Klassenfahrt | 1

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Unendliche Wiesen zogen vor der staubigen Fensterscheibe dahin, gelegentlich abgewechselt von dem einen oder anderen Wäldchen und diesen wenigen kleinen, verschlafenen Dörfern am Horizont. Dort in der Ferne traf das saftige, fröhliche Grün einen strahlend blauen Sommerhimmel, der nur von langsam in westliche Richtung treibenden plüschigen Schäfchenwolken getrübt wurde.
In gemächlichem Tempo tuckerte der Bus über die holprige Landstraße seinem idyllischen Ziel entgegen. Es konnte nicht mehr weit sein, die letzte Sichtung eines Zeichens menschlichen Eingreifens in die Landschaft lag schon lange zurück.
»Meinem Bruder Philip vermache ich also mein gesamtes Vermögen und meine Cousine Lea erbt das ganze alte Spielzeug«, verkündete ich, was ich bisher in ordentlichster Handschrift auf liniertem Papier verewigt hatte. »Hat jemand Interesse an dem blau-schwarz-karierten Teppich in meinem Zimmer?«
»Aber Johanna, wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass wir alle sterben werden«, erwiderte Nadine, die auf dem abgewetzten Sitz vor mir seit einigen Stunden in apathischer Starre verharrte. »Was soll ich mit deinem Teppich, wenn ich tot bin?«
»Das ist natürlich ein Argument«, seufzte ich und schämte mich ein wenig dafür, dass ich wieder nur an mich gedacht hatte. Zu meiner Verteidigung war aber zu sagen, dass wir uns in einem absoluten Ausnahmezustand befanden.
»Ich nehme deinen Teppich«, meldete sich Marcella, die neben Nadine saß. »Damit kann ich dann meinen Sarg auslegen lassen.«
»Ah, das ist gut. Der blau-schwarz-karierte Teppich geht an meine liebe Freundin Marcella«, murmelte ich, während ich die Worte niederschrieb. »Das mit dem Sarg-Auslegen musst du aber noch in dein eigenes Testament schreiben.«
»Ja, später. Mein Testament liegt im Koffer.«
Nach diesem kurzen Dialog verfielen wir wieder in trostloses Schweigen und ich überlegte halbherzig, was ich sonst noch zu vererben hatte. Einmal mehr wanderte mein Blick in Richtung Fenster, doch ich entschied mich dagegen, mir noch mehr fröhlich-grüne Wiesen anzutun, und starrte stattdessen die fröhlich-grünhaarige Laura an.
Laura hatte den Fensterplatz neben mir und dämmerte von allen am teilnahmslosesten vor sich hin. Sie hatte die Stöpsel ihres uralten Discmans in den Ohren, den Herrenhut aus dem Secondhand-Laden schief auf dem Kopf, lehnte mit leicht geöffnetem Mund an der Scheibe und sah dabei fast friedlich aus. Ob sie unserem Schicksal gelassen entgegen blickte oder ob sie sich einfach damit abgefunden hatte, konnte man nicht so genau sagen, denn Laura redete nicht viel.
Unser Schicksal. Ich musste unbedingt noch mein Testament fertig stellen, das war essentiell angesichts dessen, war uns bevorstand.
Klassenfahrt. Fünf Tage voll unerträglicher Qualen. Es ist ein Klischee, dass alle Schüler Klassenfahrten toll finden, genau so wie es ein Klischee ist, dass alle Schüler Chemie und Physik hassen. Aus den Erfahrungen, die wir während der letzten drei Klassenfahrten gemacht hatten, aus den Traumata, die wir erlitten hatten, konnten wir nichts anderes schließen, als dass wir von dieser nicht mehr zurückkehren würden. Zumindest nicht ohne blaue Flecken, hohen Blutverlust und in ähnlich wohlgenährtem Zustand.
»Mir ist schlecht!«, jammerte der kleine Stefan, der hinter Laura saß.
»Es ist sicher nicht mehr weit«, versuchte sein Sitznachbar Yasir ihn zu beruhigen.
»Aber die ganzen Kurven hier! Mir ist wirklich schlecht!«, klagte Stefan.
»Frau Schmitt! Frau Schmitt! Ihm ist schlecht!«, rief Yasir mit einem leicht panischen Unterton durch den halben Bus.
Beunruhigt drehte ich mich zu den beiden um. Stefan war in der Tat sehr bleich und Yasir stand die blanke Angst ins Gesicht geschrieben.
»Frau Schmitt! Frau Schmitt!«, beteiligte ich mich an den Hilferufen, doch unsere Klassenlehrerin hörte nichts, sondern unterhielt sich mehr oder weniger lebhaft mit Herrn Kulosik – sie mehr lebhaft, er weniger.
Immerhin erregte unser Geschrei die Aufmerksamkeit der restlichen Schüler, die nun in Panik gerieten. Es war nicht schön, wenn Leuten in öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht wurde, vor allem nicht wenn in diesen öffentlichen Verkehrsmitteln die meisten Fensterscharniere eingerostet waren.
Selbst Laura erwachte durch mein Gezappel aus ihrem Dämmerzustand und war ein bisschen ungehalten über die ganze Aufregung.
»Dann holt ihm doch einer ’ne Kotztüte«, grummelte sie und schien nicht zu begreifen, dass das Problem damit nicht vollständig gelöst war.
Dennoch sprintete Yasir nach vorne zu unserem Lehrerduo, das die Angelegenheit auch nach einer durch wildes Gestikulieren untermalten Schilderung nicht all zu ernst nahm, und ließ sich eine Tüte geben, die er sofort Stefan in die Hand drückte.
Die nervöse Stimmung blieb. Ich wusste nicht, warum mich das so mitnahm, immerhin hatte ich ganz genau gewusst, dass schon die Busfahrt ein motorisierter Spießrutenlauf werden würde. Wie immer hatte man uns Fernseher, Toilette und Klimaanlage versprochen, stattdessen befanden wir uns nun in einem ausgemusterten Linienbus, dessen Sitze sich irgendwie kühl und feucht anfühlten, die Fenster ließen sich größtenteils nicht öffnen und die Wand gab nach, wenn man dagegen drückte. Außerdem sah der alte, in ein gepunktetes Hemd gehüllte Busfahrer mit dem irren Blick aus, als würde er seine letzte Reise antreten. Gemeinsam mit uns, haha.
»Entschuldigung, könnten Sie bitte Ihre Zigarette ausmachen?«, bat der alte Herr Kulosik den Busfahrer.
Die Antwort bestand aus einem gereizten Grunzen.
»Bitte machen Sie die Zigarette aus. Hier sind Kinder im Bus, ich habe empfindliche Atemwege und die Fenster lassen sich nicht öffnen«, argumentierte Herr Kulosik freundlich.
»Nein!«, fauchte der Busfahrer und funkelte den Erdkundelehrer böse an, wobei der Bus einen mörderischen Schlenker machte, der ihn fast in den Straßengraben beförderte.
»Ich bestehe darauf!« Herr Kulosik, der nur mit größter Mühe das Gleichgewicht hatte halten können, wurde laut.
Der Busfahrer schenkte ihm einen weiteren sehr furchteinflößenden Blick, warf aber endlich die Zigarette aus dem Fenster.
Ungläubig den Kopf schüttelnd hinkte Herr Kulosik wieder zu seinem Platz neben Frau Schmitt und strich sich das spärliche graue Haar glatt. So etwas hatte er in seinen gefühlten 137 Jahren sicher noch nicht erlebt.
Nun zog Stefan, der nach der unschönen Lenkaktion richtig grün im Gesicht geworden war, wieder die gesamte Aufmerksamkeit auf sich.
»Wenn Winter wäre, hätte Lauri Gras dabei«, knurrte Laura, nachdem einige spitze Angstschreie ertönt waren. Sie spielte damit auf ihren zur Jacke umfunktionierten mächtig ausgebeulten Pullover an, den sie im Winter immer trug und in dem sie alles Mögliche verstauen konnte.
»Fräulein Laura Mertens, das habe ich gehört«, äußerte sich Frau Schmitt, die ihre Unterhaltung mit dem verstörten Herrn Kulosik nicht wieder aufgenommen hatte.
»Wenn Winter wäre, hätte Lauri so viel Gras dabei, dass es auch für Frau Schmitt reichen würde«, erwiderte Laura unbeeindruckt.
»Nein danke, ich bleibe lieber bei Cognac. Cognac en masse«, seufzte Frau Schmitt.
Frau Schmitt, etwa Mitte 50, rotbraun gefärbter Kurzhaarschnitt, unterrichtete Englisch und Geschichte, hatte zumindest noch ein bisschen Freude an ihrem Beruf und war eine Person vom Nordic-Walking-Yoga-Pilates-Kalorienarm-Kochen-Kunstausstellungs-Typ. Wir mochten sie trotzdem. Dem Ziel, das sie für unsere Zehnte-Klasse-Abschlussfahrt ausgesucht hatte, standen wir allerdings einvernehmlich ablehnend gegenüber.
Wald. Perfekte Idylle abseits von Hauptverkehrsstraßen und Leuchtreklamen. Natur pur. Wir armen Großstadtkinder müssten doch auch mal was anderes sehen.
Ich armes Großstadtkind hatte vor allem beunruhigende Visionen von Killerhornissen und durchgedrehten Wildschweinen. Resigniert wandte ich mich wieder dem Zettel mit der Überschrift ›Der Letzte Wille von Johanna Marie Escher‹ zu.
Von den wenig später hinter mir ertönenden Würgelauten ließ ich mich nicht in Hysterie versetzen, denn ich hatte es ja sowieso die ganze Zeit gewusst.


2

»So, liebe Kinder, das ist unser Zuhause für die nächsten fünf Tage! Sieht das nicht hübsch aus?«, sprach Frau Schmitt fröhlich und deutete mit ausladender Geste auf das gute Dutzend Blockhütten an den Rändern der kleinen Lichtung. Ich hielt es für nicht ganz ausgeschlossen, sie in den nächsten Minuten lachend und pirouettendrehend im Gras herumspringen zu sehen, aber so weit war es dann doch noch nicht.
»Hat sie eben ›liebe Kinder‹ zu uns gesagt?«, fragte Nadine mich leise.
»Sie hat eben ›liebe Kinder‹ zu uns gesagt«, flüsterte ich zurück. »Ich fühle mich gedemütigt.«
Selten hatten wir Frau Schmitt in so guter Laune gesehen – obwohl sie oft gute Laune hatte. Geradezu enthusiastisch wies sie den einzelnen Schülergruppen ihre Hütten zu, strahlend gab sie Ort und Zeit der nächsten Vollversammlung bekannt und verständnisvoll tätschelte sie dem »Es tut mir leid, es tut mir so leid!« wimmernden Stefan die Schulter. Vielleicht wollte sie uns in gute Stimmung versetzen, aber wahrscheinlich hatte sie einfach schon zu viel frische Luft bekommen.
Der Rest der Reisegruppe machte einen alles andere als fröhlichen Eindruck. Der Ankunft an der Lichtung war ein halbstündiger Fußmarsch mit vollem Gepäck vorausgegangen, da kein von einem Bus befahrbarer Weg in den Wald existierte. Nun waren wir also verschwitzt, staubig und hungrig und hatten die ersten Schnakenstiche gesammelt. Ganz genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und trotzdem ein wenig belastend.
»Hoffentlich sind wenigstens die Zimmer in Ordnung«, grummelte Tobias hinter mir.
Ich wechselte mit Nadine, Marcella und Laura mitleidige Blicke. Die Menschen waren ja so naiv.

»Guckt mal, wir haben genug Betten«, stellte Marcella fest, als wir unsere Blockhütte betreten hatten.
»Das ist allerdings eine positive Überraschung«, kommentierte Nadine.
Wir hatten auch schon eine Klassenfahrt erlebt, bei der wir zu viert in ein Doppelzimmer mit beigestelltem Kinderbett einquartiert worden waren. Die zusätzliche Turnmatte auf dem Fußboden war mir in unbequemer Erinnerung.
Abgesehen von den zwei eisernen Stockbetten bot sich diese Hütte allerdings äußerst spartanisch. Das in deprimierenden Farben gehaltene Holz an Boden und Wänden des einzelnen Raums hatte schon bessere Tage gesehen und das der Tür gegenüberliegende einzelne Fenster ließ sich nicht richtig schließen. Zumindest gaben wir den Versuch auf, als es uns nur noch an einem Scharnier hängend entgegen fiel, aber dieses Phänomen kannten wir ja schon aus der Schule.
In einer Ecke stand ein Schrank, der für die Sachen von etwa eineinhalb Personen Platz bot, von der Decke baumelte eine einsame Glühbirne und neben einem der Stockbetten stand ein gelber Sessel. Ansonsten war der Raum leer.
»Haha, wir haben einen Sessel für vier Personen. Außerdem ist er hässlich«, diffamierte ich den Sessel.
Nachdem wir alle den Sessel lange genug böse angestarrt hatten, bezogen wir die Betten mit der bereitgelegten Bettwäsche, auf der sich gelbe, braune und schwarze Flecken befanden, losten aus, wer den Schrank bekommen sollte, und ließen schließlich alle unsere Sachen in den Koffern, weil der Schrank keine Regalbretter hatte und innen verschimmelt aussah. Dann hatten wir noch zehn Minuten bis zum Treffen mit dem Rest der Klasse.
Marcella holte ihr Testament aus dem Koffer, um die Ergänzung bezüglich des blau-schwarz-karierten Teppichs vorzunehmen. Sie wollte sich schwungvoll auf das eine obere Bett setzen, doch ich hielt das für keine gute Idee.
»Marcella, du solltest nicht auf das obere Bett springen, sonst könnte Laura sterben«, hielt ich sie im letzten Moment davon ab.
Laura, die sich mit dem Hut auf ihrem Gesicht auf dem unteren Bett platziert hatte, blickte leicht besorgt von dem rostigen Matratzenrost über sich zu Marcella, 156 Zentimeter, 45 Kilo, und wieder zurück und setzte dann ihre Siesta fort.
»Willst du damit ausdrücken, ich wäre fett?«, quiekte Marcella gespielt pikiert.
»Nein, ich will bloß ausdrücken, was ich von dem Bett halte.«
Die Betten sahen wirklich nicht gut aus. Zwar besser als die Turnmatte, aber ganz und gar nicht gut. Wahrscheinlich aus einem Gefängnis ausgemustert, weil sie den dortigen Sicherheitsstandards nicht mehr genügt hatten. Mit uns konnte man es ja machen.
Wir beschlossen, später einen Besen zu holen, damit wir den Boden säubern und uns dann darauf setzen konnten.
»Lasst uns mal überlegen, wie oft wir heute schon hätten sterben können«, schnitt ich ein teilweise neues Thema an.
»Einmal eben, als wir hergelaufen sind«, begann Nadine. »Von wegen Wildschweine, Hornissen und Hitzschlag und so.«
»Und mindestens zweimal im Bus«, fügte Marcella hinzu. »Als der nette Busfahrer noch in der Innenstadt die rote Ampel ignoriert hat und als Herr Kulosik ihn gebeten hat, die Zigarette auszumachen. Da wären wir fast im Graben gelandet.«
»Der Busfahrer war generell ein bisschen unheimlich«, sagte ich.
Alle stimmten darin überein, dass Leute mit solchen gepunkteten Hemden in die Psychiatrie gehörten und nicht ans Steuer eines Busses mit 24 Schülern. Aber mit uns konnte man es ja machen.
»Wir hätten also heute schon etwa dreimal sterben können. In viereinhalb Stunden. Nicht schlecht«, nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf. »Lauri, was hast du eigentlich in dein Testament geschrieben?«
»Nur, dass ich verbrannt und in einem Gurkenglas irgendwo am Mainufer bestattet werden will«, erklang es dumpf unter dem Hut. »Und wenn dieser Wunsch nicht respektiert wird, wird meine rastlose Seele für immer im Badezimmer des Verantwortlichen spuken. Auch wenn er umzieht.«
»Das ist mal ’ne Drohung«, meinte Nadine beeindruckt.
Dann schwiegen wir eine Weile und bemitleideten uns selbst. Die anderen zehnten Klassen waren jetzt in Berlin und am Gardasee oder würden noch dorthin fahren. Die anderen zehnten Klassen hatten keine naturverbundene Frau Schmitt.
»Sagt mal, was riecht hier eigentlich so komisch?«, fragte Marcella plötzlich.
Sekundenbruchteile später schlug mir auch ein subtil beißender Geruch nach Mottenkugeln und altem Schweiß entgegen, der ein wenig das Atmen erschwerte.
»Das ist wahrscheinlich nur das alte Massengrab direkt unter den Dielen. Aber keine Angst, die können sich nicht mehr bewegen und tun uns nichts«, vermutete Laura gelassen.
»Nein… Es ist…« Ich untersuchte die verschiedenen Zimmerecken und fand schließlich die Geruchsquelle. »Es ist der Sessel.«
Marcella und Nadine versammelten sich ebenfalls um den gelben Sessel und verzogen angewidert die Gesichter.
»Wäh, tatsächlich. Eben hat er das noch nicht gemacht.«
Wir öffneten die Tür und das Fenster (letzteres hängten wir nun unwillentlich komplett aus) und der Geruch verflüchtigte sich nach etwa einer Minute.
»Spontane Ausdünstungen aus einem Möbelstücks. Das sollten wir beobachten«, stellte ich fest.

Zum Mittagessen trafen wir uns in dem einzigen größeren Gebäude der Anlage. Es war innen mit dem gleichen Holz verkleidet wie die Hütten und in geringfügig besserem Zustand, denn im oberen Stockwerk wohnten das Personal (Es gab tatsächlich einige Menschen, die mitten in der Wildnis, weit weg vom nächsten Mobilfunkmasten, lebten und arbeiten.) und unsere Lehrer.
Im unteren Stockwerk befanden sich eine Küche, ein Vorratsraum und eine Art Gemeinschaftsraum mit einem langen, abgenutzten Tisch, an dem wir nun Platz nahmen. Von den Wänden guckten einige ausgestopfte tote Tiere auf die Anwesenden hinunter, was unter Angehörigen unserer Altersgruppe durchweg eine unbehagliche Atmosphäre schuf. Außerdem wackelten manche Stühle.
Zuallererst klärte uns Frau Schmitt im Plauderton über die Hausregeln auf (nicht trinken, nicht rauchen, kein Drogenhandel, kein schwachsinniges Gekreische, Licht aus um 22 Uhr), erzählte, wo die Toiletten und Duschen zu finden waren (da hinten in dem kleinen Häuschen am Waldrand) und wie der Tagesplan aussah (kollektives Sightseeing und anschließendes Lagerfeuer). Herr Kulosik saß stumm daneben und versuchte, ein bisschen Autorität auszustrahlen.
Dann fand die Essensausgabe statt. Wir stellten uns mit unseren Schüsselchen an einem Ende des Tisches in einer Reihe auf, wo ein großer Topf stand, und die dicke, unfreundlich aussehende Wirtin beglückte uns mit jeweils ein paar Löffelchen Nudelsuppe.
Die Suppe war nur lauwarm und hatte mehr Gemüse als Nudeln, aber sie schmeckte akzeptabel. Das war eine positive Überraschung. Essen bildete auf Klassenfahrten meist eines der größten Probleme.
»Die Vorspeise ist sehr gut!«, sagte Frau Schmitt fröhlich zur Wirtin.
»Nix Vorspeise. Das ist alles. Bei Ihrer Preisklasse ist nicht mehr drin«, antwortete die Wirtin, nahm den Topf und verschwand.
So viel zur positiven Überraschung.
»Das hatte ich mir auch ein bisschen anders vorgestellt«, murmelte Frau Schmitt stirnrunzelnd und löffelte nun deutlich langsamer als vorher. Die entgeisterten Mienen der Schüler versuchte sie zu ignorieren.
Betont unauffällig widmete ich mich als erste wieder meinem spärlichen Mittagessen, bevor jemand anders dies tun konnte. Ich hatte nun wahrscheinlich das größte Problem von allen, denn ich saß zwischen Nadine zu meiner Rechten und meinem geschätzten Freund Kilian zu meiner Linken. Nadine war ein Fass ohne Boden. Sie war groß und Sportlerin und konnte eine halbe Partypizza alleine essen. Kilian war auch ein Fass ohne Boden. Es gab keinen besonderen Grund dafür, aber er konnte die andere Hälfte der Partypizza essen. Ihre Nudelsuppen hatten beide längst verschlungen.
»Isst du das noch?«, drang es von beiden Seiten zuckersüß an meine Ohren.
»Ja«, sagte ich ungerührt und senkte mein Haupt besitzergreifend über den Teller.
Sie blickten mich flehentlich an, aus großen, wässrigen Kulleraugen. Was konnten sie denn dafür, dass sie einen höheren Kalorienbedarf hatten als ich? Vor allem Nadine hatte Mitleid verdient, denn auf dem Weg von der Hütte aus hatte eine Heuschrecke sie angesprungen [»AAAAAAHHHH, es ist in meinen Haaren! Macht das weg! MACHT DAS WEG!«] und sie sah immer noch ein wenig zerzaust und blass von dem Schock aus.
»Och biiitte.«
»Bitte, liebstes Johannalein, ich bin dir auch auf ewig dankbar.«
»Na schön, kloppt euch drum.«
Ich war einfach ein zu guter Mensch.

»Mädels? Warum haben wir keine Dosenravioli mitgenommen?«, jammerte Marcella.
»Weil der Campingkocher schon sperrig und schwer genug war«, seufzte ich.
Ein bisschen sehr leer innen drin saßen wir vor unserer Hütte um den Campingkocher herum und starrten betrübt in das brodelnde Wasser. Wir hatten das Gerät mitgenommen, um das Leitungswasser abzukochen, welches tatsächlich so merkwürdig wie erwartet roch. Den Tee aus einem riesigen Behälter im Gemeinschaftsraum wollten wir auch nicht trinken, denn der Zustand des Behälters machte uns misstrauisch.
»Wenn alle anderen an einer hässlichen Krankheit gestorben sind, kriegen wir ihre Essensrationen«, sprach Laura aufmunternd. Da hatte sie natürlich Recht.
Als das Wasser lange genug gekocht hatte, begannen wir, es in ebenfalls von zu Hause mitgebrachte Plastikflaschen zu füllen. Langsam wurden andere Leute auf unsere ungewöhnliche Tätigkeit aufmerksam und eine kleine Menschentraube bildete sich um den Campingkocher.
»Was tut ihr da?«, fragte Yasir, die auf dem Erdboden stehende Reihe dampfender Plastikflaschen neugierig beäugend.
»Wir kochen Wasser ab«, sagte ich.
»Warum denn das?« Lena und ihre Freundinnen Mandy und Christine, allesamt ein wenig begriffsstutzig, drängten sich belustigt durch die Menge, um einen besseren Blick auf den Topf zu haben.
»Weil im Wasser Bakterien sein könnten und wir keinen Bock haben, die ganze Woche zu kotzen«, explizierte Nadine freundlich.
Einige Mitschüler machte dieser Gedanke sichtbar nachdenklich, die meisten brachen in Gelächter aus.
»Ihr seid ja total bescheuert!«, prustete Christine.
»Nee, paranoider geht’s echt nicht mehr!«, fügte Lena hinzu, während Mandy die Augen verdrehte und sich auf die Backe patschte.
Gnädigerweise zogen die drei daraufhin ab. Ich mochte sie nicht, ihr andauerndes dämliches Gekicher machte mich schon aus 20 Metern Entfernung aggressiv. Immerhin kamen sie selten näher heran als diese 20 Meter. Ich vermutete, dass sie ein bisschen Angst vor Laura und ihren grünen Haaren hatten.
Die Versammlung folgte dem Beispiel der drei Mädchen und löste sich auf. Übrig blieben nur Kilian und Jonas.
»Kann ich auch was haben?«, fragte Kilian kleinlaut, der wusste, dass er meinen Zorn spüren würde, sollte er mich auslachen.
»Ich auch, bitte«, sagte Jonas, der versuchte, Laura zu beeindrucken, seit er in unserer Klasse war. Die schwarz gefärbten Haare und zumindest ein Lippenpiercing hatte er allerdings schon vorher gehabt, das wahrte ein bisschen sein Gesicht.
Wir ließen die beiden ihre eigenen Flaschen holen und teilten das keimfreie Wasser mit ihnen. Die Freude über diese gute Tat lenkte ein wenig vom Hunger ab.
Für noch mehr Ablenkung sorgte Nadine, als sich wieder eine Heuschrecke in ihrer blonden Mähne verfing und sie mit beschlagenen Brillengläsern hilflos kreischend durch die Gegend taumelte.

Frau Schmitts angekündigte Sightseeing-Tour führte uns tief in den Wald, Vegetation angucken. Es überraschte mich ein bisschen, dass manche das überraschte.
Geführt wurden wir vom Förster Herr Lachmann, der wahrscheinlich schon vor langer Zeit die Begeisterung für seinen Beruf und vor allem für diese Zusatztätigkeit verloren hatte. Vielleicht war er aber auch bloß in schlechter Stimmung, weil einige Schüler seinen Namen witziger fanden als er selbst.
Das Wetter wurde am Nachmittag unerträglich heiß und schwül, sogar im Wald. Klassenfahrten fielen für gewöhnlich immer auf die heißeste Woche des Jahres. Der Boden war uneben und mit mörderisch herausragenden Wurzeln gespickt, einen befestigten Weg gab es nicht.
Frau Schmitt war fröhlich und wusste den Ausführungen des Försters zu verschiedenen Pflanzenarten immer etwas hinzuzufügen, was den Förster noch zusätzlich reizte. Herr Kulosik war unauffällig und fand es als Einziger ganz angenehm, dass alle zehn Meter ein beschreibungswürdiger Baum stand.
Lena, Mandy und Christine jammerten, denn sie knickten ständig mit ihren Pfennigabsätzen um oder verloren ihre Flipflops.
Eigentlich jammerten alle, mehr oder weniger auffällig.
»Achtung, ihr dürft auf keinen Fall auf diesen Pilz treten«, sagte der Förster Herr Lachmann wenig enthusiastisch. »Der entwickelt nämlich einen ganz furchtbaren Geruch, wenn er beschädigt wird.«
»Guckt mal, ein Verwandter unseres Sessel«, bemerkte Nadine und versuchte gar nicht, witzig zu sein.
»Ich frage mich, wodurch er beschädigt wurde. Der sieht doch noch relativ ganz aus«, meinte ich.
»Seelisch beschädigt wahrscheinlich«, sagte Laura. »Die Leute haben ihn schon vor 200 Jahren hässlich gefunden, dadurch hat er diese Störung entwickelt. Der Sessel ist ein Opfer der intoleranten Gesellschaft.«
Das war ganz witzig, aber es war zu heiß zum Lachen.
Frau Schmitt erzählte weitere Details über den riesigen, potenziell stinkenden Pilz und machte ein Foto davon, wie sie alle interessanten Pilze und Pflanzen fotografiert hatte. Vielleicht wollte sie ein Lexikon schreiben und damit ihr lächerlich hohes Lehrergehalt aufstocken.
Nach insgesamt zwei Stunden und der abschließenden Präsentation eines vertrockneten Mooses erklärte der Förster die Tour für beendet und stapfte davon. Die Gruppe machte Anstalten, ihm zu folgen, doch Frau Schmitt bestand darauf, uns noch die älteste Fichte des Waldes zu zeigen. Sie hatte das schon die ganze Zeit geplant und eine Wanderkarte sowie einen Kompass eingepackt. Dieses Vorhaben stieß auf einvernehmliches Unverständnis, aber wir hatten ja keine Wahl.
»Leute, wir müssen Brotkrumen ausstreuen«, raunte Paul seinen Freunden Yasir und Tobias zu. »Die Alte will uns in der Wildnis aussetzen!«
»Bist du bekloppt? Wenn wir Brotkrumen hätten, sollten wir sie besser essen!«, entgegnete Yasir.
»Außerdem wurden die Brotkrumen von Vögeln gefressen und Hänsel und Gretel wären deswegen erst recht fast verreckt«, fügte Tobias hinzu.
Auf dem Weg zur ältesten Fichte des Waldes positionierten sich Paul, Yasir und Tobias am Ende der Gruppe bei Herr Kulosik und hinterließen mit großen Stöcken auffällige Spuren in der Erde.

»Meine Füße tun weh«, sagte ich, nachdem wir wieder aus dem Wald heraus gefunden hatten.
Die größte Fichte hatten wir nicht gesehen, weil Frau Schmitt keine Karten lesen konnte. Die Spuren von Paul, Yasir und Tobias hatten sich im Nachhinein auch als ganz nützlich erwiesen.
»Chucks sind Großstadtschuhe«, meinte Marcella. »Das weißt du doch. Warum hast du kein festes Schuhwerk mitgenommen?«
»Weil ich kein festes Schuhwerk besitze. Und aus Selbsthass«, erklärte ich.
»Meine Füße tun auch weh«, sagte Marcella. »Da, wo ich wohne, habe ich noch nie festes Schuhwerk gebraucht.«
»SPINNE! SPINNÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!«, schrie Nadine. Das zog unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich.
Nadine sah schon wieder so herzzerreißend aufgelöst aus, wie sie mit rudernden Armen und panisch kreischend angerannt kam, sich zwischen uns auf das braungrüne Gras am Waldrand warf und den Kopf mit den Armen bedeckte. Nach ein paar Sekunden blickte sie wieder auf, um zu prüfen, ob sie verfolgt wurde.
»Spinne?«, fragte ich.
»Spinne!«, quiekte Nadine, und während sie nach den Worten für eine genauere Beschreibung suchte, konnte man beobachten, wie sich ihre Gesichtsmuskeln unter der bleichen, blutleeren Haut zusehends verkrampften. Nadine fürchtete sich vor allem, was mehr als vier Beine hatte.
»Da ist eine Spinne im Klohäuschen«, brachte sie schließlich hervor. »Eine fußballgroße Spinne mit 30 Zentimeter langen Beinen. Wenn die Spinne nicht verschwindet, können wir niemals aufs Klo gehen.«
Sie sagte oft ›wir‹, um zu vertuschen, dass sie eigentlich ganz alleine war, aber wenn man die durchschnittliche arachnophobische Übertreibungsmenge subtrahierte, war die Spinne immer noch wirklich verdammt riesig. Jemand musste etwas unternehmen. Am besten jemand anderes als ich.
»Vielleicht ist die Spinne ja schon tot und tut keinem mehr was«, gab sich Marcella optimistisch. »Jedenfalls haben wir sie nicht bemerkt, als wir da das Wasser geholt haben.«
»Vielleicht«, meinte Nadine stark zweifelnd.
Aus einem völlig unerfindlichen Grund stellten wir uns auf unsere schmerzenden Füße, um die Spinne genauer in Augenschein zu nehmen. Sogar Laura löste sich aus ihrer komatösen, horizontalen Starre.
Das Klohäuschen, das direkt neben dem (nicht abschließbaren) Duschhäuschen stand, war insgesamt in keinem guten Zustand. Die Farbe, deren ursprünglicher Ton nicht mehr feststellbar war, war größtenteils abgeblättert, vom Dach kam just in dem Moment, in dem wir in Sichtweite kamen, ein Stückchen herunter und die Klinke an der verrosteten Metalltür sah nicht aus wie etwas, das man anfassen wollte.
Vorsichtig schob ich mit dem Fuß die glücklicherweise angelehnte Tür auf, und nachdem wir von nichts angesprungen worden waren, bewegten wir uns ebenso vorsichtig nach innen. Das Licht war etwas schummerig, da das schmale Fenster als einzige Lichtquelle schätzungsweise seit dem Krieg nicht mehr geputzt worden war. Die abgesprungenen Kacheln auf dem Boden und die ekligfarbenen Substanzen an den Wänden präsentierten sich dennoch von ihrer besten Seite. Es gab drei Toilettenkabinen, an einer fehlte die Tür, und ein Waschbecken mit einem großen Sprung drin.
»Wo?«, hauchte ich der zitternden Nadine in unserer Mitte ins Ohr.
Sie hob den Arm nur ein ganz klein bisschen, um nicht in Reichweite der Bestie zu gelangen, und deutete in die Ecke links über dem Waschbecken.
Eine Sekunde später waren wir wieder draußen und rannten schreiend im Kreis. Ich könnte schwören, die Spinne war tatsächlich fußballgroß mit 30 Zentimeter langen Beinen und zudem quietschlebendig. Als wir uns ein bisschen beruhigt hatten, mussten wir beunruhigt feststellen, dass wir nur noch zu dritt waren.
»Wo ist Laura?«, fragte Nadine mit Grabesstimme. »Die Spinne ist bestimmt giftig.«
»Oh nein, sie hat Laura gefressen!«, rief Marcella.
Noch bevor wir wieder richtig in Panik geraten konnten, trat Laura in einem Stück aus dem Klohäuschen und barg in den hohlen Händen etwas, dessen acht richtig lange, zappelnde Beine zwischen ihren Fingern herausragten.
»Das ist ein Geschöpf der Dunkelheit, das tut uns nichts«, sprach sie ungewöhnlich sanft, verzichtete jedoch darauf, mit ausgestreckten Armen auf uns zuzulaufen, wie Väter und Brüder es gerne tun, und setzte stattdessen ohne weiteren Kommentar die Spinne mehrere Dutzend Meter tief im Wald aus.
Nachdem Laura wohlbehalten zurückgekehrt war und sich die Hände gewaschen hatte, knieten wir vor ihr nieder und Nadine opferte der Allmächtigen Bewahrerin vor dem Tod durch die Monsterspinne sogar einen Kieselstein. Vielleicht würden wir eine neue Religion gründen, wenn wir nicht mehr so hungrig waren. Das Programm sah vor, am Lagerfeuer Stockbrot und Würstchen zu grillen, also bestand tatsächlich Hoffnung.
Nun stellte sich bloß noch eine Frage.
»Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Dreiundzwanzig! Verdammt, wo ist Lotti?«

3

Lotti war ein Junge, hieß eigentlich Lothar, was so überhaupt nicht auf ihn passte, war so klein wie Marcella, rothaarig und ansonsten unglaublich unscheinbar. Hätte er nicht dieses Talent, flammende Vorträge über Photosynthese und Verbrennungsmotoren zu halten, hätten wir wahrscheinlich nie bemerkt, dass er existierte. Früher hatte der Lehrer immer die Klassenliste durchgehen müssen, um herauszufinden, dass er fehlte, und immer war es dann allen wie Schuppen von den Augen gefallen. Heute dachte zumindest Frau Schmitt gelegentlich an ihn und hatte schon beim vierten Mal Durchzählen seine Abwesenheit feststellen können.
Lotti war weg.
Das war an sich noch kein Grund zur Panik, denn es war nicht ganz unwahrscheinlich, dass er außer Sichtweite von Frau Schmitt einen interessanten Baum oder Stein gefunden hatte und stehen geblieben war, um mit ihm zu reden. Vielleicht war er auch in einer Tür eingeklemmt.
Frau Schmitt wies uns an, das gesamte Gelände abzusuchen und vor allem in allen Hütten nachzuschauen. Hinter dem Hauptgebäude fand ich einen toten Fuchs und jemand anderes berichtete von einer Mäusepopulation und mehreren kaputten Matratzen, Waschbecken und Toilettenschüsseln in einer der unbewohnten Hütten, aber Lotti blieb verschwunden. Nun waren Frau Schmitt und Herr Kulosik beunruhigt, denn für einen Lehrer gab es nichts Schlimmeres als verschwundene Schüler. Nicht zwangsläufig aus persönlicher, aber aus rechtlicher Sicht.
»Als wir vor dem Ausflug durchgezählt haben, waren noch alle da«, überlegte Herr Kulosik laut, als wir uns zur Lagebesprechung alle um die noch kalte Feuerstelle versammelt hatten.
»Oh nein! Vielleicht ist Lotti gestolpert und hat sich den Kopf angehauen und niemand hat es gemerkt!«, vermutete Frau Schmitt. »Und entweder liegt er jetzt immer noch da, oder er hat sich verirrt und wird von Wildschweinen angegriffen!« Endlich hatte sie die Gefahren dieses Reiseziels verstanden.
»Wir müssen ausschwärmen und weitersuchen«, beschloss Herr Kulosik mit einer Bestimmtheit, die er sonst selten an den Tag legte. »Er kann noch nicht weit gekommen sein.« Angesichts des Ernstes der Lage beschwerte sich niemand darüber, schon wieder in den Wald gehen zu müssen.

Wir schlugen uns in Zweiergruppen schnellen Schrittes durch das Buschwerk, immer darauf bedacht, ordentlich den Weg zu markieren. Einerseits bewahrte uns das einmal mehr vor dem Hänsel-und-Gretel-Tod, andererseits bestand auch die Chance, dass Lotti über die Spuren stolperte, sollten wir ihn nicht persönlich finden.

»Lotti! LOOOOTTI!«, brüllte ich, während Laura die ehrenvolle Aufgabe wahrnahm, neonfarbenes Konfetti, das von der Faschingsparty einer anderen Reisegruppe in der Ferienanlage zurückgeblieben war, hinter uns auszustreuen. Laura war nicht so gut im Brüllen.
Die Hitze hörte nicht auf, meine Füße waren von Blasen übersät und Lotti blieb verschwunden. Als uns das Konfetti, dessen ungesund aussehende Farbe sich beim nächsten Regen mit den Mikroben im Boden verbinden würde, um intelligentes Leben hervorzubringen, ausging, beschlossen wir umzukehren. So weit konnte er sicher nicht gegangen sein.
»Hoffentlich hat ihn irgendwer gefunden«, murmelte ich von Zeit zu Zeit, wobei Laura mir jedes Mal einen ausdruckslosen Blick zuwarf. Dieser Gedanke durfte nicht weitergedacht werden. Es war doch nur eine Klassenfahrt, da verschwanden keine Schüler spurlos.
Lotti war weg.
Etwa auf halbem Rückweg ertönte zwischen unseren immer zaghafter werdenden »Lotti! LOOOOTTI!«-Rufen ein anderes Geräusch, ein nicht weit entferntes Rascheln und Knistern im Unterholz. Ein Tier konnte es kaum sein, die mussten wir alle mit unserem geräuschvollen Auftreten verjagt haben.
Wir blieben stehen, versuchten die Quelle zu lokalisieren. Hier war der Wald sehr dicht, sodass wir nicht weit sehen konnten, aber ein knackender Ast verriet die Richtung. »Lotti?!«, rief ich noch einmal, als wir uns darauf zu bewegten.
Was auch immer es war, es sprintete unter weiterem Rascheln und Knirschen davon.
»Klingt nach etwas verdammt Großem«, stellte Laura beunruhigt fest. »Vielleicht ein Hirsch oder ein Wildschwein.«
»Findest du, wir sollten gucken, ob es Spuren hinterlassen hat?«, fragte ich.
»Nee«, sagte Laura und rückte ihren Hut zurecht.
Deutlich hastiger als vorher setzten wir den Weg fort. Ich wusste schon, warum ich keine Wälder mochte.

Als wir als eine der letzten Gruppen erfolglos auf die Lichtung zurückkehrten, brannte bereits das Lagerfeuer. Es sah vielversprechend aus, mit Potential, einmal ein großes Lagerfeuer zu werden.

Frau Schmitts Gemütslage hatte sich, verglichen mit dem Vormittag, ins Gegenteil verkehrt. Düstere Dinge vor sich hinmurmelnd, händeringend und mit Zweigen in den Haaren saß sie auf einer der Bänke am Feuer und ließ sich von Herr Kulosik, der einen etwas glasigeren Blick als sonst aufwies, den Rücken tätscheln.
Lotti war weg.
»Wenn es dunkel wird, sieht er vielleicht das Feuer und findet hierher«, spekulierte Herr Kulosik. »Wenn nicht, rufen wir die Polizei. Falls es hier Polizei gibt«, fügte er ein wenig unsensibel hinzu.
»Ich will nicht, dass mein Schüler verschwunden bleibt, bis es dunkel wird und wir die Polizei rufen müssen!«, wimmerte Frau Schmitt, so mitleiderregend, wie ein Lehrer nur wirken kann.
Während des Wartens in schrecklicher Ungewissheit wurde ein wenig zum normalen Programm übergegangen. Da wir keine Gelegenheit gehabt hatten, selbst ein paar Stöcke zurechtzuschnitzen, stellten uns die Wirtsleute für das Stockbrot jene einer früheren Reisegruppe zur Verfügung. Die Stöcke sahen schon ein bisschen grün und beunruhigend aus, aber wir hatten ja keine Wahl.
»Das hier ist ein freies Land und einer unserer Mitschüler wird vermisst«, sagte Marcella, als wir das halbgare Stockbrot an den alten Stöcken und die ziemlich verschmorten Würstchen genauer betrachteten. »Wir müssen das jetzt nicht essen.«
»Das mit dem freien Land ist eine Marketing-Lüge«, erwiderte ich. »Sonst wären wir jetzt nicht hier.«
»Ich sterbe, wenn ich jetzt nichts esse. Auch wenn ich daran sterben sollte«, sagte Nadine und pulte ein Stückchen Stockbrot ab. »Hm, schmeckt widerlich.«
Wir aßen das halbgare Stockbrot und die verschmorten Würstchen, es wurde langsam dunkel und die Stimmung immer gedrückter, je mehr Sterne man sehen konnte.
»O Allmächtige Bewahrerin vor dem Tod durch die Monsterspinne, ich frage mich, ob du auch etwas gegen die Schnaken tun kannst, welche sich bei den Sterblichen am Feuer versammeln«, äußerte ich mich nach einer Phase trostlosen Schweigens.
»Und gegen die Killerhornissen«, bat Marcella.
»Killerhornissen?«, japste Nadine.
Laura, die wahrscheinlich sowieso kein Wort mitbekommen hatte, kam nicht mehr dazu zu antworten, denn in diesem Moment versetzte ein wirklich bedrohlich lautes Rascheln aus dem umgebenden Geäst die ganze Klasse in Aufruhr.

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