Explorer V | 8

Nach Atem ringend hetzte Siska durch das Schiff, sie wusste genau, wo das Problem lag, doch das häufige Aussetzen der Schwerkraft machte ihr das Vorankommen schwierig. Die Ausrüstungsgegenstände, die sie mit sich trug, schlugen gegen ihre Beine und gegen die Korridorwände, sie stolperte häufig und der immense Zeitdruck trug auch seinen Teil bei.
Nach einer viel zu langen Minute, in der viel zu viele weitere Treffer die Explorer V erschütterten, erreichte sie endlich den Übergang vom Schiffskörper zum Steuerbord-Triebwerksgehäuse und konnte das tatsächliche Ausmaß des Schadens begutachten.
Nur ein bedrohlich flackerndes Kraftfeld trennte sie hier vom Vakuum des Alls, denn in der Außenhülle klaffte ein türgroßes Loch. Boden und gegenüberliegende Korridorwand waren ebenfalls aufgerissen, der Leitungsstrang zum Triebwerk durchtrennt. Daher war das Triebwerk ausgefallen.
Siska streifte die klobigen Handschuhe über, die Sicherungen konnte sie in so einer Situation keinesfalls herausdrehen. Sie war allein, sie hatte keine Zeit, sie hatte Starkstromleitungen zu reparieren. Ein Fehlgriff und sie sowie wenig später alle anderen waren tot.
Sie überbrückte eine Leitung nach der anderen mit einem neuen Kabelstück und isolierte die Nahtstellen mit Klebeband, von dem sie nicht wusste, wie robust es war. Nichts garantierte, dass diese provisorische Reparatur halten würde.
Durch das Loch im Boden konnte Siska auf das untere Deck sehen, wenn sie da hinunterfiel, war es vorbei. Die nächste Erschütterung warf sie auf den Rücken, aber sie machte weiter.
Vor der letzten der acht Verbindungen wurde sie seltsam ruhig. Alles oder nichts, hieß es jetzt. Sie konnte sich trotzdem kein Zögern erlauben. Mit aller Gewalt presste sie die Kabelenden zusammen.
Sekundenbruchteile später ertönte ein leises Surren, das die gewohnte Geräuschkulisse endlich wieder komplettierte. Sie hatte es geschafft, das Schiff war wieder vollständig mobil.
Schnell wurde noch das letzte Kabel isoliert, dann machte sie, dass sie davonkam, weg von dem Hüllenbruch. Die Kühlmittelleitungen, die auch in Mitleidenschaft gezogen waren, mussten warten. Hoffentlich hielt das Triebwerk auch ohne sie durch.
Als Siska ins Intercom brüllte, sie habe das Triebwerk wieder zum Laufen gebracht, fiel ein kleiner Teil der Anspannung vom Brückenpersonal ab, doch auch das Überraschungsmoment, plötzlich wieder mit voller Kraft und koordiniert in eine sinnvolle Richtung davonjagen zu können, brachte keinen großen Vorsprung vor dem Verfolger ein.
Wie ein guter Psychothriller war das, nur grausamer und realer. Es war erstaunlich, wie widerstandsfähig sich die kleine Explorer V bisher gezeigt hatte, aber wirkliche Chancen rechnete sich keiner mehr aus. Sie warteten doch bloß noch auf den Tod, oder?
„Achtung!“, gellte Björn, der das Radar überwachte, plötzlich. „Da kommt was!“
Gerade noch konnte Hitch mit einem mörderischen Manöver, das wiederum alle die Bodenhaftung verlieren ließ, einen Zusammenprall mit zwei weiteren, plötzlich auftauchenden Schiffen verhindern.
Es dauerte nicht lange, bis man realisierte, dass soeben ein weiterer Faktor ins Spiel gekommen war.
Die Neuankömmlinge waren baugleich keilförmig und wiesen eine ähnliche Masse auf wie der Cheo-Sen-Schlachtkreuzer. Die spannende Frage, was sie wollten, wartete nicht lange auf ihre Klärung, denn die beiden Schiffe hängten sich sofort an den Kugelraumer, wie dieser an der Explorer V hing, und bombardierten ihn aus Leibeskräften. So etwas nannte man eine glückliche Fügung.
Die Cheo-Sen hatten ihre liebe Not, ihre Beute nicht entkommen zu lassen und sich gleichzeitig gegen die neuen Angreifer zu wehren. Große Stücke platzten aus der Kugel des Schlachtkreuzers ab, er wurde langsamer und konzentrierte sich mehr und mehr auf seine eigenen Verfolger. War das endlich die Chance, die die Explorer V brauchte?
Aus dem Versuch, sich klammheimlich aus dem Staub zu machen, wurde nichts. Eines der Zwillingsschiffe hatte sie anscheinend entdeckt und überließ es seinem Kollegen, die geschwächten Cheo-Sen in Schach zu halten. Das keilförmige Schiff nahm die Verfolgung auf und griff an.
Letztendlich hatte sich die Situation also keinen Deut verbessert, sondern vielmehr noch verschlimmert, denn der neue Gegner war kaum angeschlagen. Dem war die Explorer V niemals gewachsen. Jetzt wartete man tatsächlich bloß noch auf den Tod.
Doch es kam anders.
Weiter hinten schafften es die Cheo-Sen, sich des zurückgebliebenen Zwillingsschiffs vollständig zu entledigen, was nicht sehr schön aussah. Nun musste der andere Keilraumer Prioritäten setzen, und entschied sich nach kurzem Zögern für die Cheo-Sen. Der Kampf war kurz und heftig und endete damit, dass beide Schiffe in einem gewaltigen Feuerwerk explodierten.
Es war vorbei.
Nur die Explorer V war auf diesem Schlachtfeld übrig geblieben. Sie hatten es geschafft. „Wir haben es geschafft“, hörte Roger Chayenne hinter sich flüstern.
Einen Moment später war sie zu ihm gestolpert und umarmte ihn stürmisch und das war jetzt das einzig Richtige. Die explosive Mischung aus Adrenalin, Erleichterung und tausend anderen Gefühlen, die über ihn hereinbrachen, verlangte ihm einiges an Beherrschung ab, sie jetzt nicht zu küssen.
Er wagte einen Blick über ihre Schulter. Die anderen hatten die eindeutig zweideutige Geste anscheinend missverstanden und fielen sich ebenfalls glückselig in die Arme.

20


„Es gibt also eine schlechte und eine apokalyptische Nachricht“, begann Siska mit der Zusammenfassung der Situation. Während sie auf und ab ging, blickte sie gelegentlich in das ein oder andere Gesicht, starrte aber die meiste Zeit den Boden an.
Draußen vor dem Fenster zogen die öden und leblosen Landschaften des Gesteinsplaneten vorbei, den die Explorer V umkreiste. Sie hatten das Schiff eilig einem Doppelsternsystem versteckt, das auch furchtbar interessant aussah, aber dessen Hauptaspekt es war, dass die Strahlung eine Ortung zumindest über längere Strecken unmöglich machte.
Siska fragte die Vollversammlung nicht, welche Nachricht sie zuerst hören wollte.
„Die schlechte Nachricht ist, dass wir etwa ein Dutzend Löcher in der Außenhülle haben, die zu groß sind, um sie zu kitten“, fuhr sie seelenruhig fort. „Wir müssen also hoffen, dass die Kraftfeldflicken noch über Monate hinweg halten, aber da bin ich relativ zuversichtlich. Deshalb ist dies nur die schlechte Nachricht.“
Sie blieb stehen, machte eine Kunstpause. Es war absolut grausam und unnötig, die Spannung noch zu erhöhen, außerdem wussten einige sowieso schon bescheid, aber sie konnte nicht anders.
„Die apokalyptische Nachricht“, sprach sie schließlich mit Grabesstimme, „ist, dass wir einen Tank verloren haben.“
Die Zuhörer blieben still.
„Das heißt, wir haben nur noch ein Drittel des ursprünglichen Treibstoffs“, sagte Siska.
Die Zuhörer blieben still, wurden aber zunehmend bleicher.
„Das heißt, wir schaffen es nicht zurück, bei Weitem nicht“, schloss Paolo und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, anscheinend nicht glauben wollend, was er selbst gesagt hatte.
„Außer natürlich, wir können irgendwo Tricarantium auftreiben, ihr wisst schon, das Zeug, aus dem unser Treibstoff synthetisiert werden kann“, fügte Siska schnell hinzu. „Also Leute, nicht alles schwarz malen.“ Das aufmunternde Lächeln, das sie zu diesen Worten aufsetzen wollte, misslang so gründlich, dass der Anblick unheimlich war.

„Warum gibt es eigentlich nie gute Nachrichten?“, fragte Björn Takeru, als sie zusammen einen der kleineren Risse in der Hülle reparierten.
„Die gibt es“, sagte der zehn Jahre Ältere, „nur bringt sie niemand. Wir halten alles, was so läuft, wie wir es uns vorstellen, für selbstverständlich und bemerken nur die schlechten Dinge. Hast du dich je gefreut, wenn du im Bus einen Sitzplatz gekriegt hast? Hat es je deinen Tag gerettet, wenn du einen seit Jahren nicht gebrauchten Gegenstand genau da gefunden hast, wo du ihn in Erinnerung hattest?“
„Ich hatte nie einen Sitzplatz und ich finde auch nichts wieder, was ich suche“, grollte Björn. „Ich bin schließlich der Typ, der sich beim Gemüseschneiden fast den Daumen abgehackt hat.“
„Und das ist der Grund, warum du nicht von dieser Denkschiene runterkommst. Weil du es gar nicht versuchst“, stellte Takeru fest. „Schau mal, ich freue mich zum Beispiel gerade über die gute Nachricht, dass niemand ernsthaft verletzt wurde.“
„Hilft das sehr über den Gedanken hinweg, dass wir vielleicht nicht mehr nach Hause kommen?“, fragte Björn.
„Nein. Aber ich hab nie gesagt, dass die schlechten Nachrichten nicht überwiegen.“

Man sprach nicht über das neue Problem, schließlich war es nicht akut und die Chance, tatsächlich in irgendeinem Sonnensystem Tricarantium zu finden, war gar nicht mal so gering. Dennoch konnte man nun immer öfter das misslungene Lächeln sehen.
Sie aßen zu Abend, machten alberne Witze über belanglose Dinge und taten so, als wäre alles ganz normal, aber der Ernst der Lage ließ sich nicht aussperren, immer wieder rückte er ins Bewusstsein der Leute.
„Ich muss noch den dämlichen Bericht über gestern und alles schreiben“, grummelte Roger, während er die letzten klebrigen Reste von „Nummer 8“, dem Tagesgericht, aus der Schüssel kratzte. „Hey, ich erwarte Mitleid“, verlieh er den Worten Nachdruck, als die beiden Anderen, die noch da waren, nicht reagierten.
„Wir können gerne tauschen“, meinte Siska. „Ich schreib die paar Zeilen und du machst die Nachtschicht im Maschinenraum. Aber Vorsicht, es ist erwiesen, dass die Geräusche und blinkenden Lichter die meisten Leute nach sechs Stunden in Angstzustände versetzen.“
„Tu’s nicht!“, flüsterte Chayenne so laut, dass Siska es mitbekommen musste. „In allem, was sie schreibt, kommt in jedem Satz mindestens ein Wort aus den Wortfeldern ‚Sterben’ oder ‚Blut’ vor.“
„Würde diesmal doch sogar fast hinkommen“, traf Siska den schmerzhaften Kern der Situation und streifte Fertiggericht „Nummer 8“ mit einem verachtungsvollen Blick, als wäre es Schuld an allem Übel.
Betroffenes Schweigen war die Folge.
Schließlich stand Roger auf. „Ich geh mich dann mal quälen. Gute Nacht.“ Seine Hand streifte unauffällig Chayennes Rücken, als er an ihr vorbeiging.
Nun waren nur noch Chayenne und Siska übrig. Sie hatten sich auch nicht mehr viel zu sagen.
„Ich werde mich nie daran gewöhnen“, seufzte Siska, als selbst ihr die Stille zu drückend wurde.
„Woran?“, fragte Chayenne, halbherzig bedacht darauf, interessiert zu klingen.
„An das, was du isst“, antwortete Siska und gab sich Mühe, die Kieselsteine möglichst neutral anzusehen.
„Wirst du dich denn je daran gewöhnen, was DU isst?“, erwiderte Chayenne. Sie hatte sich im Laufe der Zeit schon einige schlagfertige Antworten auf Bemerkungen wie diese zurechtgelegt.
Siska betrachtete mit unverhohlener Abscheu die Reste des grünen aber nährstoffreichen Matschs in ihrer Schüssel. „Nein, echt nicht. Andererseits esse ich das auch nicht freiwillig. Aber wir wollen ja hier nicht diskutieren.“
Als Chayenne wenig später das Geschirr, das die meisten, die an diesem Tag etwas gegessen hatten, einfach auf einen Haufen gestapelt hatten, ordentlich in die Spülmaschine räumte, spürte sie Siskas prüfenden Blick auf sich ruhen, der so erbarmungslos war, dass sie ihn nie ohne besonders schwerwiegenden Grund anwendete.
„Leistest du mir noch ein bisschen Gesellschaft?“, fragte Siska in ganz harmlosem Tonfall, als sie sicher war, dass Chayenne ihren Blick bemerkt hatte. „Ich weiß, du hast frei, aber sogar Einsiedlerkrebse wie ich fühlen sich manchmal etwas einsam.“
„Sicher doch.“ Chayenne spielte das Spiel mit, das auch nicht mehr ganz neu war. Worum ging es diesmal bloß? Sicher nicht um seltsame Essgewohnheiten.




Auf dem Weg zum Maschinenraum verlor Siska noch kein einziges Wort. Sie blickte stur geradeaus und eilte im Stechschritt voran, dass Chayenne kaum hinterherkam. Hatte was von einem Spießrutenlauf, auch wenn Chayenne keine ausreichende Erklärung für diesen plötzlichen Eindruck fand.
Als sie den Maschinenraum erreichten, umfing sie die wohlige Wärme des einzigen Ortes auf dem Schiff, dessen Klima wenigstens halbwegs mit dem ihrer Heimat vergleichbar war. Aber diesmal konnte sie sich nicht so recht darüber freuen.
Siska schloss die Tür so grob wie immer. Einen Moment blieb sie davor stehen, schien dann aber die arge Bedrohlichkeit dieser Geste zu bemerken und gab netterweise den einzigen Fluchtweg frei.
Chayenne setzte einen arglos-fragenden Blick auf, um der Situation ein wenig die Spannung zu nehmen. Dass sie damit an der Explosivität des Sprengstoffs nichts ändern konnte, wusste sie aber nur zu gut.
„Da läuft was zwischen euch“, ließ Siska die Bombe platzen.
Chayenne zuckte zusammen und konnte nur hoffen, dass Siska es nicht bemerkt hatte. Jetzt hatte sie wirklich ein Problem.
„Was? Wovon redest du?“, erwiderte sie eine Spur zu schnell.
„Du, Roger… Komm, jetzt tu nicht so.“ Unter Siskas betont harmlosem Small-Talk-Ton schwang der subtilste Hauch eines Vorwurfs mit.
„Da hast du wohl was missverstanden“, meinte Chayenne versöhnlich und gab sich Mühe, Siska dabei freundlich in die Augen zu sehen.
„Sicherlich nicht.“ Ihre Stimme wurde nun schon um einige Nuancen kühler. „Mein Gott, wie ihr euch anseht, wie ihr so nah zusammensteht, wie er die Hand auf deine Schulter legt statt auf die Stuhllehne… Eindeutiger geht’s wohl kaum! Und als er eben aufgestanden ist, warum ist er hinter dir vorbeigegangen? Wenn er andersrum gegangen wäre, hätte er sich nicht an den Pflanzen vorbeiquetschen müssen.“
„Vielleicht mag er Pflanzen, was weiß ich! Komm, lass es, das bildest du dir alles nur ein!“, verteidigte sich Chayenne, bemüht darum, nicht laut zu werden. Gespräche mit Siska glichen oft einem Kampf, den man nur verlieren konnte.
„Hör zu, das sieht so aus“, setzte sie zu einer Erklärung an. „Wir sind uns schon näher gekommen über die Zeit und ich mag ihn wirklich, aber nicht so. Das ist alles nur platonisch, okay?“ Sie redete zu schnell, sie redete viel zu schnell.
Siska erwiderte erst einmal nichts, schien mit großen Augen darüber nachzudenken, ob diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht zu ziehen war.
„Was ist das da eigentlich?“, fragte sie übergangslos, nun wieder im Plauderton, und zeigte auf Chayennes Hals, als hätte sie den Knutschfleck gerade erst entdeckt.
„Was? Ach das.“ Beiläufig betastete sie die Verfärbung und zupfte ein paar Haarsträhnen davor, während sie eine Erklärung suchte. „Da hab ich mich an einer Schublade gestoßen. Macht Spaß, solltest du auch mal probieren.“
In einer blitzschnellen Bewegung stand Siska direkt vor ihr und lüftete den Haarvorhang vor der anderen Seite ihres Halses, auf der noch mehr Spuren zu finden waren.
„Ziemlich aggressive Schublade, was?“ Kein Versuch, den Sarkasmus in diesen Worten auch nur ein bisschen herunterzuschrauben. „Du schläfst mit ihm.“
„Nein!“, hielt Chayenne entsetzt dagegen, ahnend, dass jeder Schadensbegrenzungsversuch nur ein Kampf gegen Windmühlen war.
Siska hob die linke Augenbraue.
„Okay, ich bin verknallt und das nicht erst seit gestern“, stammelte sie, „aber…“
Siska hob die rechte Augenbraue.
„Nur ein Kuss, nur ein verdammter Ausrutscher!“
Beide Augenbrauen wanderten in Richtung Haaransatz.
„Ja, es ist wahr! Es ist alles wahr!“, rief Chayenne und ihre Stimme überschlug sich. „Du behältst wie immer Recht.“ Sie schenkte Siska einen furchtbar leidenden Blick, schleppte sich zur Wand und kauerte sich dort zusammen, das Gesicht in den Händen verborgen.
„Was hast du denn? Ich hab nach dem ‚Nein’ doch gar nicht weiter gefragt“, setzte Siska nach. Dann bekam sie aber doch Mitleid und hockte sich vor ihre Freundin auf den Boden.
„Was denkst du dir nur dabei?“ Kein Vorwurf, nur eine Frage. Eine kurze Pause, dann: „Liebst du ihn?“
Chayenne nickte zaghaft. „Schon viel zu lange“, flüsterte sie. „Ich dachte, das bedeutet nichts. Dachte, ich hätte mich im Griff. Aber das hab ich wohl nicht.“
„Was ist mit Baran? Liebst du ihn auch noch?“
Chayenne nickte wieder. Sie vermied es, Siska anzusehen. „Ich hab versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, aber irgendwas blockiert, wenn ich an ihn denke. Alles so weit weg. So normal, so unwirklich. Ich will ihm doch nicht wehtun.“
Siska hatte, ohne es zu merken, die Luft angehalten und atmete nun vernehmlich aus. „Das Leben ist kompliziert, nicht wahr?“
„Es sind zwei völlig verschiedene Dinge“, fuhr Chayenne leise fort. „Baran ist ein Teil von mir, wie ein Arm oder die Gewohnheit zu atmen. Damit dürfte auch klar sein, woher das Heimweh kommt.“ Sie lachte freudlos. „Roger… Das ist ein ganz anderes Leben. Das ginge normal gar nicht. Ich will’s nicht, ich wollte das nie, aber ich kann’s nicht lassen. Es passiert einfach. Wie soll denn das enden?“ Dann war sie still und starrte traurig auf ihre Hände.
Siska war auch völlig überfordert mit dieser Frage. „Als die Person, deren einzige Freundin du bist, sollte ich jetzt was Hilfreiches sagen, oder?“
Da war es wieder, das misslungene Lächeln, und zwar bei beiden.
„Schon okay, ist immerhin mein Problem. Es reicht, wenn du niemandem was erzählst.“
„Wie käme ich dazu? Ist sowieso unnötig, wenn ihr so weitermacht.“ Sie konnte den Spott nicht zurückhalten, sie konnte einfach nicht. Chayenne nahm es nicht übel.


Als Siska wenige Minuten später ihre geliebte Stereoanlage aufdrehte, als sei nichts gewesen – sie tat oft so als sei nichts gewesen, weil man nichts anderes von ihr erwartete, was eigentlich sehr traurig war – nahm Chayenne das als Signal, die Flucht ergreifen zu dürfen. Siska betonte immer, das Entspannende an dieser Musikrichtung sei nicht der hörbar hohe Verschleiß an Instrumenten sondern die Vibration der Wände, aber auch das entzog sich dem Verständnis des größten Teils ihrer Mitmenschen.
Chayenne fand Roger am Schreibtisch sitzend vor, was sie auch nicht anders erwartet hatte, nur schien er nicht sehr gefasst bei der Sache zu sein, sondern sich vielmehr mit dem blauen Wäschekorb zu seinen Füßen zu beschäftigen.
„Na, wie weit bist du?“, erkundigte sie sich und sah großzügig über die Wäschekorbsache hinweg.
„Wie viel Prozent von einer unbekannten Masse sind siebenundzwanzig Zeilen?“, grinste er sie schief an und beförderte den Wäschekorb unauffällig mit dem Fuß in die hinterste Ecke unter dem Schreibtisch.
Mitleidig seufzend gesellte sie sich zu ihm und betrachtete das bisher Geschriebene, bei dem Protokollkopf und Leerzeilen in die genannten siebenundzwanzig Zeilen eingerechnet waren. Während sie las, zog er sie auf seinen Schoß und kuschelte sich an sie, was die Konzentration dann ein wenig nachlassen ließ.
Die Zweifel, mit denen Chayenne noch hereingekommen war, verflüchtigten sich wie Methanol an der Luft, und sie sah gar keine Notwendigkeit mehr darin, sie aufzuhalten. Sie würde ihm auch nichts von dem Gespräch mit Siska erzählen, alles nur unnötige Belastung. Ein harmloser Vorschlag demnächst irgendwann, sich in Zukunft noch etwas unauffälliger zu verhalten, würde es auch tun. Und jetzt zur Seite mit dem ganzen Drama, das war ein Moment, den man genießen musste.
Ein paar Minuten verharrten sie so, dann nahm Roger die ungeliebte Arbeit wieder auf, so gut das in dieser Situation ging. Der Bericht hatte noch an diesem Tag fertig zu werden, da half nichts.
„Warum machst du es dir nur so schwer?“, schnurrte sie gedankenverloren und schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals.
„Ich könnte jetzt sagen, ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, andererseits könnte ich als Chef von dem Zirkus hier so lästige Dinge tatsächlich auch auf meine mundtoten Untergebenen abwälzen“, folgte er laut einem ach-so-kein-bisschen-zynischen Gedanken. „Mal sehen, wer hat denn hier gerade nichts zu tun, außer mich abzulenken und – au! – mich ins Ohr zu beißen…“
„Keine Panik, es blutet nicht“, grummelte Chayenne, die sich wünschte, einfach mal still gewesen zu sein. Dem äußerst gekonnten Dackelblick, der nun folgte, hatte sie nicht viel entgegenzusetzen. „Also gut, was krieg ich dafür?“, gab sie auf.
„Denk dir was aus.“ Er grinste und küsste sie glückselig.
Immer noch etwas widerwillig drehte sie den Stuhl, der eigentlich nicht wie für mehrere Personen konzipiert wirkte, so, dass sie den Bildschirm sehen konnte, und widmete sich der Tastatur. Was sie den inzwischen vierunddreißig Zeilen hinzuzufügen vermochte, war weder besonders schön noch besonders ausführlich (also passte es sehr gut zu den bisherigen vierunddreißig Zeilen), aber zweckmäßig und noch vor Mitternacht fertig.

21


„Es ist grauenhaft! Ganz furchtbar!“, hatte Admiral O’Donnell gesagt und ihr eine Mappe mit der Zusammenfassung der neuesten Ereignisse in die Hand gedrückt, als wäre es etwas, das er sich freute loszuwerden. Dann hatte er noch gesagt: „Und ziehen Sie endlich die verdammte Uniform an, was sollen denn all die Pressespitzel mit ihren unsichtbaren, fliegenden Kameras denken?“, aber das war aufgrund des erschütternden Eindrucks der ersten Bemerkung noch nicht ganz durchgedrungen.
Admiral O’Donnell war nun hektisch, bleichgesichtig und armwedelnd auf der Suche nach Admiral LePain, um ihm die andere Mappe aufzudrängen, während Admiral Peaks mit sich rang, ob sie sich nicht einfach am hysterischen Krisenzustand beteiligen konnte, ohne die Zusammenfassung der neuesten Ereignisse gelesen zu haben.
Das in Plastik gehüllte Papier lag friedlich vor ihr auf dem Schreibtisch in ihrem Büro im terranischen Raumflotten-Hauptquartier in Chicago, und da lag es doch eigentlich ganz gut. Aber da war irgendwas an der Sache dran, was sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte.
„Es ist grauenhaft! Ganz furchtbar!“, sagte Kathleen Teri Peaks zu sich selbst, nachdem sie nach fünf Minuten, um erst einmal das harmlosere Problem zu lösen, ihre Uniform angezogen und sich nach weiteren fünf Minuten geistiger und körperlicher Vorbereitung schließlich an das Dokument gewagt hatte.
Sie hatten da draußen also ein Schiff, das nur noch von Kraftfeldflicken zusammengehalten wurde, das es, wenn nicht ein Wunder geschah, nicht zurück schaffen würde und an dem so ziemlich die gesamte Zukunft des Weltraumforschungsprogramms hing.
Nun musste sie sich schnellstens ein paar Dinge ausdenken, die sie der Presse erzählen konnte, ohne einen Eklat zu verursachen und ohne die Wahrheit zu verdrehen - herausfinden würden es diese Verrückten sowieso. Für persönliche Gedanken über das Problem war später noch Zeit. Falls es sie nicht den Kopf kostete.
Technische Schwierigkeiten. Technische Schwierigkeiten waren immer gut. Das konnte alles bedeuten. Also wurde immer gleich das Schlimmste angenommen. Also doch besser nicht. In diesem Fall kam das zwar der Wahrheit am nächsten, aber…
Genau, nach dem Teil mit den technischen Schwierigkeiten würde sie einfach sehr lange und sehr strahlend über Tamara Cortez erzählen, die sie beim ersten Durchlesen des Berichts nur am Rande registriert hatte. Gute Nachrichten – so was war sie schon gar nicht mehr gewohnt. Kathleen nahm sich vor, sich in der Mittagspause ein wenig zu freuen. Tamara - ein geniales Ablenkungsmanöver. Da die Leute die schlechten Nachrichten nur in einer sehr geringen Dosis erhalten würden, würden sie über die gute irre glücklich sein und…
„Ich hab’s dir doch gesagt“, sagte jemand mit glockenheller Stimme.
Kathleen stieß einen erschrockenen Schrei aus und fegte bei dem Versuch, nicht mit dem Stuhl umzufallen, das Chaos auf ihrem Schreibtisch mit herunter. Gleich darauf erhob sie sich wieder würdevoll und warf einen scheuen Blick in den Raum, um nach der Quelle ihres Entsetzens zu suchen.
Auf dem Sofa unter dem Fenster saß das Mädchen mit dem struppigen Haar und den glasigen Augen, das ihr am Silvesterabend vor ihrer Haustür eine schicksalhafte Prophezeiung gemacht hatte.
„Wie bist du denn hier rein gekommen?“, fragte Kathleen eine Spur zu schrill.
„Durch die Tür, dann die Treppe hoch und durch noch zwei Türen“, sagte die seltsame Erscheinung seelenruhig und legte etwas besorgt den Kopf schief.


„Aber ich war doch die ganze Zeit hier und… Wie kannst du…“ Kathleen begann, ein wenig an ihrem Verstand zu zweifeln.
„Ich war schon vor dir im Büro, du hast mich nur nicht bemerkt“, meinte das Silvester-Mädchen. „Ich wollte eigentlich noch ein bisschen warten, bis ich was sage, aber es wurde langsam langweilig…“
Angesichts des hysterischen Krisenzustands war das eine zufrieden stellende Erklärung.
„Und wie bist du durch die Kontrolle… Ohne Pass und… Ach, vergiss es.“ Mit weiteren verwirrenden Details wollte Kathleen sich wirklich nicht befassen. „Andere Frage: Was willst du?“
Das Silvester-Mädchen nahm sich Zeit für die Formulierung einer Antwort und ließ den Blick ein wenig durch den Raum schweifen. Dann sagte sie: „Also, du hast ein Dach und eine Heizung. Außerdem habe ich dir eine Voraussage gemacht, die sich anscheinend nach und nach erfüllt. Ich dachte, du willst vielleicht darüber reden.“
„Nein, will ich nicht!“, knirschte Kathleen, die auf dieses Thema sehr schlecht zu sprechen war.
„Na ja, dann hast du immer noch ein Dach und eine Heizung“, sagte das Silvestermädchen.


„Ich muss dir was erzählen“, sagte Kathleen ein paar Tage später nach den 20-Uhr-Nachrichten, in denen – sie hatte es nicht verhindern können – schreckliche Witze über den Zustand der Explorer V gemacht worden waren, zu ihrem Lebensgefährten Daniel.
„Ich bin ganz Ohr“, meinte Daniel arglos und schaute sie freundlich an.
„Aber es könnte dazu führen, dass du mich nicht mehr ernst nimmst.“
„Ach was, sag schon.“
„Okay.“ Sie versuchte, so wenig nervenzerrüttet wie möglich auszusehen, was angesichts der Lage nicht ganz einfach war. „In meinem Büro wohnt ein verrücktes Mädchen, das in die Zukunft sehen kann. Nein, sag noch nichts. Sie sitzt den ganzen Tag da und beobachtet mich und freut sich, dass sie auf meinem Sofa schlafen darf, und macht irgendwie, dass ich sie nicht rausschmeißen will und dass ich sie sogar vor den Anderen verstecke, und“ – sie holte tief Luft – „für heute Abend um 20:21 Uhr hat sie eine weitere Katastrophe vorausgesagt.“
Daniel erwiderte erst mal gar nichts, schaute sehr verwirrt von Kathleen auf die Uhr und wieder zurück und suchte fieberhaft nach einem Kommentar, der sie nicht verletzen würde.
Da meldete sich lautstark Kathleens Handy und machte eine Fortsetzung des Dialogs hinfällig. Es war 20:21 Uhr und 26 Sekunden.

22


„Das Signal ist weg“, sagte Björn eines Tages in einem beunruhigend tonlosen Tonfall.
„Was für ein Signal?“, fragte Roger, den wahrscheinlichen Ernst der Lage zum eigenen geistigen Wohl erst mal ausblendend.
„DAS Signal“, erwiderte Björn und brachte damit unmissverständlich zum Ausdruck, welches Signal gemeint war.
„Sollen wir jetzt in Panik geraten?“, erkundigte sich Hitch, die sich noch nie ein DAS-Signal-ist-weg-Szenario ausgemalt hatte.
DAS Signal war das automatische fünfminütliche Signal, mit dem die Mission Control die automatische fünfminütliche Positionsangabe der Explorer V bestätigte. Ein Ausbleiben konnte die unterschiedlichsten Ursachen haben, von einem simplen Stromausfall bis hin zur Explosion der Erde durch zum Kern gewanderten Atommüll aus dem 21. Jahrhundert. „Warten wir erst mal fünf Minuten“, sagte Roger.
Sie warteten fünf Minuten.
„Immer noch kein Signal“, stellte Björn fest.
Bevor man in Panik geriet, betrieb man Ursachenforschung. Es war immerhin nicht ausgeschlossen, dass alles an einer klitzekleinen technischen Schwierigkeit lag, die mit menschenmöglichen Mitteln zu beheben war.
Zuerst wurde überprüft, ob das eigene Signal, die Positionsangabe, noch gesendet wurde. Dann überprüfte man die Geräte, die dies überwachten, sowie die Geräte, mit denen das alles überprüft wurde. Auch die Anlage, die das Signal von der Erde auffing und verarbeitete, war völlig in Ordnung, genau wie das kleine Programm im großen, komplizierten Betriebssystem des Bordcomputers, das den Alarm völlig korrekt ausgelöst hatte.
Das Ergebnis dieser ganzen fruchtlosen Arbeit war, dass das Signal tatsächlich weg war.
Nun tastete man sich an die möglichen Ursachen heran, die eventuell doch Anlass zur Panik geben konnten. Die schlimmstmögliche, die Geschichte mit der explodierten Erde, stellte man natürlich ganz an den Schluss.
Viel wahrscheinlicher war ein Problem mit den Relaisstationen, die man in einer relativ ungeschützten und dadurch wunderbar störungsanfälligen Signalweiterleitungskette im Weltraum ausgesetzt hatte.
„Ping … Pong von Relais 17 nach 4 Sekunden. Ping … … Pong von Relais 16 nach 38 Sekunden. Ping … Also, das könnte noch eine ganze Weile dauern, bis wir alle durch haben.”
Björn stand demonstrativ auf, ging zur Kaffeemaschine und holte sich keinen Kaffee. Schließlich war keiner mehr da, schon seit Monaten nicht mehr. Aber es war immer sehr erheiternd, wenn Leute, die vorher lange Zeit auf Schiffen verbracht hatten, auf denen nie alle sechs Instant-Kaffe-Vorratspackungen zum Vorteilspreis mit unkenntlich gemachten Markennamen verschwunden waren, das vergaßen.
„Pong von Relais 15 nach 2 Minuten, 11 Sekunden. Wow, wir haben nur noch 14 von 17 Relais zu überprüfen! Ping … Warum spiel ich hier eigentlich den Alleinunterhalter?“
„Warum eigentlich nicht? Du hast außerordentliches Talent“, antwortete Takeru und erntete den bösesten Blick, den ein Mensch, der sich manchmal mit der Zahnbürste ins Auge stach, zustande bringen konnte.


Der Rest des Abends verlief eher eintönig, die aufregendste Beschäftigung war das gelegentliche Scannen von Planeten, auf denen man Vorkommen des Treibstoff-Rohstoffs Tricarantium, der einzigen Rückfahrkarte nach Hause, vermutete. Dass nichts dabei herumkam, verstand sich von selbst.
Es dauerte bis Mitternacht, bis es ein vorläufiges Ergebnis gab.
„Kein Pong von Relais 10“, meldete Björn schließlich und riss alle aus ihrem Schichtende-Dämmerzustand.
Es war eine seltsame Erfahrung, darauf zu hoffen, dass etwas kaputt war, aber da man mit der Langdistanz-Überprüfung der Kommunikationsrelais schon viele Stunden zugebracht hatte, war der Fall, dabei kein Ergebnis zu bekommen, relativ inakzeptabel.
Das Senden eines Signals zu Relais 9 und das Warten auf eine eventuelle Antwort dauerten noch sehr viel länger als alle bisherigen Checks, immerhin lagen schon etliche Lichtjahre zwischen dem Gerät und der Explorer V, aber schließlich erhielt man die ersehnte Problemursache.
„Kein Pong von Relais 9!“ Es klang fast fröhlich.
„Relais 9 und 10 sind doch die, die wir vor und hinter dem fenranischen Raumkorridor abgesetzt haben, oder?“, meinte Takeru.
„Dann sollte uns das ja nicht überraschen. Die Fenranier haben wohl ihr Gebiet ausgeweitet und alles platt gemacht, was ihnen komisch vorkam“, schloss Hitch blitzschnell trotz der späten Stunde.
„Also haben wir jetzt zwischen Relais 8 und 11 eine Lücke, die nicht überbrückt werden kann. Das Telefonkabel ist durchgeschnitten“, stellte Björn die finale Diagnose. „Meint ihr, die Leute von der Mission Control sind in Panik geraten, als sie das gemerkt haben? Also, wir sollten ja hoffen, dass sie es gemerkt haben…“
„Jetzt wahrscheinlich noch nicht“, sagte Roger. „Immerhin haben sie aus ihrer Richtung ein paar mehr Relais zu überprüfen als wir. Aber ich denke, wenn sie fertig sind, werden sie in Panik geraten. Immerhin können sie ab dann nicht mehr wissen, ob wir noch leben, bis wir zurückkommen.“
„Vielleicht sollten wir uns mit ihnen solidarisieren und uns einreden, dass wir nicht mehr wissen können, ob die Erde noch da ist, bis wir zurückkommen“, schlug jemand vor.


„Oh Gott! Der Kontakt ist weg! Weg! SIE werden uns komplett lächerlich machen, SIE werden uns in der Luft zerreißen, wenn SIE das rauskriegen!“ Kathleen Teri Peaks hatte sich angewöhnt, Presseleute als ‚SIE’ zu bezeichnen, weil sie überall versteckte Kameras und Mikrophone vermutete. „Was passiert als nächstes? Kann es eigentlich NOCH SCHLIMMER kommen?“
„Wenn, dann erfahren wir es wenigstens nicht mehr“, sagte Admiral LePain trocken und kippte die achtzehnte Tasse Kaffee in dieser Nacht. Inzwischen sah man ihm an, dass er höchstens vier Tassen vertrug.
Es war kurz nach zwei, nur noch die drei armen Seelen, die die Projektleitung bildeten, saßen in sich zusammengesunken und mit leerem Blick im hermetisch abgesicherten Kontrollraum unter dem Verwaltungsgebäude. Eliah Hawkins, der Raumfahrtminister und damit auch Oberbefehlshaber der terranischen Flotte, hatte kurz reingeschaut, sich, obwohl Atheist, einige Male bekreuzigt und war wieder gegangen.
Das Schicksal der Explorer V war nun ungewisser denn je, und damit stand alles, wirklich alles, auf der Kippe. Sie waren so was von verloren.


„Du hattest Recht. Es wird wirklich immer schlimmer.“
Sie lagen wach, eng zusammengekuschelt, sein Kopf auf ihrem Bauch. An Schlaf war bei dieser allgemeinen Aufregung schon wieder nicht zu denken.
„Es ist okay“, sagte Roger mit dumpfer Stimme, aus der die gesammelte Resigniertheit eines vergangenen halben Lebens klang.
„Woher der plötzliche Sinneswandel?“, fragte Chayenne, als hätte sie es nicht bemerkt. Sie lief ihm sanft mit den Fingern durchs Haar.
„Wir können nichts mehr tun, als es geschehen zu lassen. Es gibt kein Zurück, die Kontrolle haben wir schon lange verloren. Wir sollten uns nicht verrückt machen mit etwas, das wir nicht ändern können“, erklärte er leise und nahm ihre rechte Hand, die nicht damit beschäftigt war, seine Frisur zu verunstalten.
„Ich kann’s nicht so einfach hinnehmen, ich kann das nicht“, wandte sie ein, auch wenn sie sehr gut verstand, was er meinte. „Denk nur an die Leute zu Hause, die wissen jetzt nicht mal mehr, wie es um uns steht. Die machen sich furchtbare Sorgen um uns.“ Wen alles genau sie mit ‚die’ meinte, darauf wollte sie jetzt nicht eingehen.
„Korrektur: Die machen sich furchtbare Sorgen um euch. Ich hab da niemanden, ich kann das ganz pragmatisch sehen.“
‚Doch, genau hier hast du jemanden’, dachte sie, brachte es aber nicht über die Lippen, weil der gleichgültige Tonfall, in dem er solche Dinge sagte - und das tat er häufig - sie unheimlich wütend machte. Er verstand nicht, dass sie manche Wahrheiten nicht ertrug.
Aber was konnte er dafür? Er war das, was das Leben aus ihm gemacht hatte. Ein kaputter Mensch und einer, den sie liebte.
Draußen in der Welt trug er eine Maske, gab sich energisch und unerschütterlich, sie war wahrscheinlich die einzige Person im Universum, die den echten Roger kannte. Er war impulsiv, anstrengend, wie sie es aus ihrer ‚anderen’ Beziehung, der im richtigen Leben, nicht kannte, weil sie dort selbst der anstrengende Part war; er konnte ihre Welt in die schillerndsten Farben tauchen, bis sich alles drehte, und wenn es ungezählte Sekunden später vorbei war, hatte sie wieder den kaputten Menschen vor sich, der sie unendlich brauchte, vielleicht zum Überleben.
Sie brauchte ihn auch. Auch wenn er selbst darin nicht schwimmen konnte, war er derjenige, der sie im Meer der Ungewissheit über Wasser hielt. 

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