Explorer V | 3

Auch Gang Nummer 3 sah den beiden Vorgängern verblüffend ähnlich. Wieder keine rotäugigen Zombies mit Maschinengewehren. Dafür sah Faye noch mehr Gespenster.
„Jetzt sind’s bestimmt 30. Die schwirren alle um uns rum.“ Sie weigerte sich inzwischen, von selbst weiterzugehen und wurde von Paolo und Hitch gezogen und geschoben.
„Wie kommt’s eigentlich, dass du sie sehen kannst und wir nicht?“, fragte Hitch, die sich nicht gerne vor etwas fürchtete, was gar nicht da war.
„Ich seh sie ja gar nicht“, erwiderte Faye mit zittriger Stimme. „Aber sie sind hier! Und es werden immer mehr!“
„Von mir aus können so viele Gespenster um mich rumschwirren, wie sie Lust haben, solange sie mir nichts tun“, erklärte Takeru ganz diplomatisch. „Vielleicht sind sie ja nur neugierig.“
„Klar, das hier kann ja wirklich ein gigantisches Grabmal sein“, sagte Roger, von dieser Erklärung ganz begeistert. „Und die Geister der Verstorbenen wollen nur wissen, wer in ihrer Wohnung rumläuft. Die machen schon nix.“ Auch wenn er absolut nicht daran glaubte, dass irgendjemand außer ihnen da war, musste er unbedingt verhindern, dass Faye durchdrehte.
Vielleicht war Ablenkung auch ein gutes Mittel. Sie erreichten ziemlich bald die nächste Treppe. „Wenn da oben wieder nur so ein schwarzer Gang mit Fackeln ist, dann schrei ich“, grollte der Commander, bevor er leichtfüßig die Treppenstufen erklomm.
Oben angekommen schrie er tatsächlich, aber aus einem anderen Grund.
Die anderen malten sich in Sekundenbruchteilen die schlimmsten Dinge aus, aber Roger kam glücklicherweise in einem Stück die Treppe wieder runtergetaumelt.
„Bloß keine Panik“, sagte er beschwichtigend in die Richtung, in der er die verschreckten Gesichter vermutete. „Es ist nur ein bisschen hell da oben, das ist alles…“
„Äh, hier sind wir“, meldete Hitch sich zaghaft ein ganzes Stück weiter rechts.
„Oh, tatsächlich.“ Roger erahnte langsam wieder ein paar Konturen durch das Nachbild des gleißenden Lichts, in das er ganz unvorbereitet gesehen hatte. Er rieb sich die Augen und blinzelte, bis er sich wieder sicher war, dass er alle Säulen und Türrahmen sehen konnte, bevor er dagegen lief. „Guckt da oben besser auf den Boden, wenn ihr nicht blind werden wollt.“
„Wir müssen das nicht machen, oder? Wir müssen das Rätsel um den schwarzen Klotz gar nicht lösen“, gab Takeru zu bedenken. Die ersten Eindrücke des obersten Stockwerks gefielen ihm gar nicht.
„Richtig, aber wir w o l l e n“, erwiderte Roger. „Auf jetzt.“ Er wusste, er würde nie wieder ruhig schlafen können, wenn sie jetzt nicht den brutal erleuchteten Raum genauer unter die Lupe nahmen.
Ein wenig widerstrebend folgten Paolo, Faye, Hitch und Takeru dem Commander die Stufen hinauf. Und tatsächlich hatte er nicht zu viel versprochen. Der kleine, zu allem Überfluss noch weiß geflieste Raum erstrahlte so hell, dass auch die beste Sonnenbrille nichts geholfen hätte.
Die größte Lichtquelle war eindeutig dieses … Ding, das ungefähr in der Mitte des Raums stand. Hätten die Astronauten es ansehen können, ohne schlimmste Schmerzen zu erleiden, hätten sie festgestellt, dass es eckig war, eine Grundfläche von ungefähr einem Quadratmeter hatte und bis an die Decke reichte.
Sie hatten dem Ding nun den Rücken zugewandt und studierten die Anzeigen, die der Scanner lieferte, sowie Fayes besorgniserregenden Gesichtsausdruck.
„Wie viele?“, fragte Paolo vorsichtig. Sie antwortete nicht. „Faye?“ Er tippte sie an. Schlechte Idee.
„Wie viele?! Du willst wissen, WIE VIELE?!“, kreischte sie schrill. „Ich sag’s dir! ZU VIELE! Ich kann sie nicht zählen!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Es können ein paar Hundert sein, oder Millionen, oder die ganze ehemalige Bevölkerung dieses Planeten! Und wir haben hier ihren geheimen Versammlungsplatz gefunden, wo sie gerne UNGESTÖRT sein würden!“
Die Vorstellung, mit ein paar Milliarden wütenden Gespenstern in einem Raum zu sein, war ein wenig unbehaglich.
„Bist du ganz sicher, dass die uns nicht hier haben wollen?“ Roger war zu dem Entschluss gekommen, dass Fayes Phantome keine Einbildung sein konnten. Auch das erschreckendste Trugbild konnte aus einem Menschen nicht so ein Nervenbündel machen.
„NEIN! Aber ich nehme es an, weil die uns so ANSTARREN!“ Faye atmete schnell und geräuschvoll und sie hatte diesen Blick drauf, der schon viele Leute in eine gelbe Gummizelle gebracht hatte.
Mussten ein paar Milliarden körperlose Wesen einem unbedingt was antun wollen, nur weil sie einen anstarrten? Nicht unbedingt. Also warum nicht einfach wieder zum normalen Ablauf übergehen?
„Die unidentifizierbare Strahlung hat die Skala gesprengt“, stellte Takeru fest und schüttelte seinen Scanner, hoffend, dass es sich nur um eine technische Störung handelte. „Sieht so aus, als hätte sie genau in diesem Raum hier ihren Ursprung.“
„Ja! Da habt ihr’s!“, ächzte Faye. „Den wissenschaftlichen Beweis, dass SIE hier sind!“ Zur Verdeutlichung wedelte sie wild mit den Armen rum.
Das war eine Aussage. Aber noch kein Beweis für die Bösartigkeit der Gespenster. Und sie hatten noch immer nicht alles gesehen, was es in diesem Raum gab. Der Scanner hatte ein paar Meter weiter rechts Metall geortet. Mit dem Gesicht zur Wand – Bloß nicht das leuchtende Ding anschauen! – bewegten sie sich in diese Richtung und fanden sehr schnell das Etwas aus Metall. Es war auch nicht zu übersehen, denn es lag sozusagen auf dem Präsentierteller beziehungsweise auf einem Podest zwischen zwei leeren Glasschränken.
Um was genau es sich handelte, war allerdings nicht erkennbar. Das Etwas war keksdosenförmig, hatte ein paar beinartige Fortsätze, die wohl verhindern sollten, dass es wegrollte, wenn es mal runterfiel, und wies unangenehm viele bunte Knöpfe auf. Es hätte alles sein können, vom Toaster über ein Radio bis hin zur ferngesteuerten Bombe, und das gab ihm eine bedrohliche Ausstrahlung.
Freundlicherweise offenbarte es seine Funktion ganz von alleine.
Bei diesem Etwas handelte es sich um eine Art Abspielgerät, das es genauso selbstverständlich fand, sich ungefragt in Betrieb zu setzen, wie die Fackeln in den unteren Etagen.
Über dem Gerät erschien eine Art Bildschirm, nur halt ohne Schirm, also viel mehr ein in der Luft schwebendes Bild. Eine Art Hologramm. Moderne Technologie. Alle starrten das Hologramm an und warteten, was passierte, sogar Faye hörte kurz auf, wie ein Kaninchen auszusehen, das in eineinhalb Sekunden überfahren werden würde. Bisher war nur flackernder Schnee zu sehen, die Art von Schnee, die einem im Fernsehen geboten wurde, wenn die hauseigene Satellitenschüssel vom Dach 26 Meter in die Tiefe gestürzt war.
Nach etwa 15 Sekunden begann endlich die Vorstellung in Form eines Films, der aussah, als wäre er von jemandem gedreht worden, der noch nie eine Videokamera in der Hand gehabt hatte. Die Kamera schwenkte wild herum, zeigte abwechselnd Decke, Boden und ein paar äußerst schief stehende Leute. Schließlich wurde die Kamera irgendwo abgelegt und das Bild war nicht mehr verwackelt, sodass gut zu sehen, dass die Aufnahmen genau in diesem Raum, in dem sich die Zuschauer gerade befanden, gemacht worden waren. Man konnte gut das leuchtende Ding im Hintergrund erkennen, nur dass es nicht leuchtete sondern ausgeschaltet war.
Ein alter, runzliger Mann mit Glatze, der sehr wichtig aussah, trat ins Bild. Er schaute sich kurz um, stellte sicher, dass die Kamera eingeschaltet war, und begann zu sprechen…


Der alte, runzlige Mann redete schnell in einer – welch große Überraschung! – sehr fremdartig klingenden Sprache, und machte öfters deutliche Gesten zu diesem damals noch ausgeschalteten Ding hin. Er gab sich Mühe, ruhig und gefasst zu klingen, aber eine gewisse Nervosität war ihm deutlich anzumerken. Dazu dieser traurige Blick aus glitzernden, tiefblauen, in großen, dunklen Höhlen liegenden Augen – ganz klar, der Kerl wusste, dass der Weltuntergang bevorstand und das damals noch ausgeschaltete Ding hatte irgendwas damit zu tun.
Nachdem er einmal mehr mit hochgezogenen Augenbrauen nach links hinten gedeutet hatte, kam eine junge Frau, die im Hintergrund schon mehrmals vorbeigelaufen war, mit irgendeinem technischen Gerät in der Hand ins Bild und flüsterte dem Sprecher etwas ins Ohr, woraufhin er eine unwirsche Antwort gab und in Richtung Kamera deutete. Die junge Frau warf ihm noch einen besorgten Blick zu und ging dann wieder aus dem Bild. Ein paar Sätze des runzligen, alten Mannes, bei denen er sich keine Mühe mehr gab, nicht völlig aufgelöst auszusehen, folgten, dann schaltete er die Kamera aus und die Aufzeichnung war beendet.


„Ich würde sagen, das, was der Typ da gelabert hat, ist wichtig“, merkte Hitch an, nachdem sie noch ein paar Sekunden gewartet hatten, ob nicht doch noch was kam.
„Nur blöd, dass wir kein Wort davon verstanden haben“, fügte Paolo hinzu. „Was würde Peter, der kleine Astronaut jetzt tun?“
„Wenn er nicht so bescheuert ist, wie er aussieht, dann würde er wohl den Datenträger mit in seine fliegende Untertasse nehmen und hoffen, dass die Abspielgeräte an Bord und der … Prototyp des neuesten Übersetzungsprogramms etwas damit anfangen können“, meinte Roger, nachdem er Paolo einen sehr, sehr gereizten Blick zugeworfen hatte.
Damit kam ein neues Problem auf. Wo war der Datenträger?
Fast genau so schnell offenbarte sich die Lösung des Problems. Das keksdosenförmige Abspielgerät fuhr eine Art Schublade aus, in der sich etwas befand, das wie ein rotes Bauklötzchen aussah. Auf den zweiten Blick entpuppte sich das rote Bauklötzchen als ein rotes Bauklötzchen mit elektronischen Kontakten.
„Was für’n Service“, sagte der Commander und steckte es ein, bevor das keksdosenförmige Abspielgerät es sich anders überlegen konnte.


Da die Astronauten dem Scanner blind vertrauten (was Anderes blieb ihnen auch nicht übrig, ausgenommen die sehr netzhautschädigenden Alternativen) und dieser keine weiteren Objekte in diesem Raum entdeckte, beschlossen sie, so schnell wie möglich zu verschwinden.
Erfreulicherweise fühlte Faye sich mit dem Fleckchen Boden, auf dem sie stand, plötzlich gar nicht mehr so verbunden und ging freiwillig mit.
Zweiter Stock. Die Fackeln gingen wieder bereitwillig an, sodass sie nicht mal eine Pause machen mussten, um ihre Augen an die (äußerst angenehme) Dunkelheit zu gewöhnen. Faye stellte fest, dass nur sehr wenige Gespenster ihnen folgten, was ebenfalls äußerst angenehm war.
Erster Stock. Schon hatten anscheinend alle Gespenster das Interesse verloren und schwebten zurück nach oben. Was für eine Erleichterung!
Krack.
„Wer von euch hat eben ‚Krack’ gesagt?“, fragte Roger mit einem bestimmten Unterton, als hätte er schon eine gelbe Gummizelle vorbereitet.
Keiner hatte ‚Krack’ gesagt. Fünf entsetzte Blicke wurden nach oben gerichtet.
„Die Decke stürzt ein!“, brüllte Paolo für alle, die es noch nicht mitgekriegt hatten.
Was eben noch ein kleiner Riss gewesen war, verbreiterte sich schnell zu einem ausgewachsenen Spalt mit vielen Verästelungen und dehnte sich rasant nach vorne und hinten aus.
„Lauft!“, befahl Roger, als die ersten kleineren Bröckchen fielen. Das ließ sich keiner zweimal sagen, und im Schweinsgalopp ging es in Richtung Treppe. Sie hatten den Riss, der sich durch das Gestein fraß, bald überholt, sodass hinter und nicht neben ihnen die Fackeln von den Wänden geschlagen wurden, aber er schien die Verfolgung nicht aufgeben zu wollen und ließ große Brocken herabstürzen, die am Boden zersprangen.
Nur noch zwei Kurven, dann war der Gang zu Ende. Beim Anblick der Treppe offenbarte sich ein neues Problem. Sie konnten sich darauf absolut nicht schnell genug bewegen und mussten auch noch einer nach dem anderen herunter. Doch auch dieses Problem war schnell für uninteressant erklärt, als die herunterbröckelnde Decke sie einholte und sich vornahm, ein paar besonders große Stücke auf ihre Köpfe fallen zu lassen.

‚Na toll’, dachte Faye, als sie zum Stehen kam, ‚so sieht also das Ende aus. Erschlagen von ’ner einstürzenden Decke.’ Die letzten Sekundenbruchteile, die ihr blieben, verwendete sie darauf, sehr wütend zu werden. Da war zum einen der „Ich-hab’s-euch-doch-gesagt“-Gedanke, zum anderen der „Was-mach-ich-hier-eigentlich“-Gedanke, und außerdem erinnerte sie sich daran, dass sie als Teenager beschlossen hatte, irgendwann mal heimlich nachts auf den Kopf der Freiheitsstatue oder wenigstens auf die Spitze des Eiffelturms zu klettern, ohne dafür verhaftet zu werden. Bis heute hatte sie keinen Plan, wie sie das anstellen sollte, und jetzt nahm dieser blöde Zufall ihr die Möglichkeit weiter darüber nachzudenken. Ach ja, und außerdem war sie noch nie mit einer Achterbahn mit Looping gefahren. ‚Hass, hass, hass… Na warte, du bescheuerte Decke!’
Noch zehn Zentimeter bis zum Ende. Die anderen vier machten sich so ihre ganz eigenen Gedanken. Die meisten kreisten darum, ob alles, was im Testament stand, auch so in Ordnung war.
Immer noch zehn Zentimeter bis zum Ende. Und auch weiterhin blieb es bei zehn Zentimetern. Takeru war der erste, der langsam die Augen öffnete. Die Gesteinsbrocken hingen vollkommen bewegungslos in der Luft.
„Bitte sagt mir, dass ich nicht tot bin und dass tatsächlich einer von euch … äh, das gemacht hat“, sagte Roger in einem sehr beunruhigten Tonfall und deutete zaghaft auf das Stück Decke, das ihm beinahe den Schädel zertrümmert hätte und immer noch über ebendiesem Schädel schwebte.
„Ich glaube, ich war’s“, meldete Faye sich zurückhaltend, wobei sie die in Einzelteilen rumschwebende Decke nicht aus den Augen ließ. Eigentlich glaubte sie es nicht nur, sondern wusste es ganz sicher.
Die anderen waren so freundlich, sie mit nicht ganz so großen Augen anzustarren, aber ein bisschen erstaunt mussten sie ja schon sein. Es war also tatsächlich was dran an dem Gerücht mit den fliegenden Kaffeetassen.
„Ich glaube, wir gehen jetzt besser“, meinte Roger nach etwa einer Minute und veranlasste die anderen mit einem bissigen Blick, nicht mehr so zu starren.
Paolo und Hitch nahmen die wieder ziemlich aufgelöst wirkende Faye an den Händen und bewegten sie sanft in Richtung Treppe.
„Ich lasse sie jetzt fallen“, murmelte Faye, als alle unten waren, und fast augenblicklich war lautes Gepolter von oben zu hören und ein paar kleinere Brocken kullerten die Treppe herunter.
Auf dem sehr zügig zurückgelegten Weg durch das Erdgeschoss des Gebäudes warteten glücklicherweise keine weiteren Überraschungen und bald wich das diffuse Licht der Fackeln dem unwirklichen, matten Schein der weit entfernten Sonne.
Jetzt, wo die Gefahr überstanden war, war Zeit, sich einmal mehr die Frage nach dem Grund zu stellen. Warum stürzte eine absolut stabile Decke vollkommen ohne Vorwarnung ein und das auch noch, während man darunter stand? Ein normales Verhalten für Decken war das nicht. Ein sehr unglücklicher Zufall? Oder hatte etwa jemand nachgeholfen?

6


Durch ein Fenster Tausende Kilometer von den grauen Ebenen entfernt bot sich eine wesentlich objektivere Perspektive auf die ausgestorbene Welt. Man konnte sich auch viel bessere Gedanken über das nur kurze Zeit zurückliegende, seltsame Aussterben machen, wenn man dabei weder von Gespenstern beobachtet noch von Felsbrocken erschlagen wurde.
Die Crew der Explorer V hatte beschlossen, noch ein bisschen in der Nähe des Planeten, den man inzwischen der Einfachheit und Einfallslosigkeit halber 259-B getauft hatte, zu bleiben, zumindest bis ein kleiner Teil der gesammelten Daten ausgewertet war. Für alle Fälle.
„Bevor du fragst, es gibt doch Leben da unten“, sagte Chayenne zu Roger, der jegliche Neugier sowie die Tatsache, dass er gar nicht so zufällig am Labor vorbeigekommen war, durch ein möglichst ausdrucksloses Gesicht zu überspielen versuchte, was aber noch ein wenig Übung bedurfte.
„Ja, in der Bodenprobe haben wir ein paar Einzeller gefunden, die Was-auch-immer-es-war überlebt haben“, fügte Jenikk hinzu und rettete die Bodenprobe vor dem Inhalt einer Kaffeetasse, die er selbst umgestoßen hatte. „Aber ich weiß nicht, was wir mit ihnen anfangen sollen.“
„Dann ab in den Kühlschrank damit“, schlug Roger vor. „Ich hab auf der Erde ein paar Leute kennen gelernt, die ihre helle Freude daran haben werden.“
„Das wäre auch der nächste Schritt gewesen“, erwiderte Chayenne. Der Unterton in ihrer Stimme, mit dem manche Wissenschaftler gerne darauf hinwiesen, dass sie sehr wohl alleine Mikroben für die Nachwelt konservieren konnten, fehlte völlig. „Hat sonst schon irgendwer was herausgefunden?“ Die paar Wochen, die sie den Commander erst kannte, reichten völlig aus, um zu wissen, dass er nicht wartete, bis ihm jemand was erzählte, sondern gleich selbst nachfragte und so überraschend schnell über alles Bescheid wusste. Mit einem verschwörerischen Lächeln, das „Erzählt bloß keinem, dass ich so ungeduldig bin“ bedeutete, berichtete er, dass Takeru im Blut des Erkundungsteams ein paar Antikörper gefunden hatte, die vorher nicht da gewesen waren und sie lebenslang vor einer Mittelohrentzündung schützen würden, und wie Siska eines der Multimedia-Apspielgeräte aus dem Frachtraum so lange mit einem etwas zu grob wirkenden Werkzeug bearbeitet hatte, bis die elektrischen Kontakte genau mit denen des mitgebrachten Datenträgers zusammenpassten.
Jetzt galt es, zu hoffen, dass das bereits für fehlerhaft befundene Übersetzungsprogramm nicht völlig versagte.

Zwei Tage später hatte Björn festgestellt, dass das Übersetzungsprogramm nicht über die grundlegendste Grammatik der fremden Sprache heraus kam, Roger hatte festgestellt, dass der Bericht sehr verstümmelt aussah, wenn er alle peinlichen Szenen wegließ oder ein wenig veränderte, und Faye hatte festgestellt, dass, auch nachdem sie ein Schild mit der Aufschrift „Einmal klingeln 5 $, einmal klopfen 10 $“ an die Tür gehängt hatte, noch Leute vor ihrer Kabine herumlungerten.
Faye wusste, dass bestimmte Arten von Menschen an Bord nicht vertreten waren, aber auch an den Blicken und Kommentaren der anderen Arten hatte sie kein großes Interesse. Zu dieser Einstellung hatte sie ziemlich schnell gefunden. Übersinnliche Fähigkeiten verunsicherten die Leute. Schon in der Schule hatten die anderen Kinder irgendwann Angst bekommen, als sie festgestellt hatten, dass Fayes Wettervorhersagen immer zutrafen, auch wenn der Wetterbericht etwas anderes sagte. Glücklicherweise hatte nie jemand herausgefunden, warum der unbeliebte Mathelehrer während einer Gardinenpredigt an die ganze Klasse einmal fast aus dem Fenster, gegen das er sich immer lehnte, gefallen war, als selbiges sich plötzlich geöffnet hatte.
Irgendwann stand Faye auf und ging zu dem kleinen Bullauge, durch das fahles Sternenlicht fiel, momentan wurde die Kabine nur dadurch erhellt. Das Raumschiff schwebte in einer großzügigen Kreisbahn um die Sonne 259, und so zogen die anderen Sterne nur langsam vorbei. Irgendwo da draußen, unvorstellbar weit entfernt, war die Erde. Und auch Faye fragte sich nicht zum ersten Mal, was sie eigentlich hier machte.
Es ging nicht um Geld, überhaupt für keinen der Astronauten, denn schon als halbwegs erfolgreicher Daily-Soap-Schauspieler konnte man in einem Jahr genauso viel verdienen, wobei die Verantwortlichen sich mit Erklärungen sehr zurückhielten. Es ging auch nicht um Ruhm und Ehre, denn dieses ganze Raumfahrt-Zeugs war inzwischen so alltäglich geworden, dass den Durchschnittsbürger Sonnensysteme, in denen er nicht selbst Urlaub machen konnte, nicht groß interessierten.
Blieb noch die Hoffnung, etwas Weltbewegendes zu entdecken oder sonst irgendwie nützlich zu sein. War das etwa alles? Ja. Genau das war es, erinnerte sich Faye. Nur dass mehr dahinter steckte, als es aussah.
Und ihre kleine, ganz persönliche Rolle in diesem „Mehr“ bestand genau darin, Gespenster zu sehen und Leute vor herabstürzenden Felsbrocken zu retten. So schlecht war dieses Schicksal doch gar nicht.

„Dieses Rätsel können wir nicht lösen“, resignierte Björn eine um die Ohren geschlagene Nacht später und beendete das Übersetzungsprogramm, das nun lange genug schwer ersetzbare Energie gefressen hatte. „Was auch immer uns der nette, alte Herr in dem Video sagen will, es ist und bleibt Kauderwelsch. Könnte daran liegen, dass diese Sprache sich zu sehr von allen, die wir bisher kennen, unterscheidet, oder aber es handelte sich bei den ehemaligen Planetenbewohnern um ein paar Superintelligenzen, deren Sprache für uns Primitivlinge zu kompliziert ist.“
„Dann wird das so im Bericht stehen und jemand anders wird sich darum kümmern.“ Roger verzog das Gesicht beim Gedanken an die Zeilen, die er noch schreiben musste. Zum Mangel an Motivation und schriftstellerischem Talent kam inzwischen auch noch Koffein-Entzug, denn seit diesem Morgen waren alle sechs Instant-Kaffe-Vorratspackungen zum Vorteilspreis mit unkenntlich gemachten Markennamen aus Lagerraum 1 verschwunden. Es gab auch lustige Scherze, aber dieser gehörte definitiv nicht dazu.
„Und wir, wir werden jetzt weiter unseren Job erledigen und noch ein paar fremde Planeten unter die Lupe nehmen“, fuhr der Commander fort, nachdem er die Vorstellung von vielen, vielen Wochen ohne Kaffee erfolgreich verdrängt hatte.

Damit war der Startschuss gefallen und die Explorer V jagte wieder mit Überlichtgeschwindigkeit durchs All. Die Maschinen, die das ermöglichten, protestierten mit ununterbrochenem Surren und Rauschen gegen die hohe Dauerbelastung. Es war nachgewiesen, dass Menschen, die diesen Geräuschen längere Zeit ausgesetzt waren, erst nervös, dann depressiv und schließlich unberechenbar wurden. Das war der Hauptgrund, warum im Maschinenraum, wo die im Rest des Schiffs ganz gut funktionierende Schalldämmung nicht möglich war, fast 16 Stunden am Tag Rock und Heavy Metal der lautesten Sorte lief.
Ob das nervös, depressiv und unberechenbar machte, war noch nicht untersucht worden. Siska stritt alle Vermutungen in dieser Hinsicht hartnäckig ab, mit dem Argument, was denn daran unberechenbar sei, wenn man Leute immer und ohne Ausnahme mit unfreundlichen Worten begrüßte und mit harten Gegenständen nach ihnen warf, wenn sie zu aufdringlich wurden. Bisher hatte sich doch niemand sonderlich überrascht gezeigt.
„Hallo Siska!! Willst du das neueste Kapitel von unserer Geschichte hören?!“, brüllte Hitch gegen „God Was Just Bored“ von der Gruppe „Räschtshraipunk“ an, sehr darum bemüht, den Kopf schnell außer Wurfweite ziehen zu können, wenn es nötig wurde.
Siska blickte jedes einzelne der vier freundlich grinsenden Gesichter in der Tür auf ihre ganz besondere Art und Weise an, durch die einem meistens ganz schnell einfiel, dass man noch etwas ganz Dringendes zu erledigen hatte, bevor sie die teilweise selbst gebastelte Stereoanlage auf Zimmerlautstärke herunterdrehte, sodass es möglich war, über Lautäußerungen zu kommunizieren.
„Die Antwort lautet ‚Nein’. Was war die Frage?“ Die winzige Andeutung eines Lächelns zeigte an, dass sie ihnen tatsächlich eine Chance gab.
„Ob du das neue Kapitel hören willst!“, setzte sich Jenikk gegen ein Schlagzeug-Solo durch.
„Ihr habt zu wenig Arbeit.“ Theatralisches Augenrollen und Kopf-in-den-Nacken-Legen. „Es kommt zum ersten Mal Mord und Todschlag vor!“
„Hm, ausnahmsweise…“

„Relativ ratlos standen der Veranstalter, der Mann von der Mordkommission und Peter um die Leiche des Professors, beziehungsweise was davon übrig war, herum. ‚Was, sagten Sie, waren seine letzten Worte?’, erkundigte sich Inspector HrZ’d-tA, nachdem er den Typ der Waffe festgestellt hatte, mit der der arme Kerl über den Jordan geschickt worden war. ‚Er hat gesagt: Die Antwort ist…’, antwortete Mr. //ak#G und zog mit der oberen linken Hand eine Zigarette aus der Hemdtasche. ‚…42?’, fragte der Inspector. ‚Nein, das hat er nicht mehr gesagt’, erwiderte Peter, der bei diesem Event in der ersten Reihe gesessen hatte. ‚Das wollte er bestimmt auch gar nicht sagen. Wäre ja nichts Neues.’ – ‚Was war denn überhaupt die Frage?’, wollte der Inspector als nächstes wissen. ‚Vielleicht die nach dem Sinn des Lebens?’ Die beiden anderen Männer bedachten ihn mit einem mitleidigen Blick. ‚Wissen Sie denn nicht, dass die erst in 26 Jahren von einem Mädchen auf der Erde beantwortet werden wird?’, meinte Mr. //ak#G. ‚Tatsächlich ging es um die Frage, was der Durchschnittsbürger davon hat, dass im Januar die Mehrwertsteuer auf 48% erhöht wird.’ – ‚Und DAS rechtfertigt also so einen brutalen Mord?!’, entrüstete sich Inspector HrZ’d-tA. ‚Den Kerl werd’ ich mir schnappen! … Iiiiih, ich bin in eine Niere getreten!’“


„Ehrlich gesagt hat mir das erste Kapitel besser gefallen“, äußerte sich Roger zum neuesten Teil von „Peter, der kleine Astronaut“. Und Chayennes Gesichtsausdruck sprach Bände. Ihr Kommentar „Lass den Kindern doch ihren Spaß“ kam wahrscheinlich trotzdem von Herzen.
Als relativ sicher war, dass die Zuhörer nichts mehr zu sagen hatten, zückte Jenikk einen altertümlichen Notizblock aus Papier und schrieb ein paar Sachen auf. „Für die Statistik: Bisher fand eine Person die Stelle mit der Niere gut und zwei nicht. Die Sache mit der ‚42’ ist außerhalb des Sol-Systems noch nicht bekannt genug, um darüber Witze zu machen.“ Er schloss den Notizblock wieder. „So, wir müssen jetzt weiter und Takeru das Kapitel vorlesen.“
„Halt, einer von euch bleibt hier und macht die Nachtschicht mit!“, pfiff Roger die Nachwuchsschriftsteller zurück, bevor einer von ihnen den Lift rufen konnte. ‚Das ist die Rache für fünf Minuten meines Lebens, die ich nie wieder zurückbekommen werde…’
„Aber wir können das nicht zu dritt!“, protestierte Paolo. „Einer liest vor und drei spielen die Szene!“
„Widerstand ist zwecklos.“
An der Aussage war was Wahres dran. Grummelnd begannen Hitch, Jenikk, Björn und Paolo Schere-Stein-Papier zu spielen. Da öffnete sich die Lifttür, Faye kam heraus, wünschte allen einen „Guten Abend“ und setzte sich an eine freie Station.
Es war schön, wenn Probleme sich von selbst lösten. Die Crew war dankbar dafür, dass auch das Problem mit Faye sich von selbst gelöst hatte. Sie war vollkommen freiwillig wieder aus ihrer Kabine herausgekommen und tat so, als wäre nicht gewesen. Damit das so blieb, taten alle anderen einfach auch so, als wäre nichts gewesen. Schwierige Angelegenheiten zu ignorieren, war manchmal besser, als sich ewig den Kopf darüber zu zerbrechen.
Vor allem, wenn noch weitere schwierige Angelegenheiten auf einen zukamen. Ihre Flugroute führte die Explorer V geradewegs zum nächsten interessanten Sonnensystem. Man hoffte, dass es dort etwas weniger Rätsel, Gespenster und lebensgefährliche schwarze Betonklötze und etwas mehr (vorzugsweise gastfreundliches) Leben gab. Man war sich auch im Klaren darüber, dass man nicht alles haben konnte.

7



„Wasser, Vegetation und eine primitive Zivilisation – das ist genau die Art von Planet, die man gerne erforscht“, fasste Paolo die vorläufigen Untersuchungsergebnisse zusammen. Es ging um den dritten Planeten des Sonnensystems, das das Raumschiff vor wenigen Stunden erreicht hatte, und man hatte ihn der Ordnung halber auf den Namen VS-39-3 getauft.
„Ich könnte jetzt sagen, dass ich von einem Planeten gehört habe, wo problematische chemische Verbindungen im Wasser große Teile der Vegetation dazu gebracht haben, große Teile der primitiven Zivilisation aufzuessen, aber ich habe großes Interesse daran, dass die vergleichsweise gute Stimmung hier erhalten bleibt“, sagte Roger, während er mit einem Lächeln auf den Lippen den grün und blau schimmernden Planeten auf dem Bildschirm betrachtete. Auf der Nordhalbkugel schoben sich riesige, weiße Wolkenmassen von Ost nach West. Sah fast aus wie die Erde, wenn man von der etwas abweichenden Form der Kontinente absah.
„Jetzt hast du es aber schon gesagt“, warf Chayenne ein, die aufgestanden war, um den Bildschirm besser sehen zu können.
„Ich könnte es noch ausführlicher erklären.“
„Hör auf zu grinsen.“
Der Fairness halber sollten zu dem für 14 Uhr Bordzeit angesetzten Ausflug nach VS-39-3 die Leute mitkommen, die bei der letzten Planetenbesichtigung nicht dabei gewesen waren. Dabei gab es zwei Probleme. Björn weigerte sich wegen einer womöglich leicht entzündlichen Schnittwunde an der linken Hand, die er sich beim Zerlegen von äußerst exotischen Lebensmitteln zugezogen hatte, und Siska weigerte sich, weil … „Darum.“
„Ich hab mich nur bereit erklärt, diesen Wahnsinnstrip mitzumachen, weil es eine tolle Gelegenheit war, die Anzahl der Personen, die nah genug sind, um mich nerven zu können, von sechs Milliarden auf angenehme acht zu senken. Wo genau im Kleingedruckten stand, dass ich mich dazu verpflichte, einen Planeten zu besichtigen, auf dem man gefressen werden kann?“, sprach Siska die Tatsachen aus und machte dabei ein „Die-Welt-hasst-mich-aber-das-beruht-auf-Gegenseitigkeit“-Gesicht.
„Aber man kann auf fast jedem Planeten, wo was drauf lebt, gefressen werden!“, entgegnete Chayenne und kniete sich hin, um mit Siska auf Augenhöhe zu sein.
„Das war die falsche Antwort“, knurrte diese.
„So, jetzt ist Schluss“, sagte Roger. „Aufstehen! Du brauchst frische Luft.“
Bei dieser Diskussion kamen sie nicht weiter. Siska ließ sich schließlich widerwillig von Roger und Chayenne auf die Füße zerren. „Seit wann genau hab ich eigentlich diesen Aufkleber mit der Aufschrift ‚Töte mich! Töte mich!’ auf der Stirn?“

„Wenn ihr Einheimische seht, dann bewegt euch nicht und tut so, als wärt ihr ein Baum. Wenn ihr bewaffnete Einheimische seht, die euch nicht für einen Baum halten, dann rennt weg. Wenn ihr Tiere seht, die euch fressen wollen, dann stellt euch tot. Wenn die Tiere auch Aasfresser sind, dann rennt weg. Wenn die Tiere schneller sind als ihr, dann versteckt euch. Wenn die Tiere intelligent genug sind, um euch zu finden, dann klettert auf einen Baum. Wenn die Tiere auch auf Bäume klettern können, dann tretet ihnen ins Gesicht. Wenn sie euch dann immer noch fressen wollen, dann… äh…“ Roger fiel bedauerlicherweise nicht mehr ein, was er sich für diesen Fall überlegt hatte.
„Dann hoffen wir, dass wir scheiße schmecken“, führte Siska den Satz zu Ende. Es war faszinierend anzusehen, wie ein Mensch alleine die ganze Zeit so furchterregend gucken konnte.
Im Inneren der Fähre war ein lautes Zischen zu hören, als sie sich vom Raumschiff löste. Ein paar Sekunden blieb sie in der Schwebe, bevor sie von Jenikk, den man nicht zu diesem Trip hatte überreden müssen, in Richtung Planet gesteuert wurde.
Der kritische Moment, als die Fähre in die Atmosphäre eintauchte, war schnell und problemlos überstanden. Dann kam lange Zeit gar nichts, während der freie Fall langsam abgebremst wurde. Bei 16 Kilometer Höhe tauchte die Fähre in eine große Wolkenmasse ein. Je weniger UFOs die Angehörigen der primitiven Zivilisation sahen beziehungsweise je weniger Angehörige der primitiven Zivilisation dieses UFO sahen, desto besser.
Geplanter Landeort war ein Küstenstreifen mit vielen Felsen, zwischen den man die Fähre verstecken konnte, am südöstlichen Rand der großen nördlichen Landmasse. Man sah sich allerdings bald gezwungen, die Pläne etwas zu ändern.
Irgendwann während des Sinkflugs über die große nördliche Landmasse ertönte ein dumpfer Knall und die Fähre hatte plötzlich ziemliche Schlagseite. Das war ein guter Moment, in Panik zu geraten.
„Ich glaube, da ist was ins Backbordtriebwerk geraten!“, kreischte Siska über die Schreie ihrer Begleiter hinweg, die angesichts der Seitwärtsrollen, die die Fähre jetzt machte, mächtig durcheinander kullerten.
„Das ist nicht gut!“, brachte Roger heraus, der ein dickes Kabel, das aus der Wand – jetzt aus der Decke – andere Wand – aus dem Boden – wieder aus der Wand – jetzt wieder Decke (und so weiter) ragte, zum Festhalten gefunden hatte.
„Das ist überhaupt nicht gut!“, antwortete Siska und studierte die Anzeigetafel, an der sie sich schon mehrmals den Kopf gestoßen hatte. „Jetzt fängt das Mistding auch noch Feuer!“
Inzwischen hatte die Fähre 1 Kilometer Höhe erreicht und der bewaldete Boden kam bedrohlich näher. Spätestens jetzt wurde es ratsam, den Absturzwinkel drastisch zu verkleinern, um den bevorstehenden Schaden etwas einzuschränken.
Irgendwie schaffte Jenikk es in letzter Sekunde, sich wieder zum Steuerpult vorzukämpfen. Das verbleibende Triebwerk ließ sich, wenn auch stark protestierend, dazu bewegen, den Bug etwas nach oben zu neigen.
Schon berührte die Fähre die ersten Baumwipfel (mit fatalen Folgen für die Baumwipfel) und traf bald darauf auf den Boden (mit fatalen Folgen für die Fähre). Nach einigen weiteren 100 Metern hatten die physikalischen Kräfte endlich ein Erbarmen und ließen sie zum Stehen kommen. Ihre Ruhe hatten die vier Insassen dennoch nicht.
„Raus hier! Gleich fliegt uns der Treibstofftank um die Ohren!“, überbrachte Siska die nächste unheilvolle Botschaft.
Alle sprangen aus der Fähre, die inzwischen zu brennen angefangen hatte, und machten, dass sie wegkamen. Man war in einem Wald gelandet, in dem sich etliche fremdartige Pflanzen auf dichtem Raum tummelten. Der Boden war mit Blättern und Gras bedeckt. Große Tiere mit scharfen Zähnen waren glücklicherweise nicht in Sicht. Das alles registrierten die Besucher allerdings nur am Rande, da sie gerade sehr damit beschäftigt waren, um ihr Leben zu rennen.
Chayenne konnte sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben so schnell gelaufen zu sein. Sie versuchte, Wege möglichst weit um Bäume und Büsche herum zu suchen, aber trotzdem peitschten ihr Zweige ins Gesicht und verfingen sich in ihren Haaren. In unregelmäßigen Abständen ragten kleine, unschuldig aussehende Baumwürzelchen aus dem Boden. Chayenne musste höllisch aufpassen, um nicht darüber zu stolpern, denn das hätte angesichts ihrer Geschwindigkeit und des in wenigen Sekunden bevorstehenden Trümmerhagels böse Folgen gehabt.
Als Chayenne kurz aufblickte, sah sie ein paar Meter vor sich Roger, der sich genauso mühsam durch das Dickicht kämpfte wie sie. Sie hatte ihn vorher gar nicht bemerkt.
Ihre Beine protestierten in Form von stechenden Schmerzen, als sie das Tempo noch etwas erhöhte, um zu ihm aufzuschließen. Kurz bevor sie ihn erreichte hatte, bemerkte sie, wie er, anscheinend von einer plötzlichen Ahnung gepackt, einen Blick über die Schulter warf. Sie fragte sich, was es da hinten so Interessantes zu sehen gab, und tat es ihm gleich. Just in diesem Moment entschloss sich der Treibstofftank der Fähre, in die Luft zu fliegen, was an dem grellen Lichtblitz, der über der Absturzstelle erschien, zu erkennen war.
Dieses Ereignis beanspruchte Rogers ganze Wahrnehmung so, dass eine besonders bösartige Baumwurzel die Gelegenheit ergriff, ihn über sich stolpern zu lassen. Genau da kam auch der laute Knall, den eine Explosion nun mal so an sich hat, an, was Chayenne aber auch nicht darauf vorbereitete, dass ihr Vordermann plötzlich nicht mehr weiter rannte. Mit voller Wucht krachte sie gegen ihn und beide gingen sehr unsanft zu Boden. Was darauf folgte, war erst einmal tiefe Schwärze.

8


Das Erste, was Chayenne hörte, als sie aufwachte, waren ein paar Wörter, die man in feinerer Gesellschaft besser nicht wiedergeben sollte. Noch ziemlich benommen drehte sie sich auf den Rücken, um die Ursache für diese Häufung von Flüchen zu ergründen.
Als Roger bemerkte, dass sie sich bewegte, verstummte er mitten im Satz.
„Bist du verletzt?“, fragte er stattdessen besorgt.
„Nicht besonders.“ Sie brachte sich in eine sitzende Position und betastete vorsichtig die Beule, die an der Stelle ansetzte, wo ihr Schädel mit dem Boden Bekanntschaft gemacht hatte. „Aber ein Blick in dein schmerzverzerrtes Gesicht gibt mir zu erkennen, dass es bei dir anders aussieht.“
„Kann ich nicht leugnen.“ Roger umklammerte krampfhaft sein rechtes Knie. „Fühlt sich nach Bänderriss an. Wäre nicht das erste Mal.“
„Meine Schuld, oder?“ Chayenne wirkte auf einmal sehr zerknirscht.
„Schon in Ordnung. Wenn du mich nicht niedergestreckt hättest, hätte das da es getan.“
Er deutete auf ein Trümmerteil der Fähre, das wenige Meter entfernt noch leicht vor sich hin glimmte.


„SIIISKAAA!!! JEEENIIIKK!!!“ Sie brüllten sich die Seele aus dem Leib, aber die beiden anderen meldeten sich nicht.
Schließlich ließ Chayenne sich resigniert neben Roger fallen und sagte in einem äußerst bedenklichen Tonfall: „Fassen wir die Situation zusammen. Keine Spur von Siska und Jenikk, du kannst nicht laufen, die Fähre hat sich in viele kleine Teile…“ In einem Anfall von plötzlicher Erkenntnis hielt Roger ihr schnell den Mund zu.
„Sei bloß still! Der Moment, in dem du die Situation zusammenfassen kannst, wird noch früh genug kommen! Wenn wir jetzt schon in Panik ausbrechen, dann ist alles verloren“, redete er auf sie ein, wobei er auch nicht gerade enthusiastisch klang.
Als Chayenne aufhörte zu zappeln und ihn nur noch böse anguckte, ließ er sie los. „Das ist also deine Art, mit Problemen umzugehen? Ignoriert sie, dann fressen sie euch nicht!“, zischte sie. Gleich darauf machte sie aber wieder ein etwas freundlicheres Gesicht. „Schon gut, ich weiß, was du meinst. … Und was machen wir jetzt?“
„Zur, ähm, ehemaligen Fähre zurückgehen, würde ich sagen. Vielleicht tauchen die anderen auch wieder dort auf.“

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