Explorer V | 7

Chayenne versuchte zu verarbeiten, was sie über ihn erfahren hatte. Er war ihr schon immer ein bisschen schroff, ein bisschen wettergegerbt erschienen, aber keinesfalls wie jemand, der innerlich so zerrissen war. Das tat weh, das hatte er nicht verdient, und sie wusste nicht, wie sie ihm helfen konnte. Sie wollte den Schmerz von ihm nehmen, ihn umarmen können, ohne ihn trösten zu müssen, einfach so. Das Leben war nicht fair.
Hinter ihnen flackerte die einzelne Lampe, die eingeschaltet war, kurz auf und stabilisierte sich dann wieder. Das war einer dieser magischen Momente, die man nicht verstreichen lassen durfte.
Jegliche Gedanken waren blockiert, völlig ausgeblendet, als sie ebenfalls die Augen schloss und ihn küsste.
Damit hatte er sicher nicht gerechnet, denn er war augenblicklich wie zur Salzsäule erstarrt. Sofort wollte sie zurückweichen und vor Scham im Boden versinken. Wie hatte sie sich nur zu so einer Dummheit hinreißen lassen können?
Doch da hielt er sanft aber bestimmt ihren Kopf fest und erwiderte den Kuss.
Und alles andere, all der Schmerz, wurde bedeutungslos.

16


Am nächsten Tag erschien Roger wieder auf der Brücke, als wäre nichts gewesen, oder fast nichts, und beschloss, dass es an der Zeit war, die Reise fortzusetzen, was die anderen sehr begrüßten. Es tat gut, endlich wieder zur Tagesordnung überzugehen, als wäre alles ganz normal, oder fast normal. Der Mensch war dazu geschaffen zu akzeptieren, zu verdrängen. Das beklemmende Gefühl im Hinterkopf, das blieb und das gelegentlich bittere Erinnerungsfetzen aufsteigen ließ, gehörte ebenso dazu, und das war okay.
Chayenne ertappte sich dabei, wie sie Roger aus dem Weg ging, und auch er schien es nicht darauf anzulegen, mehr als das Nötigste zu reden. Sie war verwirrt, die Erinnerung an das Gespräch und vor allem an den Kuss bereitete ihr Unbehagen, auch wenn sie nicht leugnen konnte, dass Letzteres ihr gefallen hatte.
Das Schlimme war ja, dass zu Hause, so weit weg das auch war, jemand auf sie wartete und sie das in keiner Sekunde vergessen hatte.
Aber es hatte ja gar nichts zu bedeuten gehabt, oder? Diese Handlung war aus einer sehr emotionalen Situation heraus entstanden, eine Art Kurzschlussreaktion. Mehr steckte doch wirklich nicht dahinter, oder?
Für Ablenkung sorgten zwei Raumschiffwracks, die man in einem weiträumigen Asteroidenfeld fand. Sie waren in einem üblen Zustand, der sicher nicht durch halbwegs natürliche Umstände herbeigeführt worden war. Die unschwer zu übersehenden Spuren deuteten auf Piraten oder Schlimmeres hin. Mehr und mehr präsentierte sich dieser Teil des Weltraums als äußerst unsichere Gegend. Die Explorer V war durchaus so ausgerüstet, dass sie sich ganz gut zur Wehr setzen konnte, aber darauf anlegen wollte man es natürlich nicht.
Bei genauerem Hinsehen erkannte Mandoo die Raumschiffüberreste mit Schrecken als den Zoeth, den Leuten, die ihn gebaut hatten, zugehörig. Man konnte nur spekulieren, wie viel so ein Android wirklich zu empfinden in der Lage war oder ob er doch nur darauf programmiert war, Gefühle zu simulieren, aber auch für die Außenstehenden war der Anblick traurig.
Sie hielten kurz an, um festzustellen, dass die Schiffe völlig zerfetzt und durchlöchert aber nicht geplündert worden waren, was eher gegen Piraten sprach und auf einen größeren Clinch mit politischem Hintergrund hindeutete.
Es sollten nicht die letzten Trümmer bleiben, die die Reisenden zu Gesicht bekamen. Lichtjahr für Lichtjahr passierte die Explorer V immer mehr Wracks, viele davon zoethisch, aber auch andere.
Mandoo erklärte sich die Anwesenheit der Zoeth-Schiffe in diesem Gebiet durch einige abgelegene Außenposten, deren genauen Zweck er nicht kannte, aber er verstand absolut nicht, wie „sein“ Volk solch einen Hass auf sich hatte ziehen können.
„Das sind kluge Leute“, sagte er und konnte den Blick nicht von einem Schiff abwenden, das in drei Teile gespalten war, „die haben nichts übrig für Krieg. Was auch war, bisher konnte immer eine Lösung gefunden werden. Irgendwas, irgendwas Schreckliches muss passiert sein…“ Und er stellte sich in eine Ecke, um gründlich darüber nachzudenken, was dieses Schreckliche sein konnte.
Der Weltraum war ein Schlachtfeld. So viele Wracks, unzählbare namenlose Tote. Daneben erschienen die eigenen Sorgen sonderbar nichtig.

Chayenne drehte den Ring zwischen den Fingern hin und her, betrachtete das matt glänzende Metall so intensiv, als wollte sie sich jeden Kratzer, jeden verwischten Fingerabdruck der vergangenen Jahre genau einprägen. Auf Taretia war es gar nicht so üblich Ringe zu tragen, es war ein (nicht unbedingt schlechter) Scherz von Baran gewesen, ihn ihr zu schenken – als Verbeugung vor ihrer Obsession für die Dinge, die sich weit vor der interstellaren Haustür abspielten, wozu nun mal auch die terranische Kultur gehörte, und gleichzeitig als dezenten Hinweis, ihn bei all diesen fantastischen Erfahrungen auch nicht zu vergessen.
Sie trug den Ring nicht, wegen des Verletzungsrisikos, und auch jetzt hinderte sie irgendwas daran, ihn anzustecken. Das ging einfach nicht. All diese Gefühle, die sie nicht verstand.
Roger. Was war das jetzt? Chayenne konnte nicht bestreiten, dass er irgendwas an sich hatte, was ihr schon bei der allerersten Begegnung aufgefallen war. Aber das war doch bloß so eine Art, die sicher bei allen Frauen im ganzen Universum Wirkung zeigte, ganz bestimmt, und da konnte sie doch wirklich drüber stehen.
Sie schätzte ihn für ganz andere Dinge, dafür, dass er sie verstand, dass er für sie da war, dass er jemand war, mit dem man reden konnte. Das alles hatte er zu genüge bewiesen, und das gleiche konnte sie ihm auch entgegenbringen. Und sie wollte doch nichts anderes, als dass es so blieb. Oder vielmehr wieder so war, denn im Moment hielten sie sich ziemlich voneinander fern. So konnte das nicht weitergehen, dieser Zustand war einfach unerträglich.
Das musste jetzt geklärt werden, jetzt sofort. Noch war es nicht zu spät, diese Beziehung zu retten, die sie so leichtsinnig aufs Spiel gesetzt hatte. Alles würde wieder so sein wie früher, wenn sie einfach diese blöde Aktion aus der Welt schaffen und nie wieder ein Wort darüber verlieren würden. Sie wusste zwar nicht, was genau er darüber dachte, aber völlig anders sah er das sicher auch nicht. Entschlossen legte sie den Ring zurück in die Schublade und lief los.
Unter anderen Umständen, das war ihr klar, hätte ihre Entscheidung wahrscheinlich anders und weniger kopflastig ausgesehen, aber es waren eben genau diese Umstände und keine anderen.
Keine Minute später klopfte sie zaghaft an seine Tür, obwohl sie die richtigen Worte noch nicht gefunden hatte und auch nicht glaubte, sie überhaupt finden zu können.
Als er öffnete, lag noch für einen Moment ein Ausdruck irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und Genervtheit auf seinem Gesicht, doch als er sie erblickte, wandelte sich das schlagartig in blankes Unbehagen. Er machte keine Anstalten, sie hereinzubitten, und eigentlich gefiel es ihr draußen auf dem Korridor auch recht gut.
„Ich glaub, wir müssen reden“, sagte sie und es klang mehr wie eine Feststellung als wie ein Vorschlag.
Er murmelte eine Zustimmung und starrte auf den Boden, wie beiläufig. Wagte es nicht, sie anzusehen. Wie er da so im Türrahmen stand, zerzaust, Lässigkeit vortäuschend, aber wie in der Bewegung erstarrt, sah er genau so aus, wie sie sich fühlte.
„Also… Das, was passiert ist, das war blöd, und das tut mir echt leid“, brachte sie mit etwas Überwindung heraus.
„Mir auch“, erwiderte er in Richtung der gegenüberliegenden Wand.
„Ich finde, wir sollten das vergessen“, bot sie an, erleichtert über dieses Entgegenkommen.
„Und nicht mehr drüber reden“, setzte er hinzu und blickte kurz auf, um an ihrem Gesicht abzulesen, ob das die richtige Reaktion war.
„Und es für uns behalten“, sagte sie schnell.
„Und dann ist alles wie vorher.“ Sich unsicher in Hoffnung hebende Augenbrauen, zuckende Mundwinkel, die sich nicht recht zu einem Lächeln entschließen konnten. Machte er das mit Absicht?
„Ja, genau.“ Irgendwas in ihr begann sich gegen den Entschluss zu sträuben.
„Gut. Das ist toll.“ Er grinste. Er grinste! Konnte er nicht weggehen und woanders seinen Charme versprühen?
Er hielt ihr die Hand hin. Sie nahm beide. All diese Worte waren so hohl und substanzlos. Aber sie hatte sich im Griff. Sie hatte sich doch im Griff.
„Ich geh dann mal wieder“, stellte sie fest, rührte sich aber nicht von der Stelle, immer noch seine Hände haltend. Oh Gott, wie peinlich. Er sagte dazu nichts.
Gab es jetzt noch ein Zurück? Egal, sie waren sowieso keinen Schritt weitergekommen.
Sie warf sich ihm an den Hals und sie küssten sich noch einmal, und der Teil von Chayenne, der am wenigsten mit dem Kopf zu tun hatte, freute sich über den Sieg.
Roger ließ sich widerstandslos nach drinnen zerren, schloss mit einer Hand blind die Tür hinter ihnen hab, während die andere auf ihrem Nacken lag. Warum konnte sie ihn nicht haben? Warum nicht länger als für diesen Moment?
„Was wird’n das?“, fragte er atemlos, als sie kurz von ihm abließ, um selbst Luft zu holen.
Das war keine ganz unberechtigte Frage, aber sie störte jetzt.
„Sei einfach mal still, ja?“, wisperte sie und begann, seinen Hals zu küssen.
Worte. Die waren so unwichtig, so nutzlos. Egal ob gesprochen oder nur gedacht, es war so leicht und ohne Sinn, andere oder sich selbst damit zu belügen.
Seine Hände fanden den Weg unter ihren Pullover, sie ließ ihn gewähren.
Man konnte alles versprechen und beschließen, aber die Worte waren wertlos, wenn man nicht hinter ihnen stand. Die Wirklichkeit entstand nicht aus Worten, sie entstand aus dem Innersten, und das war nicht berechnend und oft auch nicht vernünftig und ließ nicht zu, dass man sich seine Emotionen vorgab.
Gedacht gegen gelebt, Geist gegen Gefühl – manchmal wollte man in diesem Kampf ein Unentschieden erreichen, manchmal auch nicht.
Jedenfalls fiel zwischen ihnen an diesem Abend kein weiteres Wort mehr.

17


Roger wachte lange vor dem Weckerklingeln auf. Irgendwas war anders als sonst. Es war ungewöhnlich hell und er hielt ein Kissen im Arm. Und woher kam dieses nervtötende Geräusch?
Als er sich aufsetzte, erblickte er die Kleider auf dem Boden, die nicht alle seine waren, und er erinnerte sich wieder, wobei allerdings keine rechte Freude aufkommen wollte. Chayenne. Warum hatte er sich darauf eingelassen, wo er doch wusste, dass es nicht ging? Und sie wusste das doch auch, wahrscheinlich noch viel besser.
Wo war sie überhaupt? Ach so, das Geräusch, das ihn geweckt hatte, war das Plätschern von Wasser aus dem Bad und der ungewohnte Lichtschein kam durch die offen stehende Tür.
Er stand auf, musste sie sehen, sofort.
Sie stand unter der Dusche, hielt ihr Gesicht in den Wasserstrahl. Wenn sie ihn bemerkt hatte, dann ließ sie sich nichts anmerken.
Er ging zu ihr, legte die Hände auf ihren Rücken. Sie erschrak nicht, aber er fuhr zusammen, weil das Wasser eiskalt war.
„Warum duschst du denn so kalt?“, fragte er, erschaudernd.
„Um ’nen klaren Kopf zu bekommen“, erwiderte sie und klang dabei ein bisschen verloren.
„Das ist natürlich eine gute Idee.“ Er drehte das Wasser trotzdem wärmer.
Sie antwortete darauf nichts mehr, tat gerade so, als wäre er nicht da. Eine Weile standen sie einfach so, wussten nicht weiter.
„Was ist denn jetzt?“, fragte er irgendwann, wie beiläufig.
„Was soll sein?“
„Na was wohl.“
Sie schnaubte verächtlich, als gäbe es da nichts zu klären.
Dann kam wieder lange nichts mehr. Er begann, ihren Rücken zu betrachten, strich über die filigranen Strukturen, die ihn so faszinierten. Er wusste nicht genau, wozu die kleinen Hornplättchen, die Teile ihres Körpers bedeckten, mal gut gewesen sein konnten, aber sie sahen schön aus. Seine Fingerspitzen folgten langsam den feinen Rillen des regelmäßigen Musters. Er konnte es nicht lassen.
„Hör auf, ja?“, sagte Chayenne leise, und als er nicht aufhörte, drehte sie sich um.
Ihr Blick brachte ihn wieder zur Besinnung. Er murmelte eine Entschuldigung, wozu hatte er sich da hinreißen lassen?
„Es geht nicht. Wir können nicht zusammen sein“, sprach sie es endlich aus. „Ich würde ja … irgendwo … aber… Ich will’s nicht.“
Das war alles nichts Neues, aber es wirklich zu hören, machte ihn trotzdem traurig. „Du liebst ihn, hm?“, meinte er.
„Natürlich“, seufzte sie. „Es tut mir leid. Es ist alles so weit weg, und manchmal… Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich will. Aber ich will ihm auf keinen Fall wehtun.“
„Das versteh ich“, kommentierte er. Und leiser: „Ich will dir auch nicht wehtun.“ Er wusste nicht, warum er das sagte, es kam ihm einfach in den Sinn.
„Oh nein, bitte nicht das jetzt. Es ist doch alles schon schlimm genug“, jammerte sie.
„Aber es ist wahr. Ich will nicht, dass du das nur aus Mitleid machst und glaubst, da ist mehr dahinter, und ich kann dir gar nichts entgegenbringen, ich will nicht … dass du das Opfer bist! Weil…“ Ihm fiel keine Begründung ein. „Jedenfalls haben wir beide einen Grund und … es ist okay.“
Nichts war okay.
„Wieso denn Opfer?“, brauste sie auf. „Ich hab mich gar nicht als Opfer gefühlt, du wusstest doch sehr genau, was du wolltest! Und ich wage zu behaupten, dass ich das ein bisschen besser beurteilen kann als Marlene!“ Sie bereute es sofort, den Namen ausgesprochen zu haben, das brachte sie ja auch nicht weiter.
„Du hast doch angefangen!“, regte er sich auf. „Mit dem ersten Kuss! Mit dem zweiten Kuss! Du hast mich ins Bett gezerrt, nicht umgekehrt! Du wolltest das! Du! Ich weiß ja dein Mitleid zu schätzen, aber so geht das nicht!“
„Das war nicht aus Mitleid und das weißt du!“, heulte sie. „Komm jetzt endlich runter von dem Selbstzerstörungstrip! Ich hab genug davon, bei dir gegen eine Wand zu reden und zu sehen, wie du weitermachst, egal was ich sage! Ich kann nicht mehr!“
Er konnte nicht erkennen, ob sie weinte, das Wasser lief noch immer. Aber er glaubte, zu verstehen, und auch wenn sie nur Unsinn geredet hatten, er glaubte jetzt zu verstehen, sie, und vielleicht auch sich selbst. Sie hatte Recht.
Er drehte das Wasser ab, reichte ihr ein Handtuch.
Sie betrachteten sich zusammen im Spiegel. Sah doch schön aus.
„Niemand wird je davon erfahren“, stellte sie fest und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Niemand“, echote er und legte einen Arm um sie.
Die Bedingungen waren klar, da mussten sie nicht drüber reden. Die Gegenargumente hatten immer noch ein enormes Gewicht.
„Das wird mit Tränen enden“, sagte er bekümmert.
„Ja, das wird es wohl“, antwortete sie. „Aber es hat ja grade erst angefangen. Jetzt nicht an Morgen denken, leben!“ Sie küsste ihn zärtlich.
Im Nebenraum klingelte endlich der Wecker und merkte gar nicht, dass er vollkommen unwichtig war.

18


„Das ist einer dieser Tage, an denen ich mir wünsche, ich hätte letztes Jahr in Montreal den verdammten Kapuzenpulli gekauft“, murmelte Björn, als er wieder den Verdacht hatte, dass ihn hinter seinem Rücken alle anstarrten und flüsterten.
„Wir sagen doch gar nix“, warf Jenikk ein, und das stimmte, denn sie starrten nur. Und das auch nur ab und zu.
„Mann ey, ich wollte nur die Spitzen abschneiden, aber es war immer ungleichmäßig… Und jetzt sieht’s so aus.“ Björn fuhr sich durch die in der Tat etwas kurz geratenen Haare, als wären sie etwas, das nicht wirklich auf seinen Kopf gehörte. „Warum muss ich eigentlich immer derjenige sein, der im Schulklo eingesperrt wird, den Haustürschlüssel vergisst, sich beim Gemüseschneiden fast den Daumen abhackt und sich nicht mal die Haare schneiden kann?“
„Also ich finde, das steht dir“, meinte Hitch, bevor der arme Kerl sich noch was antun konnte.
„Tatsächlich?“
„Ernsthaft.“ Es war immer wieder toll, Menschen davon zu überzeugen, dass ihr Leben einen Sinn hatte, aber manche konnten es einem ruhig einfacher machen.
Man hätte ja gerne den ganzen Nachmittag weiter über Haare geredet, um sich ein bisschen davon abzulenken, dass man durch ein Schlachtfeld flog, aber der Nachmittag hatte noch eine Überraschung parat.
Es war ein Raumschiff. Ein relativ intaktes Raumschiff. Ein Raumschiff, das sich bewegte. „Ein Zoeth-Raumschiff!“, rief Mandoo aufgeregt, kaum dass er es auf dem Bildschirm erkannt hatte. „Und sie leben!“ Er begann, ekstatisch durch die Gegend zu hüpfen, und das sah so drollig aus, dass es gar nicht simuliert sein konnte. „Ich kann nach Hause! Ich kann nach Hause! … Also nicht, dass es mir hier nicht gefällt…“, fügte er hastig hinzu, um nicht unhöflich zu erscheinen.
„Schon gut“, meinte Roger leicht amüsiert. „Schauen wir mal, ob die mit sich reden lassen…“
Ließen sie nicht, vielmehr ignorierte das Zoeth-Schiff sämtliche Versuche, Kontakt aufzunehmen. Das war auch nicht ganz unverständlich, in so einer Situation war es durchaus angebracht, ein bisschen misstrauisch zu sein.
Plan B war, sich dem fremden Schiff langsam und friedlich zu nähern, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Wie, verdammt noch mal, signalisierte man bloß friedliche Absichten, wenn man keine weiße Fahne aus dem Fenster halten konnte und die anderen einfach nicht bereit waren, zuzuhören?
Als die Zoeth merkten, dass sich da jemand nicht abwimmeln lassen wollte, änderten sie ihren Kurs und wichen zurück. Mandoo wirkte schon bald etwas desillusioniert.
„Rufe noch mal … keine Antwort. Rufe noch mal … keine Antwort“, intonierte Björn alle halbe Minute und fand so gar keinen Gefallen daran, immer dieselben Knöpfe zu drücken. „Noch einer ’ne Idee?“, fragte Roger in die Runde. „Außer Warten?“
Allgemeine Ratlosigkeit.
Plötzlich tat es einen Schlag, und was nicht irgendwie befestigt war, verließ seinen angestammten Platz.
„Ich glaub, wir sind zu aufdringlich“, stellte Jenikk fest, als er sich wieder so weit vom Boden erhoben hatte, dass er einen Blick auf seine Konsole werfen konnte. „Jedenfalls haben die gerade auf uns geschossen.“
„Anhalten, anhalten!“, brüllte Roger, als der zweite Treffer das Schiff erschütterte.
Hitch krabbelte zurück zum Steuerpult, von dem sie in Folge der Turbulenzen weggekullert war, und schaffte es kurz nach dem dritten Treffer die Knöpfe zu drücken, die die Verfolgung beendeten.
Daraufhin stellte das andere Schiff das Feuer ein und kam in sicherer Entfernung ebenfalls zum Stillstand. Ruhe kehrte ein.
„Ist jemand verletzt?“, erkundigte sich Roger routinemäßig.
„Ich hab mir auf die Zunge gebissen, zählt das?“, kam es von einem der billigen Plätze.
Ein wenig später stolperten Siska und Chayenne sowie Takeru und Paolo auf die Brücke und wollten wissen, was passiert war. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass das gar nicht so viel war, denn die Hülle war an keiner Stelle gebrochen. Warnschüsse also. Wie schön.
Man beschloss, dass das ein guter Moment war, noch einmal zu versuchen das Zoeth-Schiff zu kontaktieren. Es konnte doch kein größeres Zeichen für guten Willen geben, als sich stillschweigend beschießen zu lassen und dann immer noch friedlich reden zu wollen. Das durfte nur nicht zur Standardprozedur werden.
„Wir kriegen eine Antwort!“, freute sich Björn, kurz nachdem er noch einmal die altbekannten Knöpfe gedrückt hatte.
Mandoo strahlte übers ganze unbewegliche Androidengesicht.
Auf dem Bildschirm erschien die Brücke des anderen Schiffs. Der Raum war ziemlich klein und in Grüntönen gehalten und machte insgesamt einen recht freundlichen Eindruck.
Neben den Zoeth, deren besondere Merkmale eine graublaue Hautfarbe und große, spitze, abstehende Ohren waren, waren auch einige Androiden anwesend, die haargenau so wie Mandoo aussahen. Dieser freute sich natürlich sehr, sie zu sehen.
Wer nun sprach, war allerdings ein Zoeth, genauer gesagt der hoch gewachsene, weißhaarige Mann, der in der Mitte des Raums stand, und wenn der automatische Übersetzer diesmal funktionierte, entschuldigte er sich überschwänglich für den Angriff. Normalerweise würde man so was ja nicht machen, aber es handelte sich eben um eine Ausnahmesituation und überhaupt – er merkte aber schnell, dass seine Gesprächspartner das gar nicht so interessant fanden.
Die starrten nämlich die ganze Zeit die Frau an, die neben ihm stand. Die dunkelhäutige Frau ohne riesige Ohren. Die terranische Frau. Die Frau, die Tamara Cortez war.


Nicht all zu viele Minuten später fand man sich in der Kantine wieder, um sich ein wenig über die Situation auszutauschen.
Tamara Cortez. Unfassbar. Crewmitglied von Explorer III, verschwunden bei der Erkundung eines Planeten weitab der aktuellen Route der Explorer V im Juni 2099. Galt bei den Behörden als vermisst, die echten Menschen hatten sich mit der Wahrheit - der vermeintlichen Wahrheit – bereits größtenteils abgefunden.
Jeder kannte ihr Foto. Nun saß sie hier vor ihnen am Tisch. An ihren Ohren glitzerte der Schmuck, den auch die Zoeth trugen, und sie erzählte, wie sie in einer der Städte auf Arius Prime entführt worden war, die Entführer allerdings nach wenigen Wochen rapide das Interesse an ihr verloren hatten, als sie keine potentiellen Lösegeldzahler hatten finden können.
Jedenfalls hatte sie es geschafft, sich zum nächsten Weltraumbahnhof durchzuschlagen, wo sie glücklicherweise von „diesem charmanten jungen Herrn hier“ – Tamara tätschelte dem Weißhaarigen zu ihrer Linken, der der Kommandant des Zoeth-Schiffs war und Zady hieß, den Kopf – aufgegabelt worden war, und seither nannte sie sein Versorgungsschiff ihr Zuhause.
Sie ließ sich daraufhin unter großer Bedrücktheit schildern, wie lange man nach ihr gesucht hatte und wie anschließend die Reaktionen auf dem Heimatplaneten ausgefallen waren.
„Na ja, ich lebe noch, wie man sieht“, meinte sie nachdenklich. „Die werden sich bestimmt freuen, das zu hören.“
„Wäre möglich, dass sie einen neuen Feiertag einführen“, erwiderte Siska und verstand gar nicht, warum sie wieder mit diesen „Taktlose-Leute-kommen-in-die-Hölle“-Blicken beschossen wurde. War doch ganz ernst gemeint.
„Ist jedenfalls schön, mal wieder Gesichter ohne riesige Ohren zu sehen“, sinnierte Tamara, die die Feiertags-Theorie ziemlich beunruhigend fand. „Sorry, war nicht persönlich gemeint“, fügte sie noch schnell in Richtung der anwesenden Zoeth hinzu. „Aber… Zurück zur Erde will ich nicht. Hier hab ich ja alles, was ich mir je wünschen könnte.“ Sie bedachte den Kommandanten kurz mit diesem ganz speziellen Blick und lächelte dann, das Thema, dessen Gegenstand sie war, als abgehakt sehend, die Tischplatte an.
Dem war wirklich nichts mehr hinzuzufügen.


Nun kam man auf die andere Angelegenheit zu sprechen, die, bei der es um die Frage ging, was der Anlass für die vielen Trümmer, die man in dieser Region des Weltraums gefunden hatte, war.
„Das ist eine verfahrene Situation, für die wir nicht viel können“, begann einer der Zoeth, ein junger Mann mit etwas kürzeren weißen Haaren, zu erklären, und er litt sichtlich unter dem Gedanken daran. „Es gibt schon länger Spannungen zwischen einigen verschiedenen Spezies hier und vor kurzem ist dann ein sehr hässlicher Krieg ausgebrochen, bei dem es vor allem darum geht, die Bevölkerungen der feindlichen Planeten zu dezimieren. Das wollten wir nicht mit ansehen, so quasi vor unserer eigenen Haustür, und außerdem, das muss man sich eingestehen, hängen große Teile unserer Wirtschaft am Handel mit diesen Leuten… Also haben wir versucht, zwischen den Parteien zu vermitteln und die Zivilisten zu versorgen.“
„Aber auf unsere Hilfe wurde anscheinend kein großer Wert gelegt“, fuhr der Kommandant fort, „und jeder Einmischungsversuch als Überheblichkeit gedeutet. Jetzt stecken wir mit drin und müssen sogar unseren Heimatplaneten verteidigen. Ganz zu schweigen von den vielen Schiffen, die noch unterwegs sind.“ Er stützte die Ellbogen auf den Tisch, verschränkte die Finger und platzierte sein Kinn darauf, den Blick ernst ins Leere gerichtet. „Es heißt Jeder gegen Jeden auf diesem Schlachtfeld.“

Eine drückende, andachtsvolle Stille, wie man sie sonst nur von Beerdigungen kannte, legte sich über den Raum, nur unterbrochen vom leisen Summen und Pfeifen, das Mandoo und zwei andere Androiden, die sich zwecks Erfahrungsaustausch zusammen in eine Ecke gestellt hatten, gelegentlich von sich gaben. Mandoo wollte unbedingt mit zurück zum Heimatplaneten, auch wenn nicht sicher war, dass sie es bis dahin schaffen würden.
„Jeder gegen Jeden? Könnten wir auch in Gefahr sein?“, fragte Roger irgendwann vorsichtig.
„Ich weiß es nicht, Sie sind ja nicht von hier und damit vollkommen unbeteiligt“, meinte Zady. „Aber es ist nicht mehr auszuschließen, dass manche Leute auf alles schießen, was sich bewegt. Ich kann Ihnen eine Route zeigen, die um die großen Krisenherde herumführt, aber in jedem Fall sollten Sie so schnell wie möglich hier verschwinden. Wir natürlich erst recht.“
Es war traurig, von so netten Bekanntschaften schon so schnell wieder Abschied nehmen zu müssen, aber es fanden sich wenig schlagkräftige Gegenargumente.
Man nahm ein Video auf, in dem Tamara ihre Geschichte und ihre Zukunftspläne für die ganze Welt wiederholte, fotografierte sich gegenseitig, um einen Beweis für den spektakulär unwahrscheinlichen Zufall dieser Begegnung zu haben, und trennte sich dann recht hektisch.
Als Mandoo fort war, wurde es noch ruhiger an Bord, was der ohnehin stark angespannten Stimmung wahrlich nicht zugute kam. Sie hatten nicht viel Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen, aber die überraschend sentimentalen Sätze, die er zum Abschied an seine „Retter“ gerichtet hatte, hatten einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Nun waren sie weniger als je zuvor, auch wenn Mandoo nie ein vollwertiges Crewmitglied gewesen war. Acht Personen, gerade so viele, wie zum vernünftigen Betrieb des Schiffs nötig waren, vor allem in einer Situation mit erhöhter Alarmbereitschaft wie jetzt. Ein weiterer Verlust bedeutete den Abbruch der Mission. Nicht, dass die Begeisterung sich nicht schon durch Fayes Tod auf ein Minimum reduziert hätte.
Es ging wie immer nur um Zahlen, und die waren kalt. Das Wort „Reservespieler“ drängte sich in diesem Zusammenhang gerne in die Köpfe. So was Zynisches. Aber weiter ging es trotzdem.


Es war ein eigenartiges Gefühl, in seinen Armen zu liegen, hier auf seinem Bett, aber nichts, wofür man Zeit gebraucht hätte, sich daran zu gewöhnen.
An Zuhause dachte Chayenne nicht oft, dafür war ihr Kopf zu voll mit ihm – vielleicht benutze sie das aber auch nur als Vorwand, nicht an Zuhause denken zu müssen. Es hatte schon genug an ihren Nerven gezehrt, ihn ständig vor sich zu haben, ihn aber in all der Aufregung dieses Tages kaum eine Minute allein sehen zu können.
„Glaubst du, wir kommen heil durch dieses Kriegsgebiet?“, fragte sie auf die Gefahr hin, die Stimmung zu zerstören. Ihr war sowieso nicht danach, selig grinsend die Decke anzustarren, so in Anbetracht der Lage.
„Halte ich für möglich“, meinte Roger. Dem Tonfall war sofort zu entnehmen, dass sie beim Thema zielsicher danebengegriffen hatte. „Aber ein paar Meter weiter wartet ja schon die nächste Gelegenheit, uns in mundgerechte Häppchen zerteilen zu lassen.“
„So ein Quatsch…“, versuchte sie hilflos abzublocken.
„Ist dir noch nicht aufgefallen, dass wir von einer Katastrophe in die nächste stolpern? Einstürzende Decken, abstürzende Fähren, sintflutartige Regenfälle, Gebiete, in denen jederzeit Leute auftauchen können, die auf alles schießen, was sich bewegt…“
Er hatte Recht, da war nichts dran zu rütteln. Ihre Einwände erschienen ihr schon reichlich schwach, bevor sie sie ausgesprochen hatte.
„Das ist doch nicht alles. Denk an Pommes Rotweiß. Denk an die Makii. Furchtbar nette Leute, denen wir so nebenbei helfen konnten, eines der größten Rätsel ihrer Zeit zu lösen. Und wir haben eine seit Ewigkeiten vermisste Person wieder gefunden. Also ich hätte nicht gedacht, dass sie noch lebt.“
„Super, dann haben wir ja jetzt wieder genauso viele Tote wie letztes Jahr. Und denk daran, wie die Lösung von diesem tollen Rätsel daran beteiligt ist.“
Sie schwieg dazu und er wusste, dass er sie nur beide unglücklich machte, wenn er das Gespräch wieder in diese Sackgasse manövrierte.
„Manchmal frag ich mich, warum wir nicht einfach auf der Stelle umkehren“, nahm er den eigentlichen, auch nicht viel erfreulicheren, Faden wieder auf.
Das war wirklich eine gute Frage. Aber vielleicht kannte sie die Antwort darauf.
„Weißt du noch, wie du zu mir gesagt hast, das hier wäre der Job unseres Lebens?“, erinnerte sie sich. „Glaubst du da nicht mehr dran?“
„Das hab ich nur gesagt, damit du nicht anfängst zu heulen“, schnaubte er, ohne sie anzusehen.
„Sicher?“, bohrte sie nach. Er drehte sich demonstrativ weg, offensichtlich an einem wunden Punkt getroffen.
„Hör mal, ich will mich doch jetzt noch nicht mit dir streiten…“, protestierte sie.
Mit versöhnlicher Miene drehte er sich wieder auf die andere Seite, zog sie an sich. „Wir streiten doch gar nicht. Ich kann’s bloß schwer verkraften, wie du mein jahrzehntelang gepflegtes Selbstmitleid in Stücke reißt.“

19


Der nervenaufreibende Zickzackkurs, der das Schiff unbeschadet durch das Schlachtfeld führen sollte, verlangte der Crew einiges ab. Ständig lebte man in Angst, den Brennpunkten doch zu nahe kommen zu können oder den Weg von nachrückenden Einheiten zu kreuzen. Dazu kam das unumgängliche Beobachten der Energieblitze, die in der Ferne Hunderte, vielleicht Tausende töteten.
Die denkbar einfache Alternative wäre gewesen, auch diese Strecke im Scheintot-Modus zurückzulegen, aber die Tatsache, dass der Blind- und Unsichtbarflug diesmal nicht 26 Stunden sondern eher 26 Wochen in Anspruch genommen hätte, machte die Alternative letztendlich doch zu einer eher undenkbaren.
Die Zeit, die sie nun tatsächlich brauchten, war relativ kurz, aber dennoch außerordentlich unangenehm. Besonders schlimm wurde es, als man anhalten musste, um ein weiteres Kommunikationsrelais, ein wichtiges Stück der Standleitung nach Hause, abzusetzen. Am allerschlimmsten wurde es jedoch, als der Plan, der quasi ihre Lebensversicherung war, schließlich an seine Grenzen stieß.
„Sie haben uns. Wir werden angegriffen.“
Kaum dass Paolo den Satz beendet hatte, erschütterte der erste Treffer des mächtigen Schiffs, das aus größerer Distanz für alle Sensoren unsichtbar in den oberen Atmosphärenschichten eines Gasriesen gelauert hatte, die Explorer V. Die entstandenen Schäden waren relativ gering, aber der waffenstarrende Schlachtkreuzer nahm sofort die Verfolgung auf und hatte alle Zeit der Welt, sich in eine bessere Position zu manövrieren. „Noch nicht schießen! Vielleicht können wir denen noch friedlich beikommen!“, beschloss Roger, bevor jemand allzu impulsiv reagieren konnte. Diese Entscheidung nahm ihnen unter Umständen die einzige Chance, den Kampf zu gewinnen, aber andererseits eröffnete sie die Möglichkeit, doch noch unbeschadet aus der Situation hinauszukommen. Er hasste es, solche Dinge in Sekundenbruchteilen gegeneinander abwägen zu müssen.
Es war nicht nötig, den Gegner zum Gespräch aufzufordern, denn der kam der Einladung zuvor. Und das Grauen hatte ein neues Gesicht.
Sie waren grün. Riesige Köpfe mit riesigen, bedrohlich blitzenden Glubschaugen. Erinnerungen an billige Science-Fiction-Filme von extraterrestrophoben Amerikanern aus dem 20. Jahrhundert kamen auf. Aber hier durfte man sich keine Vorurteile erlauben, diese Wesen waren nicht dem Kopf eines effekthascherischen Drehbuchautors entsprungen und damit wahrscheinlich völlig anders, als sie auf den ersten Blick wirkten.
Man hörte sich höflich an, was eines der Wesen, das in einem monotonen, mit gelegentlichen Schnalz- und Klicklauten durchsetzten Singsang sprach, zu sagen hatte. Es fiel schwer, sie als Personen zu sehen, auch wenn diese Denkweise ohne jeden Zweifel die richtigere war. Wer ins All fliegen konnte, besaß einen gewissen Intellekt, Kultur, eine Gesellschaftsordnung – Dinge, die auch Terraner, Taretianer und all die anderen Humanoiden ausmachten.
Das musste man sich bewusst machen, wenn man sie ansah. Sie waren gar nicht so anders, sie standen auf Augenhöhe, verdienten Respekt, bloß keine Angst.
Nach einigen Sekunden, die wie eine Ewigkeit erschienen, hatte der automatische Übersetzer schließlich die Sprache entschlüsselt, und der Fremde, der geduldig seine Sätze noch einmal wiederholte, war zu verstehen.
Was er sagte, machte diese Kreaturen nicht weniger menschlich oder rechtfertigte irgendein Vorurteil, man kannte Ähnliches leider aus der Geschichte jedes Volkes.
„Ich bin Captain Hei’Tan vom Volk der Cheo-Sen. Sie können gerne versuchen, weiter davonzulaufen, aber Sie werden nicht weit kommen. Für Verbündete der Zoeth gibt es keine Gnade!“
Diese Aussage ließ allen das Blut in den Adern gefrieren. Wie hatte diese Leute Flugtage weit entfernt von dem Treffen mit dem Zoeth-Schiff erfahren können? Anscheinend waren sie beobachtet und für so interessant befunden worden, dass jetzt alle Beteiligten an diesem Krieg bescheid wussten. Hoffentlich hatten die Beobachter wenigstens den Zoeth nichts angetan.
Roger gab sich alle Mühe, die Ruhe zu bewahren, als er versuchte, sein Schiff aus der Situation herauszureden.
„Das ist ein Missverständnis. Wir sind ganz zufällig auf die Zoeth getroffen, wir haben mit denen nichts zu tun. Wir sind völlig neutral“, begann er vorsichtig, nicht wissend, ob das ein guter Anfang war.
Der Cheo-Sen gab keine Antwort darauf, seine Mimik war für die an humanoide Gesichter gewöhnte Crew nicht zu deuten. Aber verständnisvoll wirkte er sicher nicht.
„Wir sind nicht von hier, von diesem Krieg wussten wir bis vor kurzem nichts. Wir sind mit niemandem verbündet“, setzte Roger etwas bestimmter nach.
„Aha.“ Man konnte nur ahnen, ob der gleichgültige Tonfall vom Übersetzungsprogramm richtig interpretiert wurde. Captain Hei’Tan machte eine Geste zu jemandem, der nicht im Bild zu sehen war.
„Wir sind neutral!“, versuchte Roger es noch einmal, sah aber schon die Felle unaufhaltsam davonschwimmen.
Der Andere stieß ein kurzes, entnervt klingendes Schnauben aus und schenkte ihm noch einen besonders Furcht einflößenden Blick, dann brach die Verbindung ab.
Es blieb keine Zeit, entsetzt zu sein oder sich über das fälschlicherweise entgegengebrachte Vertrauen zu ärgern. Sie mussten sofort reagieren, wenn sie keine leichte Beute sein wollten.
Der Schlachtkreuzer war klar überlegen, viel besser bewaffnet als ihr kleines Forschungsschiff, und sie konnten ihn auch nicht abhängigen. Bereits der erste Schuss traf schwer, aber die Explorer V bot dem Gegner einen grandiosen Kampf. Es gab all diese fein ausgeklügelten Manöver, und auch wenn man sie nicht gerne anwendete, kannte sie jeder auswendig.
Sie schafften es, vielen Angriffen auszuweichen und fügten dem Schlachtkreuzer selbst ein paar üble Treffer zu. Über die letztendlichen Erfolgsaussichten machte sich lieber niemand Gedanken.
„Erste Hüllenbrüche!“, schrie jemand über den allgemeinen Lärm hinweg.
Roger fluchte, wusste, dass es jetzt keine Möglichkeit gab, sich darum zu kümmern. Er versuchte ständig, den hartnäckigen Gedanken auszublenden, dass sie sowieso verloren waren und dass keine der Entscheidungen, die er treffen konnte, sie retten würde. Der Gedanke, dass es richtige und somit auch falsche Entscheidungen geben konnte, war allerdings auch nicht schöner.
Irgendwo hinter ihm war Chayenne und sorgte dafür, dass das Schiff zusammenhielt. Diesmal half ihm ihre Anwesenheit nicht.
Befehl um Befehl, Manöver um Manöver, Treffer um Treffer. Noch hielten sie sich, aber sie konnten keinen Vorteil erkämpfen.
Plötzlich kippte das Schiff vernehmlich zur Seite und warf alle von den Beinen, die Künstliche-Schwerkraft-Aggregate konnten nicht schnell genug ausgleichen.
„Steuerbord-Triebwerk ausgefallen! Ich krieg keine Kontrolle mehr!“, stellte Hitch fest.
Jetzt waren sie wirklich verloren.

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