Explorer V | 1

Prolog

Kathleen Teri Peaks knallte die Wohnungstür hinter sich zu, schleppte sich zum Sofa, ließ sich darauf fallen und warf den Packen Zeitungen, den sie mitgebracht hatte, auf den Couchtisch. Etwas mehr als eine Minute musste sie erst mal um Atem ringen, denn neben der obligatorischen morgendlichen Runde um den Block war sie auch noch zum Kiosk und zurück gejoggt und hatte die 268 Stufen zu ihrer Wohnung im Eiltempo erklommen. Es war schon toll, im vierthöchsten Stock des drittteuersten Hochhauses in Chicago zu wohnen, aber es war immer wieder ein großes Ärgernis, wenn der Aufzug ausfiel. Allerdings sollte das nicht das größte Ärgernis des Tages sein.
Als sie sich erholt hatte, nahm Kathleen den Zeitungsstapel auf dem Couchtisch in Angriff. Sie hatte von jeder Tageszeitung ein Exemplar gekauft, weil sie darauf brannte, zu erfahren, was sie über das wahrscheinlich größte Ereignis des Jahres schrieben. Zuerst verschaffte sie sich einen Überblick über die Titelseiten der Zeitungen. Auf jeder prangte groß und in Farbe das gleiche Bild: Die neun Leute, die sie heute ins All schießen würden.
Das Bild war allerdings das einzige, was die Titel-Storys der verschiedenen Zeitungen gemeinsam hatten. Kathleen studierte alle Artikel, und was sie da zum großen Teil las, machte sie nicht glücklich. Dass die Meinungen der Zeitungen über die Mission sehr weit auseinander gingen, konnte man schon an den Schlagzeilen erkennen. Es ging von „Start wird 2 Milliarden Menschen an die Bildschirme fesseln“ über „Das nächste Kapitel der wohl größten Weltraum-Soap beginnt“ bis hin zu „Das sind die neu(e)n Lebensmüden“. Kathleens Miene verfinsterte sich, als sie den zugehörigen Artikel zur letzten Überschrift las. ‚Nichts wissen die, gar nichts!’, sagte sie zu sich selbst. ‚Die meisten von denen, die sich darüber lustig machen, waren niemals da draußen. Ich wünschte, die könnten wenigstens mal eine Umlaufbahn mitfliegen, dann wüssten sie, was dieser Job wirklich bedeutet.’
Es ging um die aktuelle Explorer-Mission, der inzwischen fünfte Teil des großen Weltraum-Erforschungs-Projekts. Darum hatte man auch den äußerst kreativen Namen „Explorer V“ ausgewählt. Der Grund, warum Kathleen Teri Peaks über den Spott der Tageszeitungen so aufgebracht war, war der, dass sie selbst tief in der Sache drinsteckte. Elf Jahre war es her, dass sie selbst Commander der ersten Explorer-Mission „Explorer I“ gewesen war. Und das war der Grund, warum sie sich diese Wohnung leisten konnte und warum sie zur Projektleitung der aktuellen Mission gehörte. Gut, dass der Rest der Projektleitung nicht sehen konnte, wie Kathleen jetzt alle Zeitungen zerriss und schreiend auf den Fetzen herumtrampelte.
„Guten Morgen, Kathy“, begrüßte sie ihr Lebensgefährte Daniel, der lässig im Türrahmen Richtung Flur lehnte. „Gibt’s schlechte Neuigkeiten? Oder ist der Kaffee alle?“
Wäre ihr Gesicht nicht schon tomatenrot gewesen, wäre es das spätestens jetzt geworden. Eine Frau in ihrer Position konnte sich solche Ausbrüche eigentlich nicht erlauben, denn wer wusste schon, wo die nächste Kamera einer Klatsch- und Tratschsendung durch die Lüfte schwebte. Erst vor wenigen Wochen hatte man den Gesundheitsminister dabei gefilmt, wie er eine fettige Pizza vom Pizza-Dienst gegessen hatte. Kathleen schob die Papierschnipsel so unauffällig wie möglich mit dem Fuß unter den Couchtisch und brachte ihre Frisur in Ordnung.
„Was schreiben sie denn wieder Schlimmes?“, fragte Daniel und kam näher, als er sicher war, dass Kathleen nicht mehr um sich schlug.
Sie lachte freudlos auf. „Viel Schwachsinn über Explorer V“, erklärte sie und begann, sein Hemd auf- und wieder richtig zuzuknöpfen. Irgendwie vergaß er jeden Morgen den vierten Knopf von oben, was aber glücklicherweise schon seine größte Macke war. „Hier, die ‚Worldnews’ schreibt zum Beispiel, dass die Raumflotte das nur machen würde, weil ihr nichts Neues einfiele und dieses Schundblatt hier…“ Sie fischte einen der größten Fetzen unter dem Tisch hervor und hielt ihn in die Höhe. „Dieses Schundblatt schlägt vor, das Geld lieber in ein neues Klopapier-Museum zu investieren. Meinst du, ich sollte versuchen, die zu verklagen?“
„Trink erst mal ’nen Kaffee“, meinte Daniel mitfühlend. „Dann sieht die Welt bestimmt gleich ganz anders aus.“
„Kaffee ist alle“, sagte Kathleen und zog geistesgegenwärtig eine unscheinbare, handliche Laserpistole aus dem Blumentopf neben dem Fenster, um eine davor herumschwirrende Fernsehkamera abzuschießen.

Eine halbe Stunde später war sie auf dem Weg zur Arbeit, und zwar zu Fuß. Vor ein paar Jahren hätten sämtliche Menschen und andere Leute, denen sie über den Weg lief, sie um ein Autogramm angebettelt oder sie entführt. Aber die Zeiten waren vorbei, der Weltraum-Wahn hatte etwa dann aufgehört, als die Einwohnerzahl der größten Stadt auf dem Mars die Zweitausender-Marke erreicht hatte. Es gab einfach nichts Neues mehr zu entdecken, zumindest glaubten das viele. Das war nicht wahr, man hatte schließlich gerade mal zehn Prozent der Milchstraße erforscht, an andere Galaxien war gar nicht zu denken. Und alle wollten schon aufgeben und sich wieder auf ihrem mickrigen, blaugrauen, ausgelaugten Planeten einigeln? Nicht zu fassen, fand Kathleen. Was wohl die Leute auf Taretia, Meku und den ganzen anderen Planeten, mit deren Bewohnern die Terraner inzwischen Freundschaft geschlossen hatten, darüber dachten?
Eine Gruppe von Menschen und Außerirdischen, die alle sehr betrunken zu sein schienen, überquerten laut singend und Schilder schwenkend die Straße. Auf den Schildern standen Sachen wie ‚12. 10. 2104 – Ein neues Datum für die Geschichtsbücher’ oder ‚Weg mit der 42-Lichtjahre-Grenze!’. Auf einem war das in allen Zeitungen erschienene Foto aufgeklebt und darüber stand ‚Unsere Helden’.
‚Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung’, dachte Kathleen und wünschte der Prozession einen schönen Tag.

1

Roger Owen bedachte das Foto an der Wand mit einem verächtlichen Blick, was er fast immer tat, wenn er es sah. Es war das Foto, das am 12. 10. in allen Tageszeitungen und in jeder Nachrichtensendung aufgetaucht war, und er mochte es nicht. Das lag zum einen daran, dass sie darauf alle bescheuert in die Kamera grinsten, aber viel schlimmer war, dass er selbst etwas Grünes zwischen den Zähnen hatte. Roger hatte keinen einzigen Artikel aus den Tageszeitungen gelesen und er wusste auch nicht, was im Moment auf der Erde los war, aber irgendwie hatte er den Verdacht, dass sich gerade die ganze Welt über ihn lustig machte. Optimale Beschaffenheiten für den Commander des momentan modernsten Raumschiffs innerhalb der 42-Lichtjahre-Kugel.
Wieder einmal fragte er sich, warum er das Bild nicht einfach abhängte. Irgendwas hinderte ihn daran, aber er kam einfach nicht drauf. Vielleicht lag es ja daran, dass er ein unheimlicher Sturkopf war und dem blöden Bild diesen Sieg nicht gönnen wollte. Genau, das musste es sein. Aber zugegeben hätte er das niemals.
Nachdem er dem Foto lange genug tiefste Verachtung entgegengebracht hatte, ging er ins Bad, um sich über sein Spiegelbild aufzuregen. Ihm blickte ein stirnrunzelndes, unrasiertes Gesicht entgegen, über dem ein mit widerlichen grauen Strähnen durchzogener brauner Haarschopf in alle Richtungen abstand. Die Frisur ließ sich mit Kamm und Wasser in Ordnung bringen, aber die grauen Strähnen, die Roger zusammen mit den durch das viele Stirnrunzeln entstandenen Falten viel älter aussehen ließen, als er war, blieben. Er war zu eitel, um sie zu akzeptieren, und zu stolz, um sie zu überfärben. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich über sie aufzuregen. Auch gut.
Ein paar Sekunden später hatte er sein Spiegelbild lange genug böse angeguckt, und seine Miene hellte sich auf. Wenn man, so hatte er vor ein paar Jahren gelesen, seine negativen Emotionen morgens und abends irgendwo ablud (möglichst, ohne dass jemand anders zu Schaden kam), konnte man viel zufriedener durch den Tag gehen beziehungsweise besser schlafen. Und, oh Wunder, es funktionierte. Vielleicht war Roger auch ein bisschen verrückt, aber wenn jemand ihn auf dieses Thema ansprach, fragte er sein Gegenüber immer, was es so für Sachen tat, wenn es allein zu Hause war.

Leichtfüßig schritt der Commander durch die Korridore des Raumschiffs Explorer V, das er seit etwas mehr als zwei Wochen sein vorübergehendes Zuhause nannte; man sah ihm absolut nicht an, was er vor dreieinhalb Minuten getan hatte. Schließlich war er an diesem Tag noch zufriedener als sonst, weil etwas wirklich Großes bevorstand…
Der Lift zur Kommandobrücke gab ein melodisches Surren von sich, als die Tür aufglitt. Er war der einzige Weg dorthin, wenn man mal von einer hinter der Wand verborgenen, unangenehm schmalen Leiter zwischen einer Menge Kabeln und Leitungen absah, denn die Brücke war der einzige Raum des obersten Decks. Manchen Leuten bereitete es Schwierigkeiten, sich in einem Raum ohne Türen aufzuhalten, aber dafür gab es natürlich spezielle Trainingskurse.
Das Raumschiff bestand aus vier Decks, war also relativ klein, und die Besatzung bestand aus neun Personen, was auch ziemlich mickrig war. Natürlich gab es dafür einen Grund, und zwar den, dass diese Personen mindestens geschlagene zehn Monate miteinander zu verbringen hatten, auf diesen Zeitraum war die Mission nämlich in etwa ausgelegt. Die Aufgabe dieser Mission war eher unspektakulär, sie bestand darin, einfach ein bisschen durch die Gegend zu fliegen, fremde Sonnensysteme zu erforschen und die gesammelten Daten zur Erde zu schicken. Allein die neun Personen an Bord fanden gar nichts Unspektakuläres daran, denn sie würden die Ersten sein, die die 42-Lichtjahre-Kugel in Richtung Galaktisch-West verließen. Und zwar noch an diesem Tag.

Bevor Roger den Lift verließ, setzte er sein charmantestes Lächeln auf, damit die anderen auch alle gute Laune bekamen.
„Guten Morgen, Commander. Du bist 49 Sekunden zu spät“, strahlte Marilyn Hitch, die Pilotin, ihn an. Mit 19 Jahren war sie mit Abstand die Jüngste im Team. Die Raumflotte hatte eine große Auswahl an erfahreneren Piloten gehabt, aber die hatten alle ungeheuer kostspielige Gegenleistungen wie lebenslange Befreiung von der Steuer oder die Fidschiinseln gefordert. So lief das eben.
„Ich werde im Logbuch vermerken, dass ihr 49 Sekunden lang ohne mich die Stellung gehalten habt, ohne dass das Schiff in die Luft geflogen ist. Zurück auf der Erde werdet ihr alle eine Tapferkeitsmedaille bekommen“, witzelte Roger und die anderen anwesenden Crewmitglieder reckten übertrieben eingebildet die Nasen gen Himmel, welcher nicht vorhanden war, weil sie sich in einem Raumschiff befanden.
„So, wo das jetzt geklärt ist, können wir ja an die Arbeit gehen“, stellte Roger fest und setzte sich elegant auf den Kommandantensessel. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse letzte Nacht?“
„Keine“, antwortete Jenikk, der grünere der beiden Außerirdischen, die mit von der Partie waren, an der Sensorenkontrolle. Es sah immer lustig aus, wenn er sich umdrehte, und die blinkenden Lichter hinter ihm durch seine abstehenden Ohren hindurchschimmerten. Eine weitere Besonderheit war seine ausgeprägte Leidenschaft für Teppiche, weswegen der ganze Boden seiner Kabine damit bedeckt war. „Obwohl… Da wäre doch etwas. Die Kaffeemaschine ist kaputt.“
„Och nö“, sagten alle, die nicht bei der Nachtschicht dabei gewesen waren, im Chor. Es war immer sehr ärgerlich, wenn es keinen Kaffee gab, denn der war unbedingt nötig, um sich vor allem nachts bei der (in insgesamt etwa 90% der Zeit langweiligen) Arbeit wach zu halten. Und die Kaffeemaschine, ein billiges Fabrikat aus Osteuropa zum Schleuderpreis, ging ständig kaputt.
„Dann sollte einer von euch gleich mal beim Maschinenraum vorbeischauen und Siska fragen, ob sie das repariert“, sagte Roger zu Jenikk und Marilyn, deren Schicht jetzt zu Ende war.
„Kannst du das übernehmen, Mary?“, bat Jenikk die Pilotin, als sie vor der Tür des Lifts standen.
„Nur, weil sie letztes Mal mit einem Schraubenzieher nach dir geworfen hat?“
„Ja, genau.“
„Meinetwegen, aber wenn du mich noch einmal ‚Mary’ nennst, machst du das für den Rest des Fluges. Ich heiße Hitch.“ 
Der Hauptreaktor strahlte eine behagliche Wärme aus, Boden und Wände vibrierten sanft im Einklang mit dem tiefen, fast nicht mehr wahrnehmbaren Brummen, das von überall zu kommen schien. Alles zusammen erzielte eine einlullende Wirkung, der man sich unmöglich entziehen konnte, vor allem, wenn man ihr acht Stunden Nachtschicht lang vollkommen einsam und allein ausgesetzt war.
‚Nur ein paar Minuten dösen’, sagte Chayenne zu sich selbst und sank auf den Boden des Maschinenraums. Sofort fielen ihr die Augen zu und… Halt. Das sehr unsanfte Geräusch einer fast gewalttätig aufgestoßenen Tür ließ sie aufschrecken.
„Hallo Sis. Gut geschlafen?“, fragte sie freundlich die Person, die die Tür nun ebenso gewalttätig hinter sich zuknallte, wie sie sie aufgestoßen hatte, und rappelte sich so elegant wie möglich wieder auf.
„Schlechten Morgen. Möge deiner so schrecklich sein wie meiner.“ So oder so ähnlich begrüßte Siska, die „Obermaschinenmalträtiererin“, wie sie sich selbst nannte, jeden, der ihr begegnete. Alle Leute, die ihr bereits begegnet waren, hielten sie für ein winziges bisschen zu trübsinnig, sie selbst zählte sich zu den wenigen Erleuchteten im Universum. Die eben schon angesprochenen Leute verzichteten meistens dankend auf eine Erklärung.
„Hey, hast du heute gute Laune? Sonst bezeichnest du deinen Morgen immer als grässlich, grauenvoll oder widerlich“, versuchte Chayenne davon abzulenken, dass sie fast auf dem Boden eingeschlafen war.
„Dein Bett wartet auf Gesellschaft.“ Ein schelmisches Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Siska hatte einen Witz gemacht, ohne dabei fröhlich zu klingen. Sie war stolz auf sich.
Chayenne hielt den Witz gleichzeitig für einen guten Ratschlag und machte sich auf den Weg zu ihrer Kabine. Sie erschauderte kurz, als sie auf den Gang hinaustrat, denn sie hatte es mit einem Temperaturunterschied von vier bis fünf Grad Celsius zu tun. Der Maschinenraum war mit Abstand der Ort, den sie am meisten mochte, weil es dort am wärmsten war, darum übernahm sie auch sämtliche Nachtschichten dort. Sie kam von einem etwa sechs Lichtjahre von der Erde entfernten Wüsten- und Steppenplaneten, Taretia, deshalb empfand sie das eher auf menschliche Besatzungsmitglieder ausgelegte Klima im Raumschiff als etwas kühl. Aber damit ließ sich leben.
Kaum war Chayenne drei Schritte gegangen, ertönte aus dem Maschinenraum einer der eher sanfteren Songs der Heavy-Metal-Band „Life is Shit“, wobei „sanft“ bedeutete, dass man ihn nur auf diesem Deck hören konnte. Wenn man Siska näher kannte, was Chayenne tat, und sie waren die einzigen beiden Crewmitglieder, die sich bis ein paar Wochen vor der Mission schon mal begegnet waren, dann war sie eigentlich eine ganz symphatische Person, und außerdem hatte doch jeder irgendeine Macke, oder etwa nicht?
Beim intensiven Versuch, den Text des Songs unter den ganzen zersplitternden Gitarren und dem arg strapazierten Schlagzeug zu verstehen, stieß Chayenne fast mit Marilyn Hitch, einer der wenigen Personen im Universum, die lieber mit ihrem Nachnamen angesprochen werden wollten, und die gerade sehr plötzlich um die Ecke gekommen war, zusammen. An ihrem Gesichtsausdruck konnte man gut erkennen, zu wem sie unterwegs war.
„Sag ihr, sie soll die Musik leiser stellen!“, rief Chayenne über ein paar explodierende Autos im Hintergrund hinweg.
„WIE BITTE?!“
„MUSIK LEISER!!!“ Chayenne fummelte an einer imaginären Stereoanlage herum.
„ICH VERSTEHE KEIN WORT, DIE MUSIK IST ZU LAUT!“

Als Chayenne in ihrer Kabine ankam, war sie natürlich wieder putzmunter und konnte nicht mal ans Schlafen denken. Musste ja so kommen.
Die Musik aus dem Maschinenraum war durch den Boden, der etwas schalldichter war als die Wände, nicht mehr zu hören, also warf Chayenne ihre eigene Stereoanlage an und legte eine CD, die sie auf der Erde gekauft hatte, ein. Sie hatte sie schon ein Dutzend Mal gehört, aber sie konnte nicht genug kriegen von italienischer Pop-Musik aus dem frühen 21. Jahrhundert, auch wenn Eros Ramazzotti und Konsorten schon ein paar Jährchen die Radieschen von unten betrachteten. An Bord war auch ein Italiener, aber der konnte nicht singen.
Dazu ein paar Granitbröckchen als Snack, und schon klang selbst der schlechteste Tag stimmungsvoll aus, wobei es egal war, dass die Uhr etwa 8:10 Uhr morgens anzeigte. Der Stein knirschte angenehm zwischen den Zähnen, die aus dem zweithärtesten Material der bekannten Galaxis bestanden, und besaß ein Aroma, das leicht an saftige Bergwiesen erinnerte. Menschen und andere Leute wurden oft nervös, wenn sie Taretianer Sachen essen sahen, aus denen normalerweise Häuser gebaut wurden. Das Argument „Wir töten wenigstens keine Tiere und Pflanzen, nur um satt zu werden“ verbesserte die Situation meistens auch nicht.
Gegen Ende des vierten Songs kündigte sich ein Anflug von Melancholie an. Sie nahm das Foto aus der Nachttischschublade, das ihren Verlobten Baran vor seinem Haus zeigte, und betrachtete es eingehend. Wie viel lieber hätte sie jetzt mit ihm auf der Terrasse gefrühstückt, als unter künstlichem Licht in einem 24-Quadratmeter-Raum auf einem geschmacklosen royalblauen Teppich zu kauern. Sie war schon ein paar Jährchen glücklich mit ihm und sie hatten eigentlich noch in diesem Jahr heiraten wollen, wäre da nicht Explorer V dazwischen gekommen.
Einmal mehr fragte Chayenne sich, was sie eigentlich 50 Lichtjahre, Tendenz steigend, entfernt von ihrem Leben machte. Wahrscheinlich lag’s daran, dass sie für alle Zeiten ausgesorgt hatte, wenn sie lebendig zurückkam, was auch nicht selbstverständlich war, wenn man die Statistiken betrachtete. Vielleicht war auch genau das der Grund. Geschichten von raumfahrenden fleischfressenden Pflanzen und explodierenden Sonnen, die man seinen Enkeln erzählen konnte. Träumte nicht jeder von so was?
Die Bordsprechanlage knackte und gleich darauf verkündete die Stimme des Commanders, dass alle bitteschön ihre Uniformen anziehen und auf die Brücke kommen sollten, und zwar zack zack.
Die Uniform bestand aus einer langweiligen grauen Jacke und einer langweiligen schwarzen Hose, und niemand mochte sie. Die Köpfe der Raumflotte sowie die Projektleitung dieser Mission waren der Meinung, Uniform würde wie das gegenseitige Duzen das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Crew stärken, und bei so einer kleinen wie auf diesem Raumschiff wäre das besonders wichtig. Der Commander war der Meinung, die gut sichtbaren Rangabzeichen auf der Jacke würden schnell eine „Ich-Chef-du-nix“- Mentalität auslösen und damit genau das Gegenteil bewirken. Da, wie schon erwähnt, niemand die Uniform mochte, weil sie so langweilig war, gaben alle Roger Owen eifrig Recht und zogen normale Sachen an.
Das Problem war nur, dass sich, so wie jetzt, ab und zu und ganz unangemeldet die Projektleitung von der Erde meldete, die natürlich von all dem nichts wissen durfte und so immer gut gelaunte, uniformierte Raumfahrer auf den Bildschirm bekam.

Als 89 Sekunden später alles seinen Platz und den richtigen Gesichtsausdruck hatte, gab Roger Björn, dem Typ an der Kommunikationskonsole, ein Zeichen, die Funkverbindung aufzubauen.
Zehn Sekunden später kamen die ersten Bilder von einem freundlich ausgeleuchteten Büro gut 40 Lichtjahre entfernt an und ersetzten die Aufnahmen einer der Außenkameras auf dem Frontbildschirm.
„Hallo Explorer V, hier spricht die Erde“, begrüßte das überlebensgroße Gesicht von Admiral Peaks die Leute auf dem gut 40 Lichtjahre entfernten Raumschiff. Neben ihr drängten sich links und rechts noch zwei andere Hohe Tiere ins Bild.
„Hallo Erde, gibt es Neuigkeiten?“, erkundigte sich Roger und wartete geduldig zehn Sekunden auf die Antwort. Je weiter sie flogen, desto länger brauchten die Signale bis zur Erde und desto schwieriger wurde es, ein vernünftiges Gespräch zu führen.
„Das wollten wir eigentlich euch fragen“, meinte Admiral Peaks. „Laut unseren Berechnungen dauert es noch etwa 20 Minuten, bis ihr unbekannten Raum erreicht.“
„Hm, wir sind hier der Meinung, dass es noch über zehn Stunden sind. Der neue Antrieb scheint doch nicht so viel zu taugen, wie gedacht“, erwiderte Roger.
Die Reaktion bestand aus langen Gesichtern. „Dann ist es ja bei uns hier vier Uhr nachts!“, klagte der Admiral mit der Halbglatze rechts im Bild.
„Keine Angst, wir schicken euch ein Video“, tröstete Roger seine Gesprächspartner voller Anteilnahme.
„Na ja, dann viel Spaß“, sagte Admiral Peaks. „Genießt es, ihr seid die Ersten, die in diese Richtung die Kugel verlassen. Wir rufen dann morgen wieder an.“
„Auf Wiedersehen!“, antworteten die Besatzungsmitglieder der Explorer V im Chor und die Verbindung wurde beendet.
Endlich mal ein Gespräch, das gut ausgegangen war. Es war viel schöner, etwas zu tun, was noch keiner getan hatte, wenn einem dabei niemand über die Schulter schaute.
„Kann ich jetzt aufhören zu grinsen und weiter die Kaffeemaschine quälen?“, fragte Siska. „Ich hab schon ’nen Krampf im Gesicht!“

Und dann, gegen halb sieben, war es endlich so weit. Wieder waren alle Mann auf der Brücke, allerdings ausgeschlafen und bis zum Zerreißen gespannt. Sie hatten sich nicht einigen können, ob sie die Grenze so langsam und andächtig wie möglich oder mit Höchstgeschwindigkeit überfliegen wollten, deswegen hatte eine Münze entschieden.
Das Raumschiff erreichte nun das lockere Netz aus Warnbojen, das die 42-Lichtjahre-Kugel umspannte. Eine der Warnbojen sendete einen automatischen Funkspruch: „Achtung, Achtung, Sie sind im Begriff, bekannten Raum zu verlassen. Wenn Sie weiterfliegen, handeln Sie auf eigene Verantwortung und alle Ihre Versicherungen werden unwirksam, bis Sie wieder in den bekannten Raum zurückkehren. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.“
Die Boje wollte ihren Funkspruch wiederholen, wurde aber abgewürgt, weil keinen interessierte, was sie zu sagen hatte. Sie hatten schließlich den Auftrag, die Grenze zu überschreiten.
Nur noch ein paar Hundert Kilometer.
„Hau den Turbogang rein, Hitch“, befahl der Commander. „Volle Kraft voraus!“
Das Raumschiff machte einen Satz nach vorne und ließ die Warnbojen, die ziemlich überrascht gewesen wären, wenn es sie interessiert hätte, wie Leute auf ihre Warnungen reagierten, hinter sich.
Im Inneren des Raumschiffs war die Stimmung auf einmal sehr ausgelassen, alle klatschten und freuten sich (beziehungsweise taten so, als ob sie sich freuten und warfen aus diesem Anlass ein paar Plastikkaffeetassen durch die Gegend, denn die nicht reparierbare Kaffeemaschine brauchte sie sowieso nicht mehr). So fühlte es sich also an, wenn man Gebiet erreichte, wo noch kein Mensch je zuvor gewesen war. Irgendwen erinnerte das an eine sehr populäre Science-Fiction-Serie aus dem 20. Jahrhundert, aber weil das nichts zur Sache tat, blieb der Gedanke unausgesprochen.
Nachdem Roger nur knapp einer herumfliegenden Plastikkaffeetasse ausgewichen war, verkündete er, worauf alle schon den ganzen Tag gewartet hatten: „So, zur Feier des Tages gibt’s jetzt Sekt. Wer holt ein paar Flaschen aus Lagerraum 2?“ Es mangelte nicht an Freiwilligen.

Die Enttäuschung darüber, dass der Sekt noch im Raumdock von irgendwelchen Lagerarbeitern geklaut worden war und es deswegen wieder nur Kaffee gegeben hatte, war bereits am nächsten Tag vergessen, denn es gab ja so viel Aufregendes zu entdecken.
Die Sensoren liefen auf Hochtouren und die Besatzung wertete am laufenden Band Daten aus, dass es eine Freude war. Bald war ein interessanter Kurs berechnet, der das Raumschiff an vielen, so weit das zu erkennen war, möglicherweise bewohnten Systemen vorbeiführen würde. Das von der Bugkamera aufgenommene Video für die Menschen auf der Erde war dort angekommen, und Admiral Peaks hatte versichert, dass der ganze Planet vor Aufregung bebte. Dass das nicht ganz stimmte, brauchten die Raumfahrer ja nicht zu wissen.
Inzwischen betrug die Zeitverzögerung bei der Kommunikation mit der Erde schon elf Sekunden und der Empfang wurde langsam schlechter. Es war Zeit, die erste Relaisstation abzusetzen und zu hoffen, dass niemand sie mitgehen ließ.
Die Relaisstation aus dem Schiff herauszubekommen, war relativ einfach. Man schaltete sie ein, und dann trugen Paolo Bonomi, der Italiener, der nicht singen konnte, und Takeru Yamao, der einzige Mensch mit vollständigem Medizinstudium, der sich für die Mission begeistern lassen hatte, das nicht besonders große Gerät zur Luftschleuse, von wo aus es einfach in das Vakuum des Weltraums gesaugt wurde. Nach einem geglückten Testanruf in Chicago setzte das Raumschiff seinen Weg fort. Es war doch immer schön, wenn etwas reibungslos funktionierte.
„Ich frage mich, wann wir hier die ersten paar Leute treffen“, meinte Roger irgendwann in der nächsten halben Stunde nachdenklich.
„Dauert bestimmt nicht mehr lange“, erwiderte Faye van Seville, eine Blondine, die angeblich durch Telekinese leere Tassen schweben lassen konnte und von der niemand so genau wusste, warum sie eigentlich dabei war. Na ja, es gab bestimmt jemanden, der das wusste, aber der war definitiv nicht an Bord.
„Ähm, Commander, du glaubst vielleicht, dass ich dich jetzt verarsche, aber ich hab hier ein Schiff auf den Sensoren, das sich mit hoher Geschwindigkeit nähert“, stellte Paolo, der momentan an der Sensorenkontrolle saß, fest. „Ich leg’s mal auf den Bildschirm.“ Irgendwie erinnerte das Raumschiff an einen etwas pummeligen Tropenfisch.


2


„Wie groß? Besatzung?“, fragte Roger gespannt.
„Klein, sehr klein. Lebenszeichen kann ich noch nicht entdecken“, antwortete Paolo. Nach ein paar Sekunden fügte er hinzu: „Okay, jetzt kommt was rein. Nur eine Person ist an Bord.“
„Er hat eine Nachricht geschickt“, meldete Chayenne, die für diese Schicht den Platz an der Kommunikations-Konsole eingenommen hatte, gleich darauf. „Schon mal ein gutes Zeichen, was?“
„Nicht zu voreilig. Lass hören.“
Während der Funkspruch durch die Übersetzungsmatrix ratterte, was ärgerlich viel Strom kostete, schloss das fremde Raumschiff auf 800 Meter auf und hielt dort die Position. Ein weiteres Zeichen dafür, dass der Pilot nicht auf Ärger aus war.
Schließlich war der Übersetzungsvorgang vollständig und eine akzentfreie aber arg piepsige Stimme begann zu sprechen.
„Seien Sie gegrüßt, Fremde! Ich hab nicht die geringste Ahnung, ob Sie mich verstehen können, aber ich dachte, ich probier’s einfach mal. Man weiß ja nie… Ach ja, ich heiße Pommes Rotweiß, komme vom Planeten Trigala und bin von Beruf freier Händler. Vielleicht kann ich Ihnen ja irgendwas verkaufen. Habe gerade 16 Kisten hellgrüne Seife erworben und auch ein paar Ersatzteile auf Lager. Wenn Sie Interesse haben, melden Sie sich einfach!“
Ein Knacken im Lautsprecher zeigte das Ende der Aufzeichnung an.
„Sollte ich mir die Ohren waschen, oder hat er eben wirklich gesagt, dass er ‚Pommes Rotweiß’ heißt?“, fragte Faye in die Runde. Dann fragte sie sich selbst, ob die anderen so erstaunt guckten, weil sie auch „Pommes Rotweiß“ verstanden hatten oder weil die Topfpflanze in der Ecke rechts neben dem Frontbildschirm 20 Zentimeter über dem Boden schwebte. So ein Mist, das hatte sie doch gar nicht gewollt.
„Bestimmt nur ein Übersetzungsfehler“, meinte Roger, der die Topfpflanze glücklicherweise noch nicht gesehen hatte.
„Vielleicht ist’s aber auch ein Zufall und er heißt wirklich so“, warf Paolo ein.
„Was ist denn ‚Pommes Rotweiß’ normalerweise?“, erkundigte sich Chayenne, die auch durch ständige Überredungsversuche nicht von ihrem Lieblingsgericht „Steine mit Sand“ abzubringen war.
Eine kurze Diskussion später waren sie sich darüber einig, den freien Händler, der anscheinend Pommes Rotweiß hieß, auf ihr Raumschiff einzuladen. Vielleicht hatte er ja wirklich etwas anzubieten, das sie gebrauchen konnten. Außerdem waren sie ja unter anderem unterwegs, um neue Leute kennen zu lernen.
So wurde eine Antwort formuliert, durch die Übersetzungsmatrix gejagt und abgeschickt. Wie viel von den grammatikalisch wahrscheinlich extrem falschen Sätzen der Typ auf dem winzigen Tropenfisch-Schiff wirklich verstehen würde, war ungewiss. Das war eben das Problem, wenn man nicht fünf Jahre hatte, um eine Fremdsprache zu lernen, sondern nur fünf Minuten. Noch dazu, wenn man ein Computer war. Einen menschlichen Universalübersetzer hatte die Projektleitung leider nicht gefunden, na ja, außer dem einen, der New York samt Vororten als Bezahlung gefordert hatte.
Irgendwie hatte der Weltraum-Hype in den letzten zwei oder drei Jahren allmählich nachgelassen, die meisten wollten lieber mit beiden Beinen auf der Erde bleiben. Vielleicht hatten die privaten Fernsehsender aber auch nur zu viele Bilder von dem Arm gezeigt, der nach der vierten Explorer-Mission separat von seinem Besitzer zur Erde zurückgekehrt war. Hatte natürlich wieder angenäht werden können und war bis zu diesem Tag voll funktionsfähig, aber es lag wohl in der Natur des Menschen, lieber zu viel Angst zu haben als zu wenig.

Wenige Minuten später dockten die beiden Raumschiffe aneinander an und schalteten die Antriebe ab. Bewaffnet mit einem kleinen Übersetzungsgerät, das mit allen Daten über die neue Fremdsprache gefüttert war, die der Hauptcomputer hatte sammeln könne, machten sich Roger, Chayenne und Paolo etwas nervös auf den Weg zur Luftschleuse, wo der Gast ankommen würde, während Faye auf der Brücke versuchte, der Topfpflanze die Gesetze der (künstlichen) Schwerkraft wieder näher zu bringen, möglichst ohne dabei Erde durch den ganzen Raum zu verteilen. Es war eben eine Gabe und ein Fluch.
Der freie Händler wartete schon geduldig in der Luftschleuse, als das Begrüßungskomitee eintraf. Das wurde zumindest so angezeigt, denn durch das Fenster war nichts zu sehen. Etwas irritiert drückte Roger auf den großen, grünen Knopf und die Tür glitt zischend zur Seite.
„Nanu, wo ist er denn?“
„Yien-yien!“, antwortete eine piepsige Stimme von ziemlich weit unten.
Pommes Rotweiß war etwa 90 Zentimeter groß, so pummelig wie sein winziges Raumschiff und hatte eine graue Hautfarbe. Eben genau so, wie sich kleine Kinder des aufgeklärten 22. Jahrhunderts Außerirdische vorstellten. Die früher so populären kleinen grünen Männchen waren aus der Mode gekommen, da man ja inzwischen mit ein paar großen grünen Männchen ganz gut befreundet war.
Das Übersetzungsgerät zeigte mit leichter Verzögerung das Wort „Hallo!“ auf seinem Display an. Das war doch schon ein guter Anfang. Den drei Raumfahrern, die so eine Situation schon dutzende Male durchgespielt hatten, fiel nichts Besseres ein, als den Gast auch mit „Yien-yien!“ zu begrüßen. Als nächstes wollten sie sofort wissen, ob er wirklich Pommes Rotweiß hieß.
„Ja, das ist richtig“, lautete die Antwort übersetzt. „Ich wurde nach meinem Heizungsreiniger benannt.“ Vermutlich war das Präpositionalobjekt in diesem Satz eher etwas in Richtung Großvater oder Onkel; über die offensichtliche Unvollkommenheit des Übersetzungsprogramms wurde vor dem Gast allerdings großzügig der Mantel des Schweigens gebreitet.
„Ich habe eine Liste mit allem, was ich anzubieten habe, mitgebracht“, fuhr Pommes Rotweiß fort, während seine Gesprächspartner sich zwangen, nicht mehr an das Wort „Heizungsreiniger“ zu denken. „Das Beste vom Besten aus der ganzen Galaxie! Neben Seife und Maschinenteilen habe ich auch Kunstgegenstände, Bücher und ein paar Gläser Ohrenschmalz von irgend so ’nem Tier…“
Roger, Chayenne und Paolo warfen einander unsichere Blicke zu. Hoffentlich wieder nur ein Übersetzungsfehler.
„Ich weiß auch nicht, wie man so was essen kann, aber auf diesem Planeten, wo das herkommt, scheint’s ’ne echte Delikatesse zu sein und ich bin als Gegenleistung jede Menge Schrott losgeworden.“ Okay, kein Übersetzungsfehler. „Was hätten Sie denn eigentlich anzubieten?“
Das war eine gute Frage. Die beiden Lagerräume waren extra für solche Gelegenheiten vollgestopft mit irgendwelchem Zeug, aber Roger musste sich eingestehen, dass er nicht wusste, was das für ein Zeug war. Die anderen beiden wussten es wahrscheinlich auch nicht; und um diese kleine Peinlichkeit zu überspielen, antwortete der Commander ausweichend mit „Ach, alles mögliche!“ und schlug vor, einfach hinzugehen und sich dieses „alles mögliche“ anzusehen.

Auf dem Weg zu Lagerraum 1 bewunderte der Gast die Größe des Raumschiffs, die Wandverkleidungen und die ausgezeichnete Beleuchtung. Die Antwort bestand aus Lächeln und einem gelegentlichen „Danke“, man wusste ja nicht, ob diese Begeisterung echt war, oder ob er sich nur einschmeicheln wollte, um ein bisschen billiger davonzukommen.
Währendessen fragte sich Chayenne mehrmals, wie lange der arme Kerl schon in dieser winzigen Nussschale von Schiff, in der er gekommen war, sein Dasein fristete, denn sie selbst wurde langsam ein wenig klaustrophobisch, fand das lackierte oder auch nicht lackierte Metall an den Wänden irgendwie freudlos und hatte sich immer noch nicht an die größtenteils mehr als dürftigen Lichtverhältnisse gewöhnt. Vielleicht kam Pommes Rotweiß aber auch von einem klitzekleinen, blaugrauen Planeten, auf dem man nur unter der Erde leben konnte.
Schließlich kamen sie im Lagerraum an und versammelten sich vor vielen übereinander gestapelten, großen, schwarzen Behältern. Roger hatte ein etwas mulmiges Gefühl, als er sich anschickte, einen davon zu öffnen. ‚Wer weiß, was da drin ist? Es könnten sogar blaue Plüschhäschen sein!’, schoss es ihm durch den Kopf. Er gab sich einen Ruck und nahm den Deckel ab. Aus der Kiste grinste ihn als allererstes ein großer, blassrosa Teddybär an.
‚Neeeeiiiiiin! Gott im Himmel, wenn es dich wirklich gibt, dann lass irgendwas passieren, damit…’, betete er still und ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken.
Pommes Rotweiß schrie plötzlich begeistert auf, als hätte er das Fußball-Sammelbildchen gefunden, das er schon seit sechs Wochen suchte. Roger bemerkte innerhalb von Sekundenbruchteilen, was es für Folgen nach sich ziehen konnte, wenn so ziemlich das erste, was ein Außerirdischer von der terranischen Kultur sah, ein blassrosa Teddybär war, und der Außerirdische sich auch noch vor Begeisterung kaum halten konnte. Die Folgen waren sehr, sehr unangenehm.
Doch glücklicherweise galt der begeisterte Aufschrei nicht dem Teddybär, den hatte Pommes Rotweiß nämlich noch gar nicht gesehen.
„Dieses… dieses blaue Metalldingens da! Mit den weißen Drähten!“, rief er aufgeregt. „Ist das verkäuflich? Ohhhh bitte! Bitte! Bitte! Ich zahle jeden Preis! JEDEN!“
Roger, Chayenne und Paolo schauten auf den Übersetzer, schauten zu Pommes Rotweiß und wieder zum Übersetzer. Erst langsam wurden sie sich darüber klar, dass er einen der Wäscheständer meinte, für die man einfach keinen besseren Platz als eben diesen Laderaum gefunden hatte.
„Jeder Preis“ war doch eigentlich ein ganz gutes Angebot. Allerdings hatten sie nicht genug Wäscheständer, um einen davon zu verkaufen.
„Hören Sie mal… Es tut mir wirklich Leid, aber wir haben keinen davon übrig“, versuchte Roger es ihm schonend beizubringen. „Vielleicht finden wir ja etwas anderes, das Ihnen auch gefällt.“
Pommes Rotweiß sah aus, als würde er gleich losheulen, aber er sah ein, dass da wohl nichts zu machen war. „Ja, in so einem großen Raumschiff gibt es bestimmt etwas, das ich brauchen kann“, bestätigte er schniefend. „Was ist jetzt eigentlich in diesen großen, schwarzen Boxen?“
„Äh…“ Roger drehte sich auf dem Absatz um und starrte die Kisten an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. Glücklicherweise konnte er feststellen, dass Chayenne und Paolo die mit dem blassrosa Teddybär wieder zugemacht hatten. Weitere Überraschungen dieser Art wollte er wirklich nicht riskieren, also erzählte er, dass er nicht wisse, in welcher Kiste was sei und er darum eine Liste besorgen wollte. Außerdem konnte man doch auch in viel entspannterer Atmosphäre darüber reden, zum Bespiel beim Essen.

Roger und Paolo führten den Gast zur Kantine, während Chayenne zur Brücke eilte, um in der Datenbank ein Verzeichnis der an Bord befindlichen Gegenstände zu suchen. Sollte es so was nicht geben, wäre das sehr peinlich, sowohl für die, die es vergessen hatten, als auch für die Crew.
Auf der Brücke kehrte Faye gerade eine ganze Menge Erde um eine der Topfpflanzen herum zusammen, als Chayenne ankam.
„Hey, wie ist unser Gast so?“, erkundigte sich die Blondine schnell, bevor das Thema „verstreute Erde“ zur Sprache kommen konnte.
„Der ist ganz nett. Aber er wollte uns einen Wäscheständer abkaufen“, erzählte Chayenne. „Ich muss jetzt schnell eine Liste mit allem Zeugs, das wir wirklich entbehren können, finden.“ Sie setzte sich an die nächstbeste Konsole und begann, planlos herumzusuchen.
„Wie ist eigentlich die ganze Erde auf den Boden gekommen?“
‚Scheiß Telekinese’, dachte Faye.


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