Explorer V | 9

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Es gab Dinge, die einfach zu kurz kamen, wenn man durch eine Masse von entsetzlichen, apokalyptischen und höchst deprimierenden Ereignissen zerquetscht zu werden drohte.
Dazu gehörte unter anderem auch das Schreiben von abenteuerlichen und nicht unbedingt sinnvollen Geschichten über ein kleines, blaues Kerlchen, das beim Versuch, die Rätsel des Universums zu lösen, von einer hochschwangeren, verrückten Frau, die er nie zuvor gesehen hatte, sowie einem Bataillon von Steuereintreibern durch alle möglichen Galaxien gehetzt wurde. Peter, der kleine Astronaut, saß schon seit Monaten mit zwei riesigen, schleimigen, tätowierten Monstern in einer Gefängniszelle, und hatte noch immer nicht die Gelegenheit bekommen, überhaupt über eine Flucht nachzudenken.
Wenn allerdings die bedauernswerten Protagonisten im bizarren Spiel des vierdimensionalen Lebens wieder einmal ein Stück Alltag, bestehend aus tagelangem Rumsitzen und dem Karthographieren immer gleich aussehender Sonnensysteme, zu kosten bekamen, konnten sich plötzlich wieder ungeahnte Möglichkeiten auftun. Und das nicht zu knapp.


„Das kratzende Geräusch einer Haarspange, die sich im primitiven Türschloss verkeilt hatte und nun mit aller Gewalt gedreht wurde, riss Peter aus seiner Schreckensstarre, sodass er rechtzeitig aufsprang, bevor die beiden riesigen, schleimigen, tätowierten Monster, die sich in die fettigen Haare gekriegt hatten, ihn überrollen konnten.
Mit zwei schnellen Schritten war er an der Tür und zischte aufgeregt: ‚Wer ist da?’
‚Wir sind’s’, flüsterte eine weibliche Stimme, die er inzwischen nur zu gut kannte. ‚Warte, ich hab die Tür gleich auf!’
‚Eigentlich geht’s mir hier ganz gut’, erwiderte Peter hastig und suchte halbherzig nach Gegenständen, mit denen er sich selbst fesseln konnte.
Doch schon sprang die Tür auf und er blickte in die freudestrahlenden Gesichter Amanats, die inzwischen so aussah, als erwartete sie Drillinge, und der fünf Steuereintreiber.
‚Du lebst!’, rief Amanat. ‚Jetzt kannst du ganz viele Alimente bezahlen!’
‚Einkommenssteuer! Hundesteuer! Kraftfahrzeugsteuer!’, riefen vier Steuereintreiber.
‚Steuerbefreiung, äh, nee, Befreiungssteuer!’, rief der fünfte Steuereintreiber.“


Chayenne, Roger, Takeru und Siska, die schon längst die armselig winzige bordeigene Bücherkiste durchgewälzt hatten (sie hatten sogar „Mein Leben als zweiter Urlaubsvertretungsersatz eines Verwaltungsfachangestelltenassistenten“ gelesen), wandelten sich langsam zu einem würdigen Publikum für die vier Nachwuchsschriftsteller. Es gab doch nichts Schöneres als Anerkennung für solch harte kreative Arbeit.
„Was ist eigentlich mit Inspector HrZ’d-tA passiert?“, erkundigte sich Takeru nach der Verlesung von Kapitel elf bis dreizehn. „Ich fürchte, es ist mir entfallen.“
„Der arme Kerl wurde bei einem Abstecher auf die Erde von einem Regionalzug überfahren“, erklärte Jenikk.
„Wie schade, ich hab ihn gemocht“, kommentierte Siska völlig unsarkastisch.
„Versteht ihr eigentlich sonst so die Zusammenhänge noch?“, fragte Hitch. „Es ist schließlich schon ziemlich lange her seit dem letzten Kapitel. Wir könnten ja die Geschichte noch mal von Anfang an vorlesen, wie wär das?“
Das würdige Publikum beteuerte ein wenig zu überschwänglich, alle Fakten ganz genau im Kopf zu haben. Aber irgendwann würde man die schon noch restlos begeistern.
Die gelegentlichen kreativen Ergüsse (und kreativ waren sie wirklich) einiger Besatzungsmitglieder blieben bald das Einzige, was die Gesamtstimmung an Bord auf einem annehmbaren Niveau hielt.
Seit Wochen durchquerte die Explorer V einen relativ trostlosen, weil sternenarmen Sektor der Galaxis, in dem sich weder Tricarantium noch gute Gesellschaft finden ließen. Wenn man doch mal Leute traf, waren diese meist auch nur auf der Durchreise und nicht besonders gesprächig, und sie wussten schon gar nichts über Treibstoffrohstoffe. Außerdem hatte man die Reisegeschwindigkeit reduziert, um Sprit zu sparen. Es wusste zwar niemand, wie viel genau man letztendlich sparen musste, und ob das überhaupt einen Zweck hatte, aber es erschien allen auf jeden Fall unverantwortlich, so weiterzumachen wie bisher.
Alles war so ungewiss. Mal wanderten die Gedanken nach Hause, mal zu den fantastischen Abenteuern, Orten und Entdeckungen, die vielleicht noch auf die Crew warteten. Gescheitert war die Mission ganz sicher noch nicht, aber sich das vor Augen zu halten fiel schwerer und schwerer.


„Hey, da ist mal wieder ein Schiff“, bemerkte Paolo nach vier Tagen, in denen sie niemandem begegnet waren. Er legte mit ein paar tausendmal geübten Tastendrucken das beste Bild, das man bisher bekommen konnte, auf den Frontbildschirm.
„Größe und Besatzung?“, stellte Roger die obligatorische Frage.
„Klein, sehr klein“, antwortete Paolo knapp. Sie sprachen nicht mehr viel miteinander, seit Paolo Roger fast den Kiefer gebrochen hatte. Aber damit ließ sich leben.
„Sicher nur wieder ein Bote, ein Wartungstrupp oder ein reicher Typ auf Spazierfahrt mit seiner Privatyacht“, mutmaßte Hitch, während sie darauf warteten, dass das sich langsam nähernde Schiff besser erkennbar wurde. „Machen wir uns trotzdem Hoffnung?“
„Ich finde, ‚Hoffnung’ wird langsam zum überstrapazierten Wort“, erwiderte jemand.
Schließlich nahm das fremde Schiff klare Konturen an. Es war nur wenige Meter lang, von nur einer Person bemannt und erinnerte irgendwie an einen etwas pummeligen Tropenfisch.
Das nun einsetzende beinahe andächtige Erstaunen wurde dadurch gestört, dass jemand sich vor beinahe andächtigem Erstaunen an seinem Kakao verschluckte und herzzerreißend zu husten begann.


Wenige Minuten später hatten sie die Gewissheit. Er war es wirklich.
Sicher gab es viele Myriaden möglicher Zufälle in Raum und Zeit, ganz genau wusste das natürlich keiner, aber in dieser weiten Galaxie völlig zufällig zweimal dieselbe Person zu treffen, das war hart an der Grenze zur Unmöglichkeit und dementsprechend erstaunlich.
Pommes Rotweiß und sein winziges Raumschiff hatten sich geringfügig verändert, er trug quietschbunte, unverschämt teuer aussehende Kleidung und glitzernden Schmuck und das Interieur der ehemals so schäbigen Nussschale war nun aufgeräumt und vernünftig ausgeleuchtet, doch das selige, geradezu putzige Grinsen des freien Händlers war das gleiche geblieben.
„Die Explorer V! Das ist ja nicht zu fassen! Ich hab Ihnen so viel zu erzählen, das glauben Sie gar nicht!“, quiekte der alte Bekannte, wobei seine Worte nicht mehr durch den Universalübersetzer laufen mussten – anscheinend konnte er sich nun selbst so ein Gerät leisten.
Bevor man mit mehr antworten konnte als mit einem freundlichen Lächeln, begann der auf dem Bildschirm überlebensgroß (was bei seiner wenig imposanten Erscheinung auch kein Kunststück war) dargestellte Pommes Rotweiß seinen angekündigten Redeschwall in die Tat umzusetzen.
„Nummer 29, das leckerste Fertiggericht des Universums – Sie erinnern sich sicher noch an meine Begeisterung –, hat auf Trigala eingeschlagen wie eine Bombe!“, rief der kleine Mann, der nicht wusste, dass sein Name in der ein oder anderen Sprache unfreiwillig komisch war. „Mein Heimatplanet hat ein neues Kult-Food, alle Leute sind ganz verrückt nach dem Zeug! Außerdem ist es gesund, es hilft gegen Migräne und Schuppenflechte! Ein ganzer neuer Industriezweig ist entstanden, es wurden Hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen und alle sind glücklich!“ Er fuchtelte ein wenig mit seinen kurzen Ärmchen herum, um den Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen. „Und ich, ich bin reich und ein Nationalheld! Das haben wir alles nur Ihnen zu verdanken!“
Das freute die Crew der Explorer V natürlich, und noch mehr würde es Paul Jouant, den Erfinder der nummerierten Nährstoffquellen, freuen, wenn, oder auch falls, er davon erfuhr.
„Und was haben Sie in letzter Zeit so gemacht?“, fragte Pommes Rotweiß, um seine Gesprächspartner auch einmal zu Wort kommen zu lassen.
„Och, so dies und das“, meinte Roger unverbindlich. „Wir sind ein bisschen rumgeflogen, haben Sterne karthographiert, fremde Kulturen kennen gelernt und unseren Horizont erweitert. Was man halt so macht.“ Die unschönen Details brauchte das sympathische, fröhliche Kerlchen wirklich nicht zu wissen.
„Das klingt unheimlich spannend. Ich mache nicht viel Anderes als früher“, führte Pommes Rotweiß die Unterhaltung fort. „Ich müsste ja eigentlich gar nicht mehr arbeiten, aber das ist eben mein Lebensinhalt. Apropos, möchten Sie vielleicht heute etwas kaufen? Ich habe ganz tolle sibbeltriske Geduldsspiele reinbekommen, und Strickpullover von einer pletonianischen Kolonie – oh, die dürften Ihnen aber ein bisschen zu groß sein – und eigentlich, eigentlich hab ich sowieso alles.“ Er schenkte ihnen ein gewinnendes Lächeln.
Für einen kurzen Moment machte ein abenteuerlicher, geradezu lächerlicher Gedanke in den Köpfen die Runde. Man warf sich vom plötzlichen Hoffnungsausbruch schockierte Blicke zu, um zu überprüfen, ob die Anderen auch den Verstand verloren hatten. Aber war es denn wirklich überhaupt nicht möglich, dass… Nein, auf keinen Fall.
Sie erzählten Pommes Rotweiß trotzdem die Geschichte mit dem verlorenen Tank und dem auf desaströse Weise zur Neige gehenden Treibstoff.
„Das ist ja furchtbar!“, bemerkte dieser und präsentierte einen weiteren ausdrucksstarken Gesichtsausdruck aus seiner schier unerschöpflichen Palette, diesmal den des verlassenen kleinen Hündchens. „Tricarantium habe ich leider auch nicht, das verwendet hier in der Gegend kaum jemand, aber“ – und bei diesem Wort erhellte sich seine Miene wieder – „ich weiß, wo Sie eventuell welches bekommen könnten.“
Das konnte man doch schon als gute Nachricht werten.
„Etwa 40 Lichtjahre von hier“, erklärte Pommes Rotweiß auf die erwartungsvollen Blicke hin, „befindet sich ein Planet namens Rayves II. Die Gesellschaft dort ist nicht besonders an Kontakten mit Leuten von außerhalb interessiert und beteiligt sich schon gar nicht am interstellaren Handel. Aber wenn man besonders nett ist und verspricht, nie wieder zu kommen, dann helfen die einem meistens aus – auch mit Bergen von Tricarantium, selbst brauchen sie es schließlich nicht.“
Acht erwachsene Menschen begannen aufgeregt durcheinander zu quasseln wie hyperaktive Vorschulkinder.
„Ich übermittle Ihnen dann mal die Koordinaten“, meinte Pommes Rotweiß sichtlich amüsiert und erfreute sich an seinem neuen, superleicht zu bedienenden Bordcomputer.
„Wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken können“, sprach Roger ein wenig atemlos.
Der freie Händler setzte wieder sein fröhlichstes Grinsen auf. „Ich würde sagen, wir sind quitt.“
Sie verabschiedeten sich bald darauf herzlich, denn Pommes Rotweiß hatte in wenigen Stunden einen Geschäftstermin, zu dem es noch ein ganzes Stück Wegstrecke war, und tauschten Heimatplanetenkoordinaten aus, was sie beim ersten Treffen versäumt hatten. Wer weiß, vielleicht bestanden ja irgendwann in ferner Zukunft weitere Kontaktmöglichkeiten.
Als Pommes Rotweiß schließlich noch die vor Aufregung fast vergessenen Grüße vom trigalischen Präsidenten Körrieh Wuäst ausrichtete, brach allgemeine Heiterkeit aus, die er nicht verstand, aber an der er sich nicht weiter zu stören schien.
Und die Heiterkeit blieb, schließlich hatte man gerade erfahren, dass man wahrscheinlich doch nicht für immer und ewig in einem unbekannten und größtenteils unfreundlichen Raumsektor gestrandet war.
„Wenn ich wieder festen terranischen Boden unter den Füßen habe, bestell ich mir als allererstes eine riesige Pizza mit Allem vom Pizzaservice!“, verkündete Hitch. „Und was macht ihr, wenn ihr nach Hause kommt?“
Die meisten Crewmitglieder versammelten sich auf der unteren Stufe der Brücke, wo sie wieder aufgeregt durcheinander quasselten, jeden umarmten, den sie zu fassen bekamen, und ein wenig mit den Armen ruderten.
Roger und Chayenne blieben, wo sie waren, und beobachteten das Geschehen mit etwas emotionalem Abstand.
Ihre Blicke trafen sich lange und intensiv. Was macht ihr, wenn ihr nach Hause kommt?
Sie redeten nie über die Zukunft, weil es nichts zu bereden gab. Wie man es auch drehte und wendete, da war keine Zukunft. Sie hatten furchtbar unterschiedliche Vorstellungen vom Leben, das ging nicht zusammen. Sie träumte von einer Familie, er hielt es nicht länger als ein paar Wochen am selben Ort aus. Alles, was sie einander bieten konnten, war nur auf Zeit, und das war einer jener Momente, in denen ihnen das bewusst wurde.
Natürlich würde die Explorer V nicht sofort umkehren, sobald es ihr wieder möglich war. Die Mission war für 10 Monate angesetzt, Oktober bis August. Sie hatten gerade Mitte Februar. Noch etwas mehr als fünfeinhalb Monate. Wie lange war das?
Er drückte unauffällig ihre Hand und sie zwangen sich ein Strahlen ins Gesicht.

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Die Weltuntergangsstimmung war schon auf der Straße vor dem Gebäude deutlich zu spüren, sie umfing das Raumflotten-Hauptquartier wie ein fast sichtbarer schwarzer Dunst. Manche Leute gingen rasch vorbei, andere blieben kurz stehen, sahen zu den Bürofenstern hinauf und machten sich spöttische, pionierfeindliche Gedanken.
Wer einen gültigen Pass hatte, konnte drinnen dem Elend von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Die Leute, die durch den inzwischen als nicht mehr ganz unwahrscheinlich gehandelten Totalverlust der Explorer V nicht nur den Traum, dem sie ihr Leben verschrieben hatten, sondern auch ihre bisher so sicheren Arbeitsplätze gefährdet sahen, wühlten sich mechanisch durch aus besseren Zeiten liegen gebliebene Aktenberge und sahen von Woche zu Woche, in der kein Lebenszeichen eintraf, fahler aus.
Kathleen hatte nichts zu tun, die Presse ließ sie weitgehend in Frieden, seit es keine Neuigkeiten mehr zu verkünden gab. Sie saß den ganzen Tag in ihrem Büro, zusammen mit dessen Bewohnerin, der sie inzwischen weniger zerrupfte und vor allem wärmere Kleidung besorgt hatte, und führte mit ihr anstrengende Gespräche.
„Heute irgendwelche weltbewegenden Voraussagen?“, fragte Kathleen und warf ihre Handtasche achtlos unter den Schreibtisch.
„Ich weiß, wer nächstes Jahr die Handball-WM gewinnt und dass die GoogleMicrosoft-Aktie demnächst böse einbrechen wird“, meinte das Silvester-Mädchen, das am Fenster stand und nachdenklich in den Hof des Bürokomplexes hinunterstarrte. „Tut mir leid, ich kann nicht bestimmen, was ich sehe“, fügte sie einmal mehr hinzu.
Kathleen hatte sich auch eigentlich gar keine Hoffnungen gemacht. Es war nur der reine Zufall, welcher an der psionischen Begabung der Namenlosen – sie behauptete felsenfest, keinen Namen zu brauchen – haftete, der sie zusammengeführt hatte. Die zweite Vision die Explorer V betreffend war ebenso zufällig gewesen wie alle anderen.
Schwer seufzend begann Kathleen auf und ab zu gehen und die düsteren Gedanken, die einfach nicht mehr weggingen, zu ertragen. Sie registrierte beiläufig, wie ihre Untermieterin einen Schokoriegel auswickelte und daran knabberte. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte sie die Seltsamkeit dieser Szene.
„Wo hast du das denn her?“
„Aus der Kantine.“
„Aus der Kantine?“
„Das ist das, wo man sein Essen herkriegt, wenn man hier arbeitet oder auch wohnt.“
„Wie kommst du denn in die Kantine?“ Ein leiser Verdacht stieg in Kathleen auf und nahm langsam und auf unbehagliche Weise Gestalt an.
„Also, durch die Tür, dann rechts, die Treppe auf der linken Seite runter und den Querkorridor entlang. Was glaubst du, wovon ich mich seit Wochen ernähre?“
„Nein, wie kommst du in die Kantine, ohne ganz furchtbar aufzufallen und verhaftet zu werden?“ Kathleens Stimme wurde ein wenig schrill.
„Ach so.“ Das Silvester-Mädchen schien das Problem endlich zu begreifen. Weiter auf dem Schokoriegel herumkauend legte sie sich eine möglichst leicht verdauliche Antwort zurecht. „Mich können nur die Leute sehen, die mich sehen sollen“, stellte sie unverblümt in den Raum.
„Heißt das, nur ich kann dich sehen … und hören?“, quiekte Kathleen und ließ sich von einem leichten Panikanfall ergriffen aufs Sofa fallen.
„Ja, das könnte man so sagen“, erwiderte das Silvester-Mädchen. Als sie sah, wie Kathleen schlagartig noch bleicher wurde als vorher, bemerkte sie die gewisse Zweideutigkeit ihrer Erklärung. „Moment, so war das nicht gemeint! Das ist nicht so, wie es jetzt vielleicht aussieht! Ich bin keine Halluzination!“
Es dauerte ein bisschen, bis Kathleen wieder glaubte, dass sie nicht verrückt war und die Bewohnerin ihres Büros nicht nur in ihrer Fantasie existierte. Dann konnte diese endlich die Erklärung des Kantinen-Problems fortsetzen.
„Das ist eine weitere psionische Begabung von mir, man nennt es Teleblockade“, sagte die Namenlose. „Das menschliche Gehirn hat einen Wahrnehmungsfilter, der es vor einer Reizüberflutung schützen soll. Ich kann diesen manipulieren und bei den Leuten bestimmte Wahrnehmungen einfach ausblenden. Darum bemerkt mich in der Kantine auch keiner.“
„Was du alles kannst.“ Kathleen wunderte sich ein wenig, nahm aber widerstandslos hin, was sie erfahren hatte.
„Ach was, das ist doch noch gar nichts. Ich hab mal einen getroffen, der kann es andersherum, der lässt Leute Sachen sehen, die gar nicht da sind“, bemerkte das Silvester-Mädchen im Plauderton und setzte sich auch aufs Sofa. „Weißt du, eigentlich haben alle Menschen psionisches Potential, es sind immerhin gut 90 Prozent der Gehirnkapazität ungenutzt. Es gibt nur sehr wenige Leute, die wirklich diese Fähigkeiten entwickeln, aber es werden langsam mehr. Vielleicht liegt’s ja am Gen-Food oder am Atommüll.“
Kathleen schmunzelte über die mehr oder weniger fatale Plausibilität dieser Vermutung. „Faye hatte auch übersinnliche Fähigkeiten, deswegen haben wir sie mitgeschickt“, stellte sie betrübt fest.
„Telekinese, aktive Prognose und hyperdimensionale Empathie, nicht wahr? Das volle Programm.“ Das Silvester-Mädchen konnte eine gewisse Bewunderung nicht verbergen. „Und wer hat ihren Tod vorausgesehen? Du. Bitte tu so etwas nie wieder.“
Die Namenlose betrachtete sie mitleidig und ihr Schweigen wog schwer.

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Es war die plötzliche unbehagliche Kälte an ihrem Rücken, die Chayenne aufweckte. Noch im Halbschlaf tastete sie nach Roger und fand ihn einige Handbreit entfernt, was definitiv der falsche Ort war. Sie drehte sich um, um sich zu beklagen, aber sein Ausdruck, wie er so auf dem Rücken liegend regungslos die Decke anstarrte, das ließ sie innehalten.
„Guten Morgen“, murmelte sie unverbindlich und betrachte ihn sorgenvoll.
„Morgen“, erwiderte er, das halbe Wort verschluckend. Seine rauen Gesichtszüge warfen im spärlichen Sternenlicht tiefdunkle Schatten.
Chayenne rutschte zu ihm rüber und schmiegte sich tröstend an ihn, als er keine weitere Reaktion zeigte. Apathisch legte er die Arme um sie.
„Was hast du?“, flüsterte sie, schon mit einer gewissen Ahnung.
Roger schien einen Moment lang mit sich zu kämpfen, ob er wirklich darauf antworten wollte, aber er tat es.
„Heute ist der 12. 03. 2105. Heute vor 20 Jahren ist Julie gestorben“, erklärte er so ruhig, wie es ging. Er hatte begriffen, dass sie es wissen musste. Er tat ihr schon dadurch Unrecht, dass er sich überhaupt etwas hatte anmerken lassen, und sie würde sich gewiss noch größere Sorgen machen, wenn sie nicht wusste, was los war.
Chayenne blieb still, es gab nichts, was sie jetzt sagen konnte. Es erschien ihr fast so, als sei er dankbar dafür.
„Manchmal kommt sie an diesem Tag und spricht mit mir“, sagte Roger. „Glaube ich zumindest. Kann mich nie genau erinnern. Vielleicht bin ich auch einfach verrückt und trinke zu viel.“
„Du bist nicht verrückt“, erwiderte sie, wie immer zu energisch. Sie durfte sich jetzt nicht vom Mitleid den Verstand wegspülen lassen.
Er bedachte sie mit einem finsteren Blick. Irgendwo schätzte er, dass sie es ihm leicht machen wollte, aber es war mit der Wahrheit, die er nicht loswurde, einfach nicht vereinbar. „Schau mich doch an. 20 Jahre. Ich werde nie drüber hinwegkommen.“
„Das musst du auch nicht.“ Sie klammerte sich an ihn, um die hilflose Verzweiflung zu überstehen, die über sie hereinbrach, wenn sie höllische Angst um ihn hatte und ihm nicht helfen konnte. „Das musst du nicht, okay?“
Ihre Tränen flossen lautlos über seine Brust und ihm fiel nichts ein, als sie panisch zu streicheln. Sie weinte, und er hasste sich dafür, dass er all seine Probleme auf sie abgewälzt hatte, weil er zu schwach war, um sie alleine zu tragen. Er erdrückte sie, mit seiner verdammten Sucht nach Trost.
„Ich bin so ein Idiot“, schalt er sich nach einigen wortlosen Minuten. „Du liegst nackt in meinem Bett, und ich hänge die ganze Zeit ’nem Phantom hinterher.“
Sie richtete sich ein Stück weit auf und starrte ihn herzzerreißend verständnislos an. Schon wieder hatte er rücksichtslos gesagt, was sie nicht hören wollte, und auch noch zielsicher die verletzlichste Schwachstelle in ihrer ganzen aussichtlosen Beziehung getroffen.
„Sei still! Ich weiß, dass ich dich nie ganz haben kann, genauso wenig wie du mich, und ich kann damit leben!“, schluchzte sie. „Aber ich ertrag’s nicht, wie du nicht aufhörst, dich selbst zugrunde zu richten, egal was ich sage, aber ich muss es wohl ertragen, wenn ich dich lieben will! Und“ - schwer atmend ließ sie sich wieder neben ihn sinken - „jetzt lass mich heulen und halt mich einfach fest!“
Er fühlte sich elender denn je, als er ihren Wunsch erfüllte. Mit nichts auf der Welt hatte er sie verdient, und trotzdem war sie da und sammelte die Scherben seiner Existenz auf, obwohl sie sich ständig daran verletzte. Es war das allermindeste, ihr den Rücken zu wärmen, damit sie wieder schlafen konnte.

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Der 12. 03. 2105 war auch der Tag, an dem die Explorer V Rayves II erreichte. Der restliche Treibstoff war so gut wie aufgebraucht, sie würden damit keine zehn Lichtjahre mehr schaffen. Von Rayves II hing die endgültige Entscheidung über ihr weiteres Schicksal ab.
Man redete sich Zuversicht ein.
„Ein schöner Planet“, meinte Björn, als die Außenbordkameras die ersten kristallklaren Bilder aufzeichneten.
„Er hat sogar Polkappen aus richtigem Eis“, stellte Hitch begeistert fest. „Müssen kluge Leute sein, die da wohnen.“
„Was ist denn so besonders an Polkappen?“, wunderte sich Jenikk und auch Chayenne setzte einen fragenden Blick auf.
„Ihr habt wohl noch nie Satellitenbilder von der Erde gesehen“, sagte Paolo verdrießlich. „Die hat nämlich keine mehr.“
Das schockierte die beiden Außerirdischen ein wenig.
„Was ist passiert?“, fragte Chayenne.
„Weggeschmolzen. Aufgrund der globalen Erwärmung. Bis auf den letzten Eiswürfel“, sprach Björn mit Grabesstimme.
„Und das ist noch gar nicht so lange her“, fügte Paolo hinzu. „Mein Vater hat als kleiner Junge noch die letzten Reste gesehen.“
„Ihr habt doch von den Niederlanden gehört, oder? Diese berühmte schwimmende Leichtmetallkonstruktion“, warf Roger ein.
„Sicher“, antwortete Jenikk. „Ich hab mich schon immer gefragt, warum…“
„War mal Festland.“
Das war zu viel Information.
„Aber wie konnten eure Vorfahren das zulassen?“, fragte Chayenne, als sie die Sprache wieder fand. Mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck betrachtete sie den in faszinierendem Weiß strahlenden Eispanzer über dem Nordpol von Rayves II, den sie soeben überflogen.
„Das entzieht sich auch uns jeglichem Verständnis. Und noch unsere Kinder und Enkelkinder werden sich entsetzlich dafür schämen“, erklärte Hitch.
„Fast hätten wir auch noch den Regenwald verloren“, trieb Paolo es auf die Spitze. „Aber dann ist glücklicherweise ein Greenpeace-Aktivist US-Präsident geworden.“
„Wir sind nur 934 Stimmen an der unaufhaltsamen Apokalypse vorbeigeschlittert“, ergänzte Roger erschaudernd.
Um die Erfahrung einer realen Horrorgeschichte reicher machten Chayenne und Jenikk subtil gestikulierend darauf aufmerksam, dass jetzt genau der richtige Moment sei, sich den Leuten, die ihren Planeten offensichtlich besser behandelt hatten, zuzuwenden.


Zuerst stieß man beim Versuch, mit einer zuständigen Institution Kontakt aufzunehmen, auf beharrlichen Widerstand, was auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Die Illendyr, wie sich die Bewohner dieses Planeten nannten, folgten übereifrig dem Grundsatz, Außenweltler und andere Störungen in knappen, deutlichen Worten abzufertigen und jeden weiteren Kontaktversuch zu blockieren. Schließlich gab es Wichtigeres, als die Probleme von Fremden zu lösen.
Die Person, die ihnen schließlich einen Termin bei der verantwortlichen Person besorgte, wirkte tendenziell gesellschaftskritisch und stark überarbeitet.

Es war kurz vor Mittag, als man sich zum Aufbruch bereit machte.
„Warum muss diese seltsame Ministerin für Äußere Angelegenheiten uns eigentlich persönlich in ihr Büro bestellen? Gelten telefonische Abmachungen heute denn nichts mehr?“, philosophierte Chayenne, während sie die eventuell benötigten Ausrüstungsgegenstände mehr oder weniger ordentlich in die Fähre verfrachteten.
„Vielleicht ist sie ja so paranoid, dass sie uns real vor sich haben muss, um abschätzen zu können, ob wir nicht doch eine Bedrohung sind“, meinte Roger und nahm ihr galant einige Ausgrabungsgeräte ab, die deutlich schwerer waren, als sie aussahen. „Würde ja zu der allgemeinen Einstellung dort unten passen. Vielleicht ist die arme Frau aber auch ganz anders gestrickt und langweilt sich, weil sie in ihrem Job nichts zu tun hat.“
„Halte ich beides für möglich“, kommentierte Chayenne und stellte erleichtert fest, dass nun das gesamte Gepäck verstaut war. Da Björn und Hitch, die auch mit sollten, immer noch nicht da waren, nahm sie das als willkommene Gelegenheit, ihn zu küssen.
Sie versuchten, die Nachwirkungen des nächtlichen Gesprächs in diesem halbwachen, überdurchschnittlich emotionalen Zustand so weit wie möglich auszublenden, ebenso wie die Bedeutung des Tages. Es sollte doch ein Tag der Hoffnung werden.

Das Empfangskomitee, das sie am punktgenau festgelegten Landeplatz der Fähre antrafen, bestand aus Leuten mit Helmen, Gewehren und schusssicheren Westen. Die höfliche Aufforderung, ihnen zu folgen, neutralisierte allerdings den größten Teil ihrer Bedrohlichkeit. Und nun wusste man auch, wie in etwa man sich den Übergang zwischen Vorsichtsmaßnahme und Paranoia vorzustellen hatte.
Die vom Körperbau humanoiden Illendyr mussten in ihren Nahkampfrüstungen furchtbar schwitzen, denn die Sonne des Nordhalbkugel-Sommers brannte unerbittlich. Chayenne war die einzige, die sich über dieses Klima freuen konnte.
Die Sicherheitskräfte, acht an der Zahl, die die Gruppe zu beiden Seiten flankierten, führten sie quer über den abgeschirmten Landeplatz in das verhältnismäßig kleine aber gut gepflegte Gebäude, durch einen kurzen Korridor und schließlich in ein Designerstück von Büro.
Die Person, deren Entscheidung sie nun ausweglos ausgeliefert waren, erhob sich würdevoll.
Ministerin K’Alanne Areth war eine beeindruckende Erscheinung. Ihre fast zwei Meter große, tiefschwarze Gestalt strahlte ein ungeheures Maß an Charisma aus, und aus dem ebenmäßigen, alterlosen Gesicht blickten kluge und kritische Augen, die jeden Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit dieser Frau ausräumten.
Nachdem sie die Gäste einige lange Sekunden durchdringend und gleichsam neugierig betrachtet hatte, bedeutete sie den Waffenträgern, die sich ordentlich vor der Rückwand aufgereiht hatten, zu verschwinden.
Areth schein eine Vorstellungsrunde nicht für nötig zu halten, sondern kam gleich auf die Sache zu sprechen.
„Ich bin ansatzweise von Ihrem Anliegen in Kenntnis gesetzt worden“, sagte sie in ihrer melodischen Sprache, während das Übersetzungsgerät die Worte fast zeitgleich übertrug, „aber die Informationen waren ein wenig schwammig. Das Ministerium nimmt seine Aufgaben, gelinde gesagt, nicht besonders ernst, deswegen will ich das lieber von Ihnen persönlich hören.“ Begleitet wurden die Worte von einem vor Sarkasmus triefenden Lächeln, wenn man die Mimik der Illendyr richtig interpretierte. Vielleicht waren sie tatsächlich an genau die richtige Person geraten.
Sie erzählten von der Heimat, von der Mission, von den Umständen, die dazu geführt hatten, dass sie Hilfe brauchten, von der Größenordnung, in der sich der Tricarantium-Bedarf bewegte. Dabei versuchten sie, möglichst mitleiderregend auszusehen, was die Ministerin schon nach kurzer Zeit zu amüsieren schien.
„Das ist kein Problem“, meinte sie schließlich. „Also für mich nicht, für die meisten anderen Leute schon, aber da ich in diesem Staatsapparat gewisse Befugnisse habe, sage ich, dass es keins ist.“ Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie ihre Macht auf gewisse Weise genoss.
„Das freut uns zu hören“, sagte Roger.
Areth grinste freundlich, wurde dann aber ernster. „Wissen Sie, ich hasse diesen Posten, der ist einfach frustrierend. Aber irgendjemand muss ja mal anfangen, die Leute mit der zweiten Sichtweise auf das Außen zu konfrontieren, und zwar mit der, dass nicht alles Fremde schlecht ist. Die meisten wollen das noch lange nicht begreifen, also sollten Sie nicht zu lange bleiben, um nicht so viel Aufmerksamkeit zu erregen. Der Rest des Tages, reicht das?“
Der Rest des Tages reichte allemal. Man bemühte sich, Haltung zu bewahren, doch die Illendyr übersah sicher nicht die subtilen Anzeichen überschäumender Freude.
Endlich meinte das Schicksal es gut mit ihnen.


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Der Wellidian war ein in globalhistorischen Maßstäben gesehen noch relativ junges, schier endloses Gebirge, das sich in Ost-West-Richtung über weite Teile des kleineren Nordkontinents ausdehnte. Seine höchsten, selbst bei diesem Wetter hinter dichten Wolken verborgenen Gipfel konnten zwar nicht mit dem Olympus Mons auf dem Mars mithalten, aber den Mount Everest überragten sie allemal.
Diese Rekorde waren für die Reisenden allerdings nebensächlich, viel interessanter war ein verhältnismäßig kleines Massiv im Westen, dessen Steilwände ohne Fluggerät kaum zu überwinden waren und durch dessen Gestein sich schon kurz unter der Oberfläche gewaltige Adern von Tricarantium-Erz zogen. In einem anderen Zeitalter hatten die Illendyr hier selbst den halbmetallischen Rohstoff abgebaut, doch heute gab es keine Raumschiffe mehr, die ihn hätten nutzen können, und die Gruben lagen schon seit gefühlten Ewigkeiten brach. Einige waren trotzdem noch gut erhalten.
Die Fähre landete auf einem schmalen Plateau unweit eines leicht zugänglichen Stollens, der erst vor wenigen Jahren von anderen Außenweltlern betreten und als sicher eingestuft worden war.

Auch wenn man sich nur in wenigen Hundert Meter Höhe befand, war der Blick vom Rand der Hochebene atemberaubend. Jenseits des fast senkrechten Abgrunds erstreckte sich die rötliche Steppe bis zum Horizont, die nächste Stadt befand sich in noch weiterer Ferne.
„Das sind die Dinge, für die Menschen zu den Sternen reisen“, stellte Roger mit verklärtem Blick fest.
„Ach, so was hab ich zu Hause auch, nur mit ein paar Dörfern dazwischen“, schmunzelte Chayenne. „Hier ist es überhaupt ein bisschen wie zu Hause.“ Sie zog ihren Pullover aus, wozu die anderen sich schon sehr lange vorher gezwungen gesehen hatten.
Roger strich über ihre bloßen Arme, die selbst er nicht oft zu Gesicht bekam.
„Du solltest immer so rumlaufen“, grinste er.
„Wenn du eine lückenlose Erklärung findest, warum die Heizung plötzlich bis zum Anschlag hochgedreht ist, gerne.“
„Ich kann dich auch einfach die ganze Zeit umarmen.“ Er demonstrierte, wie er es meinte, und sie quittierte es mit einem herzlichen Lachen.
Im Tageslicht sah die Welt anders aus, hier wurde jeglicher Schmerz von der gleißenden Sonne überstrahlt, hier ging es ihnen gut. Was machte es schon, dass dies vermutlich nicht der wahrere Teil der Welt war?
Ein lauer Südwestwind begann, ihre Fußspuren im roten Staub zu verwehen. Sie folgten ihnen zurück zur Fähre, um von dort aus den Weg zum Stollen zu suchen. Die anderen Beiden hatten sie schon unter einem Vorwand vorausgeschickt.
Kurz vor der Felswand führte ein nur zweieinhalb Meter tiefer, mit eisernen Trittstufen versehener Schacht unter die Erde. Der Boden war mit Schutt bedeckt, der mit der Zeit von Wänden und Decke abgebröckelt war, aber das Gerüst, das den Gang stützte, machte einen recht stabilen Eindruck.
„Der Stollen reicht etwa 50 Meter weit in den Berg, bei einem Gefälle von insgesamt einem Meter“, erklärte Hitch und wedelte mit ihrer Taschenlampe.
„An der Abbaustelle ist die Tricarantium-Konzentration im Gestein übrigens viel höher, als wir erwartet hatten“, fügte Björn hinzu. „Aber man glaubt gar nicht, wie schwer das Zeug ist. Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu.“

Natürlich hatte man den an Bord Zurückgebliebenen längst die guten Neuigkeiten mitgeteilt, und sie sprachen ihr tiefstes Bedauern aus, dass sie sich nicht an der Plackerei beteiligen konnten.
Wie lange waren die Tage her vor der Zeit, in der man den Sinn aus den Augen verloren hatte? Alles, fast alles würde wieder so sein wie damals, und sie konnten noch einmal Entdecker und Forscher sein und das Wissen, die Geschichten mit nach Hause bringen. Nichts, was da noch irgendwie im Wege stand.
Sie schleppten ihre Werkzeuge an und holten den Stoff, aus dem die Träume waren, aus dem Berg. Im Grunde sah er aus wie gewöhnliches Gestein, aber wenn man ein neues Stück aus dem Fels schlug, war an den Bruchstellen für einen kurzen Moment ein rötliches Glitzern zu sehen. Es war sicher irre toll, wenn man dieses Phänomen auch noch verstand.
Sie schufteten fast pausenlos bis zum Einbruch der Dämmerung und füllten den Laderaum der Fähre bis zur Decke. Am Ende waren sie alle zerkratzt und staubig, aber allein der Gedanke daran, was sie geleistet hatten, machte alle Unannehmlichkeiten völlig nebensächlich.
„Wie vor 100 Jahren, als die Leute noch mit ihren Händen gearbeitet haben“, meinte Hitch voller Ehrfurcht, während sie mit letzter Kraft die Geräte wieder in der Fähre verstauten. „Heute ist ja alles vollautomatisch.“
„Heute gibt es auch nicht mehr viel, was man noch abbauen kann“, sagte Roger. „Heute kann nur noch recycelt werden.“
Wobei man wieder beim wenig erfreulichen Thema der ausgebeuteten, im eigenen Sud gekochten und generell völlig misshandelten Erde war, das niemand so recht verstand.
„Oh wow, mir sind heute nur zwei große Brocken auf die Füße gefallen“, stellte Björn plötzlich ganz begeistert fest. „Und das als der Typ, der sich beim Gemüseschneiden fast den Daumen abgehackt hat.“
Man gratulierte ihm und bemerkte weise und erfreut über den Themawechsel, dass es im Leben ja nicht immer nur bergab gehen könne.



28


Ein gellender Aufschrei. Ein Schuss, der funkensprühend die Fähre traf.
Die Illendyr erschienen völlig unvermittelt am westlichen Rand des Plateaus. Es waren zehn, sie näherten sich schnell und ihre Ausrüstung ließ keinen Zweifel daran, was sie vorhatten.
Mit einer reflexartigen Sicherheit, die sie sich in unzähligen Simulationen angeeignet hatten, gingen die vier von der Explorer V in Deckung und zogen ihre eigenen Waffen. Sie streckten drei der Angreifer nieder, bevor diese groß in Aktion treten konnten.
„Das müssen Vertreter der Bevölkerungsgruppe sein, vor der Areth uns gewarnt hat“, stellte Hitch fest, kurz bevor ein weiterer Schuss ein Stück des Felsens absprengte, hinter dem sie kauerte.
„Da ist wohl schneller was an die Presse durchgesickert, als sie erwartet hat“, äußerte sich Chayenne gehetzt und setzte mit einem blinden Treffer einen untersetzten, bleichen Mann außer Gefecht.
Mehr war nicht drin, der Rest der Truppe hatte sie nun fast erreicht. Sie mussten die Deckung sofort aufgeben, wenn sie keine leichte Beute sein wollten.
Sie stürzten hinter den Felsen hervor und gingen zum Gegenangriff über.
Die Illendyr waren ebenso leicht verwundbar wie ihre Zielscheiben, keiner von ihnen trug irgendwelche Schutzkleidung. Überhaupt waren sie bei näherem Hinsehen ein vollkommen unorganisierter Haufen, von dem nicht einmal alle eine Schusswaffe hatten. Allerdings waren sie noch immer in der Überzahl.
Man versuchte sie einzukreisen, doch die Übrigen standen nicht umsonst noch auf den Beinen.
Chayenne verlor als erste ihre Waffe, als ihr Arm von einem paralysierenden Strahlenschuss getroffen wurde. Sekundenbruchteile später, bevor der erste Schock abklingen konnte, brachte ein schmächtiger Mann sie zu Fall und zückte ein mit Widerhaken besetztes Klappmesser.
Glücklicherweise unterschätzte er ihre Kraft. Nach einem kurzen Ringen, in dem das Messer sie mehrmals nur knapp verfehlte, gelang es ihr, ihn auf den Rücken zu werfen und bewusstlos zu schlagen. Das Messer nahm sie an sich, bevor es jemand anderes tun konnte, ihre eigene Pistole war allerdings nirgendwo in Sicht.


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