Explorer V | 6



„Wow, das passiert einem nicht oft, dass man mitten im Nirgendwo so netten Leuten begegnet“, sagte der Android mit schnarrender, aber dennoch überraschend menschlich klingender Stimme, nachdem er durch die Luftschleuse an Bord geholt worden war. „Vielen Dank fürs Mitnehmen – wohin Sie auch immer unterwegs sind.“
Die Crewmitglieder der Explorer V erwiderten erstmal nichts, sie waren zu beschäftigt damit, den Gast fasziniert anzustarren. Dieser sah das als gute Gelegenheit, fasziniert zurückzustarren.
Als er alle Leute lange genug gemustert hatte, versuchte er ein Gespräch anzufangen, indem er ein bisschen von sich erzählte.
„Ich heiße Mandoo und wurde auf Zoeth Prime gebaut. Da gibt’s viele von meiner Sorte, wir sind für die ganzen Arbeiten zuständig, die die Leute nicht machen wollen. Aber wir sind so programmiert, dass wir Freude dran haben. Das ist kein schlechtes Leben. Ich hab bei einer reichen Familie den Haushalt gemacht, bis auf einer Weltraumkreuzfahrt das Raumschiff von irgendwelchen Piraten oder so in die Luft gesprengt wurde und ich mich dann ziemlich einsam im leeren Raum wiedergefunden habe… Und was führt Sie in diese Gegend?“


Mandoo ließ sich mit großem Interesse die Explorer-Missionen erklären und machte auch sonst einen unheimlich netten Eindruck. Abgesehen vom etwas gewöhnungsbedürftigen Aussehen wirkte er sehr menschlich. So sahen also die wirklich großen Wunder der Technik aus.
„Und warum haben Sie…“ – Takeru machte eine kleine Pause; er kam sich etwas seltsam dabei vor, eine Person aus Metall zu siezen – „sich, ähm, so zielstrebig auf das Kommunikationsrelais zu bewegt?“, wurde der Android schließlich gefragt.
„Na ja, irgendwas musste ich ja tun und das Gerät hat einen interessanten Eindruck gemacht. Im leeren Raum gibt es nicht so viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben“, erklärte Mandoo trocken und begann, ein bisschen umher zu laufen. „Apropos irgendwas tun…“, fiel ihm kurz darauf ein. „Kann ich hier irgendwas helfen? Aufräumen oder so? Wenn nicht, auch nicht schlimm, dann stell ich mich einfach in die Ecke und schalte mich ab. Will Ihnen ja nicht zur Last fallen.“
Die Leute guckten sich gegenseitig an und jeder hoffte, dass den jeweils anderen auf die Schnelle etwas einfiel. Es wäre doch ziemlich unangebracht, zuzulassen, dass so eine faszinierende Persönlichkeit sich einfach in die Ecke stellte und sich abschaltete.
„Dann sagen Sie mir doch einfach bescheid, wenn Sie irgendwelche Leute treffen, die sich als Zoeth bezeichnen“, sagte Mandoo schließlich, stellte sich in eine Ecke und schaltete sich ab.


„Immerhin ein sehr pflegeleichter Passagier“, meinte Siska, nachdem sie den Android in den Maschinenraum getragen und dort aufgestellt hatten. Siska wollte ihn untersuchen und vor allem den Einschaltknopf finden. Zum ersten Mal war sie richtig glücklich, mitgeflogen zu sein. Nicht viele Leute hatten bisher die Chance bekommen, an so etwas herumzuschrauben.
„Hey, wollen wir eine ethische Grundsatz-Diskussion führen?“, fragte sie Chayenne, die sich noch nicht wieder verdrückt hatte, wahrscheinlich wegen der für sie äußerst angenehmen Temperatur im Maschinenraum.
„Darüber, ob es die Persönlichkeitsrechte dieses Kerlchens verletzt, wenn man ihn ohne zu fragen auseinander nimmt? Das führt doch zu nichts“, meinte Chayenne und klopfte vorsichtig an den Kopf des Androiden.
„Ja, es fehlen irgendwie die Präzedenzfälle“, erwiderte Siska. „Wenn man mal von den grausigen Science-Fiction-Filmen absieht, in denen die Menschen von ihrer eigenen Schöpfung unterworfen werden.“
„Tja, wer sagt eigentlich, dass künstliche Intelligenz nicht genauso gut ist wie echte … oder sie sogar übertrifft? Vielleicht haben die ja eher das Recht, UNS auseinander zu nehmen“, fasste Chayenne das zusammen, was schon oft über das Thema diskutiert worden war.
„Natürlich. Mir ist gerade irgendwie die Lust vergangen, ihn zu untersuchen“, stellte Siska augenrollend fest. „Bin froh, wenn wir den wieder los sind.“


Siska überwand sich schließlich dazu, wenigstens den Einschaltknopf zu suchen und zu finden, und man spannte Mandoo zum Aufräumen und anderen Dingen, die er für angemessen hielt, ein, ohne weiter über das Perfekte-künstliche-Intelligenz-Problem nachzudenken. Darüber sollten sich nun wirklich andere Leute den Kopf zerbrechen.
Es gab auch ein weitaus aktuelleres Problem, das die Crew viel mehr beschäftigte, nämlich das der verschwindenden Gegenstände. Werkzeug, Nahrungsmittel, Seife, 576-seitige Gedichtbände, Socken, Handtücher… Jeden Tag wurde wieder etwas vermisst und nichts tauchte wieder auf. Was mit einem Päckchen Kaffee angefangen hatte, nahm langsam Nervosität verursachende Ausmaße an.
Keiner wollte es gewesen sein und alle wirkten dabei unheimlich glaubhaft, auch ein Scan des Schiffs nach blinden Passagieren hatte kein Ergebnis gebracht. Man versuchte, es auf die außergewöhnliche Situation zu schieben, zu Hause verschwand ja auch ständig irgendwas und tauchte erst wieder auf, wenn man nicht mehr danach suchte. Aber irgendwie war diese Erklärung nicht zufrieden stellend, ein gewisses Unbehagen und vor allem Misstrauen blieben. Vielleicht war ja doch ein Verrückter an Bord, der die anderen in den Wahnsinn treiben wollte. Oder es war eines dieser unerklärlichen Dinge, die nun wirklich nicht besser waren.


In Chicago erfuhr niemand etwas über die verschwundenen Gegenstände, aber dafür umso mehr über die Durchquerung des Fenranier-Raums und über Mandoo. Über Ersteres herrschte Entsetzen ob dieses schrecklichen Leichtsinns und der Überheblichkeit, solch eine Entscheidung ganz alleine zu treffen, über Letzteres schlug die Presse Purzelbäume und die Raumfahrtagentur freute sich dumm und dämlich. Jetzt war die Begeisterung für die Dinge weitab der eigenen Haustür wohl tatsächlich wieder entfacht. Die Menschen gingen auf die Straßen, um ihre Helden zu feiern.
Kathleen Teri Peaks sah, dass das, was sie sich gewünscht hatte, Wirklichkeit geworden war, und hoffte nun, dass der Höhepunkt noch in der Zukunft lag. Auch wenn sie es hasste, ständig fotografiert und interviewt zu werden.
Am 31. 12. traf sie vor ihrem Hauseingang ein Mädchen mit struppigem Haar und dunkel umrandeten, glasigen Augen. Die seltsame Erscheinung stand plötzlich vor ihr auf der Treppe und sagte: „Du wirst nicht mehr lange Freude haben. Ich dachte, das solltest du wissen.“
„Danke für die Warnung, aber ich glaube nicht an Schicksal und solche Sachen“, erwiderte Kathleen und ging weiter, nicht wissend, was sie davon halten sollte.

14


Silvester ging an der Crew relativ spurlos vorbei. Es gab weder Sekt noch Bleigießen, gute Vorsätze wollte sich niemand antun, und das Feuerwerk, bestehend aus einer zufällig entdeckten, arg weit entfernten Sternenexplosion, war außergewöhnlich unspektakulär.
Gegen ein Uhr nachts waren nur noch Faye und Paolo in der Kantine, sie beschäftigt mit der Bestandsaufnahme der Küchenutensilien, er mit dem Kopf auf dem Tisch und voller Selbstmitleid.
„Es sind bestimmt nur noch halb so viele Löffel wie letzte Woche“, sagte Faye mit diesem Unterton in der Stimme, der manchmal auf einen herannahenden hysterischen Anfall hinwies. „Wie lange ist die Palme eigentlich schon weg?“
Paolo murmelte irgendwas, in dem das Wort „Woche“ vorkam.
„Zu wenig Löffel, zu wenig Löffel… Irgendwas liegt in der Luft, ich weiß es…“, seufzte Faye und setzte sich zu Paolo an den Tisch.
„Da will ich dir nicht widersprechen. Wenn du keine Ahnung hast, wer dann?“
„Ich hab Ahnung?“, fragte Faye mit einem Anflug von gespielter Überraschung. „Ich lass mich doch bloß von der allgemeinen Nervosität anstecken und glaube dann, irgendwas Besonderes wäre los. Wenn ich allerdings eines Nachts mit leerem Blick auf der Brücke auftauche und sage: ‚Sie werden uns töten! Sie werden uns töten!’ und mich am nächsten Morgen nicht daran erinnern kann, dann können wir natürlich weiterreden.“
„Ich merk’s mir“, meinte Paolo und hob seinen Kopf von der langsam etwas unbequem werdenden Tischplatte.
„Verdächtigst du irgendwen?“, erkundigte sich Faye nach einiger Zeit.
„Nö, niemand Bestimmtes. Und du?“
„Ich glaube nicht, dass es jemand von der Crew ist. Ich glaub’s einfach nicht. Das macht die Sache natürlich gleich viel komplizierter.“
„Ich mag nicht mehr drüber nachdenken“, sagte Paolo.
Dann standen sie auf und gingen schlafen.


Mandoo sah die Ereignisse an Bord mit Besorgnis – mit so viel Besorgnis, wie es einem Android möglich war. Manchmal überlegte er, ob er sich nicht doch einfach in die Ecke stellen und sich abschalten sollte.
Eines Tages kam er beim Nachdenklich-Rumlaufen in den Raum, wo die Fähre stand und auch die Ausrüstung für Außenmissionen aufbewahrt wurde. Einer der Schränke stand offen. Mandoos ausgeprägter Ordnungssinn trieb ihn sofort dazu, den Schrank zuzumachen, aber vorher warf er noch einen Blick hinein. Darin befanden sich fremdartige wissenschaftliche Geräte, warme Jacken und, sauber aufgereiht, Gegenstände, die unverkennbar Waffen waren. Eine der Halterungen war leer.
Das ließ Panik in ihm aufsteigen – so viel Panik, wie ein Android empfinden konnte.
Er rief die Brücke an und fragte, wie viele Waffen eigentlich in dem Schrank sein sollten. Das hatte zur Folge, dass wenige Minuten später die ganze Crew um den Schrank versammelt stand, und zwar mit sehr blassen Gesichtern. Kaffee, Handtücher und Löffel waren eine Sache, Geräte, mit denen man Menschen töten konnte, eine andere.


„Ab jetzt sind alle bewaffnet, keiner läuft mehr alleine rum und wir scannen noch mal gründlich nach Leuten, die nicht da sein sollten“, ordnete Roger an. „Und vor allem…“
„Keine Panik!“, beendeten die anderen den Satz und wirkten dabei wenig überzeugt bis unverhohlen ironisch.
„Merkt ihr was? Die Situation entgleitet uns so langsam“, meldete sich Siska zu Wort. „Entweder sind wir jetzt alle endgültig am Durchdrehen oder hier läuft tatsächlich ein Unbekannter mit ’ner Waffe rum! Und du“, fuhr sie Roger an, „du kommst mit ‚Keine Panik!’ Hallo, geht’s noch?!“
„Okay, das war etwas unglücklich ausgedrückt“, gab der Commander zu. „Aber…“
„Aber es ist die Wahrheit? Natürlich ist es die Wahrheit, Mann!“, tobte Siska. „Ich kann’s nur nicht leiden, wenn Leute ‚Keine Panik!’ sagen! Und jetzt starrt mich nicht an, sondern tut was!“ Daraufhin sank sie an der Wand auf den Boden und versuchte, sich zu beruhigen.
Die anderen, die die Szene wortlos beobachtet hatten, versuchten auch, sich zu beruhigen.
Sie wollten gerade geschlossen zur Brücke gehen, da machte Faye ein erschrockenes Geräusch und blieb wie zur Salzsäule erstarrt stehen.
„Ich weiß, was es ist“, stammelte sie auf die entsetzten Blicke hin.
Ob diese Äußerung ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, blieb abzusehen.
„Es ist eins von diesen körperlosen Wesen, die wir in dem großen, schwarzen Klotz auf dem Esondo-Planeten getroffen haben, ganz sicher! Ihr wisst schon, die, die uns wahrscheinlich umbringen wollten“, erklärte Faye hastig. „Es muss sich irgendwie an Bord geschlichen haben und ich hab’s bis jetzt nicht bemerkt… Aber es ist ganz sicher da!“
„Das klingt logisch“, meinte Takeru, obwohl aus wissenschaftlicher Sicht so gar nichts Logisches dran war. „Und wo genau ist es jetzt?“
„Irgendwo weiter oben“, antwortete Faye schrill. „Wahrscheinlich auf dem vierten Deck...“
„Will es uns umbringen?“, fragte Hitch.
„Davon können wir ausgehen.“
„Los, aufteilen!“, befahl Roger. „Wir durchsuchen das vierte Deck!“

Faye und Paolo nahmen sich Lagerraum 2 vor.
„Falls es da drin ist, woran erkenn ich denn so ein körperloses Wesen?“, fiel Paolo ein, bevor sie rein gingen.
„Keine Ahnung“, erwiderte Faye. „Vielleicht ist es ja gar nicht mehr so körperlos, wie hätte es denn sonst die ganzen Sachen wegschaffen können? Ich weiß auch nicht, was uns da drin erwartet!“
Sie postierten sich zu beiden Seiten der Tür und stellten ihre Waffen auf die höchste Stufe. Diese Pistolen schossen nicht mit Projektilen, wie es noch sehr weit verbreitet war, sondern mit einer neuartigen Strahlung, die beim Gegner auch genügend Schaden anrichtete, aber die Außenwände des Raumschiffs nicht beschädigen konnte.
„Wir schießen auf alles, was sich bewegt, okay?“, beschloss Paolo.
„Natürlich.“
In stillem Einverständnis stießen sie die Tür auf und stürzten mit vorgestreckten Waffen in den Raum.
Sie schauten nach links, rechts, es schien niemand da zu sein.
Paolo sah Faye fragend an. Die riss plötzlich die Augen weit auf.
„Es ist hier drin!“, zischte sie.
Da schnellte hinter einem Kistenstapel ein Gebilde aus blauem Rauch oder Nebel hervor, das nichts anderes als das sich allmählich materialisierende körperlose Wesen sein konnte. Es hielt die vermisste Waffe in etwas, das man mit Mühe als Hand erkennen konnte, und machte sogleich davon Gebrauch.
Im gleichen Moment schossen auch Faye und Paolo, doch das Rauchwesen wich geschickt aus und erwischte Paolo am Arm.
Faye sah erschrocken zu ihm herüber, war für einen Moment abgelenkt – und der nächste Schuss traf sie.
Paolo bemerkte, wie sie fiel. Doch er musste dieses Biest unbedingt zur Strecke bringen. Er traf einmal, zweimal, es zuckte, wand sich, gab aber nicht auf. Sein Arm schmerzte höllisch, er konnte nicht mehr richtig zielen. Plötzlich kamen von hinten weitere Schüsse. Der blaue Rauch flackerte noch einmal auf und verschwand, die Waffe fiel zu Boden.
Im Türrahmen standen Roger, Chayenne und Jenikk und ließen ihre Pistolen langsam sinken.
Von den zahlreichen Schüssen alarmiert, trafen nun auch die anderen fünf ein und sahen Faye dort reglos auf dem Boden liegen. Es gab keine Spur von Blut zu sehen, denn diese neuartigen Waffen funktionierten ganz anders. Die nun einsetzende beklemmende Stille sprach für sich selbst.
Es war Takerus wenig ehrenvolle Aufgabe, sich hinunterzubeugen und Puls und Atmung zu überprüfen. Die anderen beobachteten den Vorgang und alle Bewegungen schienen wie in Zeitlupe abzulaufen.
„Sie ist tot“, flüsterte er nach endlosen Sekunden und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht wie jemand, der nicht glauben wollte, was er gehört hatte.
„Kannst du nichts mehr tun?“, fragte Paolo, obwohl er genau wusste, dass es nichts mehr zu tun gab. Die Auswirkungen solch eines frontalen Treffers waren in etwa vergleichbar mit denen einen Blitzschlags, nur dass der Blitz einem noch eine Chance ließ.
„Was ist passiert?“, fragte Hitch, die nicht dabei gewesen war.
Fragen hatten sie viele, als sie so standen und fassungslos das blasse Gesicht der Frau betrachteten, die am besten gewusst hatte, was geschehen würde. Aber Antworten hatten sie nicht.
„Dein Arm…“, begann Takeru, getrieben davon, wenigstens diesen Schaden zu beheben, und griff vorsichtig nach Paolos rechtem Ellbogen.
„Scheiß auf den Arm! Hier ist gerade jemand gestorben!“, explodierte Paolo und brachte den fraglichen Arm durch eine ziemlich schmerzhafte Bewegung außer Reichweite. Er war der erste, der den Schockzustand abzuschütteln vermochte, aber was darauf folgte, war ein Ausbruch von unkontrollierter Wut, die unbedingt ein Ziel brauchte.
„Wir hätten nicht so Hals über Kopf losstürzen dürfen und vor allem hätten wir uns nicht aufteilen dürfen! Wir hätten das planen müssen! Aber du“ – er wandte sich Roger zu – „hast es so beschlossen! Wenn du nachgedacht hättest, könnte sie noch am Leben sein! Schau, was du angerichtet hast!“, brüllte Paolo. „Es ist deine Schuld! Deine Schuld!“ Mit diesen Worten schlug er Roger mit der Faust ins Gesicht. Der hatte überhaupt nicht damit gerechnet und fiel um wie ein Brett. Paolo warf noch einen letzten Blick auf Faye und rannte dann nach draußen. Takeru hinterher, er war der festen Überzeugung, dass man den Arm nicht so lassen konnte.
Irgendwann waren nur noch Roger und Chayenne da. Roger kauerte noch immer auf dem Boden, starrte in eine unbestimmte Ferne und ignorierte das Blut, das aus seinem Mundwinkel sickerte.
„Vier“, sagte er. „Vier.“ Immer wieder. Chayenne wünschte sich, verstehen zu können, was das bedeutete.

15


Die nächsten Tage zogen lautlos heran, und als sie bemerkten, dass es für sie nichts zu tun gab, gingen sie ebenso lautlos zu Ende. Oft fiel stundenlang kein einziges Wort, die Leute waren viel zu sehr in ihren eigenen Gedanken versunken und außerdem hatten sie einander gar nichts Wichtiges mitzuteilen.
Was war überhaupt wichtig? Die Frage, wie die verschwundenen Gegenstände mit der Materialisation des körperlosen Wesens in Zusammenhang standen, wirkte neben dem dunklen Schatten, der sich über die Mission gelegt hatte, genau so lächerlich unbedeutend wie die Frage, was eigentlich die Beweggründe dieses Wesens gewesen waren. Über solche Dinge nachzudenken erschien angesichts des Bergs von Gefühlen, die man nun gefälligst zu empfinden hatte und auch empfinden wollte, äußerst unangemessen.
In dieser Zeit ging es nur darum, sich am Leben zu erhalten und darauf zu warten, dass die Wogen sich irgendwann von selbst glätteten.
Bald waren sie alle wieder da, still zwar, und mit dunklen Schatten unter den Augen, aber sie versuchten, irgendwas zu arbeiten. Sogar Paolo erschien manchmal auf der Brücke, wenn auch nur, um zu sehen, ob er irgendwas verpasste.
Nur Roger blieb ewig verschwunden. Roger, der zu entscheiden hatte, wann die Reise weiterging, der die anderen davon überzeugen musste, dass sie überhaupt noch einen Sinn hatte, der dafür verantwortlich war, dass der ganze Laden zusammenhielt.
Chayenne beschloss, nach ihm zu sehen, und wenn er noch so allein sein wollte. Sie machte sich unheimliche Sorgen.
Die Tür zu seiner Kabine war nicht abgeschlossen. Chayenne klopfte behutsam an, und als keine Reaktion erfolgte, ging sie einfach rein.
Roger lag auf dem Bett, vollständig angezogen, das Gesicht zur Wand. Das Licht war eingeschaltet, auf dem Computerbildschirm befanden sich ein paar Zeilen eines Textes, der wahrscheinlich der Anfang des Berichts über die jüngsten Ereignisse werden sollte.
Chayenne gab Roger ein paar Sekunden lang die Chance, sie doch noch rauszuwerfen, dann setzte sie sich zu ihm.
Er reagierte immer noch in keinster Weise, doch sein unregelmäßiger Atem verriet, dass er wach war.
„Machst du dir Vorwürfe?“, fragte Chayenne und hoffte gar nicht erst auf eine Antwort. Aus diesem Menschen musste doch irgendwie ein Wort rauszukriegen sein.
„Paolo hat das nicht so gemeint. Es ist nicht deine Schuld. Jeder andere hätte genauso entschieden und jeder andere wäre genauso kritisiert worden“, redete sie einfach drauflos, obwohl sie wusste, dass diese Worte nichts besser machten. Jedem anderen hätte es genauso zugestanden, sich Vorwürfe machen zu dürfen.
„Du hast nicht mehr Schuld als alle anderen. Du hast bloß die Entscheidung ausgesprochen.“ Keine Reaktion.
„Jetzt tu nicht so, als hättest du sie selbst umgebracht!“, versuchte Chayenne es weiter. Auch nicht gut, da steckte wieder ein Vorwurf drin.
Nun fiel ihr nichts mehr ein, als ihm tröstend den Rücken zu tätscheln und sich unter Tränen der Frustration davonzumachen. Es tat verdammt weh, ihm nicht helfen zu können.
Doch als sie aufstehen wollte, hielt er ihre Hand fest und bat sie mit sehr rauer Stimme, noch nicht wegzugehen.


In den darauf folgenden Tagen kam sie oft zu ihm. Zunächst versuchte sie weiter, ihn zum Reden zu bringen, aber es war zwecklos. Er lag nur da und ignorierte sie.
Chayenne spürte, wie die Wut in ihr hochbrodelte, aber sie zwang sich dazu, dieses Gefühl nicht zuzulassen. Roger hatte sicher seine Gründe, nichts zu sagen. Es musste mehr dahinter stecken, dass das, was passiert war, ihm noch so viel mehr zusetzte als allen anderen.
„Vier“ – Was bedeutete sie bloß, diese blöde Zahl? Chayenne konnte ihn nicht dafür verurteilen, dass er es ihr nicht sagen wollte, aber sie hätte es unheimlich gerne gewusst.
Vielleicht, so tröstete sie sich, würde er bald von selbst wieder auf die Beine kommen, wenn auch ohne sein Innerstes vor ihr auszubreiten. Immerhin hatte Roger es geschafft, den Bericht für Chicago fertig zu schreiben. Toll, noch mehr Menschen, die der Schlag treffen würde.
Bis dahin, was auch immer dieses „dahin“ letztendlich darstellen sollte, verbrachte Chayenne Stunden damit, schweigend neben ihm zu liegen, ihr Gesicht an seinem Rücken zu vergraben, und fand dabei auch selbst etwas Trost.


Hunderte von Lichtjahren entfernt, genauer gesagt in Chicago, hatte sich an Kathleens Unglauben bezüglich des Schicksals, Gottes und anderer Dinge, die die Selbstbestimmung des Menschen einschränkten, nichts geändert. Die Schuld bei etwas zu suchen, das man nicht erklären konnte, war so einfach wie abwegig, und sie wollte sich nicht auf diese einfältig-irrationale Art trösten, dass es unausweichlich so hatte kommen müssen und aus ähnlichen Gründen bald wieder gut sein würde.
Kathleen wusste nicht, wie es auf den anderen in dieses Projekt involvierten Planeten aussah, aber die Erde trauerte, wie sie es immer getan hatte, wenn jemand unterwegs verloren gegangen war. Für Paré und Fontayn wurden auch nach elf Jahren noch Kerzen angezündet und Cortez’ Verschwinden – sie galt noch immer als vermisst, damit man sich das Unleugbare nicht eingestehen musste - hatte Spuren in Zeitungen und Köpfen hinterlassen.
So würde es auch diesmal sein, und aus dem Meer der Weinenden würden sich die Kritiker hervorheben und versuchen mit ihren scharfen, verletzenden Worten das ohnehin angeschlagene Konzept ‚Explorer’ dem Erdboden gleich zu machen. Es war völlig klar, wessen Aufgabe es war, all die Vorwürfe abzuschmettern.
Schon wieder klingelte das Telefon, dessen Nummer in letzter Zeit auffällig viele fremde Leute erfahren hatten, und Kathleen musste einmal mehr an das Mädchen denken, das sie am letzten Tag des vergangenen Jahres getroffen hatte.


„Du gehst doch zu ihm, oder?“ Ein sehr zerknautschter Paolo stand plötzlich mitten im Korridor und versperrte mehr oder weniger den Weg.
Chayenne taxierte ihn mit einem abschätzigen Blick, der ausgereicht hätte, um ein ganzes mittelständisches Unternehmen niederzustarren. Sie wies diesem Menschen nicht sämtliche Schuld an Rogers Zustand zu, aber er hatte doch maßgeblich dazu beigetragen.
„Kannst du… Kannst du ihm sagen, dass … ich nicht so fest zuschlagen wollte?“, brachte Paolo trotz der wirkungsvollen Einschüchterungsaktion schließlich heraus.
War das etwa schon alles? Gab es da nicht noch ein bisschen mehr zu klären? Chayenne wollte etwas äußerst Scharfes erwidern, doch dann bedachte sie, dass dieses Häuflein Elend vor ihr wahrscheinlich gar nicht in der Lage war, seine gesamten verqueren Gefühle zu offenbaren. Und selbst, wenn er es nur so meinte, wie er es gesagt hatte, war das zumindest ein Anfang.
„Gut“, sagte Chayenne so ungerührt wie möglich und ließ ihn stehen.


Dass Roger an diesem Abend nicht in seiner Kabine war, alarmierte Chayenne aufs Äußerste. Unbehagliche Gedanken machten sich breit und schnürten ihr hässlich die Luft ab, während sie fieberhaft überlegte, wo er hingegangen sein konnte.
Glücklicherweise fand sie ihn gleich an dem Ort, der ihr am wahrscheinlichsten erschienen war – in der Kantine. Dort stand, vielmehr klebte er am Fenster und schien sie gar nicht zu bemerken.
„Roger! Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“, rief sie und trabte zu ihm.
Stirn und Hände an die Scheibe gedrückt starrte er nach draußen, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen. Dabei zogen die Sterne nicht einmal vorbei, sie standen so still wie das Schiff.
Chayenne stupste ihn mehrmals an, erhielt aber wieder keine Reaktion. Erst als sie ihn gewaltsam zu sich herumriss, starrte er sie aus rot geränderten Augen an und wirkte so erschrocken, als hätte sie ihn aus einer tiefen Trance geweckt.


Geistesgegenwärtig zog sie ihn an sich, damit er nicht umfiel, um das erwies sich als richtige Entscheidung.
„Bist du betrunken?“, fragte Chayenne behutsam, als er sich so völlig kraftlos an sie klammerte.
„Ach was“, gab Roger schwach zurück. Er hielt kurz inne, ordnete seine Gedanken.
„Weißt du… Wenn du nach draußen schaust“ – er drehte ihr Gesicht sanft zum Fenster – „so, dass die Sterne dein gesamtes Blickfeld ausfüllen und du dich zwischen ihnen verlierst, du alles um dich herum vergisst… Das macht dann einen ziemlichen Tunnelblick“, flüsterte er, „und es betäubt den Schmerz.“
Für einen Moment hob er den Kopf, ein gequältes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Dann begannen die Tränen zu fließen und er drückte sein Gesicht an ihre Schulter. Chayenne konnte nicht anders als mitzuweinen. Sie ertrug es nicht, ihn so zu sehen.
„Hey. Was ist los? Willst du mir nicht endlich sagen, was dich so bedrückt?“, bat Chayenne verzweifelt. „Und ‚Vier’, diese verdammte Zahl, was bedeutet das? Hör auf, das alles in dich hineinzufressen! Ich kann’s nicht mit ansehen!“, schluchzte sie.
„Okay. Ist ja gut.“ Roger hielt ihren zitternden Körper fest, ganz fest, und streichelte ihren Rücken, vielleicht um sie, vielleicht um sich selbst zu beruhigen. „Erinnerst du dich? Es gibt da diese lange, traurige Geschichte, für die letztes Mal nicht der richtige Zeitpunkt war und für die nie der richtige Zeitpunkt sein wird…“ Seine Stimme klang überraschend fest, als würde er von irgendwo Kraft schöpfen, doch der mehr als bittere Tonfall machte das wieder wett.
„Erzähl schon, ich will’s hören“, erwiderte sie leise, bevor ihm noch eine Ausrede einfallen konnte. Das nahm er als ultimative Einwilligung, jetzt konnte sie nicht mehr behaupten, nicht gewarnt worden zu sein.
„Vier Menschen waren es. Ich hab sie umgebracht“, sagte er so unverblümt, dass einem das Blut in den Adern gefrieren konnte.
Chayenne zuckte unwillkürlich zusammen, wich aber nicht zurück. Sie wollte die Geschichte erst hören, bevor sie sich ein Urteil bildete.
„Das hat vor ziemlich genau 20 Jahren angefangen, im Frühling ’85.“ Er löste sich ein Stück weit von ihr, um sie ansehen zu können.
„Ich hab das nicht vielen erzählt bisher… Ich war verheiratet, damals. Sie hieß Julietta, wir waren jung und das war eine Sache für die Ewigkeit.“
Roger schaute kurz nach draußen, als hoffte er, die nächsten Worte zwischen den Sternen zu finden. Chayenne wartete nur noch auf das Einsetzen einer unheilvollen, streicherlastigen Hintergrundmusik, wie sie in übertrieben dramatischen Filmszenen zu hören war, und das mutete wahrlich wie eine übertrieben dramatische Filmszene an.
„Es ist ’ne ziemlich verregnete Woche gewesen“, erzählte er weiter. „Julie war erkältet, ich hab gemeint, dass sie besser zu Hause bleiben sollte, aber sie wollte unbedingt zur Arbeit. Sie hatten einen unheimlich schlecht bezahlten Job in einem gigantischen Bürokomplex von einem ebenso gigantischen Konzern, aber sie hat ihn gerne gemacht. Hab mir nicht weiter dabei gedacht und sie gehen lassen, dann bin ich zur Uni gefahren – ich hab Architektur studiert – und hätte nie damit gerechnet, was nur ein paar Stunden später passiert ist.
Gegen Mittag kam von der Innenstadt her ein ohrenbetäubendes Donnern. Wir haben alle minutenlang am Fenster geklebt, in dem Bewusstsein, dass es einer dieser hässlichen Tage werden sollte. Und als sich die Staubwolke gelegt hatte, hat in der Skyline ein Hochhaus gefehlt.“
„Oh mein Gott“, fiel Chayenne dazu ein. Roger bedeutete ihr, still zu sein.
„Ich bin sofort hin“, fuhr er fort. „Mit dem Fahrrad durch halb Los Angeles, und das völlig kopflos. Ein Riesenspaß. Als ich jedenfalls da angekommen bin – nichts als Trümmer, Absperrband und uniformierte Menschen. So ’ne Polizistin hat mir gleich angesehen, was ich wissen wollte. ‚Es tut mir schrecklich leid, Sir’, hat sie gesagt. ‚Wir können keine Überlebenden finden’, hat sie gesagt. Ich hab mich vor der Polizistin auf den Boden geworfen und darauf gewartet, ohnmächtig zu werden, aber diese Gnade war mir nicht vergönnt, warum auch?“
Dann schwieg er, schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte.
„Ich … versteh nicht, worauf du hinauswillst“, brachte Chayenne zaghaft hervor, obwohl sie schon ahnte, was er sich all zu gründlich eingeredet hatte.
„Okay, hör zu“, sagte Roger und wirkte aufgelöster als je zuvor. „Wenn Julie an diesem Tag zu Hause geblieben wäre, wäre sie jetzt wohl noch am Leben.“ Er senkte den Kopf, hielt sein Gegenüber jedoch mit den Augen fixiert. „Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Es ist meine Schuld.“
„Nein! Nein, das ist nicht wahr!“, protestierte Chayenne fassungslos. „Was passiert ist, ist ganz furchtbar, aber du hast nichts damit zu tun!“
Roger wich ihrem Blick aus, er hatte sich anscheinend so von diesem Trauma überwältigen lassen, dass er keine andere Meinung hören wollte.
„Und warum ist das Gebäude eingestürzt?“, fragte Chayenne, in der Hoffnung, noch ein brauchbares Argument zu bekommen.
„Acht Sprengsätze im Erdgeschoss, konnte nie einer bestimmten Terroristengruppe zugeschrieben werden. Zu der Zeit gab’s mehrere, die gezielt Symbole des modernen Kapitalismus angegriffen haben.“
Chayenne wollte etwas dazu sagen, aber er schnitt ihr sofort das Wort ab.
„Jetzt lenk nicht ab, die Geschichte geht noch weiter.
Daraufhin hab ich alle Zelte abgebrochen, ich konnte diese Stadt, dieses Land nicht mehr sehen. Als der Scherbenhaufen zusammengekehrt war, hatte ich von meinem alten Leben so viel übrig gelassen, wie in einen Rucksack passte und mit nichts als diesem Rucksack stand ich eine Woche später in Straßburg, auf der anderen Seite des Ozeans. Ich wusste sofort, was ich machen wollte – zur Raumflotte, ein nicht ganz ungefährlicher Job, wie wir alle wissen, nicht wahr? Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren“
Sich als tragische Figur darzustellen und kein Mitleid zu wollen – passte das zusammen? Vor allem zeugte es von einer äußerst zerrütteten Persönlichkeit.
„Es war keine schlechte Zeit. Dieser Job hat nicht geholfen zu vergessen, aber zu verdrängen, und es ist immerhin neun Jahre gut gegangen. Neun freundliche, schmerzlose Jahre. Dann kam dieser Testflug vor Südafrika und ich hab die neun Jahre richtig zu schätzen gelernt.
Es gab da eine neu entwickelte Fähre, die schneller und besser und sicherer sein sollte als alles, was bisher gewesen war, und die bis zur Serienreife nur noch ein paar Testflüge innerhalb der Atmosphäre vor sich hatte. Das war neu, das war aufregend, das war eine einmalige Chance. Es gab zwei Piloten, eine junge, temperamentvolle Persönlichkeit namens Hannah und – du ahnst es – meine Wenigkeit. Natürlich ist zwischen uns ein erbitterter Kampf entbrannt, wer sich zuerst hinters Steuer klemmen durfte, und ich hab sie mit einer zugegebenermaßen ziemlich unfairen Wette auf den Copiloten-Sessel verwiesen.“
Was er erzählte, klang wie auswendig gelernt. Die wirklich bitteren Stellen kamen ja erst noch.
„Es war wirklich toll“, redete er ohne Pause weiter und man konnte den Sarkasmus buchstäblich in Richtung Boden triefen sehen. „Überall dieses azurblaue Meer, das Kap der Guten Hoffnung wird immer kleiner, und auch sonst ist die Aussicht nicht schlecht. Wir haben die ganze Zeit Witze gemacht. Dann ist an der Steuerbordseite völlig ohne Vorwarnung was explodiert – wie gesagt, die Fähre war noch in der Testphase. Ich hab kaum was abgekriegt, aber Hannah ist nicht mehr aufgewacht.“
„Roger! Das war ein Unfall!“, lenkte Chayenne in ziemlich schrillem Tonfall ein. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass…“
„Ich hätte an ihrer Stelle sein müssen“, stellte er heftig klar, verwundert über so viel Unverständnis. „Wenn ich sie nicht auf so hinterhältige Weise ausgestochen hätte, wäre ich auch da gewesen.“
Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ihr fiel nichts ein, was sie nicht schon gesägt hätte. Wie konnte man sich selbst nur so kaputt machen?
„Das waren jetzt zwei, nicht wahr?“, fuhr er nach einer kurzen Pause, in der sie versucht hatten, sich gegenseitig niederzustarren, unbeirrt fort. „Ich hatte also begriffen, dass es wohl mein Schicksal war, durch falsche Entscheidungen unschuldige Menschen zu töten und mich dabei mies zu fühlen. Das nächste Kapitel beginnt vor nicht ganz fünf Jahren in einer französischen Kneipe, wo ich öfter gewesen bin und immer versucht habe, so unfreundlich auszusehen, dass die Leute mich in Ruhe lassen. Aber eines Abends kam so ein Wesen herein, das auf den ersten Blick völlig fehl am Platz war, und hat sich neben mich gesetzt.
Ich weiß noch genau, was sie gesagt hat, mit dem dünnsten, zartesten Stimmchen, das ich je gehört hatte: ‚Hey, du siehst aus wie jemand, der schon zu viel erlebt hat.’ Diesen Eindruck hätte ich glatt zurückgeben können. Marlene, so hieß sie, behauptete, 23 zu sein, also zu alt, um sie zu den sturzbetrunkenen Teenagern am Billardtisch abzuschieben. Sie war hübsch, aber so klein, dünn und blass, dass ich ihr das nur schwer abnehmen konnte. Und dann dieser Mut, mich anzusprechen… Die war mir gleich unheimlich. Trotzdem hat sie es geschafft, mich mit ihrem Gerede über Schicksal, Seelenverwandtschaft und ihren langjährigen Freund, der sie ein paar Tage vorher verlassen hatte, so zu faszinieren, dass ich mit zu ihr nach Hause gegangen bin und später tatsächlich was mir ihr angefangen habe. Das Mädchen war verrückt nach mir, also hab ich mitgespielt. Ich hab nicht wirklich was für sie empfunden, aber ich konnte mir nicht vorstellen, so ein zerbrechliches Wesen zu verletzen, auch wenn ich wusste, dass es früher oder später doch dazu kommen würde. Ich hab wirklich versucht, wieder jemanden zu finden, nach Julie, aber verliebt hab ich mich nie. Es gibt nur gebrochene Herzen.
Marlene hat überhaupt nichts gemerkt, die hatte den Kopf in den Wolken. Es war erträglich mit ihr, immerhin war sie glücklich. Nur dann hat sie wohl eines Abends gedacht, ich würde schon schlafen, und sich in ein paar Minuten rosarote Zukunftspläne für die nächsten 40 Jahre zusammengesponnen – da haben wir uns gerade drei Wochen gekannt. Was auch immer sie zu solchen Gedanken, zu so einer Besessenheit getrieben hatte, das ging mir zu schnell, dieses Opfer konnte ich nicht bringen, auch auf die Gefahr hin, ihr wehzutun. Als sie eingeschlafen war, hab ich sofort meine Sachen gepackt und bin weg, nicht mal einen Zettel hab ich dagelassen. Am nächsten Tag ist sie von ’ner Brücke gesprungen. Es kam in den Nachrichten“, beendete er voller Bitterkeit seine Erzählung.
Dann atmete er ein paar Mal tief durch und fasste Chayenne an den Schultern. „Du wolltest ja mal wissen, was mich hierher gebracht hat. Das ist einfach. Es war die ultimative Chance, Abstand zu gewinnen von der Erde und allem. Da unten hat mich nichts mehr gehalten. Vielleicht auch die Aussicht, halbwegs sinnvoll zu sterben … oder zumindest keinen weiteren Schaden anzurichten. Letzteres hat schon mal nicht funktioniert, hast du ja gesehen, und ich weiß, was du darüber denkst. Willst du noch meine Version vom vierten Kapitel hören?“
Jedes Wort tat weh wie ein Peitschenschlag. Vor allem, dass er tatsächlich der Vorstellung nicht abgeneigt war, auf diesem Trip zu sterben, machte Chayenne zu schaffen. Seine Ansichten über Fayes Tod wollte sie nun wirklich nicht hören.
„Jetzt hörst du mir mal zu“, sagte sie schnell, bevor sie wieder anfangen konnte zu weinen, aber ihre Stimme klang keineswegs so fest, wie sie es gerne gehabt hätte. „Du tust ja so, als hättest du selbst das Messer genommen und zugestochen, aber so war es nicht! Nichts davon lag in deiner Hand! Marlene ist auch nicht gesprungen, weil du sie verlassen hast, das machen normale Menschen nicht, nicht nach drei Wochen! Da gab es noch mehr Gründe, das kann ich auch sehen, ohne sie gekannt zu haben.“
Sie nahm Rogers Kopf in beide Hände, damit er sich nicht abwenden konnte.
„Ein bisschen Schuldgefühl ist okay, das kennt jeder, der zurückblickt“, erklärte sie eindringlich. „Aber du lässt zu, dass es dich auffrisst, weil du nie jemanden hattest, der dir da raushilft, schon bei Julie nicht. Das ist ein Trauma, dafür kannst du auch nichts.“
„Weiß ich doch alles“, flüsterte er resigniert. „Irgendwo weiß ich das, bin nur zu alt, es zu begreifen.“ Er zog sie wieder an sich, drückte seine Stirn an ihre und schloss die Augen. „Danke, dass du da bist.“

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