Klassenfahrt | 3

Während des hysterischen Kreischens versuchte ich, die Personen – wahrscheinlich waren es zwei – zu identifizieren, doch die Taschenlampe blendete mich und die Gesichter lagen im Schatten verborgen. Dann drehten die Personen sich um, schienen flüchten zu wollen, doch dabei stießen sie zusammen und gingen zu Boden.
»Aua!«, rief eine Frau.
»Entschuldigung!«, sagte ein Mann.
Die Stimmen kamen wohl uns allen recht bekannt vor.
»Frau Schmitt? Herr Kulosik?«, fragte Marcella.
Statt einer Antwort sprangen die Gestalten auf, um wieder den Rückzug anzutreten, aber bevor sie sich darauf einigen konnten, in welche Richtung die klemmende Tür zu öffnen sei, erreichte Nadine den Lichtschalter.
Erschaudernd drehten sich die nun unvorteilhaft aber hell ausgeleuchteten Lehrkräfte mit ihren ebenfalls hell ausgeleuchteten großen Plastiktüten wieder um und starrten uns an wie das Kaninchen das auf es zu rasende Auto. Man konnte es förmlich hinter ihren Stirnen rattern sehen.
»Äääh«, sagte Frau Schmitt schließlich und richtete ihre Frisur. Ein paar Sekunden später fügte sie hinzu: »Was macht ihr denn hier?«
»Ach, so dies und das. Unser Überleben sichern unter anderem«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Das geht jetzt aber gar nicht. Ihr rennt mitten in der Nacht draußen rum. Und ihr seid in die Küche eingebrochen. Das wird Konsequenzen haben«, erwiderte Frau Schmitt mechanisch und immer noch sichtlich nachdenkend.
»Was machen Sie eigentlich hier?«, stellte Marcella die längst überfällige Gegenfrage.
Die Lehrerin verzog grübelnd das Gesicht und wich einen Schritt zurück, um noch mehr Abstand zwischen sich und uns zu bringen. Wir standen auf der anderen Raumseite, und wahrscheinlich hatte sie Angst, wir könnten sie beißen.
»Wir machen einen … Kontrollrundgang«, fiel ihr auf diesem sicheren Standpunkt ein. »Könnte ja jemand nachts in die Küche einbrechen.«
Ach so war das also. Ich mochte es, wenn Lehrer sich selbst zu Witzfiguren machten. Als nächstes kam Nadine zum Einsatz, die immer noch tendenziell in Vergessenheit geraten beim Lichtschalter stand, welcher der Tür bedrohlich nah war.
»Herr Kulosik, was ist das für eine Tüte?«, fragte sie voller Interesse und deutete auf Herr Kulosiks große Plastiktüte mit dem Schriftzug einer Kaufhauskette.
»Ich hab keine Tüte«, erwiderte Herr Kulosik, der es nicht gewohnt war, sich schlagfertige Antworten ausdenken zu müssen, erschrocken und versteckte die Tüte hinter seinem Rücken.
Wir legten alle ein schadenfrohes Grinsen auf unsere Gesichter und warteten.
Die beiden Lehrer wechselten resignierte Blicke.
»Also gut. Wir tun euch nichts, ihr verratet uns nicht«, schlug Frau Schmitt vor.
»Okay, Deal«, sagte ich freudestrahlend. »In dem Schrank da sind Konservendosen mit Gemüseeintopf«, empfahl Marcella, und wir begannen, unsere Beute aufzusammeln.
»Wie seid ihr eigentlich hier rein gekommen?«, erkundigte sich Frau Schmitt, während sie eine Gemüseeintopfkonserve inspizierte. »Wir haben bestimmt 20 Minuten vor der Tür gewartet, ob im Haus jemand unterwegs ist.«
»Durchs Fenster«, erwiderte ich scharf.
»Also, die Tür war auch auf«, meinte Herr Kulosik wenig hilfreich.
Nachdem wir alles aufgesammelt hatten, beobachteten wir die Autoritätspersonen noch ein bisschen beim Ausräumen der Schränke. Ich wollte definitiv nicht wissen, wie die bisherigen Gespräche mit den Wirtsleuten abgelaufen waren. Falls sie sich nach der Bratpfannen-Geschichte überhaupt noch einmal dorthin getraut hatten.
»Eigentlich«, sagte Frau Schmitt, »wollten wir auch noch was an die Wand sprühen. ›Geht besser mit euren Gästen um! – Gezeichnet Gott.‹ Weil wir dachten, hier oben sind alle Leute so gottesfürchtig, da würden die vielleicht drauf hören. Aber dann dachten wir, dass die bestimmt nicht glauben, dass Gott über Wandschmierereien kommuniziert, wenn er die Wahl hat. Außerdem hatten wir keine Spraydose.«
Damit waren ja alle Fragen geklärt.
»Cool«, sagten wir, »und guten Appetit«, und dann machten wir uns aus dem Staub. Durch die Tür, was recht angenehm war.
»Wenn Winter wäre, könnte Lauri mehr tragen«, maulte Laura, als sie auf der Flucht vor den Killerhornissen eine Dose fallen ließ und zurückrennen musste.

Wir kochten um halb 2 Uhr nachts in unserer Hütte gelbgrünen, matschigen Gemüseeintopf und verspeisten ihn genussvoll bis zum letzten Rest. Eine Sache, die man im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte normalerweise nicht tut. Klassenfahrten führen zu Extremsituationen.


6

Der Mittwoch begann wie der Dienstag, nur ohne Heuschrecken. Man braucht keine Heuschrecken für einen Entsetzensschrei, dafür reicht allein die Erkenntnis, schon wieder in einem Klassenfahrtscamp weitab der Zivilisation aufgewacht zu sein.
Ganz normal fanden die Tagesordnungspunkte Nummer 2 - gemeinschaftliches Duschen in einem nicht abschließbaren, nicht besonders einladenden Häuschen – und Nummer 3 - Trinkwasseraufbereitung - statt. Letzteres geschah inzwischen mit System: Die Leute stellten uns ihre mit Namen beschrifteten Flaschen vor die Hütte, wir füllten sie und stellten sie zur Abholung auf die andere Seite. Da inzwischen anscheinend die gesamte Klasse dem Spülwassertee den Rücken gekehrt hatte, artete das ganz schön in Arbeit aus, doch was tat man nicht alles für das Überleben der Leute, die einem vier Jahre lang täglich auf den Geist gegangen waren.
Es blieb nur zu hoffen, dass wir den Topf so ganz ohne Spülmittel so gründlich hatten säubern können, dass dem Wasser nun kein leichter Geschmack nach Gemüseeintopf anhaftete. Das hätte eventuell Fragen aufgeworfen.

Der Mittwoch war vielleicht dazu bestimmt, ein ganz guter Tag zu werden. Er war nämlich der Tag des Ausflugs in den nächsten Ort. Dieser Ort hatte eine Kirche, die aufgrund ihrer Architektur im Umkreis von 30 Kilometern sehr berühmt war.

Gerüchten zufolge hatte der Ort auch eine kleine Gaststätte, in der man zu Mittag essen und dabei satt werden konnte – falls sie tatsächlich existierte natürlich. Ich wusste nicht, woher die Leute, die darüber redeten, dieses Wissen hatten. Das Gehirn suggeriert einem zu seiner eigenen Sicherheit viele Dinge, wenn man gerade Brotkruste frühstückt, die aus nicht ersichtlichen Gründen vor dem Servieren erst eine Woche ruhen gelassen wurde.
Ich beobachtete möglichst unauffällig den Wirt, als er während des Frühstücks zwei verstaubte Bretterkisten mit den Lunchpaketen hereintrug und unsanft auf dem Ende des langen Tischs platzierte. Er schien keine Freude an dieser Arbeit zu haben, und warum er sie nicht dem lichtscheuen Personal auftrug, blieb ein Rätsel. Vielleicht wollte er sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, der Klasse und vor allem den Lehrern ein paar sehr böse Blicke zuzuwerfen. Das Fehlen einiger Vorräte in der Küche war wohl nicht unbemerkt geblieben, doch auf die genauen Schuldigen fehlte jeglicher Hinweis. Das machte den Wirt bestimmt noch wütender. Ich fragte mich in diesem Moment, über was er und die Wirtin sich so unterhielten, wenn sie abends zusammen vorm Fernseher saßen.
»So Kinder, der Bus der uns nach Waggershof bringt, kommt um Punkt 10 Uhr, also sollten wir um 9:30 Uhr zum Treffpunkt gehen«, verkündete Frau Schmitt nach dem Frühstück. Im Gegensatz zum Wirt ließ sie sich vom bisherigen Verlauf der Ereignisse rein gar nichts anmerken. »Bitte nehmt euch jetzt alle ein Lunchpaket und seid pünktlich da.«
Jeder nahm sich ein Lunchpaket, das jeweils aus einem steinharten Brötchen, einem Apfel, einer Banane, einem 0,1-Liter-Trinkpäckchen, das aussah als sei es in China gefertigt aber die Transportkosten nicht wert, einem No-Name-Schokoriegel und zwei in Folie eingeschweißten, beunruhigend knusprig wirkenden Brezeln bestand. Das Ganze war in diesen Plastikbeuteln für Obst aus dem Supermarkt verpackt. Ein ganz gewöhnliches Klassenfahrts-Lunchpaket also.
»Fasst bloß die Bananen nicht an«, sagte Nadine. »Das sind die von gestern Nacht.«
Die Warnung kam ein bisschen zu spät, denn Laura hatte ihr Lunchpaket genau an der Banane ergriffen, welche sich nun in glibberigen Matsch verwandelte.
»Ich hasse Bananen«, sprach Laura mit Grabesstimme. »Bananen sind definitiv keine Geschöpfe der Dunkelheit.«

»Uh… Können wir zu Fuß gehen oder so?«, fragte jemand, als der Bus ganz pünktlich an der Stelle am Waldrand eintraf, wo wir uns postiert hatten.

Die Aussicht, nach der Wanderung durch den Wald noch ein paar Kilometer querfeldein zu laufen, war eigentlich nicht besonders verlockend, aber andererseits war der Bus genau derselbe, der uns hergebracht hatte, und der Busfahrer ebenfalls. Der, der uns allen beinahe ein unschönes Ende im Straßengraben bereitet hatte.
Alle Blicke richteten sich gespannt auf die Lehrer, die auch ein bisschen skeptisch wirkten. Aber von unsicher aussehenden öffentlichen Verkehrsmitteln mit aggressiven Fahrern durfte man sich doch nicht die Tagesplanung durcheinander bringen lassen.
»Das wird schon gehen. Alle einsteigen!«, ordnete Frau Schmitt ungerührt an.
Ein bisschen zögernd fügte man sich diesem Schicksal. Es war doch nur eine kurze Strecke, was sollte da schon passieren?
Die Sitze fühlten sich trotz des warmen Wetters immer noch beunruhigend klamm an und die Fenster ließen sich nach wie vor nicht öffnen. Der Geruch von Erbrochenem war glücklicherweise trotzdem verschwunden.
Kaum hatte sich der Bus in Bewegung gesetzt, drehten sich Nadine und Marcella zu Laura und mir um und sahen auf eine angemessene Weise beunruhigt aus.
»Warum ist es wieder dieser Typ?«, fragte Marcella leise. »Müsste der jetzt nicht eine Langstreckenfahrt irgendwo ganz anders in Europa machen?«
Nadine blickte betont unauffällig nach vorne, um nach Anzeichen Ausschau zu halten, ob der Busfahrer uns eventuell mit seinen Augen am Hinterkopf beobachtete, dann meinte sie: »Vielleicht ist er ja immer in dieser Gegend unterwegs. Vielleicht ist er sogar speziell für uns eingeteilt. Das wäre doch möglich.«
»Vielleicht ist es einfach ein ganz großer Zufall«, schaltete sich Laura ein, damit unser Tagesbedarf an gruseligen Dingen schon um 10 Uhr morgens gedeckt war.
Wir steckten ihr die Kopfhörer in die Ohren und den Hut aufs Gesicht und beschlossen, dass es ganz gut war, die genauen Dienstpläne von Busgesellschaften nicht zu kennen.
Die Fahrt verlief so weit ganz ruhig, wenn man davon absah, dass der Busfahrer wieder zu Rauchen anfing und Herr Kulosik heftig anknurrte, als dieser ihn bat, es einzustellen. In anderen Dingen hatte er anscheinend dazugelernt, denn er verlor keineswegs die Kontrolle über das Fahrzeug.
Wie nett wäre es gewesen, jetzt nach Hause zu fahren, doch anstatt die verwaiste Landstraße mit einem aufsehenerregenden, hier selten zu bewundernden Straßenschild daneben zu erreichen, bogen wir kurz davor in einen weiteren holprigen Feldweg ein, der ziemlich bergauf ging und viele Kurven machte.
»Mir ist schlecht!«, rief der kleine Stefan.

Die Gruppe erreichte das Dorf unbeschadet. Man musste zugeben, dass Waggershof ein recht erfreulicher Anblick war, wenn man gefühlte 6 Jahre lang nur Blockhütten gesehen hatte. Hier gab es hübsches Fachwerk, eine richtige Straße aus makellosem Kopfsteinpflaster und in den meisten Häusern vermutlich sogar fließend Warmwasser. Wie unerträglich ich doch die Einöde gefunden hätte, wenn ich hier hätte Urlaub machen sollen. Unter den gegebenen Umständen allerdings war das ein Ausflug in die Zivilisation.

»Ist es hier nicht wunderschön?«, strahlte Frau Schmitt, kaum dass seit dem letzten Blick auf den zwielichtigen Busfahrer fünf Minuten vergangen waren. Ihr Wille war definitiv noch nicht gebrochen. »Da vorne ist auch schon die Kirche. Die sieht ja richtig malerisch aus vor dem bewaldeten Hang! Passt bei der Führung gut auf, dann lernt ihr viel über die Architektur des Barock.«
Wir setzten uns gleich in Bewegung. Um zur Kirche zu kommen, mussten wir den gesamten Ort durchqueren, das waren immerhin 300 Meter.
»Schaut euch DAS an!«, brüllte Kilian, der schon vorausgelaufen war. »Hier ist wirklich eine Gaststätte und sie hat heute sogar geöffnet!«
Das waren doch mal gute Neuigkeiten. Ich war fast schon fröhlich. Zumindest bis der Himmel sich bewölkte und ich bemerkte, dass gleichzeitig scheinbar sämtliche Dorfbewohner vor ihren Häusern erschienen waren oder hinter den Fenstern standen und uns auf sonderbare Weise anstarrten.


»Warum starren die so?«, fragte ich zaghaft in die Runde.
»Vielleicht sind es Zombies, die schon ewig keine frischen Gehirne mehr bekommen haben«, wisperte Laura, was die Situation nicht wesentlich verbesserte.
Man ging ein bisschen schneller, Hände krampften sich um Lunchpakete, sodass noch mehr Bananen ihr halbflüssiges Inneres offenbarten. Und in diesem idyllischen Bergdorf gab es nicht mal einen Penner, dem man das tropische Obst hätte spenden können.
»Es könnten auch Vampire sein«, sprach Laura kurz bevor wir die Kirche betraten. »Mit den modernen Sonnencremes Lichtschutzfaktor 50 können die auch tagsüber raus.«
Dieser Gedanke begleitete uns auf unvorteilhafte Weise in das alte Gemäuer, wenn es auch mehr die plötzliche Kälte war, die uns frösteln ließ.
Wir sammelten uns im Vorraum, die schwere Holztür fiel gespenstisch nachhallend ins Schloss. Eigentlich hätte uns an dieser Stelle jemand abholen sollen, doch kein Touristenführer war in Sicht. Die Tür auf der anderen Seite des Raums war in der oberen Hälfte trübe verglast und gab den Blick auf die Kirchenbänke und einen einigermaßen prächtig verzierten Altar frei.
»Jetzt haben wir die Hauptattraktion gesehen, da können wir doch wieder gehen, oder?«, sagte jemand halblaut und fing einen zurechtweisenden Blick von Frau Schmitt. Doch auch die Lehrer machten keinen all zu fröhlichen Eindruck mehr.
»Ah, ich habe Sie schon erwartet!«, erklang eine Stimme aus dem Nichts.
Eine kurze Massenpanik brach aus, bis alle registriert hatten, dass die Worte von einer kleinen, alten Frau mit riesiger Brille gekommen waren, die unbemerkt durch die halb verglaste Tür eingetreten war. Die Massenpanik setzte etwas unauffälliger wieder ein, als man den faszinierten Blick und das radioaktiv strahlende, kaffeeverfärbte Lächeln der kleinen, alten Frau bemerkte.
»Ich heiße Gudrun Bräunling und werde mit Ihnen die Führung durch die Kirche machen«, sprach sie übertrieben freundlich und als wäre sie gar nicht gruselig. Dabei schüttelte sie erst Frau Schmitts und dann Herr Kulosiks starre Hand, allerdings ohne sie anzuschauen. Ihr Blick wanderte unbeirrt und tendenziell blutgierig von einem Schüler zum anderen. »Das ist … schön«, sagte Herr Kulosik, um den Eindruck eines Dialogs zu erzeugen.
»Ihr seid bestimmt eine sehr wissbegierige Klasse«, vermutete die unheimliche Frau Bräunling, nachdem sie den Nährstoffgehalt jedes einzelnen Schülers genau abgeschätzt hatte. »Da wollen wir doch am besten gleich anfangen.«
Sie zog die Glastür auf und bat uns alle, hindurchzutreten. Vom Raum mit dem Altar schien nur das erste Drittel regelmäßig genutzt zu werden, über die restlichen Bänke und in allen Ecken spannten sich kunstvolle, unberührte Spinnennetze. Die Spinnennetze in Kombination mit der hinter uns zu fallenden Tür verursachten für einen Moment die eine oder andere beunruhigende Assoziation.
Frau Bräunling, das durch die Reihen laufende Schaudern gepflegt ignorierend, bewegte sich zielstrebig auf den Altar zu, wobei sie ein wenig hinkte, und beorderte uns mit unmissverständlichen Handbewegungen herbei.
»Kommt doch noch ein bisschen näher, dann muss ich nicht so schreien.«
Über den halben Meter, den die Gruppe daraufhin insgesamt näher rückte, schien sie sich außerordentlich zu freuen.
Der nun beginnende Vortrag wurde im fröhlichen Sendung-mit-der-Maus-Ton gehalten und wir erfuhren viel über die Erbauer der Kirche, den Altar, die Mosaikfenster und die vor sich hin modernden Heiligenfiguren, was wir zwei Minuten später wieder vergaßen. Die Hauptaufmerksamkeit lag ja auch darauf, hastige Bewegungen oder plötzlich ausklappende Reißzähne der alten Frau rechtzeitig zu erahnen.
»Und jetzt«, wurden wir durch einen veränderten Tonfall aufgeschreckt, »gehen wir in die Gruft!«
Niemand wollte in die Gruft. Nicht, so lange ungeklärt war, welcher Untoten-Spezies die Touristenführerin und die anderen Dorfbewohner angehörten. Ich fing einige panische Blicke auf, die ich nur zu gerne erwiderte.
»Unsere Gruft ist nichts Besonderes, wir haben hier nicht die Gebeine eines Heiligen oder solche Dinge«, erklärte Frau Bräunling vor der Treppe, »denn hier hat leider nie einer gelebt. In der Gruft wird nur Wein gelagert. Aber ich dachte mir, für euch junge Leute ist das trotzdem interessant, ihr mögt doch ein bisschen Grusel.«
Gruselig war vor allem, wie sie ›junge Leute‹ betonte.
Die Stufen nach unten waren schlecht beleuchtet und unverkennbar aus Naturstein, der mit den Jahrhunderten etwas an Stabilität verloren hatte. Unter diesen Bedingungen drängte sich der Gedanke auf, der im Keller gelagerte Wein sei nicht nur das Blut Christi, sondern vielmehr hausgemacht. Das behielt ich angesichts der guten Akustik dieser Räume aber lieber für mich.
»Da drüben ist der Raum mit den Weinfässern. Die lagern wir hier für das Gasthaus, weil dessen Keller nicht groß genug ist«, sprach Frau Bräunling und ließ uns einen Blick auf die Fässer werfen. »Die reichen ein ganzes Jahr lang – zumindest, wenn der Pfarrer sich nicht zu oft heimlich bedient.«
Wir lachten höflich und nervös.
»Ja, wisst ihr, einmal in einem ganz schlechten Jahr gab es in der Gaststätte zwei Wochen lang keinen Wein mehr, bevor der Lieferwagen kam. Und das mitten im Winter!« Wir lächelten voll Anerkennung darüber, dass das Dorf diese schwere Zeit überstanden hatte.
»Und hier drüben haben wir auch noch einen anderen Raum«, wurden wir weitergetrieben. »Der ist ungenutzt, da können wir alle zusammen rein gehen und uns umschauen. Ist das nicht faszinierend? So was sieht man in der Stadt bestimmt nie.«
So was musste man auch nicht sehen. Es war ein leerer, dunkler Kellerraum mit Steinboden, Steinwänden und Steindecke, in dem ein paar Spinnen ihr Dasein fristeten und in den eine kleine Schulklasse einigermaßen bequem hineinpasste. Der Raum mit den Weinfässern hatte wenigstens elektrisches Licht gehabt. Hier leuchtete Frau Bräunling mit einer alten Öllampe nacheinander alle Ecken aus. In Ecken mit Schülern verweilte sie am längsten, um diese gut anstarren zu können.
»Also, wie gesagt, wir haben hier keine berühmten Gebeine und der Raum ist ungenutzt, aber wenn doch mal jem…, äh, ein Heiliger stirbt, haben wir dann ja genug Platz.«
Sie strahlte über diesen großartigen Witz, doch niemandem war entgangen, dass sie zuerst ›jemand‹ statt ›ein Heiliger‹ hatte sagen wollen. Da half es auch nicht, dass sie jedem der schreckensstarren Gesichter ein freundliches Lächeln schenkte.
»Wir gehen dann mal wieder nach oben.«
Diese Ansage löste den Schock etwas, aber die verschärfte Aufmerksamkeit, mit der man die Umgebung und vor allem Frau Bräunling ununterbrochen observierte, blieb. Erst als wir vollzählig den oberen Treppenabsatz erreichten, erschien die Lebensgefahr ausgeräumt.
Unter den gegebenen Umständen fiel der Abschied sehr kurz aus, doch es wurden beim Verlassen der Kirche überraschend wenige Körperteile gegen Türrahmen gequetscht und fremde Füße betreten. Einmal, kurz bevor ich von einem unkontrolliert herumschleudernden Ellbogen am Kiefer getroffen wurde, blickte ich unauffällig zurück. War das wirklich Blutgier auf dem Gesicht der alten Frau oder doch eher schiere, überquellende Freude?

»So, jetzt setzen wir uns da auf die Bänke am Brunnen und essen unsere Lunchpakete!«, verkündete Frau Schmitt einige Meter von der Kirche entfernt den Plan für die Mittagszeit. Unwilliges Murren erklang von allen Seiten, man kannte ja das durchschnittliche Lunchpaket. Und dieses spezielle war sicher kein überdurchschnittliches. Natürlich soll man nicht wählerisch sein, wenn man kurz vor dem Hungertod steht (Es hatte ja nicht jeder um 2 Uhr nachts Gemüseeintopf gegessen, haha.), aber Lunchpakete führen zu Ausnahmesituationen.
»Können wir nicht stattdessen in die Gaststätte gehen?«, fasste Kilian schließlich den diffusen Protest der Masse in Worte. »Die, die die nette, alte Frau erwähnt hat. Ist doch auch eine Sehenswürdigkeit.«
»Nein, wir haben Lunchpakete, also werden auch die Lunchpakete gegessen«, stellte Frau Schmitt eiskalt klar. »Außerdem, ich geh doch nicht mit einer Klasse essen!« Herr Kulosik untermalte diese Worte visuell, in dem er zustimmend streng guckte.
Das unwillige Murren ging in leise brodelnden Hass über. Diese Schlacht war verloren, bei Frau Schmitt hieß Nein Nein. Wir stapften zurück zur Mitte des Dorfes, wo mitten auf der Straße ein dekorativer Brunnen mit kreisförmig drum herum angeordneten Bänken stand. So was konnte man hier guten Gewissens machen, ich hatte noch kein einziges Auto gesehen.
Trotz der absolut unumstößlichen Unbereitschaft der Lehrer, das örtliche Nahrungsangebot zu nutzen, drückten wir alle weiterhin auf sehr menschliche Weise unsere Verzweiflung über die Widerlichkeit und den geringen Nährstoffgehalt der Lunchpakete aus. Jammern, jammern, jammern.
»Warum müssen wir harte, trockene Brötchen essen?«
»Der Apfel besteht nur aus Druckstellen!«
»Dieses Trinkpäckchen schmeckt nach Plastik!«
»Die Schokoriegel sind abgelaufen – vor zwei Jahren!«
»Die Bananen sind nicht mehr matschig, die sind flüssig!«
Ungerührt kauten Frau Schmitt und Herr Kulosik an ihren eigenen Brötchen und Äpfeln, die sich nicht von denen in den anderen Lunchpaketen unterschieden. Wenn auch mit mäßigem Erfolg, denn beide hatten schon einige Dritte Zähne.
Dieses Verhalten machte uns noch wütender. Und die Dorfbewohner machte es anscheinend neugierig, denn sie waren wieder an die Fenster oder vor ihre Häuser getreten. Irgendetwas sagte mir, es sei nicht sehr empfehlenswert, unter den Augen dieses Publikums meine ungenießbare Banane einfach unter der Bank auszusetzen.
Nach einigen geschmacklich unschönen Minuten kamen die Zwillinge Tara und Tanita als Erste auf die Idee, die in Plastik eingeschweißten, wie in einem Feuer umgekommen aussehenden Brezeln zu probieren.
»Iiiih! Das ist ja noch grauenhafter als das andere Zeug!«, folgte sogleich die Reaktion.
»So stell ich mir asphaltiertes Pappmachée vor!«
So eine Beschreibung weckte natürlich neugieriges Interesse, und ein paar andere Leute bissen vorsichtig in eine Brezel. Ich konnte darauf verzichten, ich verließ mich ganz auf den ersten Testbericht.
»Uh ja. Wie jahrelang unter ’ner Matratze gelegen«, bestätigte Paul.
»Probieren Sie auch mal die Brezeln!«, rief Sara in Richtung der Lehrer. »Aber nicht runterschlucken!«
Zuerst schienen die beiden auch diese Beschwerde ignorieren zu wollen, dann nahmen sie sich der Sache doch an, und kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass das Zeug nicht mehr ganz frisch sein konnte.
»Also gut«, sagte Frau Schmitt nach kurzer Beratung, »wir gehen in die Gaststätte. Ihr habt ja hoffentlich alle Geld dabei.«
Anfänglicher Unglauben. Allmähliches Begreifen. Erleichterung. Freude. Jubel. Euphorie. Siegestaumel. Neuer Lebensmut.
»Wir kriegen richtiges Essen!«, kreischte Nadine mir ins Ohr, während sie mich freundschaftlich umarmend würgte. »Mit Kohlenhydraten und Eiweiß und Vitaminen!«
Fantastisch. Bevor mir einen Moment lang schwarz vor Augen wurde, sah ich sogar Laura glückselig strahlen, die von Jonas, welcher ganz zufällig in ihrer Nähe gewesen war, elegant im Kreis gewirbelt wurde.
»Auf geht’s«, kommandierte Frau Schmitt, nachdem sie die Überreste ihrer bescheidenen Vorspeise weggepackt hatte. Nichts in ihrer wie immer gefassten Miene oder im Tonfall wies darauf hin, dass sie darüber nachdachte, wie es wohl wäre, Schülern einfach mal öfters so einen Gefallen zu tun, aber in den letzten vier Jahren hatten wir gelernt, dass das nichts heißen musste. Trotz des Berufs war sie irgendwo noch Mensch geblieben.
Die Gaststätte lag, wie eigentlich alles in diesem Dorf, nur ein paar Schritte entfernt und wurde schnell von den ersten Hungrigen fröhlich schnatternd gestürmt. »Die machen heute ein verdammt gutes Geschäft«, kommentierte Marcella grinsend.
»Sogar ein noch besseres, als du dachtest«, meinte Laura, wieder in diesem beunruhigenden Ton. »Schaut mal ganz vorsichtig nach hinten.«
Anscheinend war das ganze Dorf spontan auf die Idee gekommen, mal wieder essen zu gehen. Und das lag vermutlich nicht an der besonders guten Qualität der Küche.


Der Raum der kleinen Gaststätte wurde wie die Kulisse eines schaurigen Theaterstücks innerhalb kürzester Zeit in einer minutiös ausgeübten Choreografie voll besetzt.
Alle verschreckten Schüler nahmen einer nach dem anderen an den beiden großen Tischen in der Mitte des Raums Platz, gefolgt von den beiden Lehrern, die sich am Kopfende des einen einfanden. Nach einer Kunstpause von etwa einer halben Minute traten in einer gleichmäßigen Reihe die Dorfbewohner ein, alles in allem etwas gemächlicher und hinkender, und besetzten unter den ungläubig-erfreuten Augen des Wirtes und der Kellnerinnen die kleineren Tische an den Wänden. Die mit alle dem nahezu gleichen faszinierten Ausdruck belegten Gesichter uns zugewandt, erstarrten sie in ihren Sitzpositionen.
Der nächste Aufzug dieses bizarren Balletts bestand darin, dass die zwei Kellnerinnen, jede eine Seite des Raums übernehmend, die Speisekarten gleichmäßig verteilten. Es war nicht für jeden Gast eine Speisekarte da, schließlich war es kein alltägliches Ereignis, dass so viele gebraucht wurden.
Das in unserer verzweifelten Lage paradiesische Nahrungsangebot verdrängte für einen Moment die bedrohliche Atmosphäre aus meinem Bewusstsein, aber die Bestellungsaufnahme durch die Kellnerinnen war wiederum eine Spur zu liebenswürdig und erfreut. Sie umrundeten dabei zuerst die Tische der Schüler, danach wendeten sie sich allen anderen Gästen zu.
Als sie in die Küche verschwunden waren, senkte sich eine angespannte, zentnerschwere Stille über die Szene. Ich wusste, es würde das längste Warten auf das Essen in einem Restaurant meines Lebens werden, und das nicht nur, weil die Küche definitiv nicht auf so viele Bestellungen auf einmal ausgelegt war.
Die Dorfbewohner starrten unbewegt und entrückt, die ausgestopften Tiere an den Wänden, die in dieser Gegend weit verbreitet zu sein schienen, starrten unbewegt und ausdruckslos, ich starrte konzentriert die Tiere an und mied die Dorfbewohner. Als ich an den Tieren beim besten Willen kein Detail mehr zum Betrachten finden konnte und registriert hatte, dass auch Frau Schmitt und Herr Kulosik sich unwohl fühlten und keine große Stütze waren, senkte ich meinen Blick wieder in Richtung der heimeligen roten Tischdecke in der gleichen heimeligen roten Farbe wie die Stuhlpolster und fing dabei Lauras ungewohnt besorgten Blick auf, die mir fast genauso starr wie die Dorfbewohner gegenüber saß.
Fragend legte ich den Kopf schief und hob die Augenbrauen.
»Dreh dich nicht um«, hauchte sie langsam und mit eindringlicher Mimik.
Dreh dich nicht um. Geh nicht an die Keksdose.
Ich saß mit dem Rücken zum Fenster, neben mir Nadine und Kilian, die es auch gehört hatten und sich nun ebenfalls umdrehten. Das Schlimme war nicht, dass einige unserer unheimlichen Beobachter anscheinend mit ihren Stühlen näher gerückt waren, sondern es ging darum, dass alle Dorfbewohner, die nicht mehr in die Gaststätte gepasst hatten, draußen vor dem Fenster standen und ebenfalls starrten. Ich wendete dem Fenster langsam und vorsichtig wieder meinen mit Gänsehaut bedeckten Rücken zu und probierte aus, wie weiß meine Knöchel hervortreten konnten, wenn ich mit den Händen die Tischplatte umklammerte. Das half mir ein bisschen, nach und nach wieder ruhiger zu atmen.
Plötzlich ertönte von der anderen Seite des Raums ein lautes Knarzen, gefolgt von einem schrillen Aufschrei. Dann schrieen noch zwei oder drei Leute, die der erste Schrei erschreckt hatte. Entsetzt und verstört wandten sich alle Anwesenden dem Ort des Geschehens zu.
Der erste Schrei war von der anderen Seite des Raumes gekommen, dort war eine kleine, alte Frau mit etwas verwuschelter Dauerwellenfrisur mit ihrem knarzenden Stuhl an Sara herangerückt, die sich daraufhin umgedreht und das verklärt lächelnde, neugierige Gesicht ein wenig zu nah vor sich gesehen hatte. Jetzt klammerte die etwas größere, stämmigere Sara sich heftig atmend und mit zugekniffenen Augen an die kleine Tanita, die ihr mit ebenfalls verstörtem Gesichtsausdruck den Rücken tätschelte, und die Oma mit dem knarzenden Stuhl guckte sehr bedröppelt.
»Tu-tut mir leid«, stammelte sie, nicht so ganz entschieden, ob sie zu Sara, der Mitte des Raums oder den anderen Personen an ihrem Tisch schauen sollte.
Die Mienen der übrigen Dorfbewohner hatten sich ebenfalls verändert. Manche wirkten verwirrt, andere nachdenklich und manche schuldbewusst.
Ich spürte einen Luftzug neben mir. Nadine war durchgedreht und aufgesprungen.
»Oh Gott! Was wollt ihr von uns? WAS?«, kreischte sie und überblickte mit weit aufgerissenen Augen die gesamte Runde.
Und einer nach dem anderen verloren die Dorfbewohner all ihre Bedrohlichkeit und Merkwürdigkeit und warfen sich gegenseitig verlegene Blicke zu. Nachdem eine kurze Zeit peinlich berührtes Schweigen erfolgt war und ich Nadine zurück auf ihren Stuhl gezerrt hatte, sagte ein Mann mit etwa drei Haaren auf dem Kopf: »Ja, ähm, also…«
»Wir wollten euch nicht erschrecken!«, fiel ein anderer ihm ins Wort.
»Wir sind nur so schrecklich neugierig, darum sind wir euch gefolgt!«, rief eine dicke Frau in einem gepunkteten Kleid.
»Weil … weil es ist nämlich so, wir haben hier so selten Besuch und erst recht keine jungen Leute!«, kam es aus einer Ecke des Raums.
»Bitte seid uns nicht böse!«
»Bitte geht jetzt nicht gleich weg!«
»Wir haben noch so viele Fragen!«
Treuherzige, flehende Blicke von allen Seiten. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Wenn man die Dorfbewohner genau und ohne panischen Tunnelblick betrachtete, offenbarte sich die etwas einseitige demografische Struktur dieses Ortes. Niemand von ihnen sah jünger aus als 50. Wir waren wahrhaftig außergewöhnlich und hochinteressant.
Noch etwas benebelt warfen wir den armen Leutchen das ein oder andere zaghafte Lächeln zu, um ihnen zu versichern, dass sie uns nicht völlig verschreckt hatten. Das munterte sie auf.
»Natürlich bleiben wir noch«, verkündete Frau Schmitt in ihrer freundlichsten Stimme. »Nun erzählen Sie doch mal, wie es dazu gekommen ist, dass hier gar keine jungen Leute wohnen.«
Ein Mann mit kariertem Hemd und Pfeife meldete sich als erster zu Wort.
»Also, wir haben alle Kinder und Enkelkinder«, sagte er zerknirscht. »Aber sie sind alle weggezogen, in die Stadt. Weil sie hier keine Perspektive haben. Und seit sie weg sind, ist es hier furchtbar trostlos und langweilig…«
»Die letzten, die gegangen sind, waren mein Sohn und die Tochter vom Pfarrer«, sagte die dicke Frau mit dem gepunkteten Kleid. »Das war vor vier Jahren. Sie haben eines Morgens das Auto vom Postboten geklaut und sind damit durchgebrannt. Obwohl sie gar nicht Autofahren konnten. Der Postbote saß hier fest, bis ihn am nächsten Morgen ein anderer abholen konnte. Er war sehr böse, als er eine Woche später eine Karte von den beiden aus Amsterdam zugestellt hat.«
»Und seitdem sind wir ganz alleine und es passiert einfach nichts mehr und wir kriegen überhaupt nichts mehr von der Welt mit!«, klagte jemand. »Wir können auch nicht wegziehen, wir würden doch in der Stadt, wo alles so modern ist, gar nicht mehr zurechtkommen…«
»Den Dorfschullehrer hat es besonders schlimm erwischt. Er trinkt sehr viel und manchmal finden wir ihn nachts im Brunnen, wie er traurige Lieder singt.«
Diese Geschichte erweichte auch die Härtesten unter uns und die Atmosphäre war gefüllt von Mitleid und Anteilnahme.
»Erzählt uns ein bisschen von euch, damit wir für die nächsten Wochen etwas haben, worüber wir reden können, ja?«, bat ein fast zahnloser kleiner Mann am Tisch hinter, der trotzdem ein freundliches, fast niedliches Lächeln zustande brachte.
Als der bittende Blick zu Kilian wanderte, sagte dieser: »Hmm, klar, machen wir. Und … holt doch ruhig auch noch die anderen rein.« Er schaute etwas verlegen zu mir und zu Jonas und zu anderen Leuten in der Nähe, um zu sehen, ob er mit diesem Vorschlag für uns alle sprach. Wir lächelten aufmunternd.
Also füllte sich die Gaststätte noch weiter und bald waren überall Gespräche im Gange. Die Kellnerinnen und der Wirt hatten Mühe, unsere nun nach und nach fertiggestellten Teller mit Schnitzeln und Steaks und Pizzas durch die Menge zu manövrieren, und als der letzte Gast bedient war, stellten sie sich auch irgendwo dazu und beteiligten sich an den Unterhaltungen.
Wir genossen das in Wirklichkeit eher mittelmäßige aber nach zwei Tagen Klassenfahrtscamp äußerst erfreuliche Essen und bescherten den Dorfbewohnern gleichzeitig ein paar Momente des Glücks, in denen wir von der Schule, unseren Hobbys, dem Stadtleben und den Möglichkeiten des Internets erzählten. Es wurde ungefähr der beste Teil der Klassenfahrt, auch weil uns die weitere architektonische Betrachtung des Dorfes in der sich nun erhebenden Mittagssonne erspart blieb, da Frau Schmitt es nicht übers Herz brachte, uns den putzigen alten Leuten schon nach dem Mittagessen zu entreißen.
Sie waren schon traurig genug, als wir sie gegen 17 Uhr in Richtung Bus verlassen mussten. Dankbar lächelnd für die Abwechslung folgten sie uns noch nach draußen und winkten. So etwas Rührendes hatte ich schon lange nicht mehr gesehen.

Da der Abschied sich etwas hingezogen hatte, kamen wir ein paar Minuten zu spät zum Bus. Der Busfahrer mit dem irren Blick und dem gepunkteten Hemd war nicht erfreut. Als Herr Kulosik als erster einstieg und ansetzte, sich für die Verspätung zu entschuldigen, wurde er laut angeknurrt und trollte sich verschreckt auf seinen Platz. Frau Schmitt schien dann auch nichts mehr dazu sagen zu wollen.

Die Fahrt über den holprigen, gewundenen Felsweg war unnötig schwungvoll. Busse sollten sich im Allgemeinen nicht in Kurven legen. Unsere Freude auf die Rückfahrt nach Hause wurde ein wenig getrübt. Nach einem besonders waghalsigen Manöver erklang ein bereits allseits bekannter Ruf.
»Mir ist schlecht!«, jammerte Stefan.
Frau Schmitt erfasste diesmal den Ernst der Lage und bat den Busfahrer höflich aber eindringlich, ein bisschen langsamer zu machen. Auch sie wurde durch ein gereiztes Knurren auf ihren Platz verwiesen und der Fahrstil blieb weiterhin unangenehm, was Stefan eine halbe Minute später erneut dazu veranlasste, sein Innerstes zu offenbaren.
»Ja toll, das haben Sie davon!«, rief Frau Schmitt, bevor sie aufsprang und zu Stefan wankte. Während sie noch lief, legte der Bus eine Vollbremsung hin, und nur durch ihre durch Yoga und Nordic Walking gestärkte Körperkoordination konnte sie sich noch an den Sitzen zur Rechten und zur Linken festhalten.
»Sind Sie denn völlig bescheuert?!«, brüllte Herr Kulosik, der für diesen besonderen Anlass seine Angststarre überwand, und sprang auf.
Der Busfahrer erhob sich ebenfalls, schubste den Lehrer zur Seite und stapfte auf Stefan und Frau Schmitt, die diesem den Rücken tätschelte, zu. Er gab einige laute, wüste Beleidigungen und Drohungen von sich, die nicht noch einmal wiedergegeben werden sollen. Sie führten dazu, dass Stefan immer kleiner wurde und sich an Frau Schmitt drängte, was die Peinlichkeit seiner Lage noch ein wenig vertiefte. Herr Kulosik kam ebenfalls nach hinten und verkündete seine Meinung.
»Na hören Sie mal, so können Sie doch nicht mit einem Kind umspringen! Und das wäre nicht passiert, wenn Sie Ihre Fahrweise ein bisschen angepasst hätten! Die ist sowieso mehr als fragwürdig! Was sollte die Vollbremsung? Wollen Sie uns eigentlich alle umbringen?!« Seine Stimme überschlug sich ein bisschen, aber er war wirklich ungewöhnlich autoritär.
Der Busfahrer ließ von Stefan ab, drehte sich um, um Herrn Kulosik etwas zu antworten, ließ es dann aber doch sein. Stattdessen veränderte sich sein Gesichtsausdruck auf die gruseligste Weise die möglich war. Er sah ganz ruhig und konzentriert aus.
»Das werdet ihr mir alle büßen«, zischte er, Herr Kulosik fixierend.
»Wollen Sie uns etwa drohen?«, entgegnete dieser, noch immer voller Kraft.
Der Busfahrer kehrte zu seinem alten, irren Blick zurück, schob sich knurrend an Herr Kulosik vorbei und nahm wieder den Platz auf dem Fahrersitz ein. Man beschloss, da nicht weiter vorzugehen, und war froh, nach einer nicht mehr ganz so rasanten Restfahrt wieder lebendig am Waldrand anzukommen, jedoch nicht ohne ein sehr, sehr beklemmendes Gefühl.


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[To be continued]