Klassenfahrt | 2

»Aaaaah, ein Bär!«, schrie jemand, warf sich auf den Boden und bedeckte den Kopf mit den Armen.
»Hi«, sagte Lotti.
»Lotti!«, schrie Frau Schmitt, sprang auf, um ihn zu umarmen, und überlegte es sich dann noch mal anders, um weiterhin Autorität ausstrahlen zu können.
Während wir uns alle freuten, nicht nur nicht gefressen zu werden, sondern sogar unseren vermissten Mitschüler wieder bei uns zu haben, begann Frau Schmitt, ihm hysterische Fragen zu stellen.
»Kind, wo warst du denn? Geht es dir gut? Hat dir jemand was angetan? Wie bist du verloren gegangen? Hat dich ein Tier gebissen?«
Lotti machte nicht den Anschein, diese Fragen beantworten zu wollen. Er stand still zwischen Bäumen und Lagerfeuer, etwas zerstrubbelt und sehr dreckig, mit starrem Blick und dem wahnsinnigen Grinsen eines Menschen, der gerade den Sinn des Lebens oder auch des Universums erfahren hat, obwohl er eigentlich schon vorher wusste, dass er nicht damit zurecht kommen würde.
»Ich habe Pilze gegessen«, sprach er schließlich langsam und eindringlich, ohne das wahnsinnige Grinsen abzulegen, was den Gesetzen der menschlichen Anatomie ein wenig zuwiderlief. »Die, wo Sie dem Förster verboten haben, uns was drüber zu erzählen. Wollen Sie auch welche haben?«
Er hob die Hände und streckte Frau Schmitt unter großem Gelächter der restlichen Anwesenden ein halbes Dutzend eigentlich recht unauffälliger Pilze entgegen.
»Ja, und zwar alle«, erwiderte diese in plötzlich sehr eisigem Ton.
»Hey, cool«, sagte Lotti mit einem verschwörerischen Zwinkern, taumelte zu den Bänken und überreichte der Lehrerin treuherzig die Pilze. Dann setzte er sich auf einen freien Platz und starrte grinsend ins Feuer.
»Frau Schmitt, krieg ich auch einen?«, fragte Paul.
»Nein!«, zischte sie und deponierte die einkassierten Genussmittel zwischen sich und Herr Kulosik auf der Bank. Jedem, der es noch wagte zu kichern oder Äußerungen wie »Lotti, welche Farbe hat mein Gesicht?« von sich zu geben, warf sie einen vernichtenden, wenn auch ignorierten Blick zu, und verbrachte den Rest des Abends in pikiertem Schweigen.
Nachdem Herr Kulosik uns ins Bett geschickt hatte, sprach sie zumindest mit ihm wieder. Sie sagte laut und panisch: »Klaus, wo sind die Pilze?« Und Herr Kulosik sagte ein ganz schlimmes Schmipfwort.

Klassenfahrten sind etwas abgrundtief Böses.

Sie verursachen schwerwiegende Schäden an Leib, Seele und zwischenmenschlichen Beziehungen der Reisenden.
Die Begegnung mit den Killerhornissen in der Nähe der kleinen Gartenlampe vor unserer Hütte führte glücklicherweise nur zu einem seelischen Schaden, doch auch dieser hätte vermieden werden können. Die Hornissen hatten die Körperlänge eines handelsüblichen Kugelschreibers und summten alle zusammen so laut wie ein handelsüblicher Staubsauger. Vielleicht zerquetschten wir eine in der Tür, genau nachsehen wollte niemand. Dass sich das Fenster nicht mehr einhängen ließ, war äußerst beunruhigend.
Alle drei Arten von Schaden verursachte der prognostizierte Zusammenbruch eines Stockbettes. Als Marcella, der heutigen Ernährungslage nach wahrscheinlich weniger als 45 Kilo, sich etwas zu energisch hinlegte, gab die Konstruktion nach. Laura, die sich aufgrund ebendieses Risikos noch nicht auf der unteren Matratze platziert hatte, bekam einen Pfosten gegen den Kopf, woraufhin sie die unter Schock stehende Marcella mit einem Kissen verhaute.
Mein beherztes Eingreifen mit dem weisen Satz »Krieg ist für Leute, die keine Argumente mehr haben!« verhinderte Schlimmeres.
Das Bett ließ sich nicht wieder aufbauen. Marcella schlief auf dem Trümmerhaufen, Laura auf dem Boden und ich fand mich auf gefühlten 70 Zentimeter Breite unten bei Nadine wieder. Wir wollten nämlich kein Risiko eingehen und noch weiterleben, wenigstens ein paar Stunden.
Die Jungs in einer der Hütten auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung spielten das Spiel, bei dem man reihum das Wort »Penis« sagen muss, und zwar jedes Mal lauter, bis sich jemand nicht mehr traut. Da die Teilnehmer dieser Runde nicht auf den Mund gefallen waren, spielten sie es ziemlich lange. Bis keiner mehr lauter schreien konnte. Und dann spielten sie es noch mit ein paar anderen Wörtern.
»Meint ihr, die haben die Pilze?«, fragte Nadine.
»Nein, dafür braucht man keine Pilze«, sagte ich.


4

Der Dienstag begann mit einem erfrischenden, frühmorgendlichen Entsetzensschrei. Er rührte daher, dass Nadine von einer Heuschrecke geweckt wurde, welche sich auf ihrem Gesicht niedergelassen hatte.
Dieser Dienstag wurde also ganz schnell zu dem Tag, an dem ich den Entschluss fasste, mich an allen Heuschrecken, die mir jemals begegnen würden, dafür zu rächen, dass Nadine mich nun durch panische, unkontrollierte Bewegungen aus dem Bett schubste. Das war wahrlich keine empfehlenswerte Art, einen Tag zu beginnen.
»Aiiiiiieeeeehhhh! Sie sind überall!«, stellte wenige Sekunden später auch Marcella fest, sprang auf, stolperte über Laura und fiel auf mich.
»Ich hasse mein Leben«, kommentierte ich.
Der Raum war voller Heuschrecken. Das konnte keine natürliche Ursache haben, denn für die Heuschrecken gab es keinen ersichtlichen Grund, einen Ort mit Nahrung gegen eine sparsam eingerichtete Blockhütte einzutauschen. Da sich auf die Schnelle kein Indiz finden ließ, wer genau die unnatürliche Ursache gewesen sein konnte, schob ich diesen Gedanken erst einmal beiseite, um aus Solidaritätsgründen auch ein bisschen in Panik zu geraten.
Die Heuschrecken waren grün und gruselig und manche machten hastige Bewegungen, während ich versuchte, sie mit dem Besen, den wir nicht zurückgebracht hatten, vor die Tür zu fegen. Von der gegenüberliegenden Seite der Hütte kamen gelegentlich schrille Anfeuerungsrufe, wenn ein Insekt zu weit in die falsche Richtung sprang. Das half nicht viel weiter, aber es brachte den Kreislauf aller Beteiligten in Schwung. Laura bevorzugte es, mit dem Gesicht nach unten auf dem unbeschädigten Bett zu liegen und den Tag langsam angehen zu lassen.
Als die Heuschrecken nach einigen Minuten vollständig vertrieben waren, war es immer noch sehr früh am Morgen und wir waren wach. Der einsame, seelisch beschädigte gelbe Sessel in der Ecke hielt das für einen geeigneten Zeitpunkt, eine neue unschöne Duftwolke auszustoßen. Vielleicht war das ein Zeichen, dass wir verschwinden sollten. Jedenfalls taten wir’s.
Der Zeitpunkt, an dem noch niemand sonst auf den Beinen war, war ein geeigneter Zeitpunkt zum Duschen. Auch so empfand es sich schon als schlimm genug, auf welche kranke, abartige Weise das Schloss der Duschhäuschentür nach Jahrzehnten extensiver Benutzung einfach herausgefallen war.
Dieser indiskutable erste Eindruck ließ sich durch die Inneneinrichtung noch toppen.
»Das ist demütigend. So was von demütigend«, sagte Marcella.
»Wir werden uns außerdem alle Fußpilz holen«, sagte Nadine.
Im Duschhäuschen war das Licht etwas besser als im Klohäuschen, was stark von Nachteil war. Genau so stellte man sich die Duschen eines ganz miesen Hallenbads in einem ganz miesen Stadtteil vor, das unter anderem aufgrund dieser Duschen kurz vor der Schließung stand. Abgesehen vom Zustand des Bodens, auf dem barfüßiges Herumlaufen, vor allem mit einer nicht unbeträchtlichen Menge Blasen, schier unvorstellbar schien, fehlten die Trennwände, die die Benutzer dieser Einrichtung eigentlich vor neugierigen respektive verächtlichen Blicken bewahren sollten.
Die letzte dieser Trennwände lag in einer Ecke und war erst ein ganz kleines bisschen grün. Sie war sicher einmal eine gute Trennwand gewesen. Viele Leute hätten noch heute ihre Dienste geschätzt.
»Aiiiiiieeeeehhhh!«, schrie Marcella, als sie das Wasser anmachte.
Man zwang sich, nicht zur Seite zu schauen, sondern sich darauf zu verlassen, dass die Temperatur des Wassers Ursache dieses Schreis war.
Das Wasser war wirklich verdammt kalt. Und es wurde nicht warm. Das lenkte ein bisschen von der Demütigung ab, zusammen mit Leuten, mit denen zusammen man nicht unbedingt unbekleidet in einem Raum stehen wollte, unbekleidet in einem Raum zu stehen. Aber nur ein bisschen.
Wir hätten natürlich auch einzeln duschen können. Allerdings war es auch sehr demütigend, alleine in einem ekligen, großen, nassen Raum voller Duschen zu sein, während drei andere Leute vor der nicht abschließbaren Tür warteten.
Gemeinschaftsduschen ohne Trennwände sind etwas abgrundtief Böses.
»Hört auf zu gucken, ob ich ein Nippelpiercing habe«, sagte Laura.
»Woher willst du denn wissen, ob wir gucken, wenn du selber nicht zur Seite gucken darfst?«, erwiderte ich.
»Ich weiß es einfach.«
»Wir gucken aber nicht«, versicherte ich, intensiver denn je die eklige Wand anstarrend.
Einige Sekunden mehr oder weniger peinlichen Schweigens vergingen.
»Hast du denn eins?«, fragte Marcella.
»Nein!«, grummelte Laura, was definitiv keine zufriedenstellende Antwort war.

Vor dem großflächig zersplitterten Spiegel im Klohäuschen trafen wir Frau Schmitt, die versuchte, sich die Wimpern zu tuschen. Sie musste sich ein wenig strecken, um die einigermaßen heile obere Partie des Spiegels zu erreichen, noch dazu mit ihrem Kulturbeutel zwischen den Knien.
»Guten Morgen, Frau Schmitt. Vermissen Sie auch grundlegende sanitäre Einrichtungen der modernen Zivilisation?«, begrüßte ich sie.
»Guten Morgen«, erwiderte sie mit einem Lächeln, das nicht mehr ganz so ausgeprägt war wie am Vortag, aber immer noch deutlich vorhanden. »Ja, es ist schon ein bisschen unpraktisch, dass es in den zwei Badezimmern im Hauptgebäude auch keinen Spiegel gibt. Aber ansonsten gefällt es mir hier immer noch.« Die Sache mit Lotti hatte sie anscheinend sehr gut verarbeitet.
Wir beschlossen einvernehmlich, nichts zu erwidern. Jedes Jammern führte erfahrungsgemäß nur zur Belustigung der Lehrkraft.
Frau Schmitt verschwand schnell und fröhlich summend wieder von diesem unwirtlichen Ort und überließ uns den Spiegel. Marcella und ich waren zu klein für den Spiegel. Die Liste der Dinge, die mich aufregte, wuchs und wuchs.
Es ist der ultimative Vertrauensbeweis, jemand anderen mit einem aus dieser Perspektive sehr bedrohlich wirkenden Kajalstift in der Nähe seiner Augen herumhantieren zu lassen. Die Anzahl der Verletzungen nach dieser Aktion belief sich vorerst auf Null. Aber uns standen ja noch drei weitere Tage bevor.
Vor dem Frühstück bauten wir noch einmal den Campingkocher auf und zapften abzukochendes Wasser aus dem einsamen, kleinen Waschbecken. Es war nicht schön gewesen, wie am Abend zuvor ein großer Teil der 24 Schüler versucht hatte, sich gleichzeitig die Zähne darüber zu putzen.
Unser sauberes Trinkwasser machte uns stolz. Es war so unglaublich toll, dass wir es hätten verkaufen können. Das sahen wir an der Zahl der Leute, die zweifelsfrei den Tee aus dem riesigen Behälter im Gemeinschaftsraum getrunken hatten und sich in der folgenden halben Stunde teilweise mehrmals schnellen Schrittes und mit ungesunder Gesichtsfarbe zum Klohäuschen begaben und mit noch ungesunderer Gesichtsfarbe wieder herauskamen. Aber wir waren ja zivilisierte Menschen und wollten uns daher nicht an lebensnotwendigen Dingen bereichern. Jedem, dem sein Wohlbefinden inzwischen wichtiger war als sein Stolz, gaben wir so viel, wie er wollte.


Zur Frühstückszeit sah der Gemeinschaftsraum ein bisschen leer und verwaist aus. Unsere Prophezeiung bezüglich der zusätzlichen Essensrationen für alle, die kostenlosen Getränken aus großen Behältern nicht über den Weg trauten, hatte sich erfüllt.
»Wo sind denn alle?«, fragte Frau Schmitt, nachdem sie nur 10 Schüler gezählt hatte.
»Also Paul, Yasir und Tobias lassen sich seit’n paar Stunden ihr Abendessen noch mal durch den Kopf gehen«, sagte Kilian und kicherte auf eine gemeine, wirklich bedenkliche Art und Weise.
»Sei nicht so schadenfroh«, zischte ich und gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Dass er die tatsächliche Bedeutung ›Mach deine Schadenfreude nicht so offensichtlich‹ herausgehört hatte, erschien mir eher unwahrscheinlich.
»Die anderen auch«, führten Tara und Tanita die Unterhaltung mit der Lehrerin fort. Sie waren völlig identisch aussehende Zwillinge, die sich zu allem Überfluss auch noch die gleiche riesige Brille und die gleiche schwarze Kringellöckchen-Frisur zugelegt hatten.
»Oh. Die Armen. Wo könnten sie sich das denn bloß geholt haben?«, sinnierte Frau Schmitt.
»Der Tee. Es muss der Tee sein!«, erklärte Jonas, wollte dramatisch in die Hände klatschen, riss sie meilenweit aneinander vorbei, verlor auf seinem wackeligen Stuhl das Gleichgewicht und fiel ganz zufällig gegen Laura.
»Der Tee? Kann nicht sein. Ich hab auch den Tee getrunken und mir geht es ganz fantastisch«, meinte der große, dicke Michael, den sowieso nichts so schnell umhauen konnte. Also keine repräsentative Aussage.
»Hm«, machte Herr Kulosik sehr detektivisch, um auch einmal etwas zur Diskussionen beigetragen zu haben.
»Also, also ich hab gestern Nacht gesehen, wie die Wirtin den Behälter mit Spülwasser aufgefüllt hat«, krächzte Lotti unter Aufbringung seiner letzten Kräfte, warf noch eine Kopfschmerztablette ein und bettete dann seufzend den Kopf auf sein Butterbrot.
Auf den Gesichtern der Lehrkräfte breitete sich nun die äußerst selten zu beobachtende, exakte Entsprechung des Ausdrucks ›WTF!?‹ aus, während Michael aufsprang, sich die Hände vor den Mund presste und fluchtartig den Raum verließ.
»Tehe, jetzt haben wir noch mehr zu essen«, sprach Kilian in die Stille hinein und versuchte, Jonas High-Five zu geben, doch der verfehlte die Hand kläglich und fiel in die physikalisch unlogische Richtung, um Laura zu sagen, wie toll die Idee mit dem abgekochten Wasser sei.
Nachdem ich Kilian unter dem Tisch getreten hatte, widmete ich mich peinlich berührt meinem steinharten, trockenen Stück Brot, das mit vier dieser winzigen, umweltunverträglich abgepackten Butterstückchen und einer dünnen Schicht chemisch schmeckender Marmelade bedeckt war, und ging dabei mit gutem Beispiel voran.
»Ich hasse mein Frühstück«, flüsterte Laura nach einiger Zeit.
»Ich hasse mein Frühstück, aber wenn ich es nicht esse, werde ich diese Woche nicht überleben«, flüsterte Nadine.
»Ich hasse mein Leben«, flüsterte Marcella.
»Hihi, mein Frühstück ist kariert«, flüsterte Kilian, der mit dem Messer ein Muster in die Butter geritzt hatte.
Ich warf einen Blick zu den Lehrern am Tischende hinüber, um sicher zu gehen, dass sie immer noch mit entgeisterten Mienen leise über die am wenigsten lebensgefährliche Methode, die Wirtin auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen, berieten.
»Habt ihr die Pilze?«, fragte ich Kilian und Jonas.
Kilian patschte mir ein wenig zu fest auf den Rücken und profilierte sich gegenüber Jonas, wie klug seine kleine Johanna sei.

Das Tagesprogramm begann mit einer Gruppenmeditation. Das war genauso, wie es klingt. Wir saßen in einem großen Kreis auf der Wiese und Frau Schmitt gab Sätze von sich, wie man sie auf diesen Autogenes-Training-Kassetten, welche so entspannend sind, dass man sie am liebsten schreiend gegen die Wand werfen möchte, findet.
Wir mussten diese Veranstaltung nicht mutwillig sabotieren, das erledigten die Schüler und Schülerinnen, die gelegentlich sehr plötzlich aufspringen und ganz schnell mal wo hin rennen mussten, ganz nebenbei.
Nur Kilian und Jonas ließen sich davon nicht aus ihrer Konzentration reißen, denn sie sahen die Krabbeltiere im Gras in bunten Farben sowie dutzendfach vergrößert und glaubten, durchgehend 30 Zentimeter über dem Boden zu schweben. Dass Yasir, Tobias und Paul, von denen letzterer die Magic Mushrooms immerhin unter Lebensgefahr an sich gebracht hatte, wenn man den Gerüchten glauben durfte, diese nicht lange genug bei sich hatten behalten können, um diesen Effekt zu erreichen, war schon ein wenig tragisch, denn wo immer Kilian und Jonas gerade waren, schien ein besserer Ort zu sein.
Nicht, dass ich in irgendeiner Weise mit dem Gedanken gespielt hätte, meine Gesundheit und meine Würde ebenfalls gegen einen Kurztrip aus der Klassenfahrtshölle heraus einzutauschen.
Einer der geringfügig konzentrierteren Momente gegen Ende der Gruppenmeditation wurde dadurch zerstört, dass Herr Kulosik von der wüste Beschimpfungen schreienden Wirtin mit einer Bratpfanne aus dem Hauptgebäude gejagt wurde. Er hatte wohl die Sache mit dem Tee und dem Spülwasser erwähnt. Immerhin war die Bratpfanne, die ihn schließlich am Rücken traf, weil er nicht schnell genug rennen konnte, sauber. Ich konnte sie zwar aus dieser Entfernung nicht genau erkennen, aber so selten, wie diese Pfanne wahrscheinlich benutzt wurde, konnte sie nur sauber sein. Das war bestimmt ein Trost für Herrn Kulosik.
»Ihr habt jetzt zwei Stunden zur freien Verfügung«, beendete Frau Schmitt die Phase der Konzentration und Entspannung etwas abrupt, und trabte davon. Vermutlich, um der Wirtin die Pfanne zurückzubringen.

Zeit zur freien Verfügung war auch nicht spaßiger als Zeit mit Programm. Dies lag an fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten (nach einer Stunde waren wir von allen Kartenspielen, die wir kannten, unglaublich gelangweilt), am tropischen Klima, das der Tag sich seiner Mitte zuneigend entwickelte, und am chronischen Hunger.
Während andere Leute ihre gemarterten Füße schonten und auf dem Boden vor der Hütte vor sich hin dämmerten, tapste ich in einer Stimmung nahe dem absoluten Nullpunkt übers Gelände und schaute nach, ob der tote Fuchs noch da war. Er war es nicht, aber dafür sah ich an diesem Tag so viel Erbrochenes wie nie zuvor in meinem Leben, was allerdings nur kurzfristig gegen den Hunger half. Außerdem entging ich nur knapp einer nervenaufreibenden Killerhornissenattacke. Das sind die Dinge, die man verpasst, wenn man sich vor Klassenfahrten drückt.
Auf einem halb verrotteten Holzzaun am Rand der Lichtung sah ich Kilian sitzen. Er wirkte ein wenig niedergeschlagen, also wie alle Leute eigentlich.
»Hi Kilian«, begrüßte ich ihn und platzierte mich ebenfalls auf dem Holzzaun, der daraufhin unwillige Geräusche von sich gab.
»Hi Johanna«, erwiderte Kilian und starrte mit leerem Blick auf den Boden.
»Ich nehme dir übel, dass du gestern meine halbe Suppe gegessen hast«, sagte ich.
»Das war ich nicht alleine«, verteidigte er sich, was ich überging.
»Hat es dir wenigstens irgendwas genützt?«
»Nein. Hunger. Sterben.« Er bedachte mich mit einem langen Blick, aus dem tiefste Verzweiflung sprach, dann ließ er wieder den rotblonden Wuschelkopf hängen.
»Dadurch, dass du mitleiderregend aussiehst, werde ich dich nicht weniger hassen.«
Eine gesprächsthemenlose Pause entstand.
»Wo sind eigentlich deine Freunde?«, fragte ich schließlich.
»Pilze sammeln.«
»Ah.«
»Und deine?«
»Liegen irgendwo rum und warten auf den Tod.«
»Aha.«
»Ich hab Hunger«, stellte ich fest.
»Ich auch. Ich hatte nur vier steinharte Scheiben Brot mit Industrieabfällen drauf zum Frühstück.«
»Ich will nach Hause. Hier ist alles so deprimierend und genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte.«
»Vielleicht hilft es, wenn wir in den Wald gehen und unsere Unschuld verlieren.«
»Bist du noch high?«
»Nein.«
»Sorry, ich hatte eigentlich vor, mich für den Mann aufzusparen, den ich heiraten will.«
»Ich dachte, du wolltest mich heiraten.«
»Als ich das gesagt habe, war ich elf und kannte die Welt noch nicht.«
»Jetzt bin ich auch deprimiert.«
»Das tut mir leid. Aber wir können gerne Freunde bleiben.«
»Cool.«
Gespräche wie dieses führten wir öfters. Ohne Zuschauer fehlte leider ein bisschen der Reiz zu mehr Melodramatik.

»Wir sollten uns glücklich schätzen«, sagte Marcella, als wir uns eine halbe Stunde später beim gemeinsamen Malen wiederfanden, »dass wir das hier zum Schleuderpreis bekommen. Andere Leute geben für solche Gruppentherapien ein Vermögen aus.«
»Ich glaube, Frau Schmitt will den Lehrerberuf an den Nagel hängen und testet jetzt an uns, ob sie auch anders Geld verdienen könnte«, vermutete Nadine.
Auf dem Boden lagen mehrere notdürftig zusammengenähte alte Bettlaken, und unsere Aufgabe bestand darin, sie gemeinsam mit in einer Abstellkammer gefundenen Farben zu bemalen und dabei nicht die Schwermetalldämpfe einzuatmen.
Frau Schmitt ging herum und strahlte Lena, Mandy und Christine an, die Regenbögen und hellblaue Ponys malten. Frau Schmitt ging weiter und strahlte den kleinen Stefan an, der den Geruch der Farbe nicht beunruhigend zu finden schien und sich mit Händen und Füßen auf dem Bild verewigte. Frau Schmitt kam zu uns herüber und strahlte Laura an, die mit Schwarz Wörter wie ›BLUT‹ und ›VERDERBEN‹ geschrieben hatte und sie nun farbig umrandete.
Ich stellte mir vor, es sei tatsächlich eine Gruppentherapie anstatt schlicht und einfach gruselig.

Nach der Malstunde folgte der lang ersehnte mutmaßliche Höhepunkt des Tages, das Mittagessen.
Erschreckend viele Mitschüler trauten sich wieder feste Nahrung zu, sodass wenig Hoffnung auf zufrieden stellende Portionsgrößen bestand.
Dazu tat sich ein weiteres Problem auf. Das Geschirr sah nicht mehr aus wie etwas, von dem man essen möchte.
»Iiih, meine Schüssel ist dreckig!«, bemerkte Christine als erste.
»Herr Kulosik, da ist Gemüse von gestern an meinem Löffel!«, jammerte Tara.
»Das musst du der Wirtin selbst sagen, du bist doch schon groß«, erwiderte Herr Kulosik kleinlaut und blickte nervös um sich.
»Jetzt stellt euch nicht so an, Kinder, das bisschen!«, sprach Frau Schmitt ein Machtwort, um Sekunden später selbst angewidert in ihrer Schüssel herumzukratzen.
Der große Topf wurde herein getragen und die Schlange vor der Essensausgabe bildete sich um einiges schneller als am Vortag. Es galt, Überlebensstrategien zu entwickeln.
Jeder holte sich ein Schüsselchen Nudeln mit Tomatensoße, die irgendwie ein bisschen grau aussah, die Wirtin warf einen prüfenden, bösen Blick in die Runde (Herr Kulosik schrumpfte um ein paar Zentimeter und Frau Schmitt setzte ein angestrengtes Lächeln auf) und verschwand mit dem leeren Topf.
Als sie mit ziemlicher Sicherheit außer Hörweite war, begann man sich über die Mahlzeit zu unterhalten.
»Aaaaaaah! Fffffflllleisch! Ich brauche FLEISCH!«
»Vitamine! Wo sind die Vitamine? Da sind schon wieder überhaupt keine Vitamine drin!«
»Warum ist mein Teller nicht voll?«
»Dominic! Behalt deine Gabel gefälligst bei dir! Mundraub! MUNDRAUB!«
Das war einer dieser Momente, in denen man sich denkt: ›Jemand will mich töten. Um jeden Preis und aus ungeklärter Ursache.‹ So war es gleichzeitig einer dieser Momente, in denen man wenigstens darauf verzichten sollte, sich gegenseitig zu zerfleischen. Dies schien auch Frau Schmitt aufzufallen.
»RUHE!«, kreischte sie. »Jeder setzt sich auf seinen Platz und isst von seinem eigenen Teller! Und keine Beschwerden mehr! Wir werden das ALLES klären!«
Als sie sich schwer atmend wieder ihrem Essen zuwandte, blieb tatsächlich alles ruhig und friedlich. Frau Schmitt konnte sehr überzeugend sein.
Dennoch ließ ich meine Nudeln nicht aus den Augen. Ich wusste ja nicht, zu was meine Tischnachbarn in Notsituationen alles fähig waren.


5

Was gehört in jedem Fall zu einer Klassenfahrt im Hochsommer?
Eine Rallye. Wenn man Pech hat, ist es eine Stadtrallye, bei der man sich verirrt und verwitterte, alte Inschriften auf Gebäuden entziffern muss. Wenn man ein klein bisschen weniger Pech hat, ist es eine Rallye in einem mit Absperrband markierten Bereich in und um eine Vorkriegs-Ferienanlage im Wald, bei der die einzig mögliche bedeutendere Unannehmlichkeit ein Hitzschlag ist und die großzügig den ganzen Nachmittag in Anspruch nimmt.
Das Lösungswort hatte etwas mit dem Geschichtsunterricht zu tun (Es war bestimmt ›Industrielle Revolution‹. Es ist IMMER ›Industrielle Revolution‹.) und die einzelnen Stationen, an denen es jeweils eine Frage zu beantworten und den Hinweis auf den Aufenthaltsort des nächsten Zettels zu finden gab, waren sehr geschickt versteckt. Wer das auch immer aufgebaut hatte, war bestimmt mit mehr als einem kleinen Trinkgeld bestochen worden.
Leider wurde diese Leistung von niemandem angemessen gewürdigt, denn es war, wie schon erwähnt, Hochsommer.
»Los Kinder, auf die Beine, bewegt euch! Ihr habt ja noch gar nicht angefangen!«, feuerte Frau Schmitt zu Anfang sämtliche Gruppen an. Nach etwa zwei Stunden und vielen Antworten wie »Wir sind zu schwach zum Laufen, weil wir keine Nährstoffe bekommen!« verließ sie allerdings auch die Motivation und sie setzte sich irgendwo in den Schatten.
»Wollten Sie nicht noch irgendwas mit der Wirtin klären?«, fragte ich, als die Lehrerin einmal gemächlich an unserer Lagerstätte vorbeispazierte, um einen aus einem Busch gerupften Zettel wieder zu befestigen.
»Ja«, sagte Frau Schmitt nüchtern.
»Übrigens ist gestern Abend bei uns in der Hütte ein Bett zusammengebrochen«, erinnerte sich Marcella. »Vielleicht sollten Sie das bei der Gelegenheit auch erwähnen.« »Mhm-hm«, sagte Frau Schmitt und ging weiter.
Dann fragten wir uns ein bisschen, wie alle bisherigen Gespräche zwischen unseren Lehrern und den Wirtsleuten so verlaufen waren, abgesehen von den fliegenden Bratpfannen.
Am Abend wurden die beiden Siegergruppen der Rallye verkündet. Dies waren zum einen Stefan, Lotti, Tara und Tanita, die ganze vier Stationen geschafft hatten und der festen Überzeugung waren, die ersten vier Buchstaben des Lösungsworts lauteten ›HWEO‹, und zum anderen Michael, Dominic und Sara, die den richtigen Anfangsbuchstaben ›I‹ herausgefunden hatten.
»Diese Rallye war vom Kultusministerium vorgeschriebenes Pflichtprogramm, da können wir Lehrer auch nichts dafür«, drückte Frau Schmitt im Anschluss ihr Bedauern aus. »Wir sagen einfach alle, das heutige Programm habe ordnungsgemäß stattgefunden, okay? Niemand wird jemals nachfragen.«

Die Zeit zwischen Rallye und Abendessen verbrachten wir mit der Trinkwasseraufbereitung für die ganze Klasse sowie unter großer Müdigkeit und Hunger.

»Ich wünschte, wir hätten irgendwas, das man DA DRIN kochen könnte«, grummelte Nadine und starrte in das brodelnde Wasser, bis ihre Brillengläser beschlugen.
»Waldpilzsuppe«, sagte ich mit Blick auf Tobias, Paul, Yasir und Jonas, die ausgelassen lachend Fangen spielten. Ob Letzterer damit bei Laura groß punktete, wagte ich zu bezweifeln.
»Keine Drogen«, erwiderte Nadine. »So verzweifelt sind wir noch nicht.«
Wir ließen daraufhin halbherzig ein paar Blicke durch die Gegend schweifen, um etwas anderes potentiell Essbares aufzuspüren, aber die Suche blieb ergebnislos.
»Wenn Winter wäre, hätte Lauri Cracker dabei«, meldete sich Laura unter ihrem Hut mit einer weiteren Anspielung auf ihren batikgemusterten, zum Warenhaus umfunktionierten Pullover. »Genug Cracker für ein paar Stunden zumindest.«
»Ist euch schon mal aufgefallen, dass in ›Cracker‹ das Wort ›Crack‹ steckt?«, fragte Marcella, die inzwischen die meiste Zeit genauso teilnahmslos auf dem Boden lag wie Laura.
»Wir sind nicht verzweifelt«, wiederholte Nadine.
Genau, wir waren nicht verzweifelt. Wir waren schließlich nicht auf diesem unseligen Fleckchen Erde gestrandet, nein, wir würden am Freitagmittag wieder nach Hause fahren. Das waren bloß noch etwa 65 Stunden.
Wir teilten die letzte Runde Trinkwasser aus und machten uns dann auf den kurzen, aber dennoch beschwerlichen Weg zum Abendessen. Am Ziel wartete schließlich nur wieder eine Enttäuschung auf uns. Sollte es doch entgegen aller Wahrscheinlichkeiten ein Vier-Gänge-Menü geben, wollte uns jemand vergiften.
Es gab die Reste vom Frühstück. Oder etwas, das aussah und sich kaute wie die Reste vom Frühstück. Vielleicht hatte das Frühstück auch aus den Resten des letzten Abendessens einer früheren Reisegruppe bestanden, und wir würden am nächsten Tag zum Frühstück die Reste von diesem Abendessen bekommen.
Alle jammerten. Frau Schmitt und Herr Kulosik ignorierten es, hatten aber auch diesen ganz speziellen Widerständlerblick aufgesetzt. Das lag entweder daran, dass sie etwas planten, um uns alle zu retten, oder daran, dass sie, obwohl in ihrer Wichtigkeit weit über allen Schülern zusammen gelegen, weder Wurst noch Käse noch Bier bekamen.

Das Abendprogramm des Dienstags war ein Film. Ein bleicher, dürrer Mann vom Personal schob einen Fernseher nach draußen, der der Staubschicht nach zu urteilen einige Jahre unberührt in einem kleinen, dunklen Raum gestanden hatte, und stöpselte ein paar Verlängerungskabel zusammen.

Dies war einige der wenigen Gelegenheiten, an denen wir anderes Personal als die Wirtsleute zu Gesicht bekamen. Der Mann verschwand sofort wieder, als er seine Arbeit erledigt hatte. Er hatte kein einziges Wort gesagt und die viel zu langen, wirren schwarzen Haare hatten einen Teil seines Gesichts verdeckt, sodass man keinerlei Rückschlüsse auf seine Identität hatte ziehen können. Wer waren die Leute, die hier arbeiteten? Geisteskranke? Vampire? Werwölfe? Gescheiterte Existenzen?
Es war beunruhigend, über das seltsame Personal nachzudenken. Ich beschloss, mich lieber dem Film zuzuwenden, was für ein Film das auch sein mochte.
»TECHNOLOGIE!«, schrie jemand ekstatisch, als der Fernseher sich tatsächlich einschalten ließ.
Der Fernseher stand auf einem Rollwagen, der mal weiß gewesen war und dem bleichen, dürren Mann einige Probleme bereitet hatte, ihn übers Gras zu bewegen. Auf einem Brett unter dem Fernseher befand sich ein Videorekorder, darauf eine vergilbte Gebrauchsanweisung und daneben einige Videokassetten in mit Filzstift beschrifteten und ansonsten anonymen Hüllen sowie vier verschiedene Fernbedienungen. Genau wie in der Schule.
Natürlich funktionierte nichts auf Anhieb, aber nachdem Frau Schmitt alle Kabel überprüft und vier Schüler mehrmals auf alle Knöpfe am Fernseher gedrückt hatten, flimmerte der Vorspann des Films ›Tier- und Pflanzenarten in deutschen Wäldern‹ über die Mattscheibe. Genau wie in der Schule. Da kam doch ein bisschen Heimatgefühl auf.
Das Heimatgefühl verstärkte sich, als das etwa 20 Jahre alte Bild in manchen Szenen streifig oder auch mal schwarzweiß wurde und der Film, der, wie uns im Abspann auffiel, ein Schulfilm war, sich als äußerst langweilig herausstellte. Außerdem waren die klapprigen Stühle, die wir aus dem Gemeinschaftsraum nach draußen gebracht hatten, nicht gerade bequem.
Trotz dieser ganz gewöhnlichen Widrigkeiten verbrachte die Klasse einen richtig entspannten Abend, der nach dem kurzen Naturfilm mit dem auf unerklärliche Weise ebenfalls vorhandenen ›Der weiße Hai‹ ausklang. Es sollte der letzte richtig entspannte Abend sein.

»Ich hab Hunger«, beschwerte sich Nadine um 1 Uhr nachts.

»Ich auch, aber hindere ich meine Freunde deswegen am Schlafen?«, zischte Marcella.
»Könntest du denn schlafen, wenn ich still wäre?«
»Grrrr.«
»Siehst du?«
Im schwachen Schein des Mondlichts, das durch das Fenster fiel (beziehungsweise durch das Loch in der Wand, das das Fenster hinterlassen hatte), konnte ich erahnen, wie Marcella sich aufsetzte und ihr Kissen in die Hand nahm. Wahrscheinlich, um Nadine damit zu ersticken.
Wir nächtigten auf dem Boden, da wir keinerlei Vertrauen mehr in das Mobiliar hatten. Das war nicht besonders bequem, und dazu kamen der obligatorische Hunger sowie die Nähe des stinkenden gelben Sessels. Es machte mich nachdenklich, dass meine Freunde sich aufgrund dieser Umstände gegenseitig mit Kissen ersticken wollten. Da musste man doch irgendwas dagegen unternehmen können.
Kurz bevor tatsächlich Handgreiflichkeiten stattgefunden hätten, fasste ich einen Plan. Einen Plan, der vermutlich nicht ganz ungefährlich war.
»Wie wär’s, wenn wir uns jetzt einfach was zu Essen holen?«, fragte ich in die Runde.
»Äh, und wo? Ach so, direkt gegenüber ist ja eine Frittenbude! Wie KONNTE ich das nur vergessen?!«, erwiderte Marcella und kam nun mir mit dem Kissen bedrohlich nahe.
»Vielleicht ist das Küchenfenster auf und wir können da reinklettern«, führte ich ganz sachlich aus. Dann wartete ich, bis die anderen fertig darüber nachgedacht hatten.
»Was, wenn uns jemand erwischt? Das wäre sicher sehr unschön«, gab Nadine zu bedenken.
»Niemand hat einen Grund, um diese Zeit in der Küche zu sein, oder?«, meinte Laura. »Also ich finde die Idee großartig.« Schon sprang sie auf und stapfte in Richtung Tür. Laura war in allem, was sie sagte und tat, sehr konsequent.
Unter einem Anflug von Vorfreude folgten wir ihr wenige Sekunden später.
Nachts über eine Wiese zu schleichen, um in eine Küche einzubrechen, und sich dabei nicht einmal (oder zumindest kaum) von herumschwirrenden Killerhornissen aufhalten zu lassen, das gibt einem den richtigen Adrenalinkick. Sollte jeder Mensch mal ausprobiert haben. (Die Hornissen sind dabei ganz wichtig, die dürfen auf keinen Fall fehlen.)
Die Küchenfenster an der Rückseite des Hauptgebäudes waren tatsächlich nur angelehnt, und ließen sich so weit öffnen, dass durchschnittlich große, ausgehungerte Sechzehnjährige hindurchpassten. Optimal. Wenn sie nicht offen gewesen wären, hätten wir vermutlich eins eingeschlagen, ganz leise versteht sich. So schoben wir also die Papiermülltonne, die von allen Mülltonnen am wenigsten gruselig aussah, unter eines der Fenster, stiegen eine nach der anderen hinauf, passierten elegant das Fenster und fanden uns in der Küche wieder.
Die Umgebung war nur schwach beleuchtet von einer trüben Glühbirne, die draußen bei den Mülltonnen hing. Wir wagten nicht, das Licht anzumachen. So weit ich es erkennen konnte, sah die Küche aus wie ein Ort ganz normaler Kantinenfraßzubereitung, und wahrscheinlich war es besser, wenn die Details weiterhin im Schatten verborgen blieben.
Nach dem ersten Überblick begannen wir, gewissenhaft und leise die Schränke und Schubladen nach roh essbaren oder mit einem Campingkocher zubereitbaren Sachen zu durchwühlen. Das Nahrungsangebot war auch in seinem gesamten Umfang nicht gerade riesig. Wir stellten eine Menge Doseneintopf und Reis sicher, dazu steinharte Brötchen und ein paar Äpfel, bei denen noch überprüft werden musste, ob sie bewohnt waren.
Mit dem, was wir hier erbeuteten, konnten wir problemlos den Rest der Woche überleben. Vielleicht sogar noch ein oder zwei Personen mehr. Das war zu schön, um wahr zu sein. Die Sache lief viel zu glatt. Ich erwartete, dass jeden Moment jemand die Tür aufstieß und herein sprang, um uns zu erwürgen.
»Fasst nicht die Bananen in dem Schrank hier an. Das ist echt nicht mehr schön«, sagte Nadine zu einem unbestimmten Zeitpunkt.
Also fasste niemand die Bananen an.
Als wir uns an die letzten beiden Schränke machen wollten, trat das Unvermeidliche ein.
Die Tür ging knirschend auf. Ganz professionell bewegten wir uns keinen weiteren Millimeter und hielten die Luft an. Vielleicht würde Wer-auch-immer-es-war uns nicht bemerken und wieder verschwinden.
Stattdessen schwenkte Wer-auch-immer-es-war seine oder ihre Taschenlampe durch den Raum, sodass der Lichtkegel auf uns, die Dosen, den Reis, die Brötchen und die Äpfel fiel. Überraschte Aufschreie ertönten, und da beschlossen wir, ein bisschen mitzuschreien.



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