Explorer V | 4

Das mit dem Gehen gestaltete sich nicht gerade als einfach. Chayenne stützte Roger, so gut es ging, aber er war ziemlich schwer, sodass sie unter Gejammer und Gestöhne nur langsam vorankamen.
„Au. … Au. … Au. … Au. …“
„Hör auf, das bei jedem Schritt zu sagen. Das macht mich nervös.“
„Wir können gerne tauschen, wenn du willst.“
„Ich glaube, das ist nicht nötig. … Schau mal, auch an Schmerzen kann man etwas Positives finden. Du hast weder Migräne noch eine Mandelentzündung, keine Zahnschmerzen, keine Nebenhöhlenvereiterung, keine eingerissenen Fingernägel, keine abgetrennten Gliedmaßen, keinen Fußpilz – Obwohl… Das kann ich ja nicht wissen… – und, äh, keinen Fleischerhaken in der Brust.“ Sie strahlte ihn gewinnend an.
„Wie kommst du denn jetzt auf Fleischerhaken?“
„Nur so…“
Der Weg zurück zum Landeplatz waren gefühlte 50 Kilometer, was allerdings größtenteils an den ungewohnten Umständen lag. Immerhin konnten Chayenne und Roger nicht die Orientierung verlieren, da sie eine deutliche Spur in Form von abgeknickten Zweigen und aufgewirbeltem Laub hinterlassen hatten.
Dort, wo die Fähre die letzten Augenblicke ihres metallischen Lebens verbracht hatte, war eine mittelgroße Lichtung mit einem Fleck stark verkohlter Erde in der Mitte entstanden. Einige kleinere Trümmerteile lagen weit über das Gebiet verteilt. Es grenzte an ein Wunder, dass die Explosion keinen Waldbrand verursacht hatte.
„Keiner da. Und von der Fähre ist überhaupt nichts übrig.“ Chayenne setzte Roger vorsichtig ab und ließ sich dann neben ihn sinken. Die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Aber wir dürfen jetzt nicht den Kopf verlieren, gell?“ Ein Anflug von sehr kopfloser Angst schwang in ihrer Stimme mit.
„Ganz genau. Wir sind zwar mitten im Dschungel auf irgendeinem unerforschten Planeten und die einzige Möglichkeit, hier wegzukommen, liegt in winzig kleinen Teilen in der Gegend verstreut, aber…“ Roger blickte direkt in ein Gesicht mit zwei hochgezogenen Augenbrauen. „Du hast Recht. Das funktioniert nicht.“
„Es ist zwar nur ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer, aber vielleicht hat einer von den anderen beiden ein Funkgerät gerettet. Oder was anderes Nützliches…“, sagte Chayenne, nachdem sie einige Minuten damit verbracht hatten, schweigend auf den Boden zu starren. Was sie damit meinte, war: „Ich kann nicht hier nicht rumsitzen und warten, bis ich anfange zu schimmeln.“
„Tu dir keinen Zwang an“, meinte Roger, dem es nicht schwer gefallen war, zu erraten, was sie wirklich meinte. „Geh sie suchen. Ich warte so lange hier.“
„Ist das der richtige Zeitpunkt für Sarkasmus? Na egal.“ Sie drückte ihm einen herumliegenden Ast in die Hand. „Wenn ein hungriges Tier hier vorbeikommt, dann hau ihm damit auf den Kopf und schrei.“
Chayenne fand relativ schnell eine Spur im Unterholz, die nach rechts vom Ausgangspunkt wegführte. Allerdings endete diese Spur auf einer kleinen Lichtung, die mit Moos bewachsen war und keine Blätter zum Aufwirbeln bereithielt. Mit den ersten wirklichen „Wir-sind-verloren-und-das-ist-ein-bekloppter-Ort-zum-Sterben“-Gedanken machte sie sich wieder auf den Rückweg.
Chayenne kam verkratzter, verdreckter und deprimierter als je zuvor zurück. Keine Siska, kein Jenikk, keine sonstigen Überraschungen. Jetzt hatte man wirklich alles versucht und konnte nur noch auf ein Wunder warten. Mit anderen Worten: Der Zeitpunkt, ab dem man den Kopf verlieren durfte, war gekommen.
„Wie geht’s deinem Knie?“, begrüßte Chayenne Roger, der immer noch brav den Ast in der Hand hielt.
„Gut, sehr gut. Der Schmerz ist jetzt mein Freund. Lenkt von finsteren Gedanken ab.“ Bei dieser Äußerung hatte er einen verklärten Blick aufgesetzt, der den Eindruck eines Truthahns auf LSD erweckte.
„Ist in den letzten zehn Minuten was passiert, wovon ich wissen sollte?“
„War nur ein Witz.“ Roger bot ihr mit einer Geste, als handelte es sich um eine Ledersitzgarnitur mit extra Polsterung und Massagefunktion, den Platz zu seiner Linken an. „Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du doch so gerne die Situation zusammenfassen. Jetzt wäre ein geeigneter Moment dafür.“
„Aber gerne doch“, holte Chayenne aus. „Aaalso. Wir sind auf einem unerforschten Planeten gestrandet, die Fähre hat sich in viele kleine Teile aufgelöst, ebenso die gesamte Ausrüstung, zwei Leute gelten als vermisst, du kannst nicht laufen, wir haben nichts zu essen, … oh - jetzt wird’s auch noch langsam dunkel und es fängt an zu regnen.“

Platsch. Platsch. Platsch.
Riesige, fette Regentropfen fielen auf den Boden und verwandelten die Erde in kürzester Zeit in Matsch. Was als leichter Schauer begonnen hatte, war zu einem Wolkenbruch der übelsten Sorte ausgeartet. Nicht einmal die in mehr als ausreichender Anzahl vorhandenen Bäume boten Schutz, die Wassermassen fanden ihren Weg durch das dichte Blattwerk, als wäre es nicht da. Dunkelgraue Wolkenmassen verdeckten den ganzen Himmel und ließen keinen einzigen Strahl der untergehenden Sonne durch.
Mittendrin zwei traurige Gestalten, die sich mehr oder weniger mit der Situation abgefunden hatten.
„Wir werden sterben. Wir werden sterben“, wiederholte Chayenne und kippte ebenfalls zum wiederholten Male das Wasser aus ihren Schuhen.
Roger knuffte sie in die Seite. „Dadurch, dass du das dauernd sagst, geht es auch nicht schneller.“
„Ach, sei still. Ich versuche nur, mich von noch finstereren Gedanken abzulenken.“
„Ha ha. Galgenhumor ist was Tolles, gell?“
Der Regen nahm an Heftigkeit ein wenig ab, aber die Temperatur sank mit dem Einbruch der Dunkelheit rapide. Roger und Chayenne rückten näher zusammen. Als er merkte, wie sehr sie zitterte, legte er einen Arm um ihre Schultern, was sie mit einem dankbaren Blick quittierte. Dieses Wetter war nichts für Leute, die von einem Wüstenplaneten kamen.
„Das ist wie Zelten, nur schlimmer“, brach Roger das darauf folgende peinliche Schweigen. „Wie hab ich das als Kind aus tiefstem Herzen gehasst.“
„Warum denn?“ Chayenne war froh, nicht den ganzen Abend apathisch herumsitzen zu müssen und darauf zu warten, den Verstand zu verlieren.
„Na ja, meistens erwischt man eine Nacht wie die hier, und irgendwo ist das Zelt garantiert undicht. Oder der Boden ist uneben. Und im Sommer gibt’s massenhaft Mücken. Oder alles zusammen. Am lebhaftesten ist mir der letzte Zeltausflug in Erinnerung geblieben…“
„Was war beim letzten Zeltausflug?“
„Also, mitten in der Nacht fängt meine Mutter plötzlich an zu kreischen wie diese Mädchen in schlechten Horrorfilmen. Mein Vater und ich springen sofort auf, bereit, alle Arten von Waschbären, Killer-Hornissen und betrunkenen Teenagern zu bekämpfen. Aber da ist nichts und niemand. Ein lauer Westwind weht, die Sterne funkeln am Himmel und wir wundern uns ein bisschen, dass man in diesem winzigen Zelt plötzlich aufrecht stehen kann.“ Er machte eine Kunstpause. „Letzteres liegt daran, dass jemand das Zelt geklaut hat.“
Chayenne fing an zu lachen.
„Lachst du mich aus?“
„Ja.“
„Hm. Na ja, selber Schuld, ich hätt’s dir ja nicht erzählen müssen.“
„Hast du noch mehr Geschichten in der Art?“, fragte Chayenne mit großen Augen, als sie genug gelacht hatte.
„Nichts, worüber taktvolle Personen lachen würden.

Irgendwann sank Chayennes Kopf auf Rogers Schulter und sie begann, leise zu schnarchen.
‚Na, die hat Nerven’, dachte Roger leicht amüsiert. ‚Wie kann man denn in so einer Situation einfach einschlafen?’ Er drapierte vorsichtig ihre Mähne auf die andere Seite, damit ihm nicht noch mehr Wasser in den Kragen rann, und nahm schon mal im Voraus Anteil an den Nackenschmerzen, die sie am nächsten Morgen haben würde.
Es regnete weiterhin wie aus Eimern. Die Sterne versteckten sich hinter den Wolken. Auch die Explorer V war nirgends zu sehen. Die Leute da oben machten sich bestimmt irrsinnige Sorgen, aber ihnen waren die Hände gebunden. Es gab nur eine Fähre (vielmehr hatte es eine gegeben) und das große Raumschiff war nicht für Landungen konstruiert, was zwar nicht hieß, dass es unmöglich war, aber es war auf jeden Fall nicht empfehlenswert.
‚Wir werden sterben. Wir werden sterben.’
Er betrachtete die schlafende Chayenne eingehend. In dem winzigen Bisschen Licht, das von irgendwoher kam, erinnerte sie ihn für einen Moment an jemand anders. Aber nur für einen Moment.

Ein lautes Brummen weckte Roger auf.
‚So viel zum Thema ‚Wie kann man denn in so einer Situation einschlafen’…’
Es war der nächste Morgen, die Sonne strahlte vom Himmel, als wäre nichts gewesen, überall in der Umgebung zwitscherten Vögel (falls es Vögel waren), ein sanfter Wind strich durch die Baumkronen und … da war dieses Geräusch.
Auch Chayenne war sofort hellwach. „Was … ist … das?“, fragte sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme.
„Etwas Beunruhigendes, würde ich sagen“, stellte Roger weise fest. „Weg hier!“ Er sprang auf, aber das verletzte Knie spielte da nicht mit. Mit Sternchen vor den Augen und einem unanständigen Wort auf den Lippen setzte er sich wieder. „Planänderung: Wir stellen uns tot.“
Dazu ergab sich allerdings keine Gelegenheit mehr, denn das Etwas, welches das beunruhigende Geräusch verursachte, brach in diesem Moment durch die Büsche. Es war ein … Auto.
Für primitive Zivilisationen vor der Erfindung elektrischen Stroms und solcher Sachen war es relativ ungewöhnlich, Autos und ähnliche Fortbewegungsmittel zu besitzen egal, wie weit ihr Planet von bekanntem Gebiet entfernt war. Deshalb war der Anblick dieses weißen Geländewagens mit blank poliertem Lack und gewaltigen Reifen auch relativ schockierend.
Das Auto kam mitten auf der Lichtung elegant zum Stehen, die Türen öffneten sich, und zwei Personen stiegen aus. Eine davon war Siska und die andere ein Mann mit lila Haaren und großen Ohren. Nach dem Anblick des Autos war das nicht mehr besonders schockierend, aber doch noch für ein paar hochgezogene Augenbrauen gut.
„Na, gibt’s euch auch noch?“, begrüßte Siska Chayenne und Roger, während sie auf sie zustapfte, mit einem Gesicht, als wäre sie eben nicht aus einem weißen Geländewagen gestiegen, der rein technisch gesehen nicht existieren durfte.
„Das war aber auch schreckliches Wetter letzte Nacht“, sagte der Mann mit den lila Haaren und den großen Ohren, wobei er nicht besonders primitiv klang.
„Ich heiße übrigens Hiru und wohne hier in der Nähe“, redete der Einheimische munter weiter, als er merkte, dass sich anscheinend niemand über das Wetter unterhalten wollte. „Schön, Sie kennen zu lernen.“ Er schüttelte Chayenne und Roger die Hände, wobei deren Reaktionen eher gering ausfielen.
„Irgendwas hab ich verpasst“, murmelte Roger, als er endlich die Sprache wieder fand.
Hiru hielt es für angebracht, ein paar Sachen zu erklären: „Unsere Zivilisation ist gar nicht so primitiv, wie es von da oben aussieht. Das ist nur Tarnung, damit uns die Fenranier in Ruhe lassen. In Wirklichkeit wohnen wir in unterirdischen Städten und haben, äh, zum Beispiel Autos“ – Er deutete auf das Gefährt hinter sich. – „und Universalübersetzer.“ Er stupste das kugelförmige Etwas an, das an einem Bändchen um seinen Hals baumelte und alles andere als hightech-artig aussah.
Seine (mehr oder weniger) Gesprächspartner starrten ihn an wie das sprichwörtliche Kaninchen das auf es zurasende Auto.
„Ich glaube, das ist alles etwas viel auf einmal“, meinte Siska.


9



Als sie wohlbehalten auf der Ladefläche des Wagens verstaut durch den Dschungel bretterten, lockerte sich der Griff des Kaninchen-Autoscheinwerfer-Schockzustands etwas.
„Was sind denn Fenranier?“, fragte Chayenne.
„Keine Ahnung, ich kenn den Kerl auch nur ’ne halbe Stunde länger als ihr“, erwiderte Siska, die auch auf der Ladefläche Platz genommen hatte, um ihren traumatisierten Freunden ein wenig Gesellschaft zu leisten. „Muss jedenfalls was Ernstes sein. Die haben da ein ganzes Dorf aus Lehmhütten über ihrer Stadt gebaut, fast alle laufen barfuß rum, da hängen Kessel über offenem Feuer und die Kinder spielen auf der Straße Fangen. Gruselig ist das. Vor allem, wenn man noch glaubt, dass das alles echt ist und dann plötzlich ein freundlicher, frisch rasierter Typ vor einem steht und höflich und akzentfrei fragt, ob man nicht aus der Gegend kommt.“
Dieses Erlebnis musste Siska wirklich sehr aufgewühlt haben, denn so viel redete sie normalerweise nicht an einem ganzen Tag.
„Die Frage, ob ihr Jenikk gesehen habt, kann ich mir wohl ziemlich sparen“, fiel Siska nach ein paar Minuten des Schweigens ein. Sie guckte die beiden anderen auffordernd an. „Hey, warum sagt ihr nichts?“
„Wir sparen uns die Antwort“, sagte Chayenne.
„Und wir malen uns Szenen aus, in denen große, hungrige Tiere vorkommen“, ergänzte Roger.
„Ich dachte, ich wäre hier für die sarkastischen Kommentare zuständig“, erwiderte Siska mit einem kritischen Blick. „Nee, im Ernst, hoffentlich finden wir ihn in einem Stück wieder…“
Der Wagen fuhr durch eine Gruppe riesiger, dichter Büsche und schon tauchte das auf einer geräumigen Lichtung gelegene Dorf vor den Augen der erstaunten Besucher auf. Siska hatte nicht übertrieben: Moderne Technik war wirklich das Letzte, was man an diesem hübschen, ruhigen Ort, der wie ein Überbleibsel aus einer längst vergangen Zeit erschien, erwartet hätte. Das Auto parkte elegant neben einem besonders schnuckeligen, kleinen Häuschen am Rand des Dorfes ein.
„So, da wären wir. Alles ausstiegen!“, rief Hiru überflüssigerweise seinen Fahrgästen zu.
Es überraschte keinen mehr sonderlich, dass das Auto, nachdem es vollständig geräumt worden war, auf einer Plattform in seine ganz persönliche unterirdische Garage hinab gefahren wurde, woraufhin sich diskret eine Platte mit echt aussehender Erde über das entstandene Loch schob. Als wäre nie ein Auto da gewesen. Die perfekte Tarnung.
„Können Sie jetzt noch mal ganz langsam erklären, wozu das alles gut ist?“, fragte Roger zaghaft, während sein Blick zwischen dem in grobes Leinen gekleideten Mann und dem Auto, das nicht mehr da war, hin und her wanderte.
Hiru wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da kam wild gestikulierend eine junge Frau angerannt und schrie seinen Namen. Sie war vielleicht 16, 17 Jahre alt, hatte ebenfalls lila Haare und große Ohren und war ähnlich altertümlich gekleidet.
„Hiru! Wir haben…“ Sie brach ab und nahm sich erst mal ein paar Sekunden Zeit, um die Fremden ungeniert anzustarren, fand dann aber die Sprache wieder. „Wir haben noch einen gefunden! Diesmal ist es ein grüner! Looos, mitkommen!“ Sie drehte sich um und war schon wieder weg.
„Äh, das war Zarnea, meine kleine Schwester“, erklärte Hiru. „Ja, die war schon immer so“, fügte er auf einige entsetzte Blicke hinzu. „Der, den Sie noch vermissen, ist nicht zufällig, äh, grün?“
Sie folgten der aufgedrehten Zarnea mehr oder weniger zügig, wobei Chayenne und Siska Roger unter großer Anstrengung irgendwie mitschleiften [„Du könntest ruhig mal ein bisschen abnehmen!“ – „Du weißt ja bereits, wie sehr wir alle deinen Charme schätzen, Darling.“]. Das Ziel war eine Art Platz im Zentrum der Siedlung, dessen Mitte ein großer Baum mit Bänken drum herum zierte.
Auf einer der Bänke saß Jenikk, der einer Gruppe von Kindern, die vor ihm auf dem Boden saßen, etwas äußerst Spannendes zu erzählen schien. Auf seinen Füßen lag etwas, das wie ein gigantischer, fetter, unnatürlich gefärbter Hund aussah. Als Jenikk seine Freunde kommen sah, winkte er ihnen fröhlich und erleichtert zu.
„Hallo! Ich würde euch ja jetzt gerne allen um den Hals fallen, aber ich kann grade nicht aufstehen.“ Er deutete auf den gigantischen, fetten, unnatürlich gefärbten Hund auf seinen Füßen. „Das ist übrigens Poochie. Ich glaube, er hält mich für seine Mama.“
„Das ist ein Khlurrquatt!“, krähte der kleine Junge, der Poochie am nächsten saß.
„Die schlüpfen aus Eiern und sind sofort auf das erste Lebewesen, was sie sehen, geprägt. Und das muss nicht unbedingt ihre richtige Mama sein“, erklärte das eine der beiden Mädchen, die Zwillinge sein mussten.
„Sie folgen dem Lebewesen dann so lange, bis sie ausgewachsen sind“, fügte das zweite Mädchen hinzu.
„Und sie werden soooo groß!“, rief ein anderer kleiner Junge, stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme hoch.
Das hatten sie Jenikk zwar alles schon erzählt, aber er wurde trotzdem augenblicklich sehr blass.
„Dann sind wir jetzt wohl wieder komplett plus einer“, bemerkte Siska. „Niedliches kleines Kerlchen. Immerhin hast du jetzt nie wieder kalte Füße.“

10



Die Stimmung an Bord der Explorer V war ziemlich gedrückt, seit das letzte Signal vom Erkundungsteam ein großer Knall gewesen war. Es war zwar sehr sicher, dass alle noch lebten, wenn man den im Teststadium befindlichen, hochmodernen Sensoren glauben konnte, aber es herrschte beträchtliche Ratlosigkeit darüber, was jetzt zu tun war.
Es gab folgende Möglichkeiten: Man konnte A) versuchen, dass ganze Schiff zu landen, oder B) so lange Fertiggericht „Nummer 16“ vermischt mit Hustensaft in sich hineinstopfen, bis sich einem der Sinn des Lebens erschloss.
Das Problem bei Möglichkeit A) war, dass das Raumschiff nicht zum Landen konzipiert war und bei so einem Versuch genauso enden konnte wie die Fähre. Das Problem von Möglichkeit B) war, dass der Typ, der es schon mal versucht hatte, an dem Cocktail gestorben war, bevor er sagen konnte, was denn nun der Sinn des Lebens war. Und außerdem half das den Leuten, die unten auf dem Planeten festsaßen, auch nicht weiter. Glücklicherweise gab es auch noch Möglichkeit C), die beinhaltete, dass die Leute, die unten auf dem Planeten festsaßen, anderweitig Hilfe bekamen.
„Stellt den Hustensaft weg, Leute! Wir haben ein Signal!“, jubelte Hitch plötzlich mitten in einer besonders depressiv-apathischen Stunde.
Sekundenbruchteile später waren alle hellwach und starrten erwartungsvoll auf den Frontbildschirm.
„Haaallo, wir leben noch!“, meldete sich ein ziemlich lädiert aussehender Roger, umringt von drei anderen ziemlich lädiert aussenden Gestalten.
Fünf ungläubig-erstaunte Gesichter glotzten zurück. „Das freut uns“, sagte Takeru schnell, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass dem nicht so wäre.
„Also, das ist alles nicht unbedingt so, wie wir erwartet hatten“, begann Chayenne zu erklären. „Diese Zivilisation ist nämlich gar nicht so primitiv. Das ist nur Tarnung.“
„Die Makii, so nennen die sich hier, sind übrigens alle sehr nett und gastfreundlich“, meinte Jenikk und zog Hiru, der daraufhin freundlich winkte, in den Aufnahmebereich der Kamera. „Also, uns geht’s gut.“
„Die wollen uns auch eine neue Fähre bauen“, fügte Siska hinzu. „Ihr müsst also nicht versuchen, den ganzen Pott zu landen.“
Eine Welle der Erleichterung machte sich auf der Kommandobrücke breit. Über Möglichkeiten A) und B) musste man sich jetzt keine Gedanken mehr machen.


Hiru und Zarnea führten die Besucher, dicht gefolgt von Poochie, der Jenikk nicht mehr aus den Augen ließ, aus der alten Funkanlage hinaus, wobei Zarnea von dem ganzen Staub, der sich darin angesammelt hatte, immer noch niesen musste.
„Haben wir lange nicht mehr benutzt, das Ding. Als wir zum letzten Mal Kontakt mit irgendwelchen Außenweltlern hatten, war ich noch soo klein“, erklärte Hiru und deutete mit der Hand die Höhe eines Kleinkinds an. „Und die haben nur nach dem Weg gefragt… Kurz danach hatten wir hier schon alles unter die Erde gelegt.“
Sie gingen durch die unterirdischen Straßen der richtigen Stadt auf das unterirdische Rathaus zu. Von so wichtigen Ereignissen wie Besuchern von einem (beziehungsweise mehreren) anderen Planeten sollte doch zumindest der Bürgermeister in Kenntnis gesetzt werden. Ein paar Schaulustige kamen kurz aus ihren unterirdischen Häusern, um auch ein Stückchen von dieser Sensation live mitzuerleben. Die meisten Einwohner waren schließlich so jung, dass sie noch nie einen Außenweltler gesehen hatten.
„Wie ist es denn jetzt eigentlich dazu gekommen? Also zu all dem hier?“, fragte Roger, dessen Knie inzwischen versorgt worden war, sodass er wieder einigermaßen laufen konnte.
„Ach ja, die Fenranier“, seufzte Hiru. „Wird Zeit, dass ich Ihnen das erzähle.“


„Es ist erst ein paar Jahrzehnte her, dass wir wunderbare Beziehungen zu anderen Welten hatten und selber in Raumschiffen rumgeflogen sind und das Weltall erforscht haben. Das waren goldene Zeiten… Nicht, dass es uns jetzt schlecht gehen würde, aber es war wohl schon schöner, auf der Erdoberfläche zu leben; und zu wissen, dass es da draußen noch andere Leute gibt, aber sie nicht erreichen zu können, das ist echt traurig. Es kam nämlich so, dass eines Tages die Fenranier auf der Bildfläche erschienen sind und alles niedergewalzt haben, was ihnen in die Quere gekommen ist. Die Fenranier sind eine besonders gemeine Form von Weltraumpiraten und sie sind auch noch unwahrscheinlich dumm. Diese Kombination führt wohl dazu, dass sie nichts selbst erfinden oder beschaffen, sondern alle Planeten und Raumschiffe, wo es etwas zu holen gibt, besetzen beziehungsweise abschießen. Seit wir von ihren erfahren haben, haben sie einen Korridor von über 200 Lichtjahren Länge erobert.
Viele Völker, zu denen wir Kontakt hatten, sind den Fenraniern zum Opfer gefallen. Wie wir diesem Schicksal entgangen sind, sehen Sie ja hier. Unser Leben spielt sich in strahlungsundurchlässigen Höhlen unter der Erde ab. Ein paar primitive Dörfer auf der Oberfläche – und die Täuschung war perfekt. Sie sind ja auch drauf reingefallen.“


„Ich freue mich, Sie in meiner bescheidenen, kleinen Stadt willkommen zu heißen!“, begrüßte der Bürgermeister die Gäste fröhlich und schüttelte allen die Hand.
Er hieß Malohan, war relativ klein und korpulent, hatte nicht mehr all zu viele Haare auf dem Kopf und wirkte sehr aufgeregt. „Schauen Sie sich hier ruhig ein bisschen um, ich hole so lange ein paar Getränke“, sagte er hektisch und wuselte ins Nebenzimmer.
„Er sieht nicht aus, als ob er sonderlich geeignet für den Posten wäre, aber er ist schon seit 10 Jahren Bürgermeister und es gab noch keine einzige Demonstration. Vor kurzem hat er erst einen verbesserten Plan für die Müllabfuhr entworfen und der Grundschule eine neue Sporthalle gebaut“, flüsterte Zarnea auf die ungläubigen Blicke hin.
Der Bürgermeister brauchte ziemlich lange mit den Getränken (vielleicht hatte er vor Aufregung alles verschüttet und musste sich noch umziehen), also schauten sich Roger und die anderen tatsächlich ein bisschen um.
An einer Wand hingen Bilder von wichtig aussehenden Leuten verschiedenster Spezies (darunter auch jemand, der wie eine unförmige, grüne Katze aussah). Ein alter Mann mit blasser Haut, schütterem Haar und intensiven, hellblauen Augen fiel besonders auf.
„Den haben wir doch schon mal gesehen“, sagte Chayenne leise.
Nach ein paar Minuten kam Malohan mit ein paar Gläsern zurück, in denen sich etwas befand, das… … Jedenfalls war es grün. Um nicht unhöflich zu sein, nahm man natürlich einen (vorsichtshalber nicht zu großen) Schluck. Das Getränk hatte einen leicht waschpulverartigen Nachgeschmack (nicht, dass jemand jemals vorher Waschpulver probiert hätte), aber wenigstens war es süß.
Da der Bürgermeister noch krampfhaft nach passenden Gesprächsthemen zu suchen schien (man konnte förmlich beobachten, wie es hinter seiner Stirn ratterte), begann Roger, Fragen zu stellen.
„Was sind das denn für Leute auf den Fotos?“
„Oh, das sind die Staatsoberhäupter der Planeten, zu denen wir mal Beziehungen hatten. Oder das waren sie. Wahrscheinlich eher waren. Ist ja alles lange her.“ Der Bürgermeister war ersichtlich froh darüber, nicht mehr über Gesprächsstoff nachdenken zu müssen. „Ich hab natürlich keinen von ihnen je getroffen, da müssen Sie schon den Präsidenten fragen. Aber die sollen alle sehr nett sein. Oder nett gewesen sein. Weiß ja nicht, alles sehr lange her. Lady M’Eqa, die Kleine da mit den schwarzen Haaren, ist jetzt wahrscheinlich eine alte Frau.“
„Und wer ist das?“, fragte Siska beherzt und deutete auf das Bild des Manns, den sie schon mal gesehen hatten.

„Das“, sagte der Bürgermeister mit ehrfurchtsvoller Stimme, „ist Kanzler Suhanoon vom Volk der Esondo. Das war eine hoch entwickelte Zivilisation, die älteste, die war gekannt haben, aber mit denen hat’s, schon einige Zeit bevor die Fenranier kamen, ein trauriges Ende genommen. Auf ihrem Planeten hatte schon vor Ewigkeiten die Eiszeit angefangen, alle Pflanzen sind eingegangen, und langsam wurde es wirklich zu kalt für die Leute. Wir haben ihnen angeboten, hierher zu kommen, aber sie haben gesagt, sie hätten schon eine andere Lösung gefunden. Dann waren sie plötzlich alle weg. Wir wissen bis heute nicht, was sie gemacht haben, und wir werden’s wohl nie erfahren.“ Malohan machte eine Pause, um nach dem Redeschwall wieder zu Atem zu kommen.
„Wo liegt denn dieser Planet – nur so aus Neugier?“, fragte Roger, um ganz sicher zu gehen, dass sie hier nicht aneinander vorbeiredeten.
„Moment“, sagte der Bürgermeister und wandte sich einem Bildschirm auf seinem Schreibtisch zu. Er ließ eine detaillierte Sternenkarte erscheinen. „Hier sind wir … da ist eine Ansammlung von uralten Zwergsternen, kurz dahinter ein Ausläufer des Kaninchenkopfnebels … und da drüben haben die Esondo gewohnt. Entfernung ungefähr 16 Lichtjahre.“
Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. „Da waren wir schon“, sagte Roger endlich.
Malohan, Hiru und Zarnea machten große Augen, der Bürgermeister ließ zusätzlich sein Getränk fallen.
Siska war wirklich kurz davor „Hoffentlich fallen sie jetzt nicht auf die Knie und beten uns an“ zu sagen, aber sie konnte sich noch rechtzeitig die möglichen Folgen ins Bewusstsein rufen.
Da fiel Malohan auf die Knie und rief: „Die Götter haben Sie geschickt!“ Ein paar schockierte Blicke brachten ihn aber dazu, gleich wieder aufzustehen. Er wandte den Blick zur Decke und breitete euphorisch die Arme aus. „Ich wusste, dass diese Woche etwas Besonderes passiert, aber ich hätte nie gedacht, dass wir jetzt endlich vom Schicksal der Esondo erfahren! Ich rufe gleich den Präsidenten an!“
„Aber… Wir haben auch nicht rausgekriegt, was mit denen passiert ist“, wandte Jenikk vorsichtig ein.
Der Gesichtsausdruck aller anwesenden Einheimischen wechselte schnell zum „Wo-ist-die-nächste-Wand-ich-will-meinen-Kopf-dagegen-schlagen“-Blick.
„Aber… Wir haben in einem großen, schwarzen Gebäude eine Art Video gefunden“, sagte Chayenne. Die Weltuntergangs-Gesichter wandelten sich in erwartungsvolle. „Da ist dieser Kanzler Suhanoon zu sehen und er erzählt etwas. Wir haben es nicht geschafft, die Sprache zu übersetzen“, fuhr Chayenne fort.
„Aber wir können das übersetzen!“, jubelte der Bürgermeister. „JETZT rufe ich wirklich den Präsidenten an!“
Man konnte ihn glücklicherweise noch überzeugen, den Präsidenten erst anzurufen, wenn Ergebnisse vorlagen. Die Daten waren schnell vom Raumschiff herunter gesendet und ein Programm, das die hochkomplexe Sprache der Esondo entschlüsseln konnte, konnte auch noch irgendwo aufgetrieben werden.
Die Spannung stieg. Nur noch ein paar Minuten, und das Geheimnis um das Verschwinden einer ganzen Zivilisation würde hoffentlich gelüftet sein…

Es war jetzt mindestens das 237. Mal, dass die Leute von der Explorer V dieses Video sahen, aber sie konnten feststellen, dass es unheimlich Spaß machte, wenn man plötzlich alles verstand. Auch verständlich war allerdings, dass der Inhalt der Botschaft diese aufkeimende Freude etwas dämpfte.
Der alte, runzlige Mann, der also Kanzler Suhanoon vom Volk der Esondo war, erzählte diesmal folgendes: „Hallo, liebe Fremde, wer auch immer Sie sein mögen. Ich bin Suhanoon, Kanzler der Esondo, von denen nichts mehr übrig sein wird, wenn Sie diese Aufzeichnung sehen. Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, warum Sie diesen Planeten so verlassen vorgefunden haben. Ich will es Ihnen erklären.“ Er rang sichtbar um Fassung, angesichts der Tatsache, dass er wusste, wie viele Minuten es noch bis zur Apokalypse waren. „Schon vor langer, langer Zeit hat eine neue Eiszeit begonnen. Bis jetzt haben wir es noch durchgestanden, aber es wird langsam zu kalt für das Leben auf diesem Planeten. Unsere lieben Freunde, die Makii, haben uns angeboten, zu ihnen überzusiedeln, aber das wollen wir ihnen nicht zumuten. Es gibt eine viel, viel bessere Lösung.“
Kanzler Suhanoon zeigte in einer weit ausholenden Geste auf die weiße Säule, die hinter ihm stand und die später den Raum in grelles, weißes Licht tauchen sollte. „Auf diesem Gerät hier hinter mir“, fuhr er fort, „lastet das Schicksal unseres gesamten Volkes.“ Man sah, wie er angestrengt nachdachte, um den folgenden komplizierten Sachverhalt möglichst verständlich erklären zu können. „Haben Sie vielleicht schon mal darüber nachgedacht, was mit den Zivilisationen passiert ist, die gelebt haben, bevor Ihr und unser Sonnensystem überhaupt entstanden ist? Wenn sie noch da wären, wo wären diese Leute dann heute? Wie fortschrittlich, erleuchtet und weise kann man überhaupt werden? Geht der Fortschritt unendlich weiter? Die Antwort darauf klingt vielleicht unglaublich, aber sie ist wahr.“
Der alte Mann redete schneller und schneller, um es endlich hinter sich zu bringen.
„Wenn man an einem bestimmten Punkt angekommen ist, an dem alles bis ins letzte Detail erforscht, beleuchtet und unters Volk gebracht ist, und wenn man nichts mehr erreichen kann, dann ist die Zeit gekommen, alles in diesem Universum hinter sich zu lassen und in eine höhere Daseinsform aufzusteigen. Sagen Sie selbst, haben Sie sich das nicht schon immer gedacht?
Ja, genau das ist mit den Völkern passiert, auf deren in eine unheimliche Aura getauchten Planeten wir mitten im Dschungel unzerstörbare Zahnprothesen und ähnliche Dinge gefunden haben, die sich anders schlecht erklären lassen. Und was hat das jetzt alles mit uns zu tun? Hier kommen wir auf dieses Ding zu sprechen.“ Er zeigte noch einmal auf die weiße Säule.
„Bis wir diese Schwelle zur höheren Daseinsform erreichen, dauert es noch ein paar Jahrhündertchen, so haben ein paar besonders kluge Leute ausgerechnet. Aber wir müssen jetzt hier weg, in ein paar Jahrhündertchen ist es zu spät. Also warum nicht dem Prozess ein wenig auf die Sprünge helfen?“ Das Staatsoberhaupt versuchte, feierlich zu klingen, aber stattdessen begann er vor Aufregung zu zittern.
„Genau dieses Ding hier hinter mir wird alle Esondo in diesem Sonnensystem in die, wenn wir es so ausdrücken wollen, nächste Dimension katapultieren. Zumindest, wenn es funktioniert. Wir haben keine Ahnung, was passiert, wenn es nicht funktioniert. Wir wissen ja nicht mal, wie es sein wird, wenn wir denn wirklich diese höhere Daseinsform erreicht haben. Das alles ist eine verdammt ungewisse Sache.“
Eine junge, schwarzhaarige Frau mit einem kompliziert aussenden technischen Gerät in der Hand trat ins Bild und sagte leise zu Suhanoon: „Sir, wir sind jetzt so weit.“
„Ich bin noch nicht fertig!“, zischte dieser zurück, wobei er wohl unwirscher klang, als er beabsichtigt hatte. „Der Weltuntergang kann doch bestimmt noch fünf Minuten warten.“ Die junge Frau warf ihm einen besorgten Blick zu und verließ den Erfassungsbereich der Kamera.
„So, gleich ist die Zeit gekommen“, nahm der Sprecher den Faden wieder auf. „Wegen der wahnsinnigen Ungewissheit gibt es natürlich auch mehr als genug Gegner dieser radikalen Maßnahme. Ich selbst habe nicht wirklich eine Meinung. Ich weiß nur, dass diese Spezialisten hier“ – Er deute auf einen Mann, der gerade durchs Bild lief. – „sich selten irren. Und ich weiß, dass in ein paar Minuten nichts mehr so sein wird wie bisher.“
Er verbeugte sich würdevoll und blickte ein letztes Mal mit seinen intensiven, hellblauen Augen genau in die Kamera. „Leb wohl, Universum.“
Dann war die Aufzeichnung beendet.

Eine ganze Zeit lang sagte niemand der Zuschauer etwas. Das Gehörte musste erst mal jeder für sich verarbeiten. Wie oft kam es schon vor, dass einem die Lösung eines der größten Rätsel des Universums auf dem Präsentierteller überbracht wurde? Aber konnte man sich überhaupt sicher sein, dass die Esondo sich über das Schicksal aller untergegangener hochentwickelter Zivilisationen sicher waren? Kanzler Suhanoon hatte nicht wirklich erklärt, wie man zu dieser Erkenntnis gelangt war.
„Okay, jetzt wissen wir endlich, wohin alle gegangen sind“, sagte Bürgermeister Malohan schließlich andächtig. „Aber was wir wohl wirklich nie erfahren werden ist, ob es funktioniert hat.“
Trotzdem hielt ihn keiner auf, als er diesmal wirklich den Präsidenten anrufen ging.
„Dann waren Fayes Gespenster wohl das, was von den Esondo … übrig geblieben ist“, setzte Roger das Puzzle zusammen. „Und auch hier können wir nicht erkennen, ob das denn alles so sein sollte.“
„Traurig“, kommentierte Siska, ausnahmsweise ohne jeglichen Sarkasmus. „Sehr traurig.“

Gegen Abend war die neue Fähre fertig. Ein paar technisch begabte Anwohner hatten einen kleinen, alten Raumgleiter, der noch aus besseren Zeiten übrig geblieben war, entstaubt und wieder instand gesetzt.
Es wurde auch langsam Zeit, aufzubrechen, denn inzwischen hatte wohl mindestens die halbe Planetenbevölkerung von den Besuchern erfahren und es war mit Sicherheit kein Spaß, die ganze Nacht lang peinliche Fragen von überdrehten Reportern zu beantworten. „Und Sie wollen jetzt wirklich in die Richtung weiterfliegen, wo Sie den Raum der Fenranier durchqueren müssen?“, fragte der Bürgermeister besorgt, als sie auf dem Weg zur Erdoberfläche waren.
„Mir wär’s auch lieber, wenn dem nicht so wäre“, antwortete Roger. „Aber das ist unsere einzige Option.“
„Immerhin haben wir schon angefangen, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie wir das überleben“, meinte Chayenne. „Stimmt’s, Sissi?“
„Sei still, ich denke!“, knurrte Siska zurück. „Und wenn du mich noch einmal so nennst, dann röste ich dich bei lebendigem Leibe und esse anschließend dein Gehirn.“
„Ihr Außenweltler habt ja einen entzückenden Humor“, bemerkte Zarnea.
„So, da ist Ihre Rückfahrkarte!“, präsentierte Hiru den wieder flott gemachten Raumgleiter. „Gerade mal 20 Jahre alt ist das gute Stück, eine Varetta 22-XN, das Neueste, was die makiianischen Flottenwerften zu bieten haben! Und es ist sogar das am wenigsten durchgerostete Exemplar, das wir auf der Altmetall-Deponie finden konnten!“ Er schenkte seiner Umgebung ein gewinnendes Lächeln.
„Wow, wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken sollen!“, witzelte Chayenne zurück.
Mitten auf der Wiese stand das kleine Raumschiff, das der alten Fähre gar nicht mal so unähnlich sah. Nur, dass es eine Frontscheibe hatte, die übrigens auf Hochglanz poliert worden war.
Es wurden die üblichen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, viele Hände geschüttelt und man wünschte sich gegenseitig ein schönes Leben.
Dann stiegen alle Besucher in die neue Fähre. Zumindest alle bis auf Jenikk, denn sein linker Arm steckte quer in Poochies Maul. Zum Glück hatte das possierliche Tierchen noch keine Backenzähne. Aber es waren immerhin zwei starke Männer mit Brechstangen erforderlich, um die Kiefer wieder auseinander zu bekommen.
Die beiden etwa 9-jährigen Zwillingsschwestern, die man am Morgen kennen gelernt hatte, erklärten sich bereit, Poochie zu adoptieren.


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