Explorer V | 5

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Die Korridore der Explorer V waren immer leer, was auf die geringe Anzahl der Besatzungsmitglieder zurückzuführen war.
Tagsüber waren die Korridore so leer wie die Flure eines Hochhauses am Wochenende – zumindest ein paar Menschen waren da, auch wenn sie es vorzogen, in ihren vollklimatisierten Wohnungen mit Panoramablick auf dem Sofa sitzen zu bleiben.
Und nachts, nachts waren die Korridore so leer wie die eines großen Schulgebäudes am späten Abend, wenn sogar der Hausmeister schon gegangen war. War man alleine unterwegs und lenkte seine Gedanken nicht gerade auf wichtige Dinge, überkam einen das schauerliche Gefühl, dass das Fehlen von Leben an diesem Ort nicht richtig sein konnte.
Natürlich war die Explorer V nie so verlassen wie ein Schulgebäude gegen Mitternacht, es waren sogar immer mindestens zwei Leute wach und schoben Nachtschicht. Aber es lag wohl in der Natur des Menschen, immer hinter der nächsten Ecke das Monster zu erwarten, das den Hausmeister getötet hatte.
Blöd natürlich, wenn man gerade zu dieser Tageszeit tierischen Hunger hatte und die geheime Vorratsschublade im Badezimmerschrank einen unverschämt leer angähnte.
Die zweite Strophe dieses Liedes, das einem Frühstücksflocken-Hersteller 19 Jahre zuvor einige happige Schmerzensgeldklagen eingebracht hatte, weil die Leute die schreckliche Melodie nicht mehr aus dem Kopf bekommen konnten, gehörte jedenfalls nicht zu den wichtigen Dingen, auf die man sich konzentrieren konnte, um dem Schulgebäude-gegen-Mitternacht-Feeling zu entgehen.
Roger überlegte, ob es denn funktionieren würde, sich einfach einzureden, dass es das Problem mit den nächtlich leeren Korridoren überhaupt nicht gäbe, so wie er sich einredete, graue Haare wären etwas Tolles und dieses verdammte Knie völlig in Ordnung. Leider liegt es ebenfalls in der Natur des Menschen, sich selbst nichts einreden zu können. Schließlich ist es der Grundgedanke dieses Verfahrens, einer unschönen Sache das Unschöne zu nehmen, aber es funktioniert nicht, weil man eben trotz aller Bemühungen genau weiß, dass die Sache unschön ist, sonst würde man sich ja nicht einreden wollen, sie sei nicht unschön.
Glücklicherweise hat jeder auch noch so nächtlich leere Korridor ein Ende oder zumindest die Tür, die man erreichen will, (oder auch beides) und bei diesem Korridor war diese Tür die zu Lagerraum 2, in welchem sich teilweise sogar ohne größere Überwindung genießbare Lebensmittel befanden.
In Lagerraum 2 bot sich dem hungrigen Commander ein relativ kleines aber doch erwähnenswertes Bild des Schreckens. Ein auf brutale Weise geöffneter Karton lag auf dem Boden, direkt neben einem Haufen teilweise plastikartigen Verpackungsmaterials. Das Verpackungsmaterial stellte sich bei näherem Hinsehen als diese sperrigen braun-weißen Schachteln heraus, in die diese schrecklichen Spinat-Erdnussbutter-Riegel eingepackt waren, die niemand, wirklich niemand, auch nur ansehen geschweige denn essen wollte. Damit nicht genug – zwischendrin lag auch noch die ein oder andere Dose ungesüßter Papaya-Karotten-Saft mit Koffein-Zusatz. Auch das schmeckte, wie es klang.
Und nun hatte anscheinend jemand diese Dinge angerührt. Irgendwas Schreckliches musste passiert sein. Um kein eventuelles Beweismaterial zu zerstören, ließ Roger leicht beunruhigt den Karton und die andere Überreste unberührt liegen, wobei er beschloss, am nächsten Tag einige Leute nach ihren Schlafwandel-Erfahrungen zu befragen. Dann stopfte er eilig ein paar Dinge der essbareren Sorte, deren Bestand von Woche zu Woche kontinuierlich kleiner wurde, in einen anderen Karton und machte, dass er davonkam, bevor sich ihm noch mehr grausige, spinat-erdnussbutter-riegelartige Überraschungen aufdrängen konnten.
Vorsichtig schloss Roger die Tür hinter sich; jedes laute Geräusch in einem nächtlich leeren Korridor machte einem mit seinem lange widerhallenden Echo nur noch mehr bewusst, wie einsam man war.
Er wollte gerade gehen, da bemerkte er, dass die andere Tür in dieser Ecke des ungeliebten Korridors einen Spalt weit offen stand und dass im Raum dahinter, welcher als Kantine, Aufenthaltsraum und Aussichtsplattform genutzt wurde, Licht brannte. Wer mochte denn, abgesehen von der Nachtschicht, zu dieser späten Stunde noch wach sein?
Leise, um die Person nicht zu sehr zu erschrecken, öffnete er die Tür und ging hinein.
Es war Chayenne, die an der großen Fensterfront stand und ein Glas in der Hand hielt. Wenn sie überrascht war, hier noch jemanden anzutreffen, dann ließ sie es sich nicht anmerken. Sie sah vielmehr furchtbar müde aus.
„Hi“, begrüßte Roger sie, während er den Karton mit den neuen Vorräten auf einem Tisch abstellte. Er versuchte, so wenig wie möglich zu hinken, als er auf sie zuging.
„Hi. Tut’s noch sehr weh?“, fragte Chayenne zerknirscht mit Blick auf sein Bein.
„Nein“, log er, um dieses leidige Thema abzuhaken. „Und es war wirklich nicht deine Schuld.“
Natürlich war Chayenne in diesem Zustand nicht von ihrer Meinung abzubringen. Sie setzte zu einer Antwort an, fand aber nicht die richtigen Worte und ließ es bleiben.
Roger betrachtete sie mitleidig und nahm ihr das Glas weg. Die fast farblose Flüssigkeit darin war gewiss kein Wasser.
„Willst du über irgendwas reden?“, fragte er betont beiläufig und begann aus dem Fenster zu starren. Die Sterne zogen langsamer als sonst vorbei und außerdem in die scheinbar falsche Richtung. Das Schiff würde am nächsten Tag eine gewisse Anlaufstrecke brauchen. Der Plan, den man ausgearbeitet hatte, um lebendig durch das Gebiet der Fenranier zu kommen, war nicht schön aber zweckmäßig.
„Nein“, antworte Chayenne ebenso beiläufig und starrte ebenfalls aus dem Fenster. Sie hoffte, dass er nicht auf die Idee kam, sie anzusehen.
Ein paar endlose Sekunden sagte keiner etwas.
„Na dann kann ich ja gehen. Und trink nicht so viel vom dem Zeug, das muss für uns alle reichen“, meinte Roger schließlich nicht ohne Hintergedanken und drehte sich um.
„Neeiin, bleib hier!“, quiekte sie und fühlte sich ertappt.
Ein kleines Grinsen nicht unterdrücken könnend stellte er sich wieder neben sie und wartete darauf, dass sie anfing zu reden.
Es dauerte ein paar Minuten.
„Manchmal“, begann sie schließlich, „weiß ich echt nicht mehr, was ich eigentlich hier mache. Ich habe doch ein Leben, da unten auf diesem kleinen, staubigen Planeten. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und alles wäre perfekt gewesen. Und jetzt bin ich hier in dieser winzigen, leblosen Blechbüchse, Hunderte Lichtjahre von allem entfernt, was mir etwas bedeutet. Und jeden Tag werden es mehr.“
Sie sprach leise und ruhig, doch ihr (nicht unbedingt unangenehmer) Akzent trat stärker hervor als sonst. Roger unterbrach sie nicht, erwiderte nichts, schaute sie nicht einmal an. Er hörte nur zu.
„Warum setze ich hier meine Zukunft, mein Leben aufs Spiel, wenn ich auch zu Hause und alles gut und richtig sein könnte?“, fragte sich Chayenne, nun mit leicht zitternder Stimme. „Das war noch verteufeltes Glück heute, wir könnten jetzt auch immer noch auf diesem Planeten festsitzen. Oder Schlimmeres. Ich hatte solche Angst. Dieses … Abenteuer hier ist kein Spaß. Es kann jeden Tag vorbei sein.“
Sie biss sich auf die Unterlippe, schluckte. Nein, sie würde jetzt nicht weinen. Nicht hier und nicht vor ihm. Roger warf ihr einen kurzen Blick zu, als wollte er sie zum Weitersprechen auffordern. In dem Moment drehte sie durch.
„Ich kann nicht mehr“, wimmerte sie. „Ich will hier nicht sterben, ich will nach Hause, ich will meinen Verlobten heiraten, ich will endlich eine richtige Familie, ich will mein Leben wieder! Ich weiß nicht mehr, warum ich hier bin! Ich hab keine Ahnung, warum ich alles stehen und liegen gelassen habe für das hier! Sag du mir, was mich dazu gebracht hat! Was mache ich hier?!“ Sie schob sich zwischen Roger und das Fenster, schaute ihm endlich ins Gesicht. Dunkle Schatten unter ihren smaragdgrünen Augen.
„Bitte sag doch was!“, flehte Chayenne. Er antwortete nicht, wirkte hilflos.
„Warum sagst du nichts?!“, schrie sie und bekam nur am Rande mit, wie sie ihn brutal in Richtung der Tische schubste.
Er unternahm keine Versuche, sie zu beruhigen, wehrte sich auch nicht, ließ sie einfach gewähren. Diese Methode zeigte schnell Wirkung.
„Oh Gott, das tut mir leid“, flüsterte sie und verbarg das Gesicht in den Händen.
„Ich glaube nicht, dass ich dir irgendwelche zufrieden stellenden Antworten geben kann“, meinte Roger nach einiger Zeit. „Aber ich will’s versuchen – vorausgesetzt, du hast nicht mehr vor, mich zusammenzuschlagen.“
„Ganz sicher nicht“, seufzte Chayenne. „Sprich.“
„Okay. Du sagst, dein Leben wäre perfekt oder würde perfekt sein, in näherer Zukunft. Du willst heiraten, eine Familie haben, vielleicht für immer in diesem kleinen Dorf bleiben, wo du herkommst.“
„So ist es. Und vielleicht einen Blumenladen eröffnen, wenn es so weit ist“, fügte sie hinzu. „Davon träum ich schon, seit ich denken kann.“
Roger betrachtete sie nachdenklich. „Das ist alles eine ziemlich endgültige Sache, nicht wahr?“, sagte er langsam. „Du wirst nie wieder was anderes sehen, wenn sich dein Leben in diese Richtung wandelt.“
Chayenne guckte ihn groß an.
„Natürlich“, resignierte sie nach einiger Zeit. „Ich hab mich auf diese irrsinnige Mission eingelassen, weil es meine letzte Chance ist, noch mal was zu erleben, bevor… Ich glaube, ich kann nie wieder in den Spiegel sehen.“
„Das wär aber traurig für den Spiegel“, schmunzelte Roger. „Im Ernst, deine Gründe sind doch gar nicht so schlecht. Das hier ist wahrscheinlich der Job unseres Lebens. Ich finde, wir sollten die Zeit hier genießen. Sie ist einzigartig.“
„Das ist wohl wahr“, erwiderte Chayenne. „Hast du lange gebraucht, um dir diese Sätze zurechtzulegen?“
Roger beschloss, das als rhetorische Frage zu werten.
Dann stand lange Minuten ein feierliches Schweigen im Raum. Schließlich aber fragte sie: „Und was hat dich hierher geführt?“
„Das ist ’ne lange und traurige Geschichte“, gab er sich geheimnisvoll. Darüber wollte er jetzt wirklich nicht reden. „Vielleicht erzähl ich sie dir irgendwann. Jetzt brauchst du dringend ein paar Stunden Schlaf.“
„Wie du willst“, meinte Chayenne. „Gute Nacht!“
„Gute Nacht!“, erwiderte Roger und blickte ihr nach, als sie hinausging. Sie schaute noch einmal kurz zurück, mit besorgtem Gesichtsausdruck. Hoffentlich hatte die Tatsache, dass die Geschichte lang und traurig war, sie nicht zu neugierig gemacht.
Roger blieb am Fenster stehen, gedankenversunken. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, dass es ihr so schlecht ging. Aber er konnte es nachvollziehen. Auf dem Tisch stand noch einsam und verlassen das Glas. Er nahm es und leerte es mit einem Zug.

12


Man hatte beschlossen, die Mission Control erst nach der erfolgreichen Ausführung des Plans, den man ausgearbeitet hatte, um lebendig durch das Gebiet der Fenranier zu kommen, über ebendiesen zu informieren. Das war auch wieder so ein psychologisches Ding.
Man holte sich doch den Segen einer höheren Instanz nur freiwillig, wenn man sich seiner Sache nicht hundertprozentig sicher war. Und diese Sache hier war bei näherer Betrachtung so heikel, dass jede noch so kleine Unsicherheit unweigerlich zur Katastrophe führen musste. Man kennt das ja: Negative Gedanken beschwören das Unglück erst herauf. Also – Diese Sache als so unbedenklich einzustufen, dass sie bloß im nächsten Bericht beiläufig erwähnt werden musste, war wahrscheinlich der beste Weg, dabei nicht draufzugehen.
Vielleicht war das auch alles Quatsch und man wollte sich bloß die entsetzten Gesichter von Admiral Peaks und Co nicht antun.
Der Plan beruhte auf alten Karten der Makii, die durch ältere und neuere abgehörte Funksprüche ergänzt worden waren, dem Wissen, dass das Überwachungsnetz im rasant expandierenden Fenranier-Gebiet eben wegen dieses schnellen Wachstums extrem grob gestrickt war, sowie der Erinnerung an ein paar verrückte Science-Fiction-Filme des 20. und 21. Jahrhunderts.
Die Chance war hoch, dass ein Objekt, das nicht zu schnell flog und möglichst wenig Energie in Form von Wärme und ähnlichen Dingen nach außen abgab, von den Sensoren der Bojen, die in lächerlich großen Abständen im fenranischen Raum platziert waren, nicht registriert wurde. Also bestand der Plan darin, das Schiff etwas Anlauf nehmen zu lassen, dann auf Höchstgeschwindigkeit zu beschleunigen, kurz vor der Grenze den Antrieb abzuschalten und es mit dem Schwung hoffentlich bis zur anderen Seite zu schaffen. Leider war es auch nötig, alle nicht unbedingt benötigten Systeme ebenfalls abzuschalten, um eine zu hohe Energieabgabe zu vermeiden.
Man hatte ausgerechnet, dass nur die Navigation sowie Lebenserhaltung und Gravitation auf der Brücke, wo man sich versammelt hatte, zu den unbedingt benötigten Systemen gehören durften.
In allen anderen Räumen des Schiffs schwebten bereits die eiligst mit Frostschutzmittel versorgten Topfpflanzen fröhlich durch die Gegend und verteilten ihre Erde an Orten, wo keine Erde hingehörte.

„Ach verdammt. Ich hab mich verrechnet“, stellte Siska beim letzten Check fest. „Die Isolierung lässt immer noch zu viel Wärme durch. Ihr müsst euch entscheiden – Gravitation oder Heizung.“
Die Abstimmung ging einstimmig zugunsten der Gravitation aus, und so fand man sich kurze Zeit später bei einer angenehmen Raumtemperatur von 19 Grad, fallend, und nach dem allerletzten Check auch noch unter Notbeleuchtung wieder.
Schließlich wurde der Knopf gedrückt, der die fein säuberlich programmierte Sequenz in Gang brachte, Klirrgeräusche machten auf das Ende einiger Gegenstände in den unteren Decks aufmerksam, die man nicht ausreichend befestigt hatte, und schon eine Minute später hatte die Explorer V den Planeten der Makii passiert, worauf bald die erste fenranische Sensor-Boje folgte. Dass diese nicht explodierte oder wenigstens um sich schoss, deutete man als ein gutes Zeichen.
Raumtemperatur 18 Grad, fallend. Der Flug im Scheintot-Modus würde etwa 26 Stunden dauern.
„Will jemand Prominentenraten spielen?“, fragte Björn.


Raumtemperatur 17,5 Grad, fallend. Nachdem alle festgestellt hatten, dass sie angesichts der selbstverschuldeten, akuten Lebensgefahr keine Lust auf Gesellschaftsspiele verspürten, begann die Stimmung mindestens ebenso schnell dem absoluten Nullpunkt entgegen zu sinken wie die Temperatur.
„Hey, wer von euch hat eigentlich die ganze Kiste Spinat-Erdnussbutter-Riegel gegessen und vier Dosen ungesüßten Papaya-Karotten-Saft mit Koffein-Zusatz getrunken?“, fiel Roger irgendwann ein.
Die anderen machten Gesichter, als hätten sie die Frage nicht verstanden, was daran lag, dass sie glaubten, die Frage tatsächlich nicht verstanden zu haben.
„Das war kein Witz, im Frachtraum liegen noch die Beweise“, fügte Roger erklärend hinzu.
Die anderen machten Gesichter, als hätten sie gerade erfahren, dass ein blutrünstiger Serienkiller unter ihnen war.
Roger fragte jeden einzeln, ob er die Spinat-Erdnussbutter-Riegel gegessen habe, aber keiner wollte es gewesen sein, mit dem Argument, dass bei einem (wenn auch sehr umstrittenen) Experiment 10 von 10 halb Verhungerten zur Selleriestange statt zum Spinat-Erdnussbutter-Riegel gegriffen hatten. Man beschloss daraufhin, das Thema zur eigenen geistigen Sicherheit nicht unter „Äußerst beunruhigend“ sondern unter „Verdammt schlechter Scherz“ abzuheften.


Raumtemperatur 17 Grad, fallend. Ersten groben Schätzungen zufolge würde man am Ende mit -10 Grad auskommen müssen.
Man räumte eine der zahlreichen Topfpflanzen, die die Sauerstoffaufbereitungsanlage etwas entlasten sollten, zur Seite und alle setzten sich in die nun frei gewordene Ecke, in der Hoffnung den Auswirkungen der abgeschalteten Heizung so etwas länger standhalten zu können.
„Und ich habe eure Garantie, dass ihr nicht sauer auf mich seid, wenn wir alle sterben?“, fragte Siska, die sich den tollen Plan so ziemlich alleine ausgedacht hatte, noch einmal.
Zustimmendes Gemurmel. Schließlich hatte keiner eine viel bessere Idee gehabt.
„Wir sind nur sauer auf dich, weil wir kein Licht und keine Heizung mehr haben“, meinte Paolo.
„Dafür kann ich nun wirklich nichts!“, erwiderte Siska.
„Aber du hättest uns wenigstens vorwarnen können“, warf Chayenne ein. „Dann hätte ich noch ’ne Jacke mitgenommen.“
„Das ist natürlich ein Argument.“


„Das ist doch verrückt, oder?“, versuchte Hitch nach weiteren endlosen Minuten eine Unterhaltung anzufangen. „Wir haben eben unser Leben in die Hände eines Computers gelegt, der uns nach veralteten Karten durch ein Minenfeld manövriert, von dem wir nicht wissen, wie gefährlich es ist, jeden Moment könnten wir auf einen fenranischen Schlachtkreuzer treffen, der uns in winzige Stücke zerlegt, und das alles kriegen wir nicht mal mit, weil alle Sensoren abgeschaltet sind… Wir können noch bevor ich diesen Satz beendet habe tot sein, und wisst ihr was? – Mir ist langweilig.“
„Ich glaube, du sprichst uns allen aus der Seele“, meinte Faye, bevor die Pilotin noch etwas hinzufügen konnte. „Warum war eigentlich niemand dagegen, als wir über die Sache abgestimmt haben? … Nein, sagt nichts, das war eine rhetorische Frage!“
„Jetzt verstehe ich endlich, was meine Frau damit gemeint hat, als sie sagte, dass sie nicht mit dem Essen auf mich warten würde“, bemerkte Takeru.
„Und ich weiß, warum die alte Dame aus der Wohnung gegenüber am Fenster gestanden und sich die ganze Zeit bekreuzigt hat, als ich mit den Koffern aus dem Haus gekommen bin.“
„Könnt ihr bitte das Thema wechseln?“, ging Roger dazwischen, bevor die Diskussion zu sehr ausartete. „Ihr wisst schon, negative Energie und so.“


„So, du bist also auch verheiratet?“, sagte Jenikk zu Takeru.
„Du etwa auch?“ Takeru war ein klein wenig überrascht.
„Seit immerhin sechs Jahren“, antwortete Jenikk. „Funktioniert ganz gut, was daran liegen könnte, dass wir uns so selten sehen. Amyr pendelt und ich bin ziemlich oft, na ja, sehr weit weg. Wenn wir uns dann zufällig mal treffen…“
„Kannst froh sein, dass deine Frau diesem Job gegenüber so tolerant ist. Helena hat mit Besteck nach mir geworfen, als ich ihr gesagt habe, für wie lange ich diesmal weggehe“, meinte Takeru.
„Und warum hat sie nicht getroffen?“, kam es aus der hintersten Ecke, und Siska kassierte von Chayenne einen heftigen Tritt gegens Schienbein. „Sagt mal, was wollt ihr eigentlich?“, fragte sie, während sie den blauen Fleck begutachtete. „Ihr hättet euch doch gewundert, wenn ich das nicht kommentiert hätte. Das ist die Rolle, die mir im Lauf der Zeit zugefallen ist.“
„Du hättest dich doch sicher auch gewundert, wenn ich dich nicht getreten hätte“, erwiderte Chayenne zuckersüß.
„Sag mal, willst du eigentlich Kinder, irgendwann?“, fragte Takeru, nachdem er von allen Seiten genug bemitleidet worden war.
„Ja, irgendwann schon. Aber all zu viele Gedanken hab ich mir noch nicht drüber gemacht“, erwiderte Jenikk. „Du?“
Takeru ignorierte die Gegenfrage und meinte stattdessen besorgt: „Hast du eigentlich nicht diesen Fragebogen bekommen, wo man das ankreuzen musste?“
„Was?!“, quiekte Jenikk mit einem Blick, als hätte ihn jemand vor die Wahl gestellt, ob er in einem Papierschiffchen den Atlantik überqueren oder lieber gleich sterben wollte.
Ein paar Sekunden lang war es totenstill auf der Brücke, dann brachen alle in hysterisches Gelächter aus und Takeru brüllte: „Du solltest mal dein Gesicht sehen!“ Alle anderen hatte er mit diesem Scherz schon drangekriegt.
„Ihr seid gemein“, schmollte Jenikk.


Raumtemperatur 13 Grad, fallend. Langsam wurde es etwas frisch.
Einige geistlose Gespräche später hatten Björn, Hitch, Paolo und Jenikk angefangen, das nächste Kapitel der Geschichte über Peter, den kleinen Astronauten, zu schreiben. In diesem Kapitel ging es darum, wie Peter und Inspector HrZ’d-tA auf der Suche nach dem Mörder des Professors von einer verrückten, hochschwangeren Frau verfolgt wurden, die Peter das Kind anhängen wollte, obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Alle anderen versuchten, jeder auf seine Art, sich irgendwie mit den Hintergrundgeräuschen abzufinden.
Roger und Chayenne waren sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig nicht anzusehen.
Takeru summte die Melodie eines alten deutschen Volkslieds, bis er einen Ohrwurm hatte, der zwar genauso unerträglich war wie die Geschichte von Peter, dem kleinen Astronauten, aber wenigstens zuverlässig ablenkte.
Faye probierte, nur so zum Spaß, aus, ob sie mit ihren unanfechtbaren übersinnlichen Fähigkeiten das Wachstum ihrer Fingernägel beschleunigen konnte.
Und Siska streute, immer wenn einer der Nachwuchsschriftsteller nicht wusste, wie er einen Satz beenden sollte, einige Wörter aus den Bereichen „Blut“, „Sterben“ und „Friedhof“ ein.
So hatte jeder etwas zu tun.


Raumtemperatur 2,5 Grad, fallend. Der wahrscheinlich längste Tag im Leben aller Anwesenden (wenn man mal von dem Tag absah, den Björn in einer ziemlich ekligen Schultoilette eingesperrt verbracht hatte), neigte sich langsam, äußerst langsam, dem Ende zu. Das Dumme dabei war nur, dass ihnen auch noch die wahrscheinlich längste Nacht ihres Lebens bevorstand.
„Wir können ja schreiend im Kreis rennen“, schlug Hitch irgendwann vor.
„Nein, das wärmt nur kurzzeitig und verbraucht lebenswichtige Fettreserven“, erwiderte Paolo.
„Na, du hast doch genug Fettreserven!“, rief Faye über ein paar Köpfe hinweg.
„Pff, und du bist ’ne Bohnenstange!“
„Irgendwie seid ihr mir doch lieber, wenn ihr rumjammert, dass wir alle sterben werden“, ging Roger sehr augenrollend dazwischen. „Das ist hier vielleicht ein Reizklima…“
„Mmmmm, Bohnen mit Speck…“, tönte es von einem der billigen Plätze.


Je weiter die Temperatur sank, desto stiller wurde es auf der Brücke. Das mochte daran liegen, dass es langsam aber sicher zu kalt zum Denken wurde, vielleicht aber auch daran, dass es auf Mitternacht zu ging und einige sogar noch von der letzten Nachtschicht waren.
Man beschloss, dass es gesellschaftlich akzeptabel war, in einer noch immer lebensbedrohlichen Situation ein Nickerchen zu machen und seinen Nachbarn als Kopfkissen zu benutzen. Das führte zu Äußerungen wie „Das Profil deiner Schuhsohlen ist mir unsympathisch - Es hinterlässt nämlich Abdrücke auf meinem Gesicht“ oder „Wusstet du eigentlich, dass das billigste Rasierwasser nicht unbedingt das beste ist?“, die aber keiner sonderlich übel nahm, da es ja zu kalt zum Denken war.
Man hoffte nur, dass die Redewendung „Er ist friedlich eingeschlafen…“ keine ganz neue Bedeutung bekommen würde.



Hitch fand sich im Garten des Hauses wieder, in dem sie groß geworden war. Es war Frühling, sie war sieben Jahre alt, saß auf der Verandatreppe und beobachtete Ameisen. Natürlich wurde sie wieder gestört.
„Maaa-rilyn, guck mal!“, rief ihr ältester Bruder Louis. Sie schaute auf, konnte ihn aber nirgends entdecken.
„Hier ooooben!“, brüllte ihr anderer Bruder Anthony. Da sah sie die beiden, sie hockten auf diesem uralten Baum, den vor unzähligen Jahren der Großvater des Vorbesitzers des Hauses gepflanzt hatte. Aber gleich darauf nicht mehr, denn sie sprangen sehr elegant herunter. Das machten sie schon seit Tagen, ihre Eltern waren bereits leicht genervt.
„Das kannst du nicht, was? Bist halt noch zu klein!“, spottete Louis. „Pass auf, dass die Ameisen dich nicht fressen!“
„Ach, kann doch gar nicht sein!“, quiekte Anthony. „Mary IST eine Ameise!“
Sie kletterten flink wie kleine Äffchen wieder den Baum hoch und konnten sich dort oben vor Lachen kaum halten.
Hitch war es gewohnt, von ihren Brüdern geärgert zu werden, sie selbst war auch nicht immer gerade nett zu ihnen. Aber die „Ameise“ hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Immer hielten die beiden ihr vor, dass sie älter, größer und stärker waren als sie. Und sie hörten einfach nicht auf, sie Marilyn zu nennen.
Marilyn! Sie hasste diesen Namen. Marilyn war für sie eine seelenlose, weiße, wasserstoffblonde Vorstadtamerikanerin, die sich den ganzen Sommer im neonpinken Bikini und mit XXL-Sonnenbrille am Miami Beach wie ein Grillhähnchen rösten ließ.
Sie wurde auch oft Mary genannt, das war fast genauso schlimm. Mary war zwar auch sieben Jahre alt, aber sie hatte rote Ringellöckchen und riesige Kulleraugen, und wo sie auch auftauchte, riefen alle „Oh, wie süüüß!“, was dazu führte, dass sie viele Bilder in dunklen Farben malte und als Teenager in die Drogenszene abrutschte.
Lynn, Linni und all die anderen waren wieder ganz andere Persönlichkeiten, aber keine passte zu ihr, deswegen hatte Hitch beschlossen, einfach keinen Vornamen mehr zu haben. Und wer das nicht akzeptieren wollte, dem würde sie es zeigen!
Wutschnaubend rannte sie zu dem Baum und kletterte mühelos hinauf. Louis und Anthony lachten sie aus, auch als sie deren Höhe erreicht hatte.
Hitch kletterte noch ein Stück höher, auch die dünneren Äste hielten sie noch. Triumphierend schaute sie zu ihren Brüdern hinunter.
„Wenn Anthony nicht so fett wäre, könnte er bis ganz nach oben!“, krähte Louis, der sich nicht anmerken lassen wollte, dass er seine kleine Schwester doch etwas unterschätzt hatte, und kassierte einen Tritt von Anthony.
„Du hast das Wichtigste noch gar nicht gemacht!“, rief Anthony. „Jetzt musst du erst mal springen!“
„Springen! Springen!“, forderten beide. Louis und Anthony, auch erst zehn und neun Jahre alt, waren nicht etwa verantwortungslos oder so, sie trauten ihr so einen Mut nur auf keinen Fall zu.
Die dünnen Äste schaukelten bedrohlich und es war wirklich verdammt hoch. Aber wenn sie das jetzt nicht tat, würden die beiden nie Respekt vor ihr haben.
Der Wille war stärker als die Angst und Hitch sprang.
An diesem Punkt merkte sie immer, dass es der blöde Traum war, der alle paar Wochen wiederkehrte. Inzwischen versuchte sie schon nicht mehr, glücklicher zu landen, als es in Wirklichkeit geschehen war, denn es funktionierte nie.
Es hatte mit einem gebrochenen Arm und einer mit drei Stichen zu nähenden Platzwunde geendet, aber Louis und Anthony hatten sie tatsächlich nie wieder geärgert.



Es wurde Abend, der Himmel war bewölkt. Vollkommene Windstille. Es roch nach Sommerregen.
Roger lag auf einer Wiese am Waldrand. Er kannte diesen Ort nicht, aber ihm fiel keiner anderer ein, an dem er jetzt lieber hätte sein wollen. Die ersten Regentropfen fielen auf sein Gesicht, Regen, den dieser Landstrich gut gebrauchen konnte. Die Erde, die Roger ertasten konnte, war staubtrocken.
Erinnerte stark an Sommer 2084. Sommer ’84, natürlich. Der Ring war der Beweis.
Der Regen wurde stärker und stärker, er war angenehm erfrischend.
Irgendwann sah Roger durch den Wasservorhang eine Gestalt auf sich zukommen. Dort in der Ferne waren ihre Umrisse noch undeutlich, aber er wusste sofort, wer er es war, und der Schmerz fühlte sich an wie in Zuckerwatte gepackt.
Julietta.
Ihr pechschwarzes Haar war von der Feuchtigkeit noch mehr gewellt als sonst, und das grüne Flatterkleid klebte regennass an ihrem Körper. Das Wetter stand ihr gut.
Sie sank neben ihn ins Gras, er konnte ihren Herzschlag hören. Ihre kühlen Hände berührten sein Gesicht, sie küsste ihn. Und es war genau wie damals.
Doch als er die Augen wieder öffnete, war sie fort.
Erbarmungslos regnete es weiter.



Die Stadt stand in Flammen. Durch das Rauschen und Knistern des Feuers drangen Schreie - Angst, Schmerz, Verzweiflung. Und Zorn. Zorn hatte die Menschen dazu gebracht, die Mondkolonie, ihr Zuhause, in Trümmer zu legen. Irgendwo zwischen den Ruinen lag mitten auf der Straße die Leiche des Gouverneurs, das erste und mit Sicherheit nicht letzte Opfer dieses Bürgerkriegs. Siska war daran vorbeigelaufen. Sie verstand noch nicht viel von Politik, aber dieser Kerl hatte ihr absolut nicht Leid getan, denn er war letztendlich Schuld an allem.
Wie viel Rauch würde die Kuppel über der Siedlung noch fassen? Wie viele Menschen waren bereits in den Flammen gestorben? Wie viele Kinder irrten durch die Straßen, auf der verzweifelten Suche nach ihren Eltern? Und wann würde das endlich ein Ende haben? Für Freya spielten diese Fragen keine Rolle mehr. Freya hatte vier Kugeln in die Brust bekommen, als sie ein Lagerhaus geplündert hatte, um für die Kinder etwas zu Essen zu besorgen.
Freyas Gang hatte sich bereits am ersten Tags des Aufstands zur Aufgabe gemacht, die verloren gegangenen Kinder auf den Straßen, die wahrscheinlich am stärksten Leidtragenden, aufzusammeln und in Sicherheit zu bringen, darunter waren auch Siska und die beiden kleinen Nachbarskinder gewesen.
Das Verwaltungsgebäude, in dessen Hinterhof man sich bisher relativ sicher gefühlt hatte, ging in Flammen auf. Aus der Ferne erklangen weitere Schüsse. Aber um was kämpften die Leute eigentlich noch? In ein paar Tagen würde alles niedergebrannt sein, wenn bis dahin noch genug Sauerstoff übrig war. Angeblich war von der Erde endlich Hilfe unterwegs, das war die letzte Hoffnung.
Siska kniete neben Freya in der Blutlache. Ihr Kopf war leer, sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. Jemand packte sie am Arm und zwang sie zum Aufstehen, weg vom Feuer. Nun wurde es dunkel, die Schreie verstummten. Natürlich, es war nur ein Traum gewesen. Aber das machte es nicht besser. Freya, die Siska von allen Menschen, denen sie begegnet war, wahrscheinlich am meisten bewundert hatte, war tatsächlich auf diese Weise gestorben.
Wenige Stunden später war die Mondkolonie evakuiert, die Brände gelöscht worden, und Siska hatte unten auf der Erde ihre Eltern wiedergefunden. Die Mondkolonie gab es inzwischen wieder. Siska war noch nicht bereit, dorthin zurückzukehren, auch wenn es nie wieder dasselbe sein würde. Doch irgendwann würde sicher der Tag kommen.


Raumtemperatur -8,5 Grad, fallend.
„Sind wir tot?“, fragte jemand.
„Nein, ihr könnt unmöglich alle in den Himmel gekommen sein und in der Hölle ist es nicht so beschissen kalt“, antwortete jemand anders.
„Haha, du hast gesabbert und jetzt hast du einen Eiszapfen im Gesicht hängen!“, rief jemand drittes und bekam eine reingehauen.
„Macht besser noch keine hastigen Bewegungen“, ging Takeru dazwischen. „Ich weiß zwar nicht genau, was dann passiert, die Vorlesung darüber war nämlich arg langweilig, aber es ist bestimmt schmerzhaft.“
Nachdem man durchgezählt und festgestellt hatte, dass alle noch mehr oder weniger ansprechbar waren (allerdings hatte Björn statt „zwei“ „drei“ gesagt und kurzzeitig waren alle schrecklich in Panik darüber geraten, dass sie plötzlich zu zehnt waren), und danach noch ein wenig (etwa eineinhalb Stunden) über das furchtbare Klima gejammert hatte, sprang plötzlich der Frontbildschirm an und verkündete in blinkenden roten Buchstaben „Sequenz abgeschlossen“.
„Juhu, wir leben!“, rief jemand und sprang auf, um schleunigst Licht und Heizung einzuschalten.
Als es wieder an die 20 Grad hatte, begannen die Crewmitglieder mit einer Bestandsaufnahme der Schäden an Schiff und Einrichtung. Die Außenhülle war tatsächlich nicht durch irgendwelche Atomsprengköpfe oder ähnliche einer Initiierung bedürfenden Geschosse beschädigt worden, aber drinnen war doch einiges zu Bruch gegangen [„Bitte sagt Tante Gretchen nicht, dass ich ihre kitschige Porzellanfigur mit Absicht nicht gesichert habe, ja?“] oder gleich ganz verschwunden - das prominenteste Beispiel war eine 50 Zentimeter große Topfpflanze aus der Kantine. Keiner hatte wirklich Lust, zu erklären, wo das Ding hingekommen sein könnte, also beschloss man, den Vorfall zu ignorieren.
„Ich hab was Irres geträumt“, sagte Faye, während sie zusammen mit Roger und Chayenne Lagerraum 1 aufräumte. „Ich war Dienstmädchen bei der Präsidentin und sollte ihr das Frühstück ans Bett bringen. Da war sie auch, und zwar zusammen mit Nordic Talking, so ’ner komischen Volkmusikgruppe, und alle waren nackt bis auf jeweils ein paar rosafarbene Häschenpantoffeln. Das war echt gruselig…“
Da wollte ihr keiner widersprechen.
„Ich hab geträumt, wie ich mich von meinem ersten Freund getrennt habe“, steuerte Chayenne ihre Erfahrungen bei. „Boah, ich wusste, dieses Outfit, was er bei der Party anhatte, würde mich bis in alle Ewigkeiten verfolgen.“
Sie guckten Roger erwartungsvoll an.
Er lächelte weise. „Ich weiß es nicht mehr, aber was es auch war, gegen eure Horrorgeschichten wäre es bestimmt nicht angekommen.“

13


„Hallo Wäschekorb“, sagte Roger zu dem blauen Wäschekorb, der seit Jahr und Tag unter seinem Schreibtisch stand. Der Wäschekorb zeigte keine Reaktion, also wie immer eigentlich.
„Du könntest ruhig mal zurückgrüßen.“ Der Commander ließ sich äußerst unmotiviert auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. „Ach so, du bist so unfreundlich, weil du genau weißt, was jetzt wieder kommt. Ich muss jetzt nämlich den Bericht darüber schreiben, wie und warum wir den Raum der Fenranier durchquert haben. Aber wir beide wissen ganz genau, was ich stattdessen tun werde.“
Sofern der Wäschekorb es wirklich wusste, hielt er sich sehr bedeckt.
„Hey, du musst sagen: ‚Du wirst jetzt so lange mit einem leblosen Objekt über deine Probleme sprechen, bis etwas furchtbar Wichtiges passiert, das deine volle Aufmerksamkeit erfordert und dich so davon abhält, den Bericht zu schreiben.’ Tz, weißt du eigentlich überhaupt was über mich?“ Roger gab sich nicht die Mühe, besonders aufgebracht zu klingen, denn irgendwie ahnte er, dass der Wäschekorb mit ganz anderen Dingen beschäftigt war.
„Da haben wir doch schon ein neues Problem, über das wir sprechen können. Ich rede mit Gegenständen, die mir nicht mal zuhören. Klingt das sehr konstruiert? Natürlich klingt das konstruiert. Ich mach das ja nur, um den blöden Bericht endlos weit hinauszuschieben.“
Vielleicht wusste der Wäschekorb dem nichts mehr hinzuzufügen, aber vielleicht entschied er sich auch für würdevolles Schweigen, weil er seine Meinung für unzumutbar hielt.
Bei dem furchtbar wichtigen Ereignis, das Roger schließlich davon abhielt, den Bericht zu schreiben, handelte es sich um ein USO, ein Unheimlich Seltsames Objekt, das sich einige Hundert Kilometer entfernt von der Grenze des Fenranier-Gebiets durch den Raum bewegte, und das ziemlich langsam.
Relativ ratlos betrachtete man ebenjenes Objekt, das auf dem Frontbildschirm auch in maximaler Vergrößerung noch so klein war, dass man nicht wirklich etwas erkennen konnte. Feststand: Es war etwa so groß wie ein Mensch, es war aus Metall und es würde mit dem kürzlich ausgesetzten Kommunikationsrelais kollidieren, wenn es nicht bald die Richtung änderte.
Letzteres war der Hauptgrund, warum beschlossen wurde, sich das Was-auch-immer-es-war etwas genauer anzusehen, denn sobald zwei hintereinander gelegene dieser unheimlich teuren Geräte den Geist aufgaben, war es vorbei mit dem „nach Hause Telefonieren“, wie ein bekannter Comedian schon seit vielen Jahren zitiert wurde, obwohl er den Witz selbst nie für besonders geistreich gehalten hatte.
Der Möglichkeit, dass plötzlich – huch! – die Leitung nach Chicago tot war, war die von langen Gesprächen mit meist hysterischen oder sonstwie unausstehlichen Vorgesetzten geplagte Crew gar nicht mal so abgeneigt, aber man wollte es ja nicht darauf anlegen. Während die Explorer V sich dem seltsamen Objekt näherte, wurde dessen Bild sehr schnell deutlicher. Es hatte Arme … und Beine … und einen Kopf … und machte Schwimmbewegungen.
Mit großen, glänzenden Augen wurde das Schauspiel beobachtet, bis es keinen Zweifel mehr gab. Andächtiges Raunen auf der Brücke.
„Meint ihr, das ist ein…“, versuchte Hitch es auszusprechen, brachte den Satz aber nicht zu Ende.
„…ein funktionierender Android?“, fragte Jenikk schließlich.
Inzwischen war so vieles technisch möglich, wovon die Leute wenige Jahrzehnte zuvor nicht mal zu träumen gewagt hatten, aber bei der Arbeit am Android, der unbestrittenen Krönung der künstlichen Intelligenz, waren selbst die genialsten Wissenschaftler seit Ewigkeiten nicht mehr weitergekommen. Einige skizzierten, programmierten, schraubten und löteten immer noch, sehr viele mehr waren verrückt oder Lehrer geworden.
Und nun sollte hier so ein Android einsam und verlassen durch den leeren Raum schweben? Das hätte die großen, glänzenden Augen mehr als gerechtfertigt.
Fakt war, dass, als das Schiff auf etwa hundert Meter herangekommen war, das androidenartige Objekt sich umdrehte und freundlich in die Kamera winkte.


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