dem Tisch sehr fasziniert an.
„Ja, die stehen hier überall rum. Für ein bisschen mehr Sauerstoff“, erklärte Paolo stirnrunzelnd. Er mochte den Dschungel an Bord überhaupt nicht und hielt ihn auch nicht für nötig, schließlich war das Lebenserhaltungssystem so konstruiert, dass es genug atembare Luft produzierte. „Aber man muss die dauernd gießen, und wenn der Flug mal ein bisschen holpriger wird, fliegt gleich die ganze Erde durch die Gegend. Ich glaube, wir wären alle bereit, ein paar davon zu verkaufen, aber ich fürchte, das sehen unsere Vorgesetzten gar nicht gerne…“
Voller böser Erwartungen stellte Roger drei Schüsseln mit gelblich-orangefarbener Matsche auf den Tisch und erinnerte sich einmal mehr an den Satz „Erst denken, dann handeln“, den schon sehr viele Leute zu ihm gesagt hatten. Aber jetzt war es wohl zu spät.
„Vorsicht, ist noch heiß.“
Im nächsten Moment kam Chayenne zur Tür reingestürmt und schwenkte fröhlich ein Blatt Papier, auf dem sehr viele Zahlen und Buchstaben waren.
„Bitte sehr, die Liste“, verkündete sie und legte das Papier auf den Tisch.
Roger las es schnell durch und begann zu essen, wobei er sich die Zunge verbrannte; ließ sich aber nichts anmerken.
„Essen Sie nichts?“, fragte Pommes Rotweiß Chayenne, die auch Platz genommen hatte. Sie setzte zu einer Antwort an, entschied sich aber nach zwei heftigen Tritten gegen’s Schienbein doch für eine andere. „Hab ich gerade erst“, erklärte sie und schaute die anderen beiden entschuldigend an. Wäre auch wirklich nicht empfehlenswert gewesen, vor einem Gast, mit dem man noch Geschäfte machen wollte, geröstete Steine auf den Tisch zu bringen.
„Folgendes haben wir anzubieten…“, begann Roger, der vom Inhalt der Liste nicht so überzeugt war. Während er noch nach etwas suchte, das sich einigermaßen als erster Gegenstand vorzeigen ließ, probierte Pommes Rotweiß das inzwischen etwas abgekühlte Essen, das vom Erfinder „Nummer 29“ getauft worden war, auch wenn „Matschige gelb-orangefarbene Pampe, die leicht nach Hähnchen und Spinat schmeckt“ es eher traf.
„Da wären zum Beispiel ein paar Fässer mit feinster Schreibtinte in vier verschiedenen Farben sowie ein ganzer Karton Baseball-Sammelkarten“, sagte Roger endlich und zweifelte ein bisschen am Verstand der Leute, die das Zeug ausgesucht und eingepackt hatten.
Plötzlich schrie der Händler so laut auf, dass alle zusammenzuckten. Sehr schlimme Ahnungen kamen ihnen in den Sinn.
„Zu heiß..?“, fragte Chayenne vorsichtig.
„Um Himmels Willen NEIN!“, schrie Pommes Rotweiß mit weit aufgerissenen Augen. „Das ist das Leckerste, was ich je gegessen habe!“
Verunsichertes Schweigen. Sie wollten nicht so recht glauben, was sie da gehört hatten. Geistesgegenwärtig schnappte Paolo das Übersetzungsgerät und prüfte, ob es Funken sprühte oder sonstwie kaputt war. Er stellte widerstrebend fest, dass es vollkommen in Ordnung war. Also musste er es wieder an seinen Platz zurücklegen, damit das Gespräch weitergehen konnte.
„Ich will keine Tinte und auch keine Baseball-Sammelkarten, was auch immer das sein mag! Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist das Rezept für das hier!“ Pommes Rotweiß deutete aufgeregt auf seine Schüssel. Als er bemerkte, dass seine Gesprächspartner noch ein bisschen Bedenkzeit zu brauchen schienen, aß er einfach schon mal weiter.
Sie hatten alle drei schon so Einiges erlebt, aber das war nun wirklich etwas ganz Besonderes. Andere Planeten, andere Geschmäcker, und eigentlich war’s sogar ganz schön, dass wenigstens einem intelligenten Lebewesen im Universum Paul Jouants Nahrungskonzentrat schmeckte. Jeder für sich kam auf die Idee, diesem Mann einen Brief darüber zu schreiben.
„Also das Rezept, das haben wir auch nicht“, erklärte Roger, als er die Sprache wieder gefunden hatte. „Aber wir geben Ihnen gerne unseren ganzen Vorrat an ‚Nummer 29’, so heißt das Zeug.“
Pommes Rotweiß strahlte wie ein Sechsjähriger unterm Weihnachtsbaum, bis ihm noch etwas wirklich Ernstes einfiel: „Und was essen Sie dann?“
„Unseren Vorrat an ‚Nummer 1’ bis ‚28’ und ‚Nummer 30’ bis ‚35’“, meinte Paolo trocken.
„Reicht das denn für die ganze Reise?“, fragte Pommes Rotweiß besorgt. Aber dann gab er schnell selbst die Antwort. „Ich hab eine Idee! Ich kann ja ein paar von meinen Lebensmitteln dagegen tauschen.“
„Solange es nicht das Ohrenschmalz ist“, schmunzelte Roger, „sind wir im Geschäft!“
„Abgemacht“, erwiderte der Händler und schnappte sich auch noch die anderen beiden Schüsseln auf dem Tisch, die anscheinend sonst keiner mehr wollte.



Ein paar Stunden später hatte Pommes Rotweiß das ganze Schiff gesehen, alle Besatzungsmitglieder hatten Pommes Rotweiß gesehen, sie hatten Geschichten und Waren ausgetauscht (Pommes Rotweiß hatte neben allen Nahrungsmitteln, die er nicht selbst brauchte, noch ein paar Kunstgegenstände und Bücher von seiner Heimatwelt draufgelegt), und nun war es für den Gast Zeit zu gehen.
„Wo fliegen Sie jetzt hin?“, fragte Roger, als sie schon an der Luftschleuse standen.
„Erst mal nach Hause, ‚Nummer 29’ unter die Leute bringen. Und wenn wir es erst synthetisch herstellen können, wird das der große Hit!“
Die erste Tür der Luftschleuse glitt auf.
„Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft und viel Glück noch bei Ihrer Expedition.“ Er ging in die Luftschleuse hinein. „Na dann… Hosenträger!“
Sie ließen sich von diesem wunderschönen Übersetzungsfehler nicht verunsichern und antworteten einfach mit dem, was das Übersetzungsgerät als „Auf Wiedersehen!“ interpretierte.

3

Das Unschöne an allen Entdeckungen, Erlebnissen und neuen Bekanntschaften auf so einer Reise war, dass man darüber Berichte schreiben musste. Seitenlange, detaillierte, nach einem bestimmten Muster strukturierte, möglichst noch bebilderte und mit Audioaufzeichnungen versehene Berichte, wobei es für jede vergessene Leerzeile Abzüge in der B-Note gab. Und sie mussten vor allem sofort, SOFORT geschrieben werden. Wenn ein Datum nicht mit den Sensorenlogbüchern übereinstimmte, bekam der Verantwortliche nach der Rückkehr zur Erde keinen Lorbeerkranz sondern eine unfreundliche Gardinenpredigt. Aber die Gründe für dieses „sofort“ hatten die Hohen Tiere noch nie genauer eingegrenzt.
Nun saß Roger, der laut Zeitplan seit über einer Stunde im Reich der Träume hätte sein müssen, in seiner verteufelt schlecht beleuchteten Kabine vor einem kleinen, mit fettigen Fingerabdrücken versehen Bildschirm und hämmerte lieblos stilistischen Murks in die Tasten.
„Sie haben uns beigebracht, wie man auf fliegende Wassermelonen schießt“, sagte er, als er trotz selbst auferlegter Nichtbeachtung aller Regeln, wie man einen ansprechenden Text schrieb, nicht weiterwusste, zu seinem blauen Wäschekorb unter dem Schreibtisch, „aber sie haben uns nicht beigebracht, wie man halb Zwei Uhr nachts einen formalen Bericht über wirklich aufregende Sachen schreibt, ohne sie völlig herunterzuspielen oder lächerlich klingen zu lassen. Das ist ’ne Schweinerei. … Du verstehst mich doch, oder?“
Der blaue Wäschekorb erwiderte nichts, was Roger als Zustimmung ansah. Es kam ihm sogar fast so vor, als würde das Plastikding ein wenig mitleidig gucken. Apropos Wäschekorb. Der Commander war mit dem Bericht an der Stelle angekommen, an der sich in Lagerraum 1 fast das Schicksal der gesamten Menschheit entschieden hätte. Er entschied sich schnell, sie wegzulassen und den Teddybär sowie alle anderen bedenklichen Güter in den großen, schwarzen Boxen am nächsten Tag sachgemäß zu vernichten.
Als der Bericht endlich fertig war, war es schon nach Zwei. Roger geriet in Versuchung, noch den Satz „Und bitte quälen Sie mich nicht mit Rückfragen“ darunter zu setzen, ließ es aber bleiben, weil ihm einfiel, dass solche Aufforderungen meist genau das Gegenteil des Gewünschten bewirkten. „Nichts bleibt mir erspart, Wäschekorb, gar nichts. Ich müsste jetzt gar nicht Schlafen gehen, in zwei Stunden wollen sie mich eh wieder persönlich sprechen. Warum bloß? Die meisten von denen waren doch auch schon bei so was dabei und wissen, wie wichtig ein paar Stunden Entspannung pro Tag bei so einem Job sind. Ist es etwa die ‚Früher-wurde-ich-gequält-jetzt-quäle-ich-die-Jüngeren’-​Mentalität?“
Der Wäschekorb hatte in den letzten paar Tagen viele solcher Fragen und Vermutungen zu hören bekommen. Er blieb dabei, dass es das Beste war, keinen Kommentar abzugeben.

Schon eine halbe Stunde, nachdem zusammen mit den obligatorischen Sensordaten der Bericht auf der Erde eingetroffen war, gab es eine Menge Rückfragen, aber Hitch und Takeru, die auf der Brücke Nachtschicht schoben, waren sehr soziale Menschen und weigerten sich, Roger zu holen. Sie hatten Pommes Rotweiß zwar beide nur sehr kurz gesehen, versuchten aber trotzdem die Fragen, so gut es ging, selbst zu beantworten. „Wie viele Augen hatte er?“, wollten ein paar Zeitungsleute wissen, denen man wohl die Fotos nicht hatte zukommen lassen.
„Welche Nummer? WELCHE NUMMER?“, lautete Paul Jouants fast schon hysterische Anfrage, der mitten in einer Partie Golf per Telefon erfahren hatte, dass seine Erfindung nun auch außerhalb der 42-Lichtjahre-Kugel bekannt war, und dem man anscheinend Genaueres verschwiegen hatte.
„Wie macht sich unser neues Übersetzungsprogramm?“, fragte die Firma Infotech, die man nun wohl mit der ungeschminkten Wahrheit konfrontieren musste.
Die Pilotin und der Bordarzt wühlten sich relativ zügig durch den Berg von Fragen, schickten die Antworten nach Chicago und manipulierten die Kommunikationsanlage mit einem Schraubenzieher, so dass sie auf jede eingehende Nachricht sofort mit „Wir haben gerade ein technisches Problem“ antwortete.

Im vierthöchsten Stock des drittteuersten Hochhauses in Chicago ging irgendwann in den frühen Morgenstunden die Wohnungstür auf und eine völlig erschöpfte, aber nun etwas zuversichtlichere Kathleen Teri Peaks schlich mit den Schuhen in der Hand herein, um den friedlich schlummernden Daniel nicht aufzuwecken. Der sollte nämlich nicht merken, dass sie abends zum wiederholten Male nicht nach Hause kam, nur um sich ein bisschen länger mit ein paar Leuten in einer Milliarden Kilometer entfernten Blechbüchse zu beschäftigen.
Diesmal war es aber besonders wichtig gewesen. Um den Erstkontakt mit einer völlig neuen Spezies kümmerte man sich doch nicht erst am nächsten Morgen! Und außerdem hatten sie ja noch die ganzen positiven Meldungen in den Nachrichtensendungen in aller Welt und die Leute, die mitten in der Nacht mit grün angemalten Gesichtern auf die Straße gegangen waren, feiern müssen.
Erhielt die abgeflaute Begeisterung für „das da draußen“ durch so ein eigentlich eher kleines Ereignis tatsächlich wieder neuen Aufschwung? Oder war das auch nur vorübergehend? Kathleen mochte nicht so recht an Wunder glauben, aber sie hoffte inständig, dass es so weiterging wie jetzt.

4



Wenn man im Weltraum unterwegs war, passierte die meiste Zeit nicht viel. Die Entfernungen waren gigantisch, und selbst wenn das Schiff, auf dem man reiste, den zu dieser Zeit modernsten Antrieb hatte, dauerte es Tage, manchmal Wochen, von einem Sonnensystem zum nächsten zu kommen.
In diesen Zeitspannen, die zwischen den aufregenden Ereignissen lagen, hatte man so gut wie nichts zu tun, das Raumschiff flog schließlich fast von alleine, und der Bordcomputer meldete es eifrig, wenn etwas nicht stimmte. Die Besatzung musste sich also irgendwie die Zeit vertreiben. Dafür war natürlich gründlich gesorgt. An Bord waren kistenweise Bücher und Zeitschriften und außerdem kamen mit dem ständigen Datenstrom von der Erde auch regelmäßig aktuelle Fernsehsendungen. Das Problem bestand allerdings darin, dass der Typ, der die Sachen aussuchte, ein Sadist sein musste. Oder ein Zufallsgenerator.
„Entweder sterben wir an Langeweile oder da dran“, stellte Siska nach vier Tagen ereignisloser Reise und zahllosen Filmen für Vorschulkinder fest. Sie wäre sowieso lieber im Maschinenraum geblieben anstatt mit den anderen fernzusehen, aber ihre Stereoanlage hatte den Geist aufgegeben, und auf den Standart-Modellen, die vereinzelt an Bord anzutreffen waren, klangen Songs wie „How are you, Mr. President?“ und „Wir hassen unseren Mathelehrer“ irgendwie zu harmlos. Da konnte man nun wirklich gleich dem übergroßen rosa Hoppelhäschen beim Spielen zugucken. Man hatte ja sonst nichts zu verlieren.
Als das rosa Hoppelhäschen mit den kleinen Kindern, die um es herumhüpften, das nächste Lied singen wollte, war die Schmerzgrenze überschritten.
„NEIEIEIEIEIEIEIEIN!!!“, explodierte Paolo und wagte endlich den Schritt, den Fernseher auszuschalten. „Ich ertrag das nicht mehr! So kann das nicht weitergehen!“ Er war aufgesprungen und hüpfte nun wild gestikulierend herum. „Wir müssen was unternehmen!“
„Jetzt komm mal wieder runter“, unterbrach Jenikk ihn. Er war während der Sendung eingeschlafen und das Geschrei hatte ihn wieder aufgeweckt.
Einige Sekunden betretenen Schweigens folgten. Die vier anderen Anwesenden mussten erst mal gründlich über das nachdenken, was Paolo zum Ausdruck gebracht hatte. Er hatte Recht, sie konnten tatsächlich nicht den ganzen Tag vorm Fernseher hängen und Vorschulkindersendungen gucken, nur weil nichts anderes da war, und dabei langsam verrückt werden.
„Ich hab ’ne Idee“, verkündete Hitch plötzlich. „Wir machen einfach was. Und zwar was Kreatives. Wir könnten zum Beispiel ’ne Geschichte schreiben!“
„Das ist genial!“, rief der sonst eher zurückhaltende Björn sofort. „Und wenn wir dann zurück auf der Erde sind, verkaufen wir das an einen Verlag und werden berühmt!“
„So weit ich weiß, s i n d wir schon berühmt, spätestens seit unsere Gesichter in den 20-Uhr-Nachrichten erschienen sind“, knurrte Siska, die sich schon aus Prinzip nicht für solche Sachen begeistern ließ.
„Ihr seid bescheuert“, sagten Roger, Chayenne, Faye und Takeru, als sie von der Idee erfuhren.
„Ihr seid echt krank“, sagten sie, als sie einen Tag später den ersten Entwurf der Hauptfigur der Geschichte sahen. Die Hauptfigur war klein und hellblau, trug einen Nadelstreifenanzug, hatte eine riesige Strahlenkanone bei sich und hieß Peter.
„Wird Zeit, dass ihr wieder was zu tun kriegt“, sagten sie noch einen Tag später, als das erste Kapitel von „Peter, der kleine Astronaut“ fertig war.
Den vier Nachwuchsschriftstellern machte die Ablehnung nichts aus, die anderen würden die Geschichte schon noch zu schätzen wissen, wenn ihnen der selbst mitgebrachte Lesestoff ausgegangen war. Siska hatte inzwischen eine andere Stereoanlage so aufgetunt, dass sie fast so laut war wie ihre alte.
Wenigstens waren es nur noch etwa acht Stunden bis zum ersten Planeten, den sie genauer unter die Lupe nehmen wollten…

Gegen fünf Uhr früh schwenkte die Explorer V in den Orbit des Planeten ein, der von der Sonne aus der zweite Planet des kleinen Systems war. Der Himmelskörper bot zumindest aus dieser Entfernung keinen schönen Anblick; die Meere waren grau, auch das Land war grau, und viele dunkle Wolken schwebten in der Atmosphäre.
„Wie bitte? Wir haben fast vier Wochen in einer Sardinenbüchse verbracht, um HIER anzukommen?“, entrüstete sich Paolo, nachdem er lange genug ungläubig auf den Frontbildschirm gestarrt hatte.
„Ich hab’s mir auch irgendwie anders vorgestellt“, meldete sich Roger zu Wort. „Aber wir sollten das Beste draus machen. Mit etwas Glück ist sogar die Luft atembar.“
„Also wenn die Leute da unten sich ihren Lebensumständen wirklich gut angepasst haben, hab ich keine große Lust, runter zu gehen“, meinte Björn, während die Scanneranlagen hochfuhren. Bevor man einen Fuß auf einen unbekannten Planeten setzte, mussten erst mal tonnenweise Daten gesammelt und ausgewertet werden.
Die Ergebnisse waren überraschend. Auf der Oberfläche gab es Straßen, Städte mit riesigen Bauwerken, gewaltige Mengen verarbeitetes Metall und auch sonst alle Anzeichen für eine höher entwickelte Zivilisation, aber kein einziges Lebenszeichen. Sie gingen die Daten noch ein zweites Mal durch, aber es schien wirklich niemand da zu sein. „Wo sind sie alle hin?“, sprach Chayenne schließlich aus, worüber sich alle wunderten.
„Der Planet ist wie ausgestorben“, fügte Jenikk hinzu. „Aber all zu lange kann’s noch nicht her sein, was auch immer passiert ist. Sonst wären zumindest die Straßen schon überwuchert oder sonstwie unbenutzbar.“
„Ich tippe auf Klimakatastrophe in Folge von übermäßiger Umweltverschmutzung. Vielleicht sind die Leute alle erfroren oder so“, schlug Roger vor. „Jedenfalls gehen wir jetzt runter und schauen uns das genauer an. Wie sieht die Luftzusammensetzung aus?“
„Ein bisschen dünn, aber es geht noch. Temperatur am Äquator auf der Tagseite etwa 14° Celsius“, antwortete Chayenne.
„Alles klar. Wer meldet sich freiwillig?“

Nachdem sich die Leute mit den kürzeren Streichhölzern freiwillig gemeldet hatten, wurden fünf Rucksäcke gepackt, die kleine Fähre startklar gemacht und das Raumschiff stabilisierte seine Position über einem schmalen Kontinent am Äquator auf der Tagseite.
„Passt gut auf die Blechtonne auf, klar?“, sagte der Commander zum Abschied. „Jeder Kratzer im Lack zieht Folgen nach sich!“
„Verstanden, Sir!“, erwiderte Chayenne und salutierte grinsend.
Als die fünf Menschen, die sich mehr oder weniger dazu gezwungen sahen, den hässlichen, grauen Planeten zu erkunden, im Lift verschwunden waren, ließ sie sich in den Kommandantensessel fallen. „Autsch!“
Jenikk und Björn sahen sie fragend an.
„Das Ding ist total hart und unbequem! Jetzt weiß ich, warum Roger bei jeder Kleinigkeit aufsteht!“ Aber es war schon eine Erfahrung, die Dinge mal vom Chefsessel aus zu betrachten.
„Außenteam an Brücke“, meldete sich nach ein paar Minuten unter Knacken und Knistern eine Stimme aus dem Lautsprecher. „Wir sind startklar!“
„Verstanden“, bestätigte Chayenne. „Dann lassen wir euch jetzt fallen.“ Daraufhin drückte Jenikk ein paar Knöpfe, die Klammern, die Mutterschiff und Fähre verbanden, lösten sich, und die Fähre, eine Nussschale von Raumschiff, begann seinen Flug zum Planeten.

Die dunkelgraue, weiche Erde schluckte sämtliche Geräusche, die die Fähre beim Aufsetzen sonst verursacht hätte. Für einen Moment sah es so aus, als würde das kleine Schiff einsinken, aber bald blieb die Lage stabil.
Ein leises Zischen ertönte, als die Ausstiegsluke geöffnet wurde. Gleich darauf wagte sich eine Hand mit einem Scanner vorsichtig nach draußen. Das Gerät wurde ein bisschen herumgeschwenkt und die Hand verschwand wieder.
„Scheint alles so weit in Ordnung zu sein. Auf geht’s!“, sagte Roger. Er streckte den Kopf nach draußen, um zu sehen, was ihn ungefähr erwartete. Nichts Besonderes in Sichtweite, aber er war trotzdem aufgeregt wie ein kleines Kind, dem der erste Schultag bevorstand. „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit!“ Der Commander platzierte seine Füße auf den Rand der Luke, beugte sich vor und sprang beherzt aus der Fähre. Das Gefühl, in wenigen Sekundenbruchteilen der erste Mensch zu sein, der diesen Boden betrat, war trotz allem unbeschreiblich. Nur leider war der Boden etwas nachgiebiger, als Roger erwartet hatte. Bei der Landung verlor er das Gleichgewicht, strauchelte und fiel vornüber.
So kam es, dass die ersten Worte, die der erste Mensch, der diesen Boden betrat, sagte, sehr unanständig waren.
„Das bleibt unter uns, damit das klar ist!“, knurrte Roger, während er sich die Erde aus dem Gesicht wischte. Die vier über beide Ohren grinsenden Menschen, die etwas vorsichtiger aus der Fähre stiegen, dachten sich ihren Teil dazu.
Nachdem Roger jedem einen vernichtenden Blick geschenkt hatte und das Thema damit geklärt war, begann man endlich, die nähere Umgebung zu erkunden. Viel zu sehen gab’s allerdings nicht. Bis zum Horizont gab es nur graue, weiche Erde, ab und zu abgelöst von grauer, rissiger, trockener Erde und kleinen Tümpeln mit schmutzigem, grauem Wasser. Der mehr graue als blaue Himmel war größtenteils bedeckt von dunkelgrauen Wolken, die nur wenig des ungewohnten Sonnenlichts durchließen, das die ganze Umgebung ein Stück weit unwirklich erscheinen ließ. Irgendwo in der Ferne verlief eine leere Straße, neben der ein knorriger, alter Baum ohne Blätter stand. Durch die kühle, feuchte Luft drang kein einziges Geräusch, abgesehen vom Atem der Besucher. Es war absolut windstill.
„Ich möchte wissen, was hier passiert ist“, sagte Faye leise und die Luft trug ihre Stimme meilenweit, so schien es zumindest. Eine beklemmende Stille folgte.
Sie gingen ein Stück, erklommen eine Anhöhe, um zu sehen, ob sich dahinter etwas Interessantes verbarg. Es war, wie wenn man morgens bei Nebel allein über einen Friedhof ging. Man wusste, dass dort nicht die rastlosen Seelen der Verstorbenen herumspukten, aber es lag trotzdem etwas in der Luft, das einen veranlasste, nicht all zu lange zu bleiben.
Die Gruppe erreichte bald den Gipfel der Anhöhe. Unvermittelt fegte ein eiskalter Windstoß über sie hinweg und ließ sie erschaudern, als wäre es ein Zeichen, besser nicht weiter zu gehen.
„Kein Grund zur Panik, das war nur ein ganz natürliches Wetterphänomen“, sagte Roger beruhigend und kam sich gleich darauf wie ein Idiot vor. Hatte er sich etwa selbst so erschrecken lassen? Tatsache war, dass dieser Planet wirklich etwas Unheimliches an sich hatte.
Sie wagten endlich einen Blick von der Anhöhe hinunter, und was sie da sahen, ließ ihnen erst mal den Atem stocken.
Auf der anderen Seite fiel der Hügel steil ab in ein tiefes, aber nicht sehr weites Tal, dessen Grundfläche fast vollständig von einem wirklich monströsen Gebäude ausgefüllt war. Es war sehr schwarz, sehr eckig und an die 20 Meter hoch. Kein Lebenszeichen, kein Hinweis, wozu es gut sein könnte. Und doch schien eine seltsame Aura von ihm auszugehen, und das war es, was die Astronauten so schockiert hatte, aber natürlich wollte keiner das wahrhaben.
„Wer baut denn einen schwarzen Betonklotz mitten ins Nichts?“, wunderte sich Hitch.
„Ich wette, dass wir das bald rausfinden“, brummte Paolo, dem alles, was mit diesem Planeten zu tun hatte, ein Rätsel war, und er fand Rätsel sehr nervig, solange es nicht voran ging.
Bevor sie sich an den Abstieg machten, packten sie ein paar Scanner aus und schwenkten sie herum. Die Geräte registrierten leichte Anzeichen irgendeiner Strahlung, konnten aber nicht viel damit anfangen, weil man da, wo sie gebaut worden waren, noch nie etwas von dieser Strahlung gehört hatte. Die Devise lautete also weiterhin, vorsichtig zu sein, und nicht nur in dieser Hinsicht.
„Passt auf, wenn ihr runter geht, das ist ganz schön steil und der Boden scheint nicht ganz fest zu sein“, schärfte Roger seinen Begleitern ein. Sekundenbruchteile, nachdem er zu Ende gesprochen hatte, rutschte die Erde unter seinem linken Fuß weg, er stürzte und kullerte den Abhang hinunter. Die anderen hatten nun Gelegenheit, ihren Wortschatz wieder um ein paar Flüche zu erweitern, die sie auch gleich selbst verwenden konnten, da sie feststellen mussten, dass es überhaupt nichts nütze, zu wissen, wie rutschig der Boden war. Dem Boden war das nämlich ziemlich egal und er brach ungeniert unter ihren Füßen ein, sobald sie sich bewegten.
„Die Leute, die hier gelebt haben, müssen ein wenig anders konstruiert gewesen sein als wir“, stellte Takeru fest, nachdem er – zu seiner Freude mit dem Gesicht nach oben – unten angekommen war.
„Entweder das oder sie sind hier nicht all zu oft vorbeigekommen“, warf Paolo ein und stand vorsichtig, sehr vorsichtig, auf. „Es kann ja schlecht auf dem ganzen Planeten so aussehen.“
„Ja, genau, wir sind hier auf dem Äquator, es sind angenehme 14 Grad und ein paar Hundert Kilometer nördlich und südlich ist der Boden sicher gefroren“, fügte Hitch hinzu. „Wenn sie alle da gelebt haben, wo man rumlaufen kann, ohne sich ständig zum Affen zu machen und hier nie einer gewesen ist“, spann Paolo den Gedanken weiter, „dann ist der schwarze Klotz vielleicht ein geheimes Labor!“
„Ihr schreibt zu viel an eurer Geschichte“, äußerte sich Roger, der absolut keine Lust hatte, schon wieder aufzustehen.

Es waren nur wenige Meter bis zum Gebäude. Wenn man unten stand, wirkte es noch höher, schwärzer und vor allem abschreckender. Vielleicht war doch was dran an der Sache mit der unheimlichen Aura, die inzwischen jeder für sich als Einbildung abgestempelt hatte.
Das Bauwerk bestand aus einem Mineral, das nicht weiter bestimmt werden konnte, da es so auf keinem anderen bekannten Planeten auftauchte. Die Oberfläche war glatt und wie aus einem Guss, als hätte man das ganze Gebäude aus einem einzigen Felsblock geschlagen. Gruselige Vorstellung.
„Die müssen ganz schön weit entwickelt gewesen sein, wenn sie so was bauen konnten“, sagte Roger ehrfürchtig und berührte mit zitternden Fingern die Wand vor ihm. In grauer Vorzeit hatte er ein Architektur-Studium angefangen, bevor… Das war eine andere Geschichte.
„Moment mal. So glatt ist die Oberfläche gar nicht“, bemerkte Faye plötzlich, nachdem sie die Wand ausgiebig befühlt hatte. „Ist hier jemand mit 100% Sehstärke?“
Tatsächlich war das Material von winzigen Mustern und Strukturen durchsetzt. Es konnte sich auch um Schriftzeichen handeln. Die Einschnitte waren sehr schmal, aber tief. Unheimlich nah neben- und übereinander. Die ganze Wand schien von ihnen bedeckt zu sein.
„Die Zeichen wiederholen sich. Manche haben runde Formen. Die können nicht natürlichen Ursprungs sein.“ Hitch stieß fast mit dem Gesicht gegen die Wand, während sie sie untersuchte.
Eine Menge Fragen standen im Raum. Wer verzierte eine ganze Wand, vielleicht sogar das ganze Gebäude, mit winzig kleinen Hieroglyphen? Und vor allem wie und warum? Was für eine Bedeutung hatten sie? Erklärungen? Warnungen? Geschichten? Namen? Oder doch nur Dekoration?
„Wir gehen da jetzt rein und finden es raus“, sagte Roger entschieden und ging voraus, einen Eingang suchend. Die anderen folgten widerstandslos. Vergessen war alle Nervosität, vergessen war die friedhofsähnliche Atmosphäre auf der weiten, grauen Ebene, vergessen waren die verlassenen Straßen und Städte des Planeten. Es galt jetzt, das Geheimnis des seltsamen, schwarzen Gebäudes zu lüften und die Antworten dazu gab es wahrscheinlich nur in dem Gebäude selbst.
Kurz vor der Ecke befand sich ein Eingang. Es handelte sich dabei um ein simples Loch in der Wand.
„Entweder hatten die keine Angst vor Einbrechern oder sie haben nicht erwartet, dass jemals wieder jemand hier vorbeischaut“, murmelte Hitch, während sie die Lücke im schwarzen Stein betrachtete. Das Fehlen einer mehrfach abgesicherten Panzerstahltür warf natürlich alle Theorien über ein geheimes Forschungslabor, eine gigantische Schatzkammer oder sonstige der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Anlagen über den Haufen.
„Vielleicht ist es ein Tempel? Oder ein Denkmal? Jedenfalls irgendwas, wo die Leute ein- und ausgehen konnten“, überlegte Paolo laut.
„Dann sind die Leute wahrscheinlich mit Taschenlampen ein- und ausgegangen. Stockfinster da drin“, stellte Roger fest. Daraufhin packten sie stillschweigend ihre eigenen Taschenlampen aus, holten noch einmal tief Luft und betraten schließlich das seltsame schwarze Gebäude.

5


Trotz Taschenlampen und dem bisschen Licht, das durch den Eingang fiel, war erst mal nicht viel zu erkennen. Das konnte eventuell daran liegen, dass Boden und Wände schwarz waren und sich in dem Raum, Gang oder was immer es war, keine Gegenstände befanden.
Scharf begrenzte, helle Lichtkegel huschten über den Boden, um nach Falltüren, Skeletten, Treppenstufen und anderen Stolperfallen Ausschau zu halten. Als ziemlich sicher war, dass sich außer einer Staubschicht nichts auf dem Boden befand, wagten sich die Astronauten – Immer schön zusammenbleiben! – ein paar Schritte vor.
Plötzlich ertönte ein lautes Rauschen und noch bevor sie kapierten, was los war, schien alles um sie herum in Flammen zu stehen. Das war ein guter Moment, um in Panik zu geraten.
Paolo taumelte rückwärts gegen Faye und beide gingen zu Boden, Roger stolperte über sie, Hitch fing an zu kreischen, dass jedes Blondinchen mit Chihuahua in der Handtasche neidisch geworden wäre, und Takeru war mit einem Sprung draußen, wo er sich flach auf den Boden legte und den Kopf mit den Armen bedeckte.
Dabei war doch eigentlich gar nichts Schlimmes passiert. An den Wänden der kleinen Vorhalle, die sie betreten hatten, hatten sich bloß ein paar Dutzend Fackeln entzündet.
„Diese Szene kommt nicht ins Logbuch“, sagte Roger, als alle sicher waren, dass sie nicht von rotäugigen Zombies mit Maschinengewehren angegriffen wurden. „Aber wir müssen uns jetzt zusammenreißen. „Wie viele Fälle sind schon dokumentiert, wo Leute krepiert sind, weil sie panisch rumgeschrieen haben statt angemessen zu reagieren.“
„Was wär denn ’ne angemessene Reaktion auf das hier gewesen?“, erkundigte sich Paolo. „Wir hätten sagen können: ‚Oh, wie schön, Licht, jetzt brauchen wir wenigstens die blöden Taschenlampen nicht mehr!’“ Leicht genervt versuchte Roger die Hand abzuschütteln, die seinen Puls fühlen wollte. „Nee, keine Ahnung, sonst wär ich ja nicht panisch rumschreiend über dich gestolpert. Tatsache ist, dass hier irgendwas in der Luft liegt, das uns alle ganz kirre macht.“
Das war ein wahres Wort. So schreckhaft hatten sie sich alle schon lange nicht mehr gesehen. Erwarteten sie etwa immer noch, irgendwann den Geistern der verstorbenen Planetenbewohner zu begegnen?
„Wenn dein Puls nicht bald runtergeht, muss ich dich ruhig stellen“, erklärte Takeru.
„Wenn du dir nicht bald was anderes zum Festklammern suchst als meine Hand, findet diese Hand ganz schnell den Weg zu deinem Gesicht“, knurrte Roger, der diese meistens wirkungsvolle Antwort nicht zum ersten Mal verwendete.

Zeit zum Aufbruch. Von der Vorhalle, in der sich außer den Fackeln nichts befand, führte ein dunkler, schmaler Gang weg. Diesmal waren die fünf nicht ganz so erschrocken, als sich massenhaft Fackeln von selbst entzündeten, um den Gang zu erhellen.
„Beruhigen wir uns mit dem Gedanken, dass die Leute einfach zu plötzlich ausgestorben sind, um den Bewegungsmelder abzuschalten“, schlug Paolo vor.
Als sie ein paar Schritte gegangen waren, erloschen die Fackeln in der Vorhalle wieder. Traurig, dass alle Energiesparmaßnahmen die untergegangene Zivilisation des Planeten nicht hatten retten können.
„Warum eigentlich Fackeln?“, fragte Hitch plötzlich und blieb stehen. Die anderen drehten sich um und starrten sie an, als hätte sie sich in ein Eichhörnchen verwandelt. „Ich meine, wenn die so hoch entwickelt waren, dass sie Gebäude bauen konnten, die aussehen wie aus einem Felsblock gehauen, und Bewegungsmelder und den ganzen Kram, den wir aus dem Orbit gesehen haben, warum dann Fackeln und nicht elektrisches Licht?“, fügte die Pilotin erklärend hinzu.
Ratter ratter. Man konnte es hinter den Stirnen arbeiten sehen.
„Vielleicht hatte der Architekt ’ne altmodische Ader“, meinte Roger schließlich und alle fanden, dass das die richtige Lösung war, vor allem, weil sie sehr harmlos und überhaupt nicht seltsam klang. Ein Stück Normalität in einem großen, schwarzen, geheimnisvollen Gebäude auf einem grauen, kalten, leblosen Planeten?
Der in gleichmäßigen Abständen mit Fackeln bestückte, endlos verwinkelte Korridor wand sich um unzählige Ecken durch das gesamte Erdgeschoss. Es hatte den Anschein, als hätten es die Erbauer darauf angelegt, spätere Besucher möglichst lange Wege zurücklegen zu lassen. Ein Labyrinth war’s jedenfalls nicht, denn es gab keine einzige Abzweigung.
Hinter einer weiteren Ecke gab es endlich etwas anderes zu sehen als schwarze Wände und Böden sowie automatische Fackeln. Dicht an der Wand ragte schmale Treppe empor, die aus einem betonähnlichen Material bestand.
„Die hatten also tatsächlich Treppen. Wahrscheinlich waren sie uns gar nicht mal so unähnlich“, bemerkte Takeru. Es war durchaus nicht selbstverständlich, dass eine Spezies Treppen erfand. Ein Volk, das zum Beispiel keine Beine hatte, konnte ja nichts damit anfangen.
Diesmal ging Paolo voraus. Mit einem Scanner in der Hand betrat er vorsichtig die unterste Stufe. Sie hielt, ebenso wie alle weiteren.
Oben angekommen fand er weitere schwarze Wände mit Fackeln dran vor. Nachdem er ein bisschen den Scanner herumgeschwenkt hatte, kletterte er etwas enttäuscht wieder nach unten.
„Ihr könnt kommen, die Luft ist rein. Noch so ’n blöder Gang. Und die Strahlung, die wir draußen schon registriert haben, wird etwas stärker. Sonst scheint alles in Ordnung zu sein.“
Einer nach dem anderen stieg nach oben und als sie wieder komplett waren, gingen unten die Fackeln aus.
Vor ihnen lag ein weiterer von offenem Feuer erleuchteter, verwinkelter Gang. Es war nicht gerade lustig, jeden Moment das Schlimmste zu erwarten und dann doch immer nur das gleiche zu sehen.
„Ich komm mir vor wie in ’nem drittklassigen Horrorschocker“, sagte Hitch nach der x-ten völlig unnötigen Kurve, die der Gang beschrieb. „Das hier könnten auch der Keller einer ägyptischen Pyramide sein. Hört ihr auch schon die bedrohliche Musik in euren Köpfen? Die Mumie schleicht langsam von hinten heran. Sie beobachtet uns. Plötzlich setzt sie zum Sprung an und - “
„Ich will euch ja nicht beunruhigen“, unterbrach Faye sie plötzlich, „aber ich glaube, wir werden wirklich beobachtet…“
„Und von wem?“, erkundigte sich Roger, der diese Vorstellung, sollte etwas Wahres dran sein, äußerst beunruhigend fand. „Wir haben den ganzen Planeten gescannt. Abgesehen von uns gibt es hier kein einziges Lebewesen.“
„Sicher? Ich lege mein Leben nicht gerne in die Hände eines Computers“, gab Faye zurück. Man konnte zusehen, wie langsam die Farbe aus ihrem Gesicht wich. „Ich schwöre, hier ist jemand…“
„Alles Einbildung“, versuchte Hitch das Problem von einer anderen Richtung anzugehen, wobei sie nicht sehr überzeugend wirkte. „Wir sind hier immerhin in ’nem gruseligen, schwarzen Betonklotz auf einem verlassenen Planeten. Ich bin auch schon so weit, dass ich wirklich hinter der nächsten Ecke die Mumie erwarte.“
„Unheimlich ermutigende Worte“, zischte Faye zwischen zusammengebissenen Zähnen und schaute sich hektisch um. Sie ließ den Blick über Boden, Decke und Wände schweifen, anscheinend nicht sicher, wonach sie eigentlich suchte. „Es sind mindestens ein Dutzend.“
Sie schien es wirklich ernst zu meinen, und das beunruhigte die anderen wirklich.
„Komm jetzt. Vielleicht haben sich die zwölf unsichtbaren Leute hier in der Ecke zum Kaffeetrinken verabredet und wollen jetzt allein sein“, meinte Paolo, packte Faye am Arm und zog sie mit sich, da sie sonst wie angewurzelt stehen geblieben wäre. Er begann, ihr zu glauben. „Folgen sie uns?“
„Nicht alle, nur ein paar“, sagte sie leise und blickte immer wieder nach hinten.
„Ich werd’ nicht gerne von Gespenstern verfolgt“, knurrte Roger, der voraus ging. Er merkte langsam, dass es keine gute Idee gewesen war, den Planeten zu betreten. Eigentlich war er sogar schon darauf gekommen, als er mit dem Gesicht im Matsch gelandet war. Aber er hatte es erfolgreich verdrängt.
Die nächste Betontreppe tauchte diesmal nach weniger Ecken auf. Das war keineswegs überraschend, denn die fünf Astronauten hatten schon von der Anhöhe aus gesehen, dass das Gebäude nach oben schmaler wurde. Wenn der treppenartige Aufbau keine optische Täuschung war, lag zwischen diesem und dem obersten Stockwerk nur noch eine Etage.


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